Das Motherboard aus dem Mai findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier.
Boards of Canada – Inferno (Warp)
Auf Inferno wollen Boards of Canada sich nicht neu erfinden. Sie verbleiben in der Gleichzeitigkeit aus Nostalgie und Futurismus, die ihren Sound schon immer prägte. Und trotzdem überrascht das Album an vielen Stellen mit unerwarteten Wendungen, die jedes Mal eine kleine Portion Serotonin ins System schwemmen. Die visuelle Aufmachung aus Swinging Sixties, Downtempo, der unweigerlich nach Neunziger klingt, und gelegentlich eingewobene Blade Runner-Synthies wirken wie ein verwegener Entwurf aus einer vergangenen Zeit, der parallel für eine Zukunft steht, die sich nie materialisiert hat.
Den Bericht von Philipp Gschwendtner von der Listening-Session zum neuen Boards-of-Canada-Album lest ihr hier.

Shed – Rave Echoes (Dekmantel)
René Pawlowitz verabscheut Nostalgie, wehrt sich aber nicht mit Händen und Füßen gegen Melancholie. Deshalb klingt Rave Echoes, seine erste Veröffentlichung auf Dekmantel, wie es klingt. Emotionalität in den Pads, Rave im Drumming. Wenn auf dem Opener „Loot 25” die ersten Hi-Hats den Mix entern, weiß man, dass alles gut wird. Es ist dieses Shed-, dieses Wax-, dieses Head-High-Gefühl, das sich sofort einstellt. Wuchtig, aber nicht stumpf, gefühlsbetont, aber nicht kitschig. Im Grunde die Essenz von zeitloser elektronischer Tanzmusik, die auch dieses Mal alles Unnötige ausspart. Dazu gehören nicht: Ravesignale, die zu Melodien gerinnen, wuchtige Kicks, kaskadische Low-Ends. Dazu gehören, auch bei diesem konzeptionell in der Vergangenheit verwurzelten Album: Schwammige Eso-Anwandlungen, das allzu offensichtliche Drücken auf die Tränendrüse, künstlerische Zugeständnisse an vorgegaukelte Sentimentalitäten. „Double Scoop” erinnert zunächst ein wenig an den Shed-Klassiker „The Bot”, entwickelt sich aber viel schneller und vehementer zum breakbeat-getriebenen Hardcore-Ungetüm. „Password” findet sich in der Tracklist zweimal, besonders interessant im Trance-Mix, weil Shed hier seine Interpretation eines Genres serviert, das man nicht unbedingt mit ihm in Verbindung bringen würde. Diese fällt, wer hätte es gedacht, nicht grell und piepsig aus, sondern bleibt mit zerschlissenen Chorälen ein Ruhepol im engeren Wortsinn des Genres. Am Ende wartet der glückselig wogende Titeltrack, der vielleicht am deutlichsten macht, worum es auf Rave Echoes geht: Kein Früher war alles besser, sondern ein simples wie effektives Schön war’s. Maximilian Fritz

The Field – Now You Exist (Studio Barnhus)
Es gibt diese eine Seite in The Fields Musik, die gerne mit Attributen wie sanft oder meditativ beschrieben wird. Und klar, etliche Stücke seines umfangreichen Werks sind ruhig und haben trotz Bassdrum eine recht große Schnittmenge mit Ambient. Axel Willners neues Album beginnt mit einem solchen getragenen Track, dominiert von einer schönen, sich gleichförmig wiederholenden Akkordfolge und einer verhaltenen Frauenstimme. Leise gehört, passt auch das folgende „333706” in diesen Kontext. Wird der Lautstärkeregler aber aufgedreht, gibt das Stück spätestens nach viereinhalb Minuten seine Massivität preis, und es kommt in den Sinn, dass drone und dröhnen gleiche etymologische Wurzeln haben. Zudem erzeugt das Zusammenspiel der stoischen Rhythmik mit den fließenden Harmoniewechseln eine sehr spezielle Spannung, die dem Track alle Restlieblichkeit austreibt. „Hey Babe” funktioniert ganz ähnlich, eine Spur weniger heftig, aber dennoch nicht weniger positiv überraschend. Das die Vinylversion beschließende „Another Day” wiederum könnte als Musterbeispiel für den von Kompakt geprägten Begriff Pop-Ambient stehen, Dur- und verminderte Akkorde plus eine tolle Sängerin ergeben einen Ohrwurm. Die Stimmungsambivalenz des Albums ist nicht neu für Willner, aber hier verborgener, multipolarer als bisher. Wirklich verändert hat sich aber seine Rhythmik – auf Now You Exist gibt es keine gerade Bassdrum mehr, die Grooves sind raffinierte rhythmische Gebilde, metrisch oft schwer zu erfassen und vielleicht die eigentlichen Stars des Albums. Mathias Schaffhäuser

Visible Cloaks – Paradessence (RVNG Intl.)
Wahrnehmung und Intention eines Kunstwerks stimmen häufig nicht überein. Ist das schlimm? Nicht unbedingt, oft sogar egal. Einer der schönsten Aspekte von Kunst ist ja, dass sie so etwas wie ein Eigenleben führen kann. Das sollte nicht überhöht und gleich wieder zur nächsten Intention umgemodelt werden, aber Tatsache ist, dass kaum ein Kunstwerk von allen Rezipienten übereinstimmend aufgenommen wird. Auf mich wirkt Paradessence, das dritte Album von Spencer Doran und Ryan Carlile alias Visible Cloaks, leicht, luftig, manchmal etwas fragil, aber nicht durchgehend zerbrechlich oder negativ aufgeladen. Und schon gar nicht als Träger von allzu viel Inhalt. Die 14 Stücke zwischen einer und maximal fünf Minuten vereinen Elemente von Ambient, Kammermusik verschiedener Epochen und, laienhaft ausgedrückt, fernöstlicher Musik. Visible Cloaks gelingt es beeindruckend, diese verschiedenen Einflüsse wie nebenbei zu verbinden, nichts wirkt aufgesetzt, erzwungen. Und genauso wenig drängt sich eine Aussage über Emotionen triggernde musikalische Muster in den Vordergrund, weder wird klischeehaft auf Tränendrüsen gedrückt noch Harmonie suggeriert oder stirnrunzelnde Ernsthaftigkeit simuliert. Seltsamerweise wirkt der begleitende Text zu dem Album genau gegenteilig. Die darin aufgeführten Erklärungen zu der Musik lähmen eher den Zugang zu ihr und laden sie hemmend für ein unvoreingenommenes Hören mit einer Schwere auf, die in den Kompositionen nicht widerhallt. Deshalb die Empfehlung: Text skippen, Kopfhörer auf, bequem machen oder, noch besser, spazieren gehen. Mathias Schaffhäuser

Yu Su – Foundry (Short Span)
Ihr Albumdebüt Yellow River Blue im Jahr 2021 zehrte von den Eindrücken, die sie auf einer Reise von der chinesischen Küste ins tibetische Hochland gesammelt hatte. Es wirkt noch wohl sortiert, wenn auch bereits berstend vor Neugierde: hier steht ein chinesisches Saiteninstrument im Fokus, da ein Billo-Drumcomputer.
Dass Yu Su inzwischen voll drin ist im Biz, verdeutlicht bereits der Umstand, dass die aus Kaiteng, China stammende Produzentin das Material für Foundry in der Vorbereitung auf ein Liveset auf dem Montréaler Musikfestival Mutek ausgewählt hat. Die Dinge sind voll im Fluss. „Wanli” schillert und treibt sich herum auf seinen Harmonien, die weder dezidiert auf West, noch auf Ost Bezug nehmen. „Ripe Fruits” mit seinen variabel im Hörraum platzierten Gesprächsfetzen klingt, als würde es gleichzeitig vorwärts und rückwärts abgespielt werden, also schön alien.
Kollaborationen zeigen weiterhin, wie die mittlerweile 26-Jährige einen Platz gefunden hat. Mit Memotone erschafft sie „Sunless” und damit ein Stück beiger Musik, mit dem japanischen Duo Dip In The Pool ein Fraktal Nervosität aus Stimmengewirr und Endlos-Loop. Mit den ebenso wie sie in London ansässigen Seefeel zelebriert Yu Su außerdem eine Arbeit aus zig Sedimenten: „One Place After Another”, das mit jedem Hören an Tiefe gewinnt. Gilt hier generell! Christoph Braun

Zaliva-D – 好奇 Curiosity Cat (SVBKVLT)
Neues aus Peking. Zaliva-D veröffentlichen ihr sechstes Album. Li Chao und Aisin-Gioro Yuanjin, die kreativen Köpfe hinter dem Projekt, präsentieren neun Tracks, die in eine düstere Drama-Atmosphäre aus mechanischen Rhythmen und dunklen Klängen eintauchen. Immer melodiös, immer bedrohlich sexy. Li Chao selbst sagt über 好奇 Curiosity: „After suffering great pain, I no longer recognized these songs. Their sounds were like itchy eardrums, their melodies like sick vines. They hummed, but they were no longer ballads. I was very curious about what each song was expressing. I couldn’t remember any of them. This feeling is amazing!” Er, genauso wie alle, die zuhören, werden sich nach einer Runde Neugier schon an alles erinnern. Dafür ist Li Chaos Stimme zu gespenstisch wachrüttelnd. Dazu Melodien, die sich knallig aufdrängen, ohne indiskret zu sein. Freunde von Tolouse Low Trax dürften die Grooves von Zaliva-D lieben. Sie haben fernöstliche Elemente und dienen optimal als Oberfläche für den zuweilen an Darkwave erinnernden Gesang von Li Chao. Ohnehin müssten Zaliva-D in der Wave-Szene zünden, denn ihre Industrial-Elektronik überträgt Partikel von Bauhaus, The Cure oder Sister of Mercy frisch ins Hier und Jetzt. Dazu hat jeder Song einen gewissen spirituellen Touch, der die Musik in eine mysteriös sakrale Zone leitet. Michael Leuffen
