Neben der strikten medialen Abwesenheit des Brüderpaars speist sich der Hype auch aus dem Umstand, dass seit dem letzten Album Tomorrow’s Harvest ganze 13 Jahre vergangen sind. Warp Records nimmt die Zurückgezogenheit der Schotten zum Anlass für ein Pre-Listening-Event an sieben verschiedenen Orten. Neben Tokio, Barcelona, London, Glasgow, New York und Los Angeles gehört auch Berlin dazu.
Das ist gelungene Promotion, aber auch eine dankend angenommene Möglichkeit für eine überraschend kleine Zahl von Fans, das neue Album eine Woche vor Erscheinen zu hören. Philipp Gschwendtner gehörte zum Kreis der Erlauchten – und berichtet von der beinahe sektenhaften Zusammenkunft in dem Raum, in dem einst Trauerzeremonien stattfanden.
Vor dem silent green im Berliner Wedding treffen sich Music-Heads verschiedener Generationen. Sie wirken im besten Sinne nerdig und ohne die angestrengte Coolness, die man hier zuweilen findet. Ein finnischer Ph.D-Student steht neben einer Gruppe, die eigens aus Wrocław angereist ist. Etliche BoC-Shirts sind zu sehen. Die Stimmung ist freundlich und aufgeschlossen, in kollektiver gespannter Erwartung.

Dass viele der Anwesenden 1998 definitiv zu jung waren, um Music Has the Right to Children zu erleben, zeigt, dass das BoC-Debütalbum auch in Zeiten von Spotify-Playlists und TikTok-Viralität heute noch als Einstiegsdroge in die Welt von IDM und Ambient fungiert. Weil die Tickets personalisiert sind und am Einlass die Ausweise geprüft werden, bewegt sich die Schlange nur langsam vorwärts.

Diffuses Licht empfängt die Besucherinnen in der Kuppelhalle, deren achteckiger Grundriss von dem namensgebenden Gewölbe überspannt wird. Darauf projiziert erstrahlt ein Muster aus einem zentralen Hexagon und sechs weiteren wie Blütenblätter angeordneten Hexagonen: das Logo der Visual Identity von Inferno.

Das Sechseck ist bei Boards of Canada ein wiederkehrendes Symbol, mit dem das Duo, das aufgrund seiner eremitischen Zurückgezogenheit ohnehin als mysteriös wahrgenommen wird, freudig weiter an seiner kryptischen Lore baut. Dementsprechend erweckt die Anordnung der Sitzreihen um ein zentral stehendes Objekt, natürlich sechseckig, den Anschein eines okkulten Rituals. Aus dem Inneren rot leuchtend und konstant Bühnennebel abstoßend wirkt es wie eine Feuerschale.

Kurz nach 22 Uhr signalisiert wechselnde Lichtstimmung, dass es losgeht. Nach einem Spoken-Word-Intro findet man sich unmittelbar in der distinktiven Klangwelt wieder, die Boards of Canada seit über 30 Jahren gestalten. Die Tracks sind neu, aber die einzigartige Ästhetik aus Trip-Hop und washed-out Ambient ist zutiefst vertraut.

Loopy, aber gleichzeitig mit so viel detailliert ausgearbeiteter Variation, um kein bisschen mechanisch zu klingen. Dicht, aber an entscheidenden Stellen mit dem Mut zur Einfachheit. Markant im Vergleich zu früheren Alben sind die zuweilen auftauchenden Gitarren und die häufigen Sprach-Samples. Die sind meistens verrauscht, gepitcht, überlagert, wodurch sie sich der Krux klarer Statements entziehen. Sie funktionieren als organische Klangtextur, nicht auf inhaltlicher Ebene.

Auf Inferno wollen Boards of Canada sich nicht neu erfinden. Sie verbleiben in der Gleichzeitigkeit aus Nostalgie und Futurismus, die ihren Sound schon immer prägte. Und trotzdem überrascht das Album an vielen Stellen mit unerwarteten Wendungen, die jedes Mal eine kleine Portion Serotonin ins System schwemmen. Die visuelle Aufmachung aus Swinging Sixties, Downtempo, der unweigerlich nach Neunziger klingt, und gelegentlich eingewobene Blade Runner-Synthies wirken wie ein verwegener Entwurf aus einer vergangenen Zeit, der parallel für eine Zukunft steht, die sich nie materialisiert hat.

Mit den omnipräsenten Sechsecken, Goodie-Bag und der zelebrierten Exklusivität – you have been selected to participate – schrammt die szenische Setzung nah daran, ihre sektenhaften Anspielungen zu überstrapazieren. Aber es passiert gerade wenig genug, um der Musik den Fokus zu geben, den sie verdient. Das schummrig rot eingefärbte Licht ist genau richtig, um den Blick ziellos schweifen zu lassen. Und die aufgeladene Geschichte des silent green als einstiges Mausoleum verleiht sowieso allem ein besonderes Flair.

Beim Publikum kommt das alles gut an. Im Anschluss gibt es Merch zu erwerben, an der Bar und im Garten wird das Erlebte reflektiert. Für die hier versammelten Fans ist es die willkommene Möglichkeit einer Zusammenkunft. Dazu gibt es sonst keine Gelegenheit: Boards of Canada geben keine Konzerte.