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Der Club Macadam in Nantes: „DJs sollen bei uns am Können gemessen werden”

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Wenn man hierzulande über die Feier- und Technokultur in Frankreich spricht, beißt sich die Diskussion meist ziemlich schnell in Paris fest. Vielleicht droppt man ein paar französische DJ-Namen, erzählt von Besuchen im Rex Club oder im Concrete oder zerredet Mama-told-ya-Veröffentlichungen und konstatiert, dass Possession am Anfang eh viel cooler war als am Ende.

Allerdings existieren auch abseits der Hauptstadt prosperierende Szenen – unsere westlichen Nachbar:innen sind obendrein Heimat einer der größten Freetekno-Bewegungen Europas. Dass dabei auch Clubs entstehen, die aus der Masse herausstechen, steht außer Frage.

Einer davon ist das Macadam in Nantes, einer Stadt mit rund 300.000 Einwohner:innen im Nordwesten Frankreichs. Längst ist der Club eine feste Adresse auf den internationalen Tourplänen vieler Szenegrößen, und überhaupt wird hier eine Menge richtig gemacht, was woanders falsch läuft. Fotoverbot, ein kompetentes Awarenessteam, niedrige Eintrittspreise, ein familiäres Miteinander und ein Line-up, das es in sich hat.

GROOVE-Autor Till Kanis hat das letzte halbe Jahr in Nantes verbracht und sich mit der örtlichen Szene sowie den Hintergründen und Strukturen des Clubs beschäftigt.

Es ist ein ungewöhnlich heißer Sonntagnachmittag Anfang Oktober, Nantes reckt sich nach den letzten Ausläufern des scheidenden Sommers. Vom Stadtzentrum aus geht es Richtung Westen immer an der Loire entlang, bis die pittoresken Altbauten von Industriegebiet und Leerstand abgelöst werden. Chantenay heißt das Viertel direkt am Wasser, in dem sich mit etwas Fantasie bereits so etwas wie Gentrifizierung ausmachen lässt. Noch aber ist die Szenerie eher alternativ bis trostlos, und die meisten Straßen sind trotz des schönen Wetters verwaist. Das Ziel dieses Ausflugs, der Club Macadam, liegt unscheinbar zwischen einem Lidl und einer Lagerhalle, in der man Lasertag spielen kann. Aber bereits ein paar Straßen entfernt lässt sich das diffuse Brummen des Basses erahnen.

Zwischen Lidl und Lagerhalle liegt das Macadam (Foto: Ex Luisa)

Ist man es in Berlin durchaus gewohnt, sich erst am Sonntag auf die Tanzfläche zu begeben, so erscheint diese Praxis in einer mittelgroßen französischen Stadt einigermaßen überraschend. Doch die Tore in der Rue Jules Launey sind geöffnet, vor dem Gebäude herrscht reges Treiben. Durchgefeierte Gäste treten den Heimweg im letzten Sonnenlicht an, einige Neuankömmlinge waren offensichtlich morgens schon unterwegs. Eine Schlange ist nicht existent, trotzdem lässt sich die freundliche, aber bestimmte Security ein wenig Zeit und unterzieht die Ankommenden einer mehr als umfangreichen Taschenkontrolle. An der Kasse folgt dann eine herzliche Begrüßung, die Handys werden abgeklebt und die 13 Euro Eintritt entrichtet. Ein Teil des Personals und auch viele Gäste sind bunt kostümiert, und direkt neben der Kasse gibt es die Möglichkeit, sich ebenfalls mit passendem Zwirn zu versorgen. Durch einen schmalen Gang geht es schließlich ins Innere des Clubs.

Sonntagabend, Héctor Oaks, ein voller Club

In einem ausgedehnten schwarzen Raum liegt rechter Hand die Tanzfläche, die wie das Spielfeld einer Arena wirkt. Das Pult ist ebenerdig, die Funktion One klingt druckvoll und das Licht ist schnörkellos und wohldosiert. Gegenüber einer langen Bar befindet sich eine Poledance-Stange. Der Club ist gut gefüllt, aber platzt keinesfalls aus allen Nähten, und hin und wieder legt sich ein leichter Poppers-Geruch über den Floor. Ansonsten trifft man bei der Erkundung der Räumlichkeiten auf zwei große Außenbereiche mit weiteren Bars und einen zweiten Floor in einem Nebengebäude, der angeschlossenen Bar Ohm.town, die auch ein Restaurant ist. Die Getränkepreise sind eher hoch, es gibt jedoch verhältnismäßig günstige Alternativen, und so weicht man gerne auf lokale Weine aus, anstatt neun Euro für eine importierte Mate hinzublättern. Neben der Bar werden außerdem kleine Snacks und Hotdogs sowie vegane Alternativen angeboten.

Um 20 Uhr betritt schließlich der Headliner des Tages, Héctor Oaks, die Booth, und der Floor bekommt noch einmal Zuwachs. Nun ist es zwar voll, aber nicht unangenehm. Das Publikum ist sehr heterogen. Von kostümierten Queers über Nachwuchsraver:innen, die aussehen, als ob sie direkt aus dem Internet kommen, bis hin zu Musiknerds jenseits der 40 ist alles dabei. Oaks wird bis Mitternacht spielen und einen meisterhaften Spannungsbogen aufbauen, der von hartem Techno zu Ghetto-House wandert und schließlich in einem trancigen Finale mündet. Danach übernimmt Resident Maï-Linh für das Closing. Gegen halb vier geht schließlich das Licht an.

So sieht es aus, das Macadam in Nantes (Foto: Ex Luisa)

Als ich durchgeschwitzt den Nachhauseweg antrete, drängt sich mir unweigerlich die Frage auf, wieso dieser Club in der Lage ist, an einem Sonntag einen ordentlichen Rave mit Top-Booking auf die Beine zu stellen und trotzdem verhältnismäßig günstig zu sein, während in den meisten deutschen Städten außerhalb Berlins bereits tote Hose herrscht. Neben normalen Veranstaltungen am Wochenende öffnet das Macadam auch an mindestens einem Sonntag im Monat und bietet somit die Möglichkeit, von Samstag- bis Montagnacht feiern zu gehen. Dabei spielten auf der Gloria, so heißt besagte Sonntagsveranstaltung, in den letzten Monaten Künstler:innen wie Marie Montexier, Dr. Rubinstein, u.r.trax oder Avalon Emerson. Und auch in den restlichen Nächten wirkt das Line-up sorgsam gewählt, divers und überzeugt mit einer Mischung aus lokalen Kollektiven und internationalen Acts am Puls der Zeit. So standen dieses Jahr bereits Jennifer Cardini, Gerd Janson, Soft Crash und DJ MELL G an den Decks.

Im Gespräch mit den Macher:innen

Zum Interview treffe ich mich in den Büroräumen des Clubs direkt über dem Ohm.town mit Anaëlle Saas, die als Bookerin und musikalische Leiterin seit 2022 für den Club arbeitet, sowie mit Macadam-Mitbegründer und Geschäftsführer Alexis Tenaud. Anaëlle legt außerdem unter dem Namen Aasana auf und ist Mitbegründerin des Kollektivs Zone Rouge, während Alexis unter dem Alias Ex Luisa fotografiert. Den beiden haftet die sympathische Aura von Menschen im Kulturbetrieb an, für die ihr Projekt nicht nur ein Job ist. Sie scheinen viel Herzblut und Energie in diesen Ort zu investieren.

Dementsprechend viel haben beide zu erzählen, wobei die Passion für den Club im Subtext stets mitschwingt. Alexis ist vermutlich in seinen Dreißigern und ordnet die Gesprächsthemen stets in die Historie des Clubs ein, um die nötigen Hintergrundinformationen zu liefern. Anaëlle ist dagegen eher in ihren Zwanzigern zu verorten und lenkt den Fokus immer wieder auf die berechtigte Relevanz und die Wichtigkeit von intersektionalen Themen innerhalb der Clubkultur und des Bookings. Gemeinsam streuen sie wiederholt Anekdoten aus dem Cluballtag ein, die den kleinen Mikrokosmos, der sich um solch ein Projekt dreht, greifbarer werden lassen.

Alexis Tenaud und Anaëlle Saas betreiben das Macadam (Foto: Youl)

„Das Macadam existiert seit September 2017 und wurde von Maxime Durand [Maxime legt unter dem Namen Youl auf und ist Resident des Clubs; Anmerkung der Redaktion], mir und einer dritten Person, die mittlerweile ausgestiegen ist, gegründet”, erzählt Alexis. „Davor war in diesen Räumlichkeiten eine Diskothek namens Club 25. Ursprünglich war das Gelände Teil einer Werft. Der Club 25 lief nicht besonders gut, und wir haben dort unsere eigene Partyreihe namens Vocoder gestartet. Sie fand relativ schnell Zuspruch. Wir haben daraufhin vorgeschlagen, dass wir den ganzen Club übernehmen und zu einem Ort machen, der ausschließlich elektronischer Musik gewidmet ist”, so Alexis.

Als neue Clubeigentümer:innen habe man das Gebäude einem Makeover unterzogen, den Dancefloor mit einem Soundsystem von Funktion One ausgestattet und plötzlich Platz für 550 Gäste bereitgestellt. „Das ist für uns eine sehr gute Größe”, so Alexis, „denn sowohl Raves als auch experimentellere Abende können damit gut funktionieren.”

„Seit sechs Monaten lassen wir die DJs dort ausschließlich mit dem Rotary-Mixer spielen.”

Alexis Tenaud

Für jene experimentellen Abende wurde vor zwei Jahren ein Nebengebäude namens Ohm.town an den Club angeschlossen. Es ist über den Außenbereich des Clubs erreichbar und fungiert unter der Woche als Restaurant und Raum für Veranstaltungen, die sich eher den ausgefalleneren Seiten elektronischer Musik widmen. Standesgemäß ist dieser Hybrid-Space mit einer wunderschönen PA aus Holz und einer DJ-Booth inklusive Rotary-Mixer ausgestattet. Bei Bedarf wird der Raum am Wochenende zum zweiten Floor umfunktioniert.

„Früher haben wir öfter mal versucht, experimentellere Künstler:innen ins Macadam zu buchen, aber die Resonanz war leider bescheiden. Im Ohm.town klappt es viel besser. Das Soundsystem ist zwar nicht so fett, aber detailreicher, deshalb eignet sich der kleinere Raum besser für diese Abende”, so Alexis. Grinsend ergänzt er: „Seit sechs Monaten lassen wir die DJs dort ausschließlich mit dem Rotary-Mixer spielen, das ist total interessant. Man ist ganz auf sich allein gestellt, und es ist viel rougher, ohne Filter zu mixen. Außerdem passt das gut in das Konzept des Ohm.town, das weniger clubbezogen als das Macadam sein soll.”

Berliner Inspiration und französischer Freetekno

Wenn man das Macadam regelmäßig besucht, erweckt es den Anschein, dass dort Leute am Werk sind, die über einiges an Feiererfahrung verfügen und verschiedene Inspirationsquellen zu einer großen Vision eines Clubs vereint haben. So mischen sich verschiedene Konzepte, und der dunkle Technokeller wird auf einmal von Raver:innen in hippieesken Kostümen mit Glitzer im Gesicht bevölkert. Alexis bestätigt, dass viel Inspiration aus anderen Städten in das Projekt nach Nantes geflossen ist. So erzählt er von den Anfangsjahren des mittlerweile geschlossenen Pariser Clubs Concrete, der seinerzeit einen Grundpfeiler der Pariser Technoszene darstellte, sowie mehreren Partyreihen in Amsterdam. Auch Berlin und die Panorama Bar erwähnt er immer wieder. „In Berlin hat mich fasziniert, dass die Organisator:innen sich selbst aussuchen können, zu welchen Uhrzeiten sie eine Party veranstalten. Das ist in Frankreich sehr anders. Deshalb haben wir versucht, eine Daytime-Party an Sonntagen zu etablieren. Daraus ist die Veranstaltung Gloria entstanden. Dabei war uns enorm wichtig, dass das keine Afterhour wird, sondern eine richtige Tagesveranstaltung.” Es ist durchaus bemerkenswert, wie gut und schnell eine solche Veranstaltung in der vergleichsweise kleinen französischen Stadt angenommen wurde. Gloria machte in den Anfangstagen schnell überregional von sich reden und war bald ebenso bekannt wie das Macadam.

Letztendlich geht es bei uns an erster Stelle um die Musik, nicht um Rausch oder Profit. Aus diesem Grund organisieren und vernetzen wir uns mit anderen Kulturinstitutionen und Clubs in Nantes und wollen Sichtbarkeit für dieses Problem schaffen.”

Anaëlle Saas

„Manche reisen dafür extra aus Paris oder La Rochelle an”, wirft Anaëlle ein. Überhaupt ist das Publikum im Club sehr vielseitig. So besitzen Westfrankreich und insbesondere die Bretagne traditionell eine große und aktive Freetekno- und Partyszene. Immerhin gingen Spiral Tribe hier an Land, als das legendäre Soundsystem wegen enormer Repressionen aus England auf das europäische Festland floh. Jedes Jahr sind illegale Teknivals mit mehreren Tausend Besucher:innen in den Schlagzeilen, und auch im Winter nistet sich die Szene in leerstehende Lagerhallen und Industriegebäude Westfrankreichs ein. „Dadurch, dass Freetekno bei uns so groß ist, haben wir ein viel diverseres Publikum”, so Alexis. „Neben typischen Clubgänger:innen finden sich auch viele Leute aus dieser Szene bei uns. Und Tourist:innen, die extra für unsere Veranstaltungen anreisen. Manche sagen sogar, dass sie bei uns ein Booking vorfinden, das sie mittlerweile in Paris vermissen. Dort ist die Szene mittlerweile in Bedrängnis: Was interessant ist und polarisiert, rückt in die Illegalität. Es kommt uns zugute, dass wir komplett legal sind.”

Wer ins Macadam kommt, kann auch ins Ohm.town nebenan (Foto: Ex Luisa)

Auf die weiterführende Frage nach dem Verhältnis zu den städtischen Behörden betonen Anaëlle und Alexis, dass die Beziehungen relativ gut seien. „Wir haben der Stadt erklärt, dass wir ein Kulturort sind und alles, was wir tun, legal ist. Deshalb bemühen wir uns stets um Transparenz und suchen das Gespräch. Die Stadt respektiert uns, vielleicht sieht sie das Macadam auch als eine Art kulturelles Experiment.”  

Deshalb konnte man expandieren, das Ohm.town eröffnen und so die Sperrstunde umgehen. „Als wir mit Gloria angefangen haben, mussten wir noch in der Samstagnacht schließen, damit wir Sonntag tagsüber öffnen konnten”, erklärt Alexis. „Mittlerweile öffnen wir Samstagnacht und schicken die Gäste, die noch da sind, morgens rüber ins Ohm.town. Nach drei Stunden öffnen wir dann wieder das Macadam, und Gloria beginnt.”

Trotz des betont guten Verhältnisses zur Stadt wurde die Nantaiser Kulturszene einige Wochen vor unserem Gespräch durch eine Polizeirazzia bei laufendem Betrieb überrascht. „Eine Person vom Zoll kam mitsamt Hund in den Backstage und sagte: ‚Na los, such’ die Kilos’”, erzählt Anaëlle nicht ohne sichtliches Amüsement. „Das ist natürlich völliger Quatsch, hier gibt es keine Kilos. Leider ist das Konzept Club in Frankreich für manche relativ unbekannt. Die denken vermutlich, wir sind irgendeine Diskothek, wo es vor allem um den Rausch geht. Aber letztendlich geht es bei uns an erster Stelle um die Musik, nicht um Rausch oder Profit. Aus diesem Grund organisieren und vernetzen wir uns mit anderen Kulturinstitutionen und Clubs in Nantes und wollen Sichtbarkeit für dieses Problem schaffen.”

Manchmal schiebt es ironisch

Dass vor allem die Musik im Vordergrund stehen soll, merkt man nicht nur an der auf den Dancefloor fokussierten räumlichen Gestaltung des Clubs, sondern vor allem am Booking des Macadam. Dieses ist zwar strikt elektronisch, aber ungemein vielseitig, überraschend und interessant. „Wenn wir unsere Nächte buchen, konzentrieren wir uns vor allem auf dunklere Sounds, die nach vorne gehen. Trotzdem wollen wir offen sein und versuchen immer, Acts zu buchen, die ein bisschen aus diesem Muster fallen und die Musiklandschaft bereichern”, so Anaëlle. „Außerdem haben wir eine intersektionale Vision für unser Programm und buchen viel abseits der weißen, männlichen, Hetero-cis-Norm. Im Booking geht es vor allem darum, ein Gleichgewicht zu finden.”

Das gilt nicht nur für die Künstler:innen, sondern auch für verschiedene Genres. „Wir haben viel Techno, Trance und House, aber auch Breakbeat, Bass Music und Tribal Sounds”, führt sie aus. „Allgemein überschneidet sich heutzutage alles sehr. Dazu kommt es auf die Veranstaltung an. Für unsere Reihe Diva, die immer an Feiertagen unter der Woche stattfindet, buchen wir zum Beispiel Sachen, die richtig Spaß machen, Ghettotech oder Trance – das geht manchmal schon ein bisschen ins Ironische.”

So sähe es aus, wäre man Vogel über der Booth im Macadam (Foto: Anthony Poulon)

Neben dem guten Booking sind auch die Eintrittspreise des Clubs bemerkenswert. Diese liegen ausnahmslos zwischen 13 und 15 Euro. Es stellt sich die Frage, wie das mit den explodierenden DJ-Gagen zu vereinen ist. „Na ja, wir haben ein begrenztes Budget und verhandeln damit”, so Anaëlle. „Wenn jemand zu teuer ist, sagen wir ‚Nein, das können wir uns nicht leisten’”, erklärt die Bookerin. „Viele DJs sind tatsächlich bereit, ein bisschen weniger zu verlangen, weil sie gerne hier spielen wollen. Einige, die heute teuer sind, haben schon bei uns gespielt, als sie noch relativ neu waren. Die kommen gerne für eine kleinere Gage zurück. Héctor Oaks hat zum Beispiel auf unserer dritten Gloria 2017 schon hier gespielt. Manche Gagen sind heutzutage allerdings wirklich absurd, die buchen wir nicht. Um bei uns zu spielen, muss ein DJ auch gewisse Attribute mitbringen, die uns wichtig sind. Beispielsweise haben wir gerne lange Sets, aber es gibt Künstler:innen, die nur zwei Stunden spielen wollen.”

Die Macadam-Bookerin frage sich deshalb, in welche Richtung sich die Szene entwickelt. „Heute scheint Instagram über allem zu stehen. Da, wo es früher um Reputation und vielleicht noch Soundcloud-Follower:innen ging, geht es heute um Insta-Follower:innen und den damit verbundenen Fame. Wir wollen uns dem nicht unterwerfen und musikfokussiert bleiben. Uns sind Skills und Talent wichtiger als Fame”, so Anaëlle. „So wählen wir auch unsere Residents aus”, wirft Alexis ein: „Ein:e DJ soll bei uns nicht glorifiziert werden, sondern am Können gemessen. Deswegen suchen wir nach Leuten, die ein Gespür für die Tanzfläche mitbringen, die über ein hohes technisches Niveau verfügen, die eine eklektische Selektion verfolgen und den gewissen Rave-Spirit haben. Außerdem sollte ein:e DJ immer neugierig sein.”

Wenn der Club zur Überraschung wird

In Alexis’ Ausführungen wird immer wieder deutlich, welche große Rolle er dem Club und im Besonderen der Tanzfläche als Raumkonzept und hedonistisch aufgeladenem Ort beimisst. Er scheint den Club als Experimentierraum im Spannungsfeld elektronischer Musik zu sehen, den jeden Abend zum einen die Musik, zum maßgeblichen Teil jedoch die Gäste ausfüllen.

„Dieser Raum hier ist im Grunde ein Instrument, ein Katalysator. Es lässt sich nie voraussagen, was passieren wird. Deswegen ist der Club immer wieder in der Lage, mich zu überraschen. Manchmal hast du einen richtig fetten Dancefloor, wenn du überhaupt nicht damit gerechnet hättest, und manchmal bleiben die Gäste an Abenden, an denen du dir sehr viel versprochen hast, eher introvertiert. Unser Floor ist wie die Stadt immer in Bewegung, und doch sind es am Ende unsere Stammgäste und die Residents, die das volle Potenzial entfachen und ihn zu dem machen, was er ist”, so Alexis.

Beton und im Macadam (Foto: Anthony Poulon)

Einige Clubnächte im Macadam später kann ich bezeugen, was er sagt. So habe ich einige Sonntage erlebt, an denen der Floor, gemessen am Bekanntheitsgrad des Line-ups, eher schlechter besucht war, während der Club an meinem letzten Sonntag in Nantes unvorhergesehenerweise aus allen Nähten platzt. Obwohl Headliner u.r.trax bereits am Vormittag gespielt hat, sind beide Floors voll –  während im Macadam Techno regiert, bringt Salma Rosa Tribe und Breakbeat in absurder Geschwindigkeit ins Ohm.town. Der Schweiß der Meute liegt in der Luft, und die Stimmung ist wholesome, sexy aufgeladen. 

Alexis hatte recht, denke ich. Man weiß nie, wie der Floor sein wird, aber überraschend wird es allemal. Das ist es, was ein Club leisten sollte: den (musikalischen) Raum zu bieten, sich fernab von Rechtfertigungen auszuleben und zu entdecken, ohne sich dabei durch Routine normieren zu lassen. Und das gelingt dem Macadam Woche für Woche mit Bravour.

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