Proc Fiskal pflegt ein ähnlich herzliches aber distanziertes Verhältnis zu altem Drum’n‘Bass und den Klängen und produktionstechnischen Möglichkeiten die mit und nach Grime kamen. Insula (Hyperdub, VÖ 8. Juni), das bemerkenswert reife und hochentwickelte erste Album des superjungen Schotten, belebt die dekonstruierten Beats der ambitioniertesten EPs von Photek wie Ni-Ten-Ichi-Ryu wieder. Wo Photek allerdings kühl und intellektuell-distanziert agierte, etwa in der Abstraktion pentatonischer, „asiatisch“ anmutender Sounds, bringt Proc Fiskal ganz ähnliche Elemente in einem quasi-organischen Klang-Umfeld zu einem warmen hellen Glühen, das zusätzlich noch von den clever eingewebten Field Recordings und Skits unterstützt wird, die er in seiner Heimatstadt Edinburgh aufgenommen hat. Trotzt aller Härten die manchmal durchschimmern klingt das Album erstaunlich optimistisch und positiv. Das ist nicht nur produktionstechnisch, sondern auch mikrosoziologisch und lokalpolitisch ganz weit vorne. Ein unglaubliches Debüt.


Stream: Proc Fiskal – Insula

Anthony Tombling Junior alias CUTS ist Dokumentarfilmer und produziert seit Mitte der neunziger Jahre Electronica. Als Transambient Communications seinerzeit noch mit ravigen bis lounge-affinen Breakbeats, und später im Synthpop-Trio Dragons als New Wave-Postpunk. Dem instrumentalen Pathos war er dabei nie wirklich abgeneigt, was seine Stücke zur Unterfütterung filmischer Emotionen ideal erscheinen lässt. So konnte sein rollender Synthesizer-Übertrack „Bunsen Burner“ sowohl die nachdenklich kühle Androiden-Science Fiction EX_MACHINA wie auch das bittersüße Serienfinale von Person Of Interest nachdrücklich emotional aufladen. Das Stück ist in zwei Varianten auf dem in zwei EPs aufgeteilten Soundtrack Exist (Village Green) zu hören. Die restlichen Stücke passen ebenso gut in den Retrofuturistischen Zeitgeist, in dem die Comic-, Manga- und Anime-Dystopien der achtziger und neunziger Jahre als Utopien der Gegenwart wieder zu neuem Leben finden.


Video: CUTS – Bunsen Burner (Ex_Machina)

Wer in diesen überfetten Monaten großer neuer Veröffentlichungen noch immer nicht genug bekommen hat, oder andersherum, wer sich anhand der überfülle guter Neuware lieber auf sorgfältig kuratierte Zusammenstellungen aus berufener Hand zurückziehen mag, dem seien noch zwei brandneue, exzellente wie ausladende Kompilationen ans Herz gelegt, die zudem beide ihre Erlöse spenden. Einerseits die als Trilogie geplante Reihe Under Frustration (Infiné). Das tunesisch-französische Kollektiv Arabstazy präsentiert hier experimentelle elektronische Klänge aus der ganzen arabischen Welt. Im vor kurzem erschienenen ersten Teil mit einem Schwerpunkt auf in Europa weitgehend unbekannte nordafrikanische Produzent*innen, von denen zumindest Deena Abdelwahed dank ihres grandiosen Groove-Mixes aus vergangenem Jahr einige Ohren zum klingen bringen könnte. Neben der Showcase-Qualität die die entdeckungsfreudige Kompilation definitiv zu bieten hat, geht es den Machern, allen voran Shamseddine Omoku alias Mettani, der auch mit einem Track vertreten ist, inhaltlich nicht zuletzt darum, die Breite und Tiefe an musikalischen und weltanschaulichen Perspektiven der arabischsprachigen elektronischen Musikwelt zu zeigen, die keinerlei Homogenisierung oder Zusammenfassung in Klischee oder Vorurteil erlaubt. So bewegen sich die Tracks von Dark Ambient über dekonstruierte arabische Tradition zu Post-Club Bassmusik bis hin zum „Habibi Acid“ des in Berlin lebenden Tropikal Camel. Der Kauf unterstützt eine libanesische NGO, die Kunst fördert.

Karl Marx’s 200th! (Karlrecords) feiert den runden Geburtstag des Karlrecords-Label-Patrons mit 28 exklusiven Stücken von Künstler*innen aus dem weiteren Umfeld des Labels. Dem Spirit des Alten folgend, liefert die Kompilation auch einen entsprechenden Überbau in Form von philosophisch-kritischen oder künstler-kritischen Essays, die sich mit Fragen beschäftigen, wie der was Marxismus mit Klang zu tun hat (Nina Power), was die soziale Frage damit zu schaffen hat (ME Raabenstein, Alex Gawronski, Kerstin Stakemeier) und was von der Avantgarde übrig blieb (Ewa Majewska). Der musikalische Bogen ist entsprechend weit gespannt. Vom modernen Arbeiterlied über neutönende Elektroakustik und fragmentierte Textdekonstruktion zum Improv-Noise und Modularsynthesizer-Fiepen wirkt vieles auf eine experimentelle freidenkerische Weise vorläufig und suchend, skizzenhaft und festlegungsunwillig, wobei es aber durchaus Ausflüge in fixierte Genrewelten, von Drone bis avancierter Club-Elektronik, gibt. Marx ist eben bis heute eine Baustelle, ein Steinbruch geblieben, aus dem sich individuelle Anregungen ebenso wie überindividuelle Bedeutungen und Utopien holen lassen. Meine Favoriten unter der Riesenhaufen an gutem Stoff sind die formatfreien Ambient-Tracks „Niche Service“ von Jasmine Guffond und „Mapping Debris Patterns“ von Natalie Beridze.


Stream: Terra Aziz – Under Frustration Teaser

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