Britta Mischer über „Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave the Planet”: „Lächelnde Gesichter konntest du trotz des Mammons immer sehen”

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Mit Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet hat Regisseurin Britta Mischer (u.a. Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit) eine Dokumentation gedreht, die tief in die DNA der deutschen Techno-Geschichte eintaucht. Von den Anfängen der Loveparade über den schleichenden Einzug des Kommerz bis hin zur Tragödie von Duisburg bildet der Film ab, wie aus naiver Ekstase eine historisierte Marke wurde.

Doch Mischers Arbeit erstickt nicht in Nostalgie. Sie versteht sich als Bestandsaufnahme alter Gräben und neuer Aufbrüche. Im Mittelpunkt steht die Gegenwart und damit die Nachfolgeveranstaltung Rave the Planet. Mischer hat dafür Dr. Motte, das ewige, aber milde gewordene Maskottchen, und Ellen Dosch-Roeingh, die pragmatische Macherin im Hintergrund, über Jahre begleitet.

Dass der Film dabei nicht nur ausgetrampelte Heldenepos-Pfade betritt, zeigt der Blick auf die Konflikte hinter den Kulissen. Welche Egos mussten abgelegt werden? Wie begegnet man den Schatten der Vergangenheit? Und wie viel echter politischer Protest steckt heute noch in einer Techno-Parade?

Bevor der Film ab 31. Juli 2026 in der ARD-Mediathek verfügbar ist, hat Regisseurin Britta Mischer ein paar Fragen von GROOVE-Autor Christoph Gleich beantwortet.

GROOVE: Warum braucht es eigentlich noch einen Film über die Loveparade?

Britta Mischer: 2019 hat Alexander (Schmalz, Anm.d.Red.), mein Kompagnon bei 25films, im Radio gehört, dass Motte die Loveparade wieder nach Berlin bringen will. Er sagte: „Britta, lass uns daraus eine Doku machen.” Außerdem hat ihn unsere ehemalige Geschäftspartnerin Nana (Yuriko, d.Red.) mit Heike Mühlhaus schon um die Jahrtausendwende mit der Kamera begleitet. Ich wusste von diesen Aufnahmen. Die Idee, daraus etwas zu machen, gab es also schon länger.

Regisseurin Britta Fischer in einer Badewanne.
Britta Mischer hat 2012 bereits die Doku Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit veröffentlicht (Foto: contre jour)

Berlin lebt davon, die eigene Vergangenheit zu verklären. In den Neunzigern war es die Loveparade, in den Zweitausendern die Bar25, heute mitunter: Rave The Planet. Ist dein Film eine Dokumentation oder baust du am nächsten Denkmal mit?

Der Film ist kein Denkmal, das hätte etwas Vergangenes. Er ist eher ein Manifest, auch weil mir die Message „Love is Stronger” wichtig ist. Außerdem bin ich immer noch Teil dieser Kultur. Ich will den anderen Jugendbewegungen wie Heavy Metal oder der Gothic-Szene gar nichts absprechen, aber: auf die Straße gehen und die Liebe feiern – das war nur bei Techno so.

Und ist das immer noch so?

Es kommen immer neue Leute nach. Wenn du dir die Bilder der ersten Rave-the-Planet-Parade von 2022 ansiehst, merkst du: Da sind so viele Menschen der Gen Z dabei. Sie bringen Hardstyle und Hardtechno mit. Gleichzeitig halten sie die alten Werte von Peace, Love und Unity weiterhin hoch.

Du erwähnst diese Werte. Wenn man sich altes Archivmaterial ansieht, wirkt die frühe Loveparade oft schön naiv. Was ist rückblickend schwerer zu ertragen: der spätere Ausverkauf oder die frühe Kitsch-Romantik?

1999 habe ich noch über die Loveparade berichtet, dann bin ich aus der Stadt und auf die Nation geflüchtet. Trotzdem will ich den Leuten, die das weiterhin gefeiert haben, nicht ihre Werte absprechen. Klar, ein paar mögen nur noch besoffen gewesen sein, aber: Lächelnde Gesichter konntest du trotz des Mammons immer sehen.

Von der Loveparade zu Rave the Planet war es ein weiterer Weg als über die Straße des 17. Juni (Foto: rbb/shotbystanley)

Im Film fliegen irgendwann die RTL-Ballone über der Straße des 17. Juni.

Da kam dann auch die Sache mit den Fischer-Chören, das war richtig schlimm. Vieles davon musste ich aber aus rechtlichen Gründen aus dem Film nehmen.

Du sprichst an, was es nicht reingeschafft hat. Wer Dokumentarfilme über gemeinsame Visionen macht, muss dennoch Risse zeigen. Welcher Konflikt hat es bewusst nicht in den Schnitt geschafft?

Ich habe versucht, Kontakt zu den Erben von Rainer Schaller (deutscher Unternehmer, der von 2006 bis 2010 die Loveparade veranstaltete, d.Red.) aufzunehmen. Sie sitzen einerseits auf Material von RTL II, andererseits wollte ich ein Interview – auch um die alten Konflikte im Sinne der „Love is Stronger”-Botschaft aufzuarbeiten. Allerdings habe ich keine Antwort bekommen. Dagegen haben sich manche Menschen im Zuge der Dreharbeiten wieder angenähert.

Du meinst Westbam und Motte.

Ja, aber auch Danielle (de Picciotto, Loveparade-Mitbegründerin und Dr. Mottes Exfreundin, d.Red.). Sie haben alte Konflikte abgelegt. Ich verstehe deshalb manche Ur-Raver nicht, die, ich muss kurz überlegen, wie ich das formuliere – na ja, sie hängen so sehr an ihrem Erbe und der History, die sie mitbegründet haben. Natürlich: Dem einen wurde es zu kommerziell. Dem anderen passte die Musik nicht mehr. Dass jetzt manche zur Premiere des Filmes kommen, zeigt: Manche meiner Bemühungen, die Fronten zu enthärten, sind erfolgreich gewesen.

„Der Film ist auch ein bisschen Technovela.”

Wussten sie noch, weswegen sie sich eigentlich gestritten haben?

Na ja, sie haben alle ihre Meinungen.

Und Egos?

Natürlich spielen die mit rein. Und dennoch: Bei manchen hat mein Bestreben zur Aussprache funktioniert.

Keine Aussprache brauchen Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh. Du porträtierst die beiden im Film als Pole. Er ist das ewige Symbol, sie die Macherin im Hintergrund. Gingen „Ideale” und „Realität” manchmal auseinander?

Als ich sie das erste Mal getroffen habe, ging das schon auseinander. Deshalb ist der Film auch ein bisschen Technovela. Aus dramaturgischer Sicht sind diese beiden Pole also gut. Dabei galt Motte schon früher, als Ralf Regitz oder Sandra Molzahn noch die Macher:innen waren, immer als kreativer Freigeist. Er hat aber auch immer, wie Jürgen Laarmann im Film sagt, den Kopf hingehalten. Es braucht einfach beide Pole.

Was es jedenfalls in den Film geschafft hat: der Verkauf der Marke Loveparade und die Tragödie von Duisburg. Ersteres hat Dr. Motte mitverantwortet, Zweiteres hat er miterlebt. War er da gleich offen oder misstrauisch gegenüber deinem Blick von außen?

Ich hatte durch meinen Bar25-Film sicherlich Vorschusslorbeeren. Zu Beginn war er trotzdem skeptisch. Beim ersten Interview hat er ein paar Mal gesagt: Ne, das muss jetzt aber nicht in den Film, oder?

Du meinst die …

… alten Fettnäpfchen. Zum Beispiel die Sache mit dem Sticker 2022. Ich habe ihn trotzdem darauf angesprochen, weil: Was nicht thematisiert wird, wirft nur Fragen auf.

Und was hat er gemeint?

Er hat schnell verstanden, dass er ehrlich sein muss – auch weil er dadurch weniger angreifbar wird. Motte und Ellen haben den Film übrigens auch schon gesehen und nichts beanstandet.

Dr. Motte (li.) und Ellen Dosch-Roeingh haben den Film schon gesehen (Foto: rbb/Thomas Tworek)

Welches Gefühl hattest du, als sie den Film gesehen haben?

Gerade wenn es darum ging, wer was erfunden hat, habe ich schon gemerkt: Das Wegnehmen des eigenen Egos ist ein Prozess. Gleichzeitig finde ich, dass Motte über die Jahre milder und demütiger geworden ist.

Ist das Altersmilde?

Motte ist milde geworden, Ellen neben ihm noch stärker. Sie ist halt eine richtige Powerfrau.

Solche Frauen hat er immer angezogen, sagt Dr. Motte im Film, Danielle de Picciotto auch.

Ich will nicht sagen, dass ich einen Frauenfilm gemacht habe, aber die Position der Frauen um ihn und die Loveparade wollte ich schon hervorheben.

„Motte ist milde geworden, Ellen neben ihm noch stärker.”

Dr. Motte predigt jedenfalls seit Jahrzehnten „Liebe” und „Frieden”. Wie viel ehrlicher Protest steckt 2026 wirklich noch im Rave?

Wenn 350.000 Leute in bunten, glitzernden Klamotten auf die Demo kommen und lächeln und sich Herzchen zeigen und miteinander friedlich tanzen, ist das für mich eine politische Message. Wie viel wirklich bei jedem persönlich dahintersteckt, mag ich nicht beurteilen und ist auch egal. Dieses Bild, dass alle willkommen sind, geht trotzdem in die Welt hinaus.

Du hast den Exzess des Bar25 begleitet. Wenn du heute bei Rave the Planet über die Straße des 17. Juni blickst: Fehlt dem Ganzen nicht die Unberechenbarkeit von früher?

Das letzte Mal war ich hinter dem Lokschuppen-Wagen dabei. Da waren nur junge Leute, und alle gingen ab. Und zwar: ohne Eintritt, ohne Tür. Jede:r konnte vorbeikommen und reinschnuppern. Das ist doch eine gute Sache.

Junge Leute feiern bei Rave the Planet und halten Demoschilder hoch
„Love is Stronger”, steht nicht nur auf den Demo-Schildern dieser Raver:innen (Foto: bbNenad-Blazin-BN.pctrs)

Im Film gibt es eine kurze Szene von damals: Zwei Polizisten in beigen Uniformen spritzen mit Spritzpistolen in die Menge, sie sind Teil des Ganzen. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen, oder?

Es ist schade, dass sich die Welt so verändert, aber man soll es sich deswegen nicht kaputtmachen lassen.

Wenn dieser Film am Ende nur eines hinterlässt – soll man als Zuschauer:in Wehmut spüren, dass früher alles besser war, oder die Illusion abkaufen, dass Rave The Planet die Welt rettet?

Nein, dass früher alles besser gewesen sein soll, ist deine Sicht. Gerade am Ende des Films sieht man doch, wie schön die Leute heute zusammen tanzen. Zum Beispiel gibt es auch den „Kids Rave Truck”. Die Idee wird also weitergetragen. Auch weil Leute wie Motte oder Ellen die Leute animieren: Bringt doch mal wieder ein Demo-Schild mit und tragt eure Techno-Botschaft in die Welt.

Was ist deine Techno-Botschaft?

Dieses Jahr, ganz klar: „Love is Stronger”!

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