Als im weitesten Sinne Techno-Producer nennt sich Sebastian Spöhr aus Darmstadt Studiogegner. Sein nach circa 15 Jahren lokaler Musiktätigkeit tief gereiftes Debüt Destructive Arts (Jericho Sounds, 5. Mai) hat allerdings den selten gewordenen Mut, weit über die Konventionen des Techno-Business hinauszublicken. Allerdings nicht unbedingt in der Produktion, handelt es sich doch durchwegs um solide, flächensatte Synth-Tracks mit fluffigen Bässen und weichen bis mittelhart bollernden Beats. Inhaltlich dafür umso mehr. Als Hommage an eine Arbeit seiner Mentorin Anita Petersen, einer professionellen therapeutischen Märchenerzählerin, hat Spöhr Texte des deutsch-deutschen Nachkriegsautors Günter Kunert vertont. Es sind kleine, gerne fantastisch bis absurde Textstücke, in perfektem Kontrast zu den immer gelungenen, eher konventionellen Track-Architekturen. Techno und Spoken Word waren sich nie fremd, aber in den vergangenen Jahren gab es wenige bis keine Highlights des tendenziell verschwundenen Mikrogenres. Bis jetzt.
Eher Spoken-World-Music machen die Kalifornier Benjamin Burke und Bear Glass als Shape of the Moon. Ihr in mehreren Wortsinnen atmosphärisches Debütalbum When the land is laid bare (Marionette, 5. Juni) verwebt simultan Geschichten aus Text und Klang. Doppelschichtige Poesie also, die Naturerleben mit elektronischer Instrumentierung konfrontiert und zu etwas Gemeinsamem findet, das aller Zeit enthoben ist und zwischen Ambient, Fourth World, erzählendem Jazz und ruhiger Electronica spielt. Das Art Ensemble of Chicago oder Moor Mother sind hier ebenso nah dran wie weit weg, ähnlich wie der Proto-Ambient auf The Enlightening Beam of Axonda des in der letzten Dekade wiederentdeckten kalifornischen Surf-Hippie-Outsiders Bobby Brown.
Nach einiger Zeit im Ruhrgebiet arbeitet die brasilianische Schlagzeugerin und Sängerin Mariá Portugal nun von Berlin aus. Ihre musikalische Bandbreite ist dabei stetig gewachsen, die kollaborativen Projekte sind gediehen, ja gewuchert. Das EROSÃO Percussion Trio, ihr jüngstes Projekt mit dem Perkussionisten Burkhard Beins und dem Elektroakustiker Emilio Gordoa, ist eine logische Fortführung und Erweiterung der kollaborativ improvisierten Musik auf ihrem gleichnamigen Soloalbum und dem ebenfalls nach dem portugiesischen Begriff für Erosion, aber auch Entblößung betitelten EROSÃO Septet. Das ausladende Trio-Debüt EROSÃO Percussion Trio (Fun in the Church/Kassiani, 1. Mai) steht für diffizil-fragile Sound Art, freie Komposition und gerichtete Improvisation am Schlagwerk. Offene Klangkonstruktionen, die sich aus Psychedelic Rock, Bossa Nova, Tropicalismo und spirituellem Jazz genau das holen, was für ihre Vision nötig ist, die mal unrund rollen, rumpeln und bollern, mal flirrend knisternd-knispelnd Nahezu-ASMR hervorbringen. Musik, die sich aller algorithmischen Kategorisierung entzieht – die nächsten Verwandten im Geiste sind eventuell Valentina Magalettis Postpunk-Trio Moin oder Coby Seys GAISTER, obwohl die letztlich doch kein bisschen klingen wie die verschieden erodierten Iterationen des EROSÃO-Projekts.
Das Motherboard hat schon so einiges an realen Stilen und ausgedachten Genres gesehen, aber spätmodernistischen Südtiroler Zither-Folkpop auf der akustischen und E-Gitarre gab es, glaube ich, noch nicht. Die seit Langem fest in der Berliner Free-Improv-Szene verankerte Margareth Kammerer hat mit dem bereits im vergangenen Jahr beim japanischen Avantgarde-Konglomerat Ftarri erschienenen The Garden (Ftarri Uta, 25. Dezember 2025) jedenfalls ein Manifest dieser imaginären wie realen Szene geschrieben. Stücke aus knapp 20 Jahren Musikschaffen unter Beteiligung ungefähr aller bewährten Akteur:innen der Berliner und Wiener Szene.
Sollten wir vergessen haben, dass der Japaner Meitei / 冥丁 nicht nur und nicht immer der visionäre Sound-Collagist und feinsinnige Natur- und Klang-Beobachter war, als der er heute bekannt ist, sondern ebenso ein Hip-Hop-DJ und Beat-Producer, erinnert uns AGATE / 瑪瑙 (Kitchen Label, 17. April) mit Macht daran. Es ist so etwas wie ein Remix seiner Kofū-Trilogie, dieser imaginären Klang-Archäologie eines verlorenen, antiken Japans, das es so nie gegeben hat, aber dadurch in den fantastischen Klangabenteuern Meiteis erst recht um so realer wurde. Die Stücke sind, seiner DJ- und Turntablism-Praxis entsprechend, geradliniger aufgebaut, aus Cuts und Loops konstruiert zu massiv-üppigen, doch in aller Fülle erstaunlich leichtläufig rollenden Sample-Hip-Hop-Tracks, die in all ihrem speziellen und hyperspezifischen virtuellen Japanisch-Sein doch perfekt in jedes lässige Headz-Set zwischen Flying Lotus, Madlib, oder J Dilla passen würden – nicht zufällig ist das Album von deren Sound-Engineer Kelly Hibbert gemastert.
Der Düsseldorfer Tarek Zarroug alias Taroug geht mit Chott (Denovali, 27. März) auf Wurzelsuche. Dass es ihm dabei weder um touristisch-globalistische Gleichmachung zu einer Art World Music geht noch um eine genaue Reproduktion der musikalischen Traditionen Nordafrikas, wird schnell klar. Es gibt einzelne Sounds und Beatstrukturen, die an die Musik Tunesiens denken lassen. Sie sind allerdings in ein suchend-experimentelles, elektronisches Gesamtbild eingebunden, das Authentizität weniger verspricht als übersetzt – in etwas Neues und Ungewohntes, manchmal leicht Unheimliches. In einem Gesamtbild schwerer Bässe, schleppender Beats und atmosphärischer Flächen werden die verwendeten Fragmente und Samples zu etwas, das sich noch nicht zu einer Konvention oder einem Genre verfestigt hat.