Juli 2026: Album des Monats

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Ellen Allien – New Life (BPitch Control)

Ellen Allien war für mich nie eine Künstlerin, deren Veröffentlichungen automatisch auf dem Plattenteller landeten. Zwar führte Anfang der Zweitausender kaum ein Weg an der Matriarch of Berlin Techno und ihrem Label BPitch Control vorbei, doch der Berliner Minimal-Mythos wirkte auf mich oft selbstreferenziell. Eine Ausnahme waren White Dolomite – ein Projekt auf BPitch, das seiner Zeit mit einer Ästhetik voraus war, die später Dubstep heißen sollte.

Umso überraschender ist New Life. Das Album versucht weder, die Musikgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder die Nullerjahre des 21. Jahrhunderts zu rekonstruieren noch aktuellen Trends hinterherzulaufen. Stattdessen klingt es nach einer Produzentin, die ihre Geschichte akzeptiert hat und daraus etwas Eigenständiges entwickelt. Einen entscheidenden Anteil daran hat sicherlich auch ihr Co-Produzent Pablo Mateo. Die Klangästhetik seiner eigenen Produktionen, wie er mit den Frequenzen im Mixdown umgeht, klingt schon sehr ähnlich.

Hier kommt nichts geschniegelt oder makellos daher. Die Kickdrums drücken mit der richtigen Portion Dreck, Synthesizer haben Kanten, Sequenzen laufen nicht auf klinisch berechneten Rastern, sondern atmen. Und trotzdem zitiert New Life doch permanent Musikgeschichte, ohne je nostalgisch zu werden. Aber nie als stilistische Fingerübung oder kuratorisches Namedropping. Die Referenzen wirken selbstverständlich, weil sie nicht ausgestellt werden. Genau darin liegt eine Qualität, die im gegenwärtigen AI-Retro-Betrieb elektronischer Kultur selten geworden ist.

„Lights Off” evoziert jene eigentümliche Asien-Detroit-Achse, die Technasia um die Jahrtausendwende so faszinierend machte: futuristisch, schmutzig, maschinell und zugleich vollkommen desorientiert. Der Track besitzt eine Boshaftigkeit, die sich jeder Berliner Selbstgefälligkeit verweigert. Hier wird Detroit nicht museal zitiert, sondern als offene Wunde begriffen.

„Cruising” spielt mit einer anderen Genealogie. Als hätte Aril Brikha Mitte der Neunziger Carl Craig dafür zur Rede gestellt, dass Landcruising dem Sound of Munich vielleicht mehr verdankte, als dessen Mythos später wahrhaben wollte. Solche historischen Verschiebungen tauchen hier nicht als ironische Kommentare auf, sondern als produktive Missverständnisse. Genau daraus entsteht etwas Eigenes.

„Wonderful Moment” führt dieses Verfahren fort. Der Track klingt, als würde Martin Buttrichs frühe Präzision mit Planet Es futuristischem Funk kollidieren, bevor die gesamte Detroit-Erzählung noch einmal gegen den Strich gebürstet wird. Analoge Drum Machines, digitale Kompression, elektroakustische Texturen – nichts davon dient einem Vintage-Fetisch. Alles wird so kombiniert, dass Vergangenheit wieder Gegenwart werden kann.

Mit „Fantazy” öffnet sich schließlich ein ganzes Archiv elektronischer Popgeschichte. Global Underground, London House, Dub, Digital Dancehall und frühe Proto-Clubmusik überlagern sich wie Erinnerungen, deren zeitliche Ordnung längst aufgehoben ist. Aus Fragmenten entsteht keine Collage, sondern ein kohärenter Sound. Gerade deshalb klingt hier nichts beliebig oder nach jenem gegenwärtigen Randomismus, der Referenzen mit Bedeutung verwechselt.

Das Bemerkenswerteste an New Life ist der immanente Bildungsauftrag. Nicht im akademischen Sinn, sondern als gelebtes musikalisches Gedächtnis. Dieses Album kennt seine Geschichte, ohne sich vor ihr zu verbeugen. Es argumentiert mit ihr. New Life macht aus diesen Traditionslinien kein Archiv, sondern lebendige Praxis.

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