Motherboard: Juni 2026

Es ist ein niedrigschwelliger Running Gag in den einschlägigen Musikforen, dass ungefähr jedes zweieinhalbte Ambient-Projekt den Namen mit mindestens einer Black-, Doom- oder Death-Metal-Band teilt. Ob es da nicht irgendwelche unterschwelligen sinistren Resonanzen gibt, Wahlverwandtschaften sogar? Zumal es noch in den extremsten Ausformungen des Grunz-, Kreisch- und Kirchenanzünder-Brutalismus mit Double-Bass oft atmosphärische Passagen gibt, in denen der Sound-Extremismus zumindest für kurze Zeit aufgehoben ist, ja enthoben scheint in eine dunkeldüstere Transzendenz. Der kalifornische Sound-Artist Jake Muir hat sich nun an die Fleißarbeit gemacht, diese unterirdischen Brücken zu finden und in einer grandiosen Klangcollage namens Pareidolia (Enmossed, 5. Juni) nicht nur zu kompilieren, sondern weiterzudenken, zu entwickeln, in dichten, dunklen Ambient, der die Intention der Originale nicht verrät oder plattbügelt, sondern in eine geisterhafte Zwischenwelt, eine spektrale alternative Realität verschiebt.

Dass sich die instrumentalen Passagen des üppig-satten, meist edelst produzierten Westcoast-Sounds der ausgehenden Siebziger, der weit über seine Entstehungsdekade hinaus als Adult Oriented Rock oder AOR am Rande des Radio-Mainstreams überlebte und immer wieder hipsterisch neu entdeckt wurde, zuletzt wohl als Yacht Rock, dass dieser Sound eigentlich ganz nah an Ambient und Electronica spielt, ist an sich naheliegend, jedoch kaum je konsequent ausgespielt worden. Das ändert sich gerade, und der nomadische Westküsten-Wüstenpsychedeliker Phil Geraldi hat wohl nicht weniger als das Referenzalbum zum (Nicht-)Trend gemacht: Rural Deceased Undiscovered (Not Not Fun, 1. Mai) klingt eben wirklich so, als würde man den Vintage-Transistorradio-Drehknopf einmal quer durch die Langwelle drehen und dabei zielgenau immer die genau richtigen, elegisch eleganten Outros und Glitches erwischen.

Eine klare Vorstellung davon zu haben, was man so machen will, und den Stiefel dann gnadenlos durchzuziehen, ist manches Mal ein Ticket in die freiwillige Obskurität, kann aber eben bei Ausnahmekünstlerinnen wie der Londoner Laura Misch zu unmittelbarem Riesenerfolg und Wiedererkennbarkeit in der Nicht-Ähnlichkeit führen. Als ausgebildete Jazzmusikerin, exzellente Saxofonistin und gediegen samtene Sängerin wollte sie nicht bei der Reproduktion von Standards und Stilen bleiben, hat von Beginn an die Nähe zu Pop, aber ebenso zu Elektroakustik und Sound Art gesucht und so einen ebenso einzigartigen wie mehrheitsfähigen Eigenstil kreiert. Ihr zweieinhalbtes Album Lithic (One Little Independent, 5. Juni) bringt ihr Können und ihre Erfahrung im Jazz und Songwriting mit ihrem Interesse an Naturklängen und Field Recordings – hier, wie der Titel schon andeutet, von geologischen Phänomenen, Steinen und Erde – mit großem Selbstbewusstsein zu immenser Selbstverständlichkeit zusammen. Und es bleibt dabei jederzeit sanft-elegante, unglaublich gut gemachte Popmusik.

Die unaufdringliche, so gar nicht größenwahnsinnige Weltumrundung der Kraut-Dub-Rocker YELKA geht in die circa sechste Runde. Der kühne Plan, abseits jedes Vollendungszwanges Alben im Vierteljahrestakt herauszubringen, hat sich dann wohl doch als unrealistisch herausgestellt, was aber nicht schlimm ist. Im Gegenteil, mit Jeans (Karaoke Kalk, 12. Juni) ist nach einer spürbaren musikalischen Reifephase die klangliche Bandbreite weiter gewachsen. Der ultralässig groovende Sound des Power-Trios – perlende Gitarre, warm blubbernder Bass und luftiges Schlagzeug – ist noch immer Markenzeichen und Impulsgeber. Die Songs dürfen aber in verschiedene Richtungen ausbrechen. Wie zuvor gerne in psychedelischen Dub-Rock, Surf-Pop oder Retro-Funk à la Khruangbin, aber eben auch in lässigen deutschsprachigen Diskurs-Jazz-Pop variabler Geschwindigkeit.

Freundlich-sympathische Songs von älteren Menschen, gelebter musikalischer Humanismus in Wohnzimmer-Lo-Fi – nicht unwahrscheinlich, dass da eines der unzähligen Projekte rund um The Notwist dahintersteckt. Und tatsächlich, bei Henry And The Ghosts Songbook (Alien Transistor, 12. Juni) handelt es sich um ein Soloalbum von Notwist-Tausendsassa und Alien-Transistor-Labelmacher Micha Acher, wo „solo” dann selbstredend bedeutet: Kollaboration und Kollektiv. In dieser Ausformung ganz besonders, denn wie das „Songbook” im Titel andeutet, handelt sich um instrumentale Neuinterpretationen seiner Stücke für eben die zig Bands und One-Off-Projekte, bei denen er in den vergangenen circa 20 Jahren mitwirkte, neu gehört mit Acher am fröhlich bullernden Sousaphon und in kleiner bis mittelgroßer, apart ausgefärbter Instrumentierung mit Banjo, Klarinette, Fagott und pappkartonklappriger Percussion.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Das WHOLE-Kollektiv über das anstehende Festival: „Queerness ist nicht nur Identität, sondern auch eine Haltung”

Das WHOLE-Kollektiv spricht über seinen Weg, die Expansion des Formats nach Brasilien – und die diesjährige Ausgabe.

GiGi FM: „Wenn ich Ableton öffne, habe ich keine Agenda”

Den Tanz als Ursprung, elektronische Musik als dessen logische Konsequenz: GiGi FM ist eine der wichtigsten DJs der letzten Jahre.

Jan Goldmann über das Traumburg Festival: „Wenn Traumburg verschwindet, verschwindet ein weiteres Stück unserer Kultur”

In unserem Gespräch zum Traumburg erfahrt ihr, warum sich ambitionierte DIY- und Underground-Festival nicht mehr rechnet.