Das Motherboard aus dem Mai findet ihr hier.
DJ Strawberry – Bass Resistance (THF Radio)
Es gibt einfache Entscheidungen: Erdbeeren aus Bangladesch kaufen oder doch die Erdbeeren von der lieben Omi nehmen, die extra den weiten Weg mit ihrem alten Volvo in die Stadt gefahren ist, um das Biozeug jetzt kiloweise aus dem Kofferraum zu Höchstpreisen zu verkaufen? Natürlich nimmt man die billigen, die schmecken dann besonders künstlich. Und das will man ja haben. Erdbeeren aus Plastik. Fünf Kugeln Vanilleeis drübergeklopft. Schmeckt auch. So wie bei DJ Strawberry. Der ist ja Sofort-Klopf-Material, weil: Hat in der Vergangenheit das wahrscheinlich größte Album der ehemaligen Gegenwart rausgebracht. Also Footwork, aber eben nicht Hinterhof-in-Chicago-Footwork. Eher so: Zukunft in nicht ganz so scheiße. Mischen kann Strawberry deshalb auch. Für THF Radio hat er den Erdbeerkorb zerkleinert. Wird bleiben, der. Christoph Benkeser

Oussema Bhouri – Wave on Groovy – v3
Auch in seinem dritten „Wave on Groovy”-Mix bleibt sich Oussema Bhouri treu: progressive Basslines, hypnotische Grooves und ein trippy Sound, der weniger auf klare Genregrenzen als auf Atmosphäre setzt. Schon der Opener „Superformer” von Kolter, ehedem DJOKO, und Wlad deutet mit dubbiger Tiefe an, in welche Richtung es geht.
Der Mix fordert keine Peaktime-Energie ein, sondern besticht mit einem Sound, den man irgendwo zwischen Afterhour und Daytime-Festival.Floor verorten würde. Dabei wechselt der Münchner DJ ganz subtil zwischen tranceartigen, treibenden Momenten und housigeren, rhythmischen Passagen. Die eher mystische, durch molligen Dub erzeugte Grundstimmung wird zwischendurch immer wieder aufgebrochen: „Phantom” von Diego Krause setzt bouncige Akzente, während „Subjektive Experience” von DIKKA die Energie kurzzeitig spürbar steigert. Und trotzdem bleibt im Mix eine Sache konstant: der Groove. Oder eben die Wave, denn der Name des Sets kommt schließlich nicht von ungefähr. Und spätestens mit dem Toman-Remix von „J’ai envie de danser” wird klar, dass die Reise durch diesen Mix zwar trippig, aber zu keinem Zeitpunkt ein Bad Trip gewesen ist. Johanna Lühr

Outsiders: Cafunfo – beneath the willow @ Kiosk Radio 13.05.2026 (Kiosk Radio)
Gestern so: Feiertag, Obstkorb leer. Heute dann, Soundcloud-Feed-Verselbstständigung, während parallel Lenz gefetzt wird. Sprich:
„Hochragende Gräser, die den Kopf überragen und eingebettet sind in ein schier endloses und sich sanft hin und her bewegendes Meer, aus teils vertrockneten und blühenden Weidenstängeln. Von ferner: Langgezogenes Gezirpe, zirkulierendes Surren und raschelnde Metallkörper. Derer sind: Kleinteilige Windspielereien, ein klimperndes Xylophon und das klackende Geräusch einer Videokassette, die im Rekorder einrastet. Durch die verstaubte Röhre zu sehen: Schwarzweißes Gekräusel, ein monochromer Wasserfall aus dekonstruiertem, farblosem Plätschern. Und weiter durchs Programm zappen. Die Tasten der Fernbedienung, deren Batteriefach notdürftig mit Tesafilm verklebt ist, müssen mehrmals fest gedrückt werden, weil kaum noch Saft drauf ist. Vorbeischnellende Rennwagen, das statische Klicken einer auslaufenden Schallplatte, tröpfelnde Pianoschläge sowie verstreichende Violinenklänge. Und plötzlich ist da nichts mehr außer diesem wabernden Tieffrequent, das ganz entfernt und körperlos vor sich hin pulsiert, kaum mehr als akustisches Merkmal, denn körperliches Sensorium. Darüber geschichtet liegt eine verfremdete, elektronische Orgelfläche. Von irgendwo dringt, wie eine Erinnerung aus längst vergangener Zeit, ein perkussives Element ans Ohr. Also archaisches, rudimentäres Klopfwerk, dass sich, wie von der Natur vorgesehen, zu einem rhythmischen Netz verflechtet, nur um sich kurz darauf wieder aufzulösen und in einen auditiven Urschleim zu verklumpen – dem Kondensat des Seins.”
Und später an der Lidl-Selbstzahlerkasse den von einer dünnen Plastikschicht umhüllten Retorten-Brokkoli mit zittrigen Fingern über den Barcodestrahler ziehen und in einem Anflug euphorischer Manie erneut diesen Full-Circle-Moment erleben. Jakob Senger

Wallat Wallat OYE Podcast #25 (OYE Records)
Der Plattenladen OYE Records nahe der Schönhauser Allee in Berlin ist seit über 20 Jahren ein wahrgewordener Traum für Vinyl-Enthusiast:innen: endlose Regale voller Platten, in denen man stundenlang diggen kann, stets auf der Suche nach dem nächsten musikalischen Schatz. Der in Berlin lebende Wallat Wallat ist Stammkunde und logischerweise selbst Platten-Liebhaber, man kann den Mix des DJs für den OYE Podcast also als Perfect Match bezeichnen. Er liefert einen funkigen und gleichzeitig druckvollen House-Mix – selbstverständlich ausschließlich auf Vinyl.
Seine Trackauswahl gibt einen vielseitigen Einblick in die unterschiedlichsten Facetten der House Music: von Chicago-House über bouncig bis hin zu garage-inspirierten Tracks. Dabei spielt er ein breites Spektrum an Künstler:innen und Labels, unter anderem Veröffentlichungen von Dennis Quin oder Johnny Fiasco. Der Mix eröffnet mit warmen House-Vibes und butterweichen Grooves, die sich über funkige Basslines und soulige Chord-Stabs legen. Schimmernde Hi-Hats erzeugen eine glitzernde, samtverhangene, discoide Atmosphäre. Zur Mitte hin verdichtet sich die Energie. Die Percussions werden verspielter, die Basslines federnder, der Sound insgesamt bounciger und treibender. Mit Breakbeat-Patterns und uk-garage-inspirierten Vocal-Chops entsteht ein spannungsgeladenes Wechselspiel aus einem groovigen, aber druckvollen Hörerlebnis. Im letzten Drittel kippt der Mix zunehmend in technoidere Gefilde. Der ursprüngliche Groove geht dabei aber nie verloren. Zum Ende kommt mit „Papertrip” von WALLACE ein Track, der die Energie vom Anfang nochmal aufgreift und das Set perfekt abrundet. Daniel Böglmüller

XDB b2b Moopie – All-night set at Collingwood Attic
Selfietime! Zum Heimspiel hat sich A-Colourful-Storm-Betreiber Moopie die Göttinger Geschmackseminenz XDB nach Melbourne eingeladen. Zwei Stunden und 45 Minuten aus dem Allnighter der beiden haben es auf Soundcloud geschafft, dankbar ist man für jede Sekunde. Den Anfang des Exzerpts kennzeichnet ein Zusammenspiel aus Dub-Passagen, aparten Vocals und immer stärker ausdefinierten Melodien. Beide Acts stehen für selige Zeitlosigkeit und verlassen sich nicht auf ästhetische Schockeffekte, sondern spielen ausdauernd gen Trancezustand. Ein Pad jagt das nächste, bedeutungsschwangere Sprechakte ergänzen sich. Spiritualität entsteht nicht aus derben esoterischen Anwandlungen, sondern aus dem makellosen Ineinandergreifen der Rädchen. Dass plakativ nicht zwingend gut bedeutet, ist eine der Lektionen des musikalischen Minimalismus. XDB und Moopie setzen sie meisterhaft um, ehe sie in Richtung Peaktime aufbrechen. Dort warten ungestümer Acid House, Ansätze von Hardcore und oldschooligem Electro, um nur ein paar Genres aufzulisten, die die beiden in ihr Set integrieren – mit einer Selbstverständlichkeit, die auch in Momenten roher Überfrachtung durchschimmert. MaximilianFritz
