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Januar 2024: Album des Monats

VA – Sonic Transmutations (Clone Records 1992/2023) (Clone)

Wenn auch ein paar Jahre nach der Berliner Technoinstitution Hard Wax gegründet, hat Serge Verschuurs Clone-Imperium für die Entwicklung der elektronischen Tanzmusik dennoch eine ähnliche Rolle gespielt: Mit dem Imprint wurde eine Plattform für höchst spezifische, avancierte, ästhetisch innovative, teils avantgardistische Dancefloor-Entwürfe bereitgestellt, der Store hat den Sound der Szene an einem konkreten Ort fest im Stadtgewebe verankert und einen Raum der Kommunikation darüber gestiftet, der Vertrieb schließlich die neuesten Krassheiten der Producer:innen in alle Richtungen der Windrose getragen und bekannt gemacht sowie Rotterdam auf die Landkarte der internationalen Clubkultur gesetzt. So viel mehr als ein Label also – und doch in seinem Kern nichts mehr als genau das.

1992 hat Verschuur Clone ins Leben gerufen, mit der epochalen Jubiläumscompilation Sonic Transmutations feiert das stilprägende Imprint den Geburtstag nun originellerweise und in Übereinstimmung mit dem Telefonvorwahlcode der Niederlande im 31. Jahr seines Bestehens (nach). Dass die 33 Tracks, im physischen Release in einem Boxset auf acht Maxi-Singles verteilt, ein in allen Farben gegenwärtiger Dancefloors schillerndes Panoptikum der gesamten stilistischen Vielfalt des Labels zeichnen, kann kaum verwundern.

Die Rolle, die im Fall von Hard Wax Techno einnimmt, kommt im Universum Clone Electro zu.

Die durch die Bank außerordentliche Qualität der Produktionen dagegen schon: Ob Alberta Balsams tatsächlich hymnischer Opener „Anthem”, Dexters Model-500-Parodie „Pumapunku”, Aleksi Peräläs balearische Disco-Tech-Nummer „UK74R1721101”, das entwaffnend grandiose „Bachi” von DJ Sotofett, Ngoni Egans fesselndes „Mvuma” oder Alden Tyrells Electro-Funk „Lock State” – jeder einzelne Track lässt sich auch als tiefe Verbeugung vor dem Lebenswerk des Gründers hören. Die Rolle, die im Fall von Hard Wax Techno einnimmt, kommt im Universum Clone Electro zu: Ursprung des Koordinatensystems, Keimzelle der Evolution, Ausgangspunkt und Nukleus der Kettenreaktion, die immer wieder mal in Richtung House, Techno und Disco ausgreift.

Jeder einzelne Track lässt sich auch als tiefe Verbeugung vor dem Lebenswerk des Gründers hören.

Dopplereffekt steuern mit „Dyson Sphere” Detroit-Electro-Neoklassizismus in Balladenform bei, Keith Tucker als DJ K1 das im Kraftwerk’schen Sinn retro-futuristische „Detroit (313)”. File under „Künftiger Klassiker”: Gerard Hansons „Ugly Pretty June” unter seinem E.R.P.-Alias. Aufgeraute Roland-Romantik mit einem Hauch von Soul (Archie Bell & The Drells’ „Tighten up”, um genauer zu sein) und Larry Heard: Gen-Ys „Moon Soon”. Zweimal vertreten: John Heckle mit Techno sich diametral gegenüberstehender, aber mit gleich großer freier Musikalität inszenierter Disposition, wobei „DXXXIII” den prozesshaft rhapsodisch-narrativen, „Jocco” (hier als Head Front Panel) den funktional statisch-motorischen Pol ansteuert. Das DWWV (Danny-Wolfers-Werkverzeichnis) begrüßt als Neuzugang mit „La Nuit Invisible” einen überraschend zurückgenommenen, umso betörender mit hypnotisch-suggestiven, melismatischen Hooks mysteriös-kontrapunktischen Impact entfaltenden Legowelt-Track. Ebenso zwingendes, wenn auch offensiver programmiertes Highlight: Privacys „Starcrash”. „This Time” von PRZ dagegen könnte in einem noch zu produzierenden Remix zum Hit werden. Mit orchestralen Samples generiert Ryan James Fords „Eendrachtsplein (RET Mix)” im Pseudo-Gabber-Tempo sinfonische Wucht und Wirkung. Dubstep-, Tribal- und Trance-Echos in Sansibars (Big-)Breakbeat „Connect”. Geradezu skulptural mutet dann Steffis im Groove dem Takt um ein Geringes vorauseilendes „50 Heads” zum Ausklang an. Eine Anthologie voller Meilensteine.

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