Im „kleinen“ Ambient-, Drone- oder Elektronikformat kann großes zustande kommen, wenn den Klängen das nachforschende, vorläufige, ausprobierende noch eigen ist, sie aber gleichzeitig auch die Vorstellung eines „angekommen sein“ (in einem Sound, in einem Leben) vermitteln. Dieser Eindruck ist auf Anticline (RVNG Intl.) der Berliner Multinstrumentalistin Lucrecia Dalt allgegenwärtig. Ihr sechstes Album ist Synthese und Kulminationspunkt ihrer mäandernden Entwicklung vom Indie-Pop zu experimenteller Elektronik zu Songwriter-Ambient und wieder zurück. Dalts Kollaborationen mit Julia Holter wie auch mit den formatbefreiten Elektronikerinnen von Gudrun Guts Monika Werkstatt bilden den Hintergrund des Albums. Im Detail gehen die Stücke aber über einzelne benennbare Einflüsse hinaus. Dalts Stimme, hier vorwiegend in gesprochener Lyrik präsent, ist wieder ein wichtiges Instrument, in einer vielfach gebrochenen stark bearbeiteten Form. Anticline ist so eher avantgardistisch poppig und leicht fordernd, aber dafür extrem fruchtbringend. Damit hat sich Dalt endgültig in die Liga von Kaitlyn Aurelia Smith oder Dan Lopatin gespielt, künstlerisch auf jeden Fall und ökonomisch hoffentlich auch.


Video: Lucrecia Dalt – Tar

Die Kölnerin Sonae, Lucrecia Dalts Werkstatt-Kollegin, hat seit ihrem Debüt vor drei Jahren eine noch auffälligere musikalische und – wie die aufschlussreichen Liner-Notes von Klaus Walter andeuten – persönliche Entwicklung durchgemacht. Auf I Started Wearing Black (Monika Enterprise) treten an die Stelle des DIY-Charme und der vergleichsweise sorglos wirkenden Melancholie des Debüts, suchende, privat-politische musikalische Statements von großer Ernsthaftigkeit und Tiefe. Die Stücke arbeiten entlang der düster-nebligen Manifestationen von Industrial-Dub wie er sich im trübem Knister- und Rauschtechno etwa von Opal Tapes, Northern Electronics oder der experimentelleren L.I.E.S.-Schule niederschrieb. Allerdings werden die Beats, obwohl immer gerade, nie wirklich linear. Ihre funktionale Kraft wird von Soundeffekten verweht und durch spröde krümelnde Sounds weiter zerstreut. Die Tracks zeichnen sich durch extreme Dynamik und einen bisher von Sonae noch nicht gehörten Detailreichtum aus. Ihr in der Zwischenzeit abgeschlossener „Master of Music“ an der Essener Folkwang Universität der Künste (bei u.a. Groove-Technikexperte Numinos) hat hier Spuren hinterlassen. Die Titel der Tracks und vor allem der Albumtitel berichten von Umbrüchen, Unruhen und Ängsten, lassen sich aber auch ohne metaphorischen Umweg aus dem Sound lesen. Sonae hat das Schwierige am „schwierigen“ zweiten Album nicht verdrängt sondern kultiviert und vielleicht gerade dadurch ein etwas von der Leichtigkeit des Debüts in ihre düster kalte Gegenwart hinübergerettet.


Video: Sonae – Majority Vote

Martina Lussi, die von der Innerschweizer Provinz aus global agiert, pflegt einen ähnlich wohlwollend distanzierten und dialektisch verspiegelten Umgang mit Clubmusik und Pop wie Sonae. Sie hat ihr das Tape-Album Installations 2016/2017 (Prehistoric Silence) ihrem Debüt vor einem halben Jahr dann aber deutlich schneller nachgelegt. Die versammelten standortspezifischen Produktionen mit Überlapp zur bildenden Kunst und Sound Art reichen von Luzern über London nach Kairo, von elektroakustischem Stimmexperiment bis zum Ambient-House. Eine ähnliche nur scheinbar paradoxe Überlagerung von düster verrauschter Tiefenschwere und frühlingshafter Leichtigkeit und Wärme findet sich in den Beiträgen zur sechseinhalbjährigen Jubiläumskompilation des Kölner Kassettenlabels Noorden. Die 21 Tracks von NOOLTD2030 (Noorden) schauen über den Kölner Tellerrand und fahren die Koordinaten von moderner Electronica mit oder ohne (un)geraden Beat ab. So gibt das Tape neben dem krummen Feieranlass auch einen spannenden Überblick über (noch) nicht so weitbekannte aber durchwegs vielversprechende Produzent*innen aus aller Welt, etwa in den tollen Vocalverdrehungen von IUNA NIVA, dem Modular-Acid von тпсб, dem Blade-Runneresken Neo-IDM von Neozaïre oder dem subtilen Ambient-House von Willis Anne. Die Berlin – Tel Aviv Connection des Machine Jazz-Kollektivs ist noch deutlich jüngeren Datums. Ihre erste Kassettenkompilation, das Machine Jazz Tape 001 (Machine Jazz, VÖ 11. Mai) haut aber in eine ganz ähnliche Kerbe wie das Tape von Noorden: Lo-Fi House, verrauschter Freidenker-Techno und ergebnisoffene Electronica von (noch) nicht so weltbekannten Labelacts wie Annanan oder TV.Out. Nicht weniger auf den Punkt, aber noch raumgreifender, ist die von Discwomans Umfang kuratierte Charity-Compilation Physically Sick 2 (Allergy Season), die neben der Spende für den Brooklyn Community Bail Fund in jedem Beitrag eine klare Kante zeigt, gegen Misogynie, Homophobie, Transphobie und die grassierenden Ismen dieser Tage.


Stream: Sonae – I Started Wearing Black

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