Illustration: Super Quiet

Am Ende des Jahres, wenn man sich dann noch einmal konkret überlegt, welche Platten einen durch die Monate getragen haben, zu welchen Tracks man getanzt oder gerne getanzt hätte und welche sich ein bisschen länger in der wie immer knapp bemessenen Aufmerksamkeitsspanne halten konnten, denkt man ja immer wieder: Ach, so schlecht war das musikalische Jahr doch gar nicht. Gibt doch immer noch viel zu viel gute Musik aus unterschiedlichsten Genres, um auch nur eine ansatzweise amtliche Liste niederzuschreiben. Gut so. Hier also 15 rein subjektiv ausgesuchte EPs, die mich 2017 glücklich gemacht haben – in no particular order, sondern nach Erscheinungsdatum sortiert.

Mehr Rückblicke findet ihr hier.

15. Omar-S – Hit It Bubba (FXHE)

Keine Enttäuschung hier von Omar-S – der Detroiter Ford-Mitarbeiter, passionierte Straßenrennfahrer und Schöpfer unvergesslicher Bonmots packt für seine neue 4-Track-EP wieder mal die Acid-Peitsche aus: „Sink Holes“ zwitschert mit all der von ihm gewohnten Edginess und einem unbarmherzigen Groove in Richtung Primetime. „Hell On Earth“ dagegen ist ein kontemplativer Housetrack mit Jazz-Keys und einem über Rassismus sinnierenden Male Vocal. „Hit It Bubba (I Want My Dadda’s Rekids!!!!)“ klingt mit seinem Disco-Sample genau so überdreht und crazy wie es der Titel bereits vermuten lässt. Und „Party Marty“ ist schließlich eines dieser straighten Omar-S-Tracks mit ultra kickenden Macho-Bassdrums. Super EP!

14. Mr. Tophat feat. Robyn – Trust Me (Smalltown Supersound)

Den Schweden Mr. Tophat kennt man ansonsten vor allem für seine Tracks, die er zusammen mit seinem Studio-Partner Art Alfie für ihr Label Karlovak aufnimmt. Für diese EP hat er mit der Sängerin Robyn gearbeitet, deren ätherische Vocals er in drei sehr langen Stücken immer wieder auf- und abtauchen lässt. Vor allem das Titelstück ist ein herzerwärmender Knaller und der überzeugendste Pop-House-Hybrid seit langem: ein hypnotischer Discotrack mit allerlei rhythmischen Tricks und Kniffe, der Fans von Arthur Russell und Róisín Murphy gleichermaßen glücklich stimmen wird. Aber auch die zwei anderen Stücke „Right Time“ und das 15-minütige „Disco Davato“ sind gelungen. Prozac für die Ohren.

13. Regal – Acid Is The Answer (Involve)

Gabriel Cassina alias Regal hat schon auf Len Fakis Figure-Label veröffentlicht und seine Künstlerbio weiß außerdem zu berichten, dass er einer der jüngsten spanischen Künstler sei, der jemals im Berghain gespielt hat – als ob das eine eigene DJ-Kategorie wäre. Auf seiner Maxi auf Involve gibt es zuerst mit „Action“ und „Rem“ zwei wuchtige, Neunziger-Rave-beeinflusste Tracks, der eigentliche Hit „Acid Is The Answer“ befindet sich jedoch auf der B-Seite. Ein essentieller Acid-Track, der augenzwinkernd Danny Tenaglias Signature-Vocal „Music Is The Answer“ abwandelt und mit geschickter Vocal-Manipulation für ordentlich Dancefloor-Bambule sorgt.

12. Nicola Cruz – Cantos de Vision (Multi Culti)

Das Label nimmt seinen Namen wirklich ernst. Nicola Cruz lebt in Tumbaco, Ecuador. Nach einem Album auf dem argentischen Label ZZK Records in 2015 und einer Split-EP auf Multi Culti 2016 erscheint mit „Cantos de Vision“ jetzt seine Debüt-12“. Cruz gehört zu einer jungen Generation an Producern, die selbstverständlich indigene Musik und Instrumente mit international gültigen Underground-Dancefloor-Produktionsstandarts mischt und damit etwas ziemlich Tolles kreiert. Die vier Stücke auf „Cantos de Vision“ bewegen sich alle im unteren bpm-Bereich, man hört Marimba-Samples und südamerikanisch anmutende Percussion- und Vocal-Sounds. Den ausgestellten Exotismus älterer Techhouse-Tracks sucht man hier jedoch zum Glück vergebens.

11. Lake People – Break The Pattern (Uncanny Valley)

Der Leipziger Lake People wurde ein Jahr nach seiner letzten Veröffentlichung seinem Stammlabel Permanent Vacation untreu und brachte seine neue EP Break The Pattern auf Uncanny Valley heraus – passt ja vom Standort her, und auch stilistisch dürfte das niemanden die Stirn runzeln lassen. Drei der vier Tracks sind deepe Electro-Tracks mit Lake People-typischen, sehnsuchtsvollen und ultra eleganten Melodien. Mit „Chords In Chorus“ gibt es außerdem einen sehr schönen Oldschool House-Track mit eingängiger Orgel und dezentem Acid-Einschlag.

10. Simple Symmetry – Plane Goes East (Disco Halal)

Simple Symmetry sind die zwei russischen Brüder Sasha und Sergey Lipsky aus Moskau, die mit Plane Goes East den Katalog von Moscomans Disco Halal Label beeindruckend konsequent ergänzten. „Plane Goes East (OST)“ klingt mit orientalisch anmutenden Synth-Flächen und einem spät einsetzenden Slow House-Gerüst wie der Soundtrack zu einer fantastischen 70er-Jahre-Märchensendung, während die Dance-Version mit stampfenden Discobeat, Schellen und allerlei Oriental-Rave-Ornamentik daherkommt. „Voodoo Your Ex“ schließlich ist ein Yello-inspirierter Clubtune, der seine Vocal-Mantras äußerst effektiv einsetzt.

9. Pearson Sound – Robin Chasing Butterflies (Pearson Sound)


Die 12“ ist David Kennedys natürliches Revier. Sollte man meinen, nach gut 40 Releases in den vergangenen zehn Jahren, anfangs noch unter seinem Ramadanman-Alias, später dann, als der namentliche Bezug zum Islam erklärungsbedürftiger wurde, hauptsächlich als Pearson Sound. Als Vielproduzent wurde er jedoch nie angesehen, seine Qualitätskontrolle hat also einwandfrei funktioniert. Robin Chasing Butterflies macht da auch keine Ausnahme und zeigt, wie man auf drei Tracks drei komplett unterschiedliche Tempi fahren kann und trotzdem eine schlüssige EP hinbekommt. Der Titeltrack besticht durch ein sweetes, Glocken-ähnliches Synth-Thema, das vom Quirrligkeitsgrad durchaus Vergleiche mit Plaid standhält, dazu ein liebevoll geshuffleter Rhythmus und ein ewig langes Break. „Eels“ ist eine beatlose, verträumte Ambient-Meditation und „Heal Me“ schließlich kommt als Midtempo-Breakbeat-Track mit verwaschenen, warmen Sounds.

8. Cadans – 1 Bar FU (Clone Basement Series)

Zwei Tracks (und ein Dub Tool) mit House Musik rauester Machart lieferte Jeroen Snik alias Cadans dieses Jahr für die Clone Basement-Serie ab. Dunkel reduzierte Grooves, die nur aus einem ruhelosen Drummachine-Pattern, einer verzerrten Fläche, wenigen Vocal Sample Tupfern bestehen, diese wenigen Elemente jedoch höchst effektiv zu nutzen wissen, und dabei ein ums andere Mal von House gar in Techno Gefilde hinüber stolpern. Killer, würde ich sagen. (Tim Lorenz)

7. Chrissy – Cool Ranch Vol. 1 (Cool Ranch)

Der Chicagoer Smart Bar-Resident Chrissy ist bereits seit Mitte der 90er Jahre aktiv und gilt völlig zu Recht als eine Disco-Koryphäe. Nachdem er Edits auf Labels wie La Mission oder Razor’n’Tape veröffentlicht hatte, lag es natürlich nahe, seinem eigenem Label The Nite Owl Diner mit Cool Ranch eine eigene Edit-Spielwiese hinzuzufügen. „We Ain’t Goin Nowhere“ kommt dann auch mit so einer übermütigen Dosis guter Laune und Hands-up-Momenten, dass einem ganz blümerant wird: besser auf den Punkt gebracht kann Disco auch 2017 nicht mehr klingen. Super auch der Pontchartrain-Mix, der nur etwas Drama herausnimmt.

6. Lanark Artefax – Whities 011 (Whities)

Die Musik von Lanark Artefax wird von so unterschiedlichen Leuten wie Björk, Aphex Twin, Objekt oder Vladimir Ivkovic gespielt und warum das so ist, ist leicht zu verstehen, wenn man sich Whities 011 anhört. Der junge Glasgower Literaturstudent Calum MacRae macht Musik, die man grob zwischen den Melodie-reichen 90er-Jahre-Warp Klassikern, dem abstrakteren Werk Oneohtrix Point Nevers und überwiegend beatloser Filmmusik lokalisieren kann – das fantastische „Voices Near The Hypocentre“ empfiehlt sich mit seiner auf maximale Strahlkraft herausgearbeiteten Streicher-Sektion und Chorgesang zum Beispiel wärmstens für die zweite Staffel von Stranger Things. Der DJ-Track (wenn man das hier so nennen mag) dieser EP heißt „Touch Absence“ und ist ein kristallklar produzierter Leftfield-House-Track mit einer zwingenden Bassline und atmosphärischen Vocal-Schnipsel. Musik für ein besseres Leben.

5. Nina Kraviz – Pochuvstvui (Trip)

Nina Kraviz‘ erste Solo EP auf Trip fiel weniger experimentell aus als die Sachen, die sie ansonsten gerne auf ihrem Label veröffentlicht – aber immer noch wesentlich eigensinniger als man bei ihrem DJ-Star-Status vermuten könnte. „Pochuvstvui“ war bereits auf ihrem Fabric-Mix zu hören und ist ein Paradebeispiel für ihre Produktions-Skills: wie sie hier aus einer überschaubaren Anzahl an musikalischen Elementen etwas so Eingängiges und verwirrend Verführerisches kreiert, ist schon ziemlich gut. Ein konstanter Basspuls, zwei, drei teils von ihr eingesungenen Vocal-Loops sowie eine halluzinierende Acid-Line reichen völlig aus. Auch in „You Are Wrong“ steht Kraviz‘ Stimme im Mittelpunkt, ebenso wie bei „Pochuvstvui“ gibt es kein Break und kein Arrangement, das auf irgend etwas hinauswill – sondern nur ein rollender Groove und geschickte kleinere Synth-Modulationen.

4. Harmonious Thelonious – Abel (Versatile)

Mit seinem Projekt Harmonious Thelonious-Projekt verbindet Stefan Schwander so gut wie kaum ein anderer afrikanische Rhythmuspattern, krautige Elektronik und klassische Minimalmusik – was er auch auf seiner ersten EP für das französische Label Versatile namens Abel gekonnt umsetzte. Auf dem Titeltrack lässt er eine eine Flöte über einen freundlichen Gitarrenloop mäandern. Auch „Blech“ kommt mit einer nordafrikanisch anmutenden Tröte, die sich über eine gängelnde Bassline windet, die im Laufe der Spielzeit einen unwahrscheinlichen Groove entwickelt. „Defender“ ist ein perkussiver Tribaltrack, auf dem ein ein geschickt modulierter Synthsound nervöse Energien freisetzt. „Old Oil“ setzt ganz auf die verführerische Strahlkraft einer orientalisch anmutenden Streicher-Sequenz. Superbe EP.

3. Warp Factor 9 – The Atmospherian (ESP Institute)

Der verwirrend schöne Esoterik-Downtempo-House-Track „The Atmospherian“ erschien 1993 auf der einzigen Veröffentlichung von Warp Factor 9, dem Album Five Days In A Photon Belt. Es war ein einmaliges joint venture der zwei Australier Russell Kilbey und John Kilbey, die ansonsten in verschiedenen Post-Rock-Bands spielten. ESP Institute Betreiber Lovefingers hörte den Track vor Jahren auf einer Promo-Mix-CD und veröffentlicht „The Atmospherian“ nun in einer Extended Version mit Remixes von Carpentaria und Tornado Wallace. Carpentaria musste, weil wohl keine Originalspuren mehr vorhanden waren, die meisten Elemente in seinem Mix neu einspielen. Seine Version addiert noch eine Spur Erleuchtungs-Drama und Seelen-Pathos, was mir persönlich ausgesprochen gut gefällt. Wallace gibt sich dann deutlich elektronischer und bewegt sich damit zwar weg von dem Bhagwan Disko-Spirit der beiden anderen Versionen, dürfte aber für DJs unter Zugzwang die favorisierte Wahl sein.

2. Agnes Obel – Stretch Your Eyes (Quiet Village Mixes) (Phonica Special Editions)

Das Original von „Stretch Your Eyes“ der dänischen Sängerin und Pianistin Agnes Obel ist ein schöner, konzentrierter Kammerpopsong mit klassischer Instrumentierung. Auf Phonica Special Editions erschien nun ein Remix von Quiet Village, der sich nahtlos in die Reihe ihrer exzellenten Arbeiten einfügt. Matt Edwards (alias Radio Slave) und Joel Martin machen sich den Song zu eigen, indem sie ihn in ein vorsichtig düstere Schattierungen abtastenden, langsamen 9-Minutentrack mit dräuenden Streichern und einem sehr geschickten Umgang mit Obels entrückter Stimme transformieren. Das Label fühlt sich hier an Massive Attacks „Teardrops“ erinnert und auch wenn das etwas hoch gegriffen scheinen mag, spielt die Quiet Village Bearbeitung von „Stretch Your Eyes“ schon in der gleichen Liga.

1. Avalon Emerson – Whities 013 (Whities)

Die erste Veröffentlichung in diesem Jahr von Avalon Emerson zeigt nicht nur in der Wahl des Labels, warum sie zu den erfolgreichsten DJs der neuen Generation gehört. Whities hat gerade mit Platten von Lanark Artefax und Minor Science einen sensationell guten Lauf und Emerson kann mit der Katalognummer 13 nun noch einen draufsetzen. Auf „One More Fluorescent Rush“ treibt sie mit geschickt modulierten Arpeggios die Crowd in den Wahnsinn – es ist erstaunlich wie sie hier einerseits Massen mobilisieren kann und gleichzeitig einer absolut glaubwürdigen Soundästhetik treu bleibt. „Finally Some Common Ground“ zeigt sich komplexer: ein schwerer, Percussion-lastiger Groove wird mit teils bizarren Dschungel-artigen Sounds befeuert und hält über acht Minuten das Energielevel erfreulich weit oben.

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