Der Argentinier Bruno Sanfilippo operiert auf Unity (Dronarivm) haarscharf entlang sentimental verklärtem Neo-Klassik-Kitsch. Allerdings setzt Sanfilippo seine hochromantischen und Soundtrack-artig arrangierten Piano- und Streicherimpressionen einer mitunter heftigen Lo-Fi-Behandlung aus digitalen Zerfallsoptionen und analogem Rauschen aus. Einmal mehr rettet diese paradoxe Zerstörung der perfekt romantischen Oberfläche die Stücke vor dem Abgleiten in die Biedermeier-Hölle zu der weite Teile der Neoklassik in den vergangenen Jahren geworden sind. Christopher Ledger & Luigi Ranghino’s Trio gehen auf der Cielo Intonato-EP (CL Series) den umgekehrten Weg. Ihr multimediales Projekt, das bildende Kunst, Neoklassik und Improvisation in einer digitalen Glitch-Ästhetik zusammenbringt, hat sich hier in drei konzentrierten und smarten Stücken (und einem eher überflüssigen Minimal-Techno Remix im Ricardo Villalobos-Style) manifestiert, deren hochglanzpolierte Produktion und klangliche Transparenz den entscheidenden Abstand zum genreüblichen Mittelmaß ausmacht.

Ähnlich befreit, aber auf einem weitaus größeren Maßstab auf der Basis von Mainstream-Neo-Klassik und Pop spielen Henrik Schwarz & Metropole Orkest auf ihrem Album Scripted Orkestra (7K!) auf. Der (Wahl-)Berliner Techno- und House-Produzent, bekannt für seine Offenheit für fachfremde Genres und das renommierte holländische Rundfunkorchester aus Hilversum, das seit der Gründung vor über 70 Jahren so ziemlich alles zwischen leichter Klassik, Soundtrack, Musical und Big Band Jazz gemacht hat, treffen sich denn auch genau in der Mitte ihrer jeweiligen Expertise. Strukturell sind die gemeinsamen Stücke gerade noch Loop-basierte Tracks, klanglich dagegen üppige filmische Arrangements, die aber jederzeit durchlässig und scharf bleiben. Diese kommen erstaunlich locker und flüssig zusammen, sogar ein algorithmisch komponiertes Glitch-Stück fällt nicht aus dem Rahmen. Besser kann so ein orchestrales Großraumprojekt kaum werden.

Die Liebe zur Klarheit und zur Improvisation eint auch das Berliner „Neue Musik“-Ensemble Tonaliens: eine Sängerin die im klassisch indischen Dhrupad-Stil ausgebildet ist, drei tonal befreiten Blechblasinstrumentalisten und ein Elektroniker. Ihr Debüt Tonaliens (Edition Telemark), das 2017 schon als CD und nun als LP-Reissue erscheint, lotet in live improvisierten Drones die mikrotonalen Möglichkeiten aus, die sich jenseits der gleichstufigen, wohltemperierten Stimmung eröffnen, welche seit dreihundert Jahren praktisch die komplette westliche Musik von Klassik bis Pop dominiert. Die „reinen“ ganzzahligen Intervalle, auf denen die Harmonien der Tonaliens beruhen geben ihren Stücken einen archaischen und sakralen Charakter. Ein interessanter psychologischer Effekt den sich auch schon Minimal Music Komponisten der sechziger Jahre wie Tony Conrad oder Avant-Popmusiker wie John Cale bei Velvet Underground zu nutzen machten.


Stream: Christopher Ledger & Luigi Ranghino’s Trio – Cielo Intonato II

Eine wiedergewonnene Domäne der Kassettenkultur ist auch der gute alte Prog. Was mal als typisches Jungsband-Ding von „Progressive Rock“ bis „Math-Core“ begann, geht heuer auch alleine und elektronisch. Ein der fruchtbarsten Spielwiesen des neuen Prog befindet sich in Brooklyn, New York, bei den freundlichen Freaks von Hausu Mountain. Praktisch jedes ihrer Tapes ist ein Volltreffer und ein Nerd-Traum, sei es der im Sechzigerjahre Indien-Style psychedelische Postrock von Arian Shafiee auf Beauty Tuning (Hausu Mountain), sei es der Free Jazz inhalierende Electro-Rock-Freakout von ADT auf Insecurities (Hausu Mountain). Skye Klein von den australischen Noise-Core Knattermännern HALO kommt glattrasierter und aufgeräumter daher, ersetzt als Terminal Sound System aber ebenso locker eine virtuose Band. Sein ungefähr zehntes Soloalbum The Endless Sea (Denovali) eröffnet einen Prog-gemäß komplexen Klangraum aus hämmernden Industrial-Sounds und kühl oszillierenden Synthesizerflächen. Osnabrücks feinste Sankt Otten haben in ihrer langen wie unaufgeregten Laufbahn das Erbe von Krautrock und Prog immer hochgehalten. Ihr jüngstes Album Zwischen Demut und Disco (Denovali) enthält immer noch Spurenelemente in Form von E-Bow und Analogsynthesizer-Sounds, die zum Beispiel auf Genesis in den frühen siebziger Jahren verweisen könnten, oder auf Kraftwerk in der Übergangsphase zwischen Autobahn-Kraut und Roboter-Electro. Der Gesamtcharakter des Album ist allerdings etwas extrovertierter und durchaus an der elektronischen Jetztzeit interessiert.


Stream: Hundred Year Old Man – Black River

Eine Richtung, in die so ähnlich Tim Gane nach dem Ende von Stereolab mit Cavern of Anti-Matter gegangen ist. Sankt Otten sind ähnlich sorgfältig und entspannt, ihre wohlgeordnete katholische Electronica ist nur etwas weniger weniger britisch. Wo die neuen vollelektronischen Prog-Rocker eine Vorstellung des Erhabenen aus der Komplexität und dem technisch-kompositorischen Anspruch ihrer Musik ziehen (oder wie bei Hausu Mountain einfach nur gut verpeilte Post-Hippies sind) zieht man diesen Effekt im Post-Metal direkt aus dem Sound, in Form schierer Lautstärke und Dichte. Der Doom-Drone des in Belgien lebenden Holländers Marc Jacobs alias Prairie verbindet auf seinem zweites Album After The Flash Flood (Denovali) tiefenelektrisch verlangsamte Gitarrenriffs à la Nadja oder Sunn O))) mit IDM-Terrorbeats à la Venetian Snares zu einem postapokalyptischen desolaten Sound- und Sittenbild. Ein derber Überwältigungssound der aber einen zarten, empfindsamen Kern erahnen lässt. Die Doom-Metaller Hundred Year Old Man aus Leeds sind was den Sound angeht etwas traditioneller aufgestellt. Die Zielgruppe von Black Metal bis Sludgecore wird zu hundert Prozent bedient. Ansonsten verzichten HYOM auf ihrem Debütalbum Breaching (Gizeh) auf die üblichen Ingredienzien der Metal-Ästhetik und zeigen sich erfreulich offen nach allen Seiten, sogar ein wenig Prog und Texturen aus der neueren Noise-Elektonik sind in ihren passiv-aggressiven Soundlawinen zu erahnen.


Stream: Serph – Sparkle

Im Grime- und Dubstep-Genre geht es auch oft ziemlich finster zu. Es gibt aber Ausnahmen, die zu ganz anderen Stimmungen streben, und dennoch ihre Abstammung nicht verraten. So richtig knietief in J-Pop und Abstrakt-R&B und Trap zielen die glitchigen IDM-Etüden des anonym bleiben wollenden und Maske tragenden Japaners Serph. Sein fünftes reguläres Album Aerialist (Noble) passt perfekt in die Renaissance des verfeinert-melodiösen bis jazzigen Mittneunziger-Drum’n‘Bass etwa von Reprazent, 4 Hero oder dem notorischen Hotellobby-Beschaller LTJ Bukem, die sich nach dem andauernden Hardcore-, Jungle- und Rave-Revival seit zwei, drei Jahren immer wieder am Horizont abzeichnet, und sich in 2018 vielleicht dann tatsächlich mal durchsetzen könnte. Serph benutzt die Retro-Breaks natürlich unter seinen eigenen, wie immer sehr speziellen Bedingungen. Die überbordende Melodienvielfalt und die durcheinanderlaufenden orchestralen Popschnipsel machen seine Stücke auch hier wieder einzigartig und unverkennbar. Der Londoner Produzent und Labelmacher Sam Sharp alias Lossy geht die Sache ähnlich melodisch aber noch um einiges tiefenentspannter an. Gated Soul (Boot Cycle Audio), eine EP auf dem eigenen Imprint, greift die chilligsten, rauchwarenkompatibelsten Breakbeats der Neunziger Jahren zwischen den Instrumental-Hip-Hop Exkursionen des Mo’ Wax-Labels und den Logical Progression-Compilations auf und gibt ihnen neues Gewicht in warmen Deep House-Grooves.