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Motherboard: Januar 2024

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In der Wechselwirkung von Stimme und Elektronik spiegeln sich viele andere, zum Beispiel aus Avantgarde, Pop und Folklore, aus Moderne, Klassik und Antike. Das kann mal in Richtung zukunftsweisende Electronica gehen, mal in Richtung einer neuen Klassik, die nicht Neoklassik sein will. Für die georgische Ausnahmekünstlerin Natalie Beridze gerne Richtung beides und alles. Auf dem aktuellen Album If We Could Hear (Room40, 8. Dezember 2023) als feinstofflicher, doch mineralisch schwerer, choraler Ambient, und auf SPINES (CES Records, 6. Oktober 2023) als experimentelle Electronica.

Etwas Vergleichbares mit Stimmen, Pop und cinematisch aufgeladener Psychologie passiert auf der erstaunlichen Compilation Always + Forever (Do You Have Peace?, 8. Dezember 2023) des Bristoler Labelkollektivs um die Musiker:innen und Producer:innen von Jabu. Label und Künstler:innen, die nebenbei bemerkt die höchst empfehlenswerte Show „Music 4 Lovers” auf NTS betreiben, haben mit dem Album weniger ein konventionelles Label-Showcase im Sinn denn eine konzeptuelle Arbeit über die Zukunft von Dreampop: Was lässt sich heute aus Shoegaze, Trip-Hop und schlafwandlerischer Psychedelik machen, das keine altbekannten Muster wiederholt, aber dem lidschweren Charakter dieser Genres doch treu bleibt? In Lowest-Fi? Nun, das Mixtape weist den Weg. Es ist gelungen, außerordentlich gelungen sogar.

Experimentaldiva Olivia Louvel untersucht in doggerLANDscape (Collectible Objects/Cat Werk Imprint, 15. November 2023) das schwierige Verhältnis von Geographie, Geologie und Geopolitik anhand des Landstreifens, der Großbritannien mit Kontinentaleuropa verbindet: dem Doggerland, das bis zum Ende der letzten Eiszeit festes Land war, heute unter der Nordsee liegt. Brexit und Isolation, Inselbildung und Konfluenz von Rhein und Themse, bei Louvel das Material für eine multimediale Arbeit, in der Stimme(n) den Hauptbestandteil der Stücke ausmachen, zerlegt in Loops und Cuts, isoliert und geschichtet, geologisch – soundpolitisch ganz weit vorne.

Die knappe, aber erstaunliche EP HEAVEN/HELL (Shadow World, 8. Dezember 2023) der österreichischen Berliner Multikünstlerin Franziska Aigner alias FRANKIE fasziniert ebenfalls mit digitaler Stimmvervielfältigung und emotionaler Intensität bei sparsamster Instrumentierung. Piano, angedeutete Streicher und Vokalisierungen, elektronisch in maximaler Ausdrucks- und Eindrucksfähigkeit geschult. Sehr hart im sehr Zarten.

Die Berlinerin Andy Mintaka exploriert als Bodyverse mit einem improvisatorischen Ansatz Synthesizer-Electronica und Pop. Als Andrée Burelli oder jetzt neu mit ihrem bürgerlichen Namen Andrea Burelli tritt die Elektronik als Stilelement oder Klangcharakteristik vorübergehend, aber nie vollständig zugunsten von akustischen Instrumenten und Stimme in den Hintergrund. Ihr selbstverlegtes Album Sonic Mystics for Poems (of Life and Death of a Phoenix) (Andrea Burelli, 17. November 2023) ist nicht weniger als eine kleine Sensation in diesem Bereich. Selten mehr als eine kratzige Violine, ein Cello, hin und wieder karge, nichtfunktionale Beats und vor allem, in aller gloriosen Fülle, die fantastische Stimme Burellis. Diese durchschneidet mal ganz klar und unbearbeitet die Leere, vermag den Raum alleine mehr als auszufüllen. Und doch wird sie gelegentlich elektronisch vervielfältigt, prozessiert und geloopt, ruft damit ein hypermodern-archaisches Pathos auf, wie es die inzwischen leider viel zu oft gesampelten Le Mystère Des Voix Bulgares vorgemacht haben. Also zugleich imaginäre italienische Folklore und neoklassische (hier ist der Begriff tatsächlich einmal angebracht) Kammermusik wie zeitgemäße, zukunftsgerichtete Beschäftigung mit den modernen Stimmabstraktionen und KI-Experimenten etwa Holly Herndons oder Marina Herlops. Eine partielle Lobpreisung, eine partielle Zurückweisung. So entsteht das Neue und Gute.

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