Die Neuseeländerin Alicia Merz alias Birds Of Passage hat auf The Death Of Our Invention (Denovali) ihren verwunschen vernebelten Orgel-Shoegaze als Ambient-Pop im organisch kompostierten Kassetten-Sound neu erfunden. Das unverwechselbare Erkennungsmerkmal ihrer Stücke ist die ganz nahe heran kommende Stimme. Die mikrofonische Intimität des sachten Luftholens und elegischen Abdriftens ist markerschütternder und damit radikaler als es Hubschrauber-Metal oder kreischender Power Electronics-Noise es je sein könnten. Ihre Essenz ist Intensität durch Kontakt. Merz’ australischer Kollege Andrew Tuttle formt das offenbar ziemlich relaxte Lebensgefühl seiner Heimatstadt, der Küstenmetropole Brisbane, zu intimen Instrumentaltracks aus Banjo, Akustikgitarre und Analogsynthesizer. Anticline (Someone Good), sein drittes Album unter bürgerlichem Namen (in den Nuller-Jahren war er als Anonymeye unterwegs), verknüpft elektronische Flächensounds und Folk-Songwriting ganz lose und sacht, aber mit einer Selbstverständlichkeit, die tiefer geht als im Folktronica-Genre üblich. In der nicht festgelegten Zwischenwelt von Improvisation und Komposition geben die balearische Wärme und das australisch-mediterrane Licht, das seine transparenten, nur selten von grauen Melancholiewolken beschatteten Tracks durchflutet den Stücken eine verspielte Qualität, eine seltene Gewichtslosigkeit.


Stream: Birds Of Passage Without The World

Der Franzose Baptiste Martin alias Les Halles bespielt sein viertes und bisher elektronischstes Album Zephyr (Not Not Fun) mindestens ebenso lichtdurchflutet und mediterran. Der Titelgebende Zephyr ist ein Wind der das südliche Mittelmeer vom Westen hin durchstreift und bedeutet meist angenehmstes Wetter. Die klanglichen Werkzeuge die Martin zur Evokation des Zephyr verwendet sind Flötensamples von Block- bis Panflöte und exotischeren Instrumenten wie der slowakischem Rohrpfeife Fujara. Digital verlängert und einem exzessiven Dub- und Echo-Treatment ausgesetzt konvergieren die Flötenklänge in wunderschöne Ambient-Electronica.

Die Modularsynthesizerfanatiker dieser Welt waren von Beginn an exzellent vernetzt. In digitalen Zeiten ist die Szene nochmal enger zusammengerückt. Die vollanaloge und damit vorsätzlich anachronistisch gehaltene Technik ist damit auch perfekt kompatibel mit der ähnlich aus der Zeit gefallenen Renaissance der Tape-Veröffentlichung. So ist „Modular Annie“ alias Ann Annie aus der verregneten ehemaligen Hipster-Metropole Portland quasi natürlicherweise beim einschlägigen Kölner Label Modularfield untergekommen. Auf ihrem Tape Atmospheres Vol. 2 (Modularfield) treibt sie ihre sperrig analogen Koffermaschinen in hellstes Ambient-Funkeln. Ein wundervoll lichtes und feines Hüllkurvengewimmel.

James Cooke lebt ebenfalls in Portland. Seine Ambientklänge erzeugt er, wie das tech-nerdige Alias Graintable nahelegt, ebenfalls ausschließlich mit Vintage-Synthesizern. Sein Debüt-Tape Herons (Ransom Note) ist allerdings etwas nebelfeuchter und metallisch dubbiger geraten als das seiner Kollegin. Sein Gespür für die speziell im Ambient-Genre so wichtige Balance zwischen vordergründiger Klangbrillanz und der Möglichkeit im Hintergrund aufzugehen, gepaart mit spielerischer Experimentierfreude, ist aber ebenso stark und sicher. Die in Schweden lebende Amerikanerin Kali Malone überlagert auf Cast Of Mind (Hallow Ground) die krackeligen Brumm-Drones eines Buchla 200 mit akustischen Blech- und Holzbläsern auf höchst clevere Weise, so dass die imperfekten, leicht schmutzigen Synthesizersounds und die imperfekten, von hörbaren Atem gezeichneten Blasinstrumente zusammen einen ziemlich perfekten Drone ergeben. Malones britischer Labelkollege Daniel Alexander Hignell alias Distant Animals kniet sich auf Lines (Hallow Ground) noch tiefer in die Glitches und Geister der Maschinen. Als Bindeglied zwischen akademischer Musikausbildung, Performancekunst und politischem Aktivismus schultert das kurze Album einiges an konzeptuellem Überbau. Und das mit Leichtigkeit.


Video: Ann Annie – Rainy Day Modular #2

Der Berliner Elder Statesman der postrockigen Electronica, Arovane, und Porya Hatami, einer wichtigsten nichtakademisch-elektronischen Klangtüftler aus dem Iran, benutzen ihre Soundmaschinen um vollelektrisch quasi-natürliche urbane wie bukolische Umweltgeräusche zu modellieren. Dabei gehen sie von ganz grundlegenden Klangsynthese und Prozessierung aus, wie sie etwa in der elektroakustischen Neuen Musik kultiviert wird. Ihr zweites gemeinsames Album Organism_evolution (Karlrecords) siebt in emergenter Kontinuität mit Organism aus dem vergangenen Jahr abstrakte Klangwellen wie auch konkrete Field Recordings durch einen Schmutzfilter, der den Klängen ihre Körnigkeit und erdige Textur nicht wegpoliert sondern gerade erst zugibt. Ein ganz andere aber ebenso interessanter Weg mit Modularsynthesizern umzugehen, der ähnlich von den Sound Art Künstlern Laurent Perrier alias ZONK’T auf Banburismus (Sound on Probation) und Tom Hall auf Spectra (Elli Records, VÖ 5. Juni) praktiziert wird. Während Perrier seinen historischen Buchla-Maschinen eher dubbige Sounds entlockt, die hin und gerne mal spacig oder schrullig daherkommen, bevorzugt Hall einen körnigen Sound mit Feedback und Knarz. Jedes dieser Alben besteht nachdrücklich darauf, dass diese eigentlich aus der Zeit gefallene Technik noch lange nicht am Ende ist.