GROOVE Reviews: Teil 3 der Alben im Mai 2026

Das Motherboard aus dem Mai findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier.

Loraine James – Detached From The Rest Of You (Hyperdub)

Man kennt das: Einmal nicht aufgepasst, plötzlich ist schon wieder Sommer. Und der fördert dieses Problem zutage. Namentlich: All diese Klamotten, die man im letzten Jahr noch völlig unbekümmert tragen konnte, wirken nun, als hätte man sie einem anderen Leben entnommen, weswegen man sich beim Blick in den Kleiderschrank wie eine willenlosen Schaufensterpuppe fühlt, die von einem unter Geschmacksverirrung leidenden Zeitreisenden eingekleidet wurde. Da hätten wir dieses grausam arrangierte Hawaiihemd mit dem auffälligen, zugleich wahllos zusammengetragenen Runenmuster aus bunten, aber sinnfrei miteinander verflochtenen Kreolen. Oder die Sonnenbrille, deren überdimensionierte Plexiglastropfen in Stubenfliegen-Optik man letztes Jahr noch mit voguer Vehemenz vor allen anderen verteidigt hat. Insbesondere spreche ich aber von jener textilen Zumutung in Form einer Jeans, bei der es für sinnvoll erachtet wurde, sie mit einer Nagelschere auf mittlerer Oberschenkelhöhe abzuschneiden, wodurch es sich seither weniger um ein funktionelles Kleidungsstück denn um einen bloßen Fransensalat handelt.

Manchmal werden die eigenen Verfehlungen eben erst mit einer gewissen Distanz verständlich. Das nennt man dann Nostalgie. Und irgendwo zwischen diesen beiden Polen von Verfremdung und Vergangenheitswehmut bewegt sich auch Loraine James‘ neues Album Detached From The Rest Of You. Auf ihrer nunmehr sechsten Langspielplatte verbindet die Londonerin erneut electro-avantgardistischen Lo-Fi-Pluralismus mit Pop- und Soul-Songwriting, wobei sich neben den offensichtlichen musikalischen Kontinuitäten immer noch etwas Unberührtes finden lässt. 

Der erste Track „Long Distance Call” wirkt wie eine modulare Neuausrichtung. Ein lärmendes Glitchgewitter, ein Computerneustart, diffuse Vocal-Verschnitte und sequenzierte Klänge, die sich langsam aus ihrer Erstarrung lösen und zu einer gemeinsamen Harmonie verformen. Auf dem Folgetrack „The Book Of Self Doubt” gibt es einen vertrackten Downtempo-Beat zu hören, den soulige Echos, verspulte Synthesizer-Glitches und beiläufige Pitch- und Tempowechsel begleiten. Zwischen all diesen freiliegenden Soundpartikeln liegt James’ reduzierte Stimme, die sich zwischen Spoken Word und Soul-Flow bewegt und sich mit allgegenwärtigen Gefühlen von Minderwertigkeit und sozialem Ausschluss auseinandersetzt, diesen Themen aber nicht mit existenzieller Dringlichkeit, sondern mit emotionaler Resilienz und beinah freundschaftlicher Sentimentalität begegnet.

Die Instrumentals bewegen sich zwischen rhythmischer Dekonstruktion und elementarer Harmonie. Das heißt: Vieles wird in den Mix geworfen, doch nichts davon wirkt zusammenhangslos oder deplatziert, sondern wie die stimmige Verkettung einer intuitiven Produktion. Dabei sind auf der neuen LP nicht nur Loraine James selbst, sondern auch die vokalen Tagträumereien von Künstler:innen wie Tirzah oder Miho Hatori zu hören. Neben Abstechern in Gefilde von Downtempo, Chiptune, Dancehall und Electro-Soul überwiegen gerade die Trip-Hop-Einflüsse und Neunziger-Reminiszenzen. So zu hören auf „Peak Again ft. Alan Sparhawk”, das mit stark reduzierten Drums und monoton-manifestierenden Megafon-Vocals beginnt, seine eigene rhythmische Struktur aber immer wieder auflöst und entfunktionalisiert, nur um im nächsten Moment wieder zu seiner ursprünglichen, aber leicht veränderten Form zurückzukehren. Gerade dieser gelungen verknüpfte Antagonismus zwischen Harmonie, nostalgischer Entrücktheit und avantgardistisch-formeller Sound-Modulation macht das Album zu einer gelungenen Ergänzung im Katalog der sich stetig weiterentwickelnden Künstlerin. Jakob Senger

Philipp Johann Thimm – The Red Door (Monkeytown)

Wenn sich der Opener dem Ende zuneigt, glaubt man bereits zu wissen, wohin diese Platte führen wird. Als ließe sich erahnen, was die folgenden Tracks bringen. Doch genau da täuscht man sich. The Red Door entpuppt sich als ein dicht geschnürtes Paket voller überraschender Sounds und stilistischer Wendungen. Der bereits erwähnte Opener „Have You Ever” erschafft zunächst eine clubmusikalische Ästhetik, getragen von verzerrten Vocals. „Joynes” hingegen bewegt sich deutlich stärker in Richtung Indie. Dann kippt die Stimmung erneut. Die Musik wird hypnotisch und maschinell, ehe plötzlich Cellostreicher einsetzen, Pop-Elemente auftauchen und sich alles zu etwas gleichermaßen Absurdem wie Wunderschönen zusammenfügt. Überraschung ist der Motor der Hörerfahrung, die Philipp Johann Thimm als Multiinstrumentalist, Cellist und Producer elektronischer Musik hier erschafft. Manchmal vergisst man sogar, dass all diese unterschiedlichen Facetten auf einer einzigen Platte versammelt sind. Das liegt nicht zuletzt an den zahlreichen Feature-Gäst:innen – etwa Jamal Dilmen, Aska Matsumiya oder Raz Ohara –, die Thimm für The Red Door zusammengebracht hat. So unterschiedlich die Stimmen und Einflüsse auch sind: Philipp Johann Thimm gelingt es, aus einem Klangbeet eine Blütenpracht wachsen zu lassen. Durchaus etwas wild, aber gerade deshalb so voller Leben. Wencke Riede

Planetary Assault Systems – Planetary People (Ostgut Ton)

Nach zehn Jahren erschien dieser Tage das vierte Album von Luke Slater alias Planetary Assault Systems auf Ostgut Ton. Slater zählt zu den wenigen Techno-Produzenten, die über Jahrzehnte hinweg eine bemerkenswerte Vielseitigkeit bewiesen haben, ohne dabei jemals ihren Signature Sound aus den Augen zu verlieren. Auch Planetary People ist unmissverständlich eine P.A.S.-Platte. Die Bandbreite zwischen bleepiger Psychedelik, brachialer Industrie-Hommage und raumgreifendem Dub Techno beherrscht in dieser Form wohl kaum ein Zweiter.

„Sermon of the Light Tides” ist die Quintessenz von P.A.S. – monumentaler Bleep-Techno, der mit einem perfekt arrangierten Breakdown für kognitive Auflösungserscheinungen sorgt und kein drittes Auge trocken lässt. Etwa zur Halbzeit des 78-minütigen Albums kommt das muskulöse Trio aus „Retina Burn”, „Thunder Major” und „Beton Brut” jeglicher Ruhepause zuvor. Spätestens nach Letzterem wäre es höchste Zeit für eine Runde kühles Leitungswasser: passend betitelte, brachiale Big-Room-Perfektion.

Das Album ist derart klar auf den großen Techno-Dancefloors der Welt verwurzelt, dass es sich problemlos als durchgehender Mix arrangieren ließe, ohne dass irgendjemandem irgendetwas fehlen würde. Klar, das ist in erster Linie etwas für Techno-Heads, auf den prätentiösen Ambient-Filler oder sonstige konzeptuelle Selbstbefriedigungen wartet man vergeblich. Zwar endet das Album im Schwebezustand einer knapp zehnminütigen komplett kicklosen Exkursion („Presently My Soul Grew Stronger”), die hier aber der optimal platzierte Comedown für ein herausragendes Techno-Album ist. Souveräner geht es kaum. Ruben Drückler

Seefeel – Sol.Hz (Warp)

„Brazen Haze” in seiner hotten Sämigkeit oder „Ever No Way” mit seinem ungelenken Stochern sind direkt Klassiker. Also Seefeel-Klassiker, es passiert nicht viel, doch was passiert, ist auf vielen, vielen Ebenen ausziseliert und bleibt als Gesamtcollage hängen. Weniger im Ohr als in diesem Gefüge aus Muskeln, Sehnen, Magengrube und Belohnungssystem des Gehirns. Seefeel ist Glücksmusik, und das Glück wird dabei stets eingetrübt. Das macht das Glücksgefühl umso langlebiger.

Denn obwohl Sol.Hz mit seinen meist weit hinten rappelnden und tröpfelnden Beats und weit ausholenden Flächen aus Synthesizern, Stimmen und Samples als Ambient-Album durchgeht, ist es nicht bloß Badewannen-Musik. Die grünen Weiden von „Falling First” taucht Mark Clifford in Schleier aus Grau, Flieder und Zuckerwatt, die der Sturm über London noch nicht weggewaschen hat. Dazu Sarah Peacocks Sopranstimme als Mensch und in Variationen als Sample ihrer selbst, und es passiert das Angenehme mit dem Unbehagen. 

Als erste Band berühmt geworden, die auf dem Elektronik-Label Warp je mit Gitarren arbeitete, ist der Entwurf von Seefeel gesetzt. Das ficht die Londoner Gruppe nicht an, deren Kern aus Clifford und Peacock besteht und um Shigeru Ishihara alias DJ Scotch Egg am Bass und den ehemaligen Boredoms-Schlagzeuger Iida Kazuhisa erweitert wird. Auf Sol.Hz haben sie Spaß am Mischpult, schauen auf „Behind The Seen”, wie ein Vogel singen würde, wäre er Reggae-Sänger, und wie der Rocksteady-Offbeat wummste, wäre er in Irland erfunden worden. Mit „AM Flares” fällt besagter Vogel in eine Waschmaschine und rotiert bei Salzgabe.
Weniger Körper, weniger Dance, mehr Vergnügen: Dass Seefeel weiterhin mit den jungen Leuten wie etwa Yu Su in London zusammenarbeiten, so wie einst die Cocteau Twins mit Seefeel, tut ihnen hörbar gut. Sie bleiben auf der Höhe der Zeit, ohne wie der Geist der Zeit klingen zu müssen. Christoph Braun

Shinichi Atobe – Silent Way (Plastic & Sounds)

Die Schönheit gerader Linien. Der Produzent Shinichi Atobe scheint auf seinen Platten nie besonders viel zu machen. Außer eben rabiat reduzierten Techno mit teils artfremden Zugaben, die für dezentes Befremden sorgen. Was ihm manche Kritiker vorwerfen oder schlicht nicht hören. Der erratisch-umtriebige Piero Scaruffi etwa schrieb über ihn einst, das sei „keine Musik zum Tanzen, sondern zum Gähnen”. Man kann das freilich auch ein bisschen anders sehen. Auf Silent Way scheint Shinichi Atobe zunächst seinen Kurs zu halten, wobei der Beat bei ihm noch einmal stärker auf die Grundzutaten reduziert wirkt. Die Irritationen spielen sich hingegen am Rand ab, in den leichten Dissonanzen, die in seinen Tracks als Hintergrunddetail an der scheinbar glatten harmonischen Oberfläche kratzen. Angenehme Überraschungen sind zudem Ausreißer wie „Rain 1” mit seinem freundlich klappernden Breakbeat und seiner kristallinen Melodie nahe der oberen Hörgrenze. Und in „Defect”, dem letzten Track, knirscht und knistert es zwischendurch schön seltsam. Irgendwann reißt er ab. Wer gähnt, hat selbst Schuld. Man kann dazu sogar tanzen. Tim Caspar Boehme

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