Immer mehr Feierfreudige können sich Festivals nicht mehr leisten. Da hilft ein fragwürdiger Kunstgriff: der Einbruch aufs Festivalgelände. GROOVE-Autor Viktor Meier hat sich in diese moralische Grauzone begeben, um herauszufinden, wie sich eine solche Aktion bewerkstelligen lässt – und was sie jenseits von Nervenkitzel hinterlässt. Dafür machte er sich mit elf Leuten auf den Weg ins brandenburgische Unterholz.
Seit Jahrhunderten schlagen Kiefern ihre Wurzeln auf Sandböden der brandenburgischen Wälder. Die Schlingnattern, Wildschweine und Laubfrösche spazieren zwischen den Baumstämmen umher, während in den Baumkronen die Seeadler und Kraniche ihre Liedchen singen. Doch eine ganz besonders rare Spezies haben wir hier vergessen. Eine, die vor allem zur Sommerzeit ihr Köpfchen zeigt. Eine, die geschwind durch den Wald huscht, für die die Bäume eher ein Versteck sind. Ihr erahnt es wahrscheinlich schon: Es handelt sich um Festival-Einbrecher:innen. Noch mehr als die Sparsamkeit treibt diese Kreatur das Adrenalin an. Sie lechzt dem Bass aus den Tiefen des Waldes hinterher wie ein Durstiger der Oase. Ein diskretes und unerforschtes Wesen, auf das wir nun ein näheres Augenmerk legen wollen.


Wir befinden uns am Anfang eines Wochenendes in den Wäldern einer lauen Sommernacht. Dort beginnt das erste von vier Einbruchskapiteln. Zwischen Käfern und Dornen, die sich in der stillen Dunkelheit verstecken, hockt Kim, der erste Einbrecher, dessen Name natürlich verändert wurde. Seit Wochen wurde in der WhatsApp-Gruppe geplant — nun geht Kim als Erster voran und eröffnet das Einbruchsfest, quasi als Lokalmatador. Für Kim ist es nämlich das dritte Einbruchsjahr in Folge, weshalb er als Erster die neuen Bedingungen austestet. In jedem Jahr ist es eine neue Aufgabe, einzuschätzen, wie sich das jeweilige Sicherheitskonzept verändert hat. Im letzten Jahr ist Kim einfach durch den Wald auf das Festivalgelände gelaufen. Doch in diesem Jahr soll es um einiges abwegiger werden.
Anpirschen und Zuschlagen
Von den letzten Jahren hat Kim noch die ungefähre Route im Kopf, aber der Wald ist so dicht und düster, dass ihn vor allem seine Instinkte leiten. Während er sich dem Festivalgelände nähert, fiebern auf dem Gelände schon ein paar Freund:innen seinem erfolgreichen Einbruch entgegen. Kim hält die Hände vor sein Gesicht, um es vor Ästen zu schützen, während er mit seinen Sneakern auf morsches Holz tritt und die Stille des Waldes mit Knacken erfüllt. Vor ein paar Stunden hat er die Tür seiner Berliner Wohnung ins Schloss fallen lassen und saß wenig später in der Regionalbahn, DB-Kekse futternd. Jetzt läuft er schon eine Stunde mit sporadisch eingesetztem Handylicht mitten durch die finstere Natur. Er bleibt stehen, hockt sich kurz wieder hin und merkt: Ich bin grad richtig laut. Und im gleichen Atemzug denkt er: Das macht grad richtig Bock. Mittlerweile, im dritten Jahr in Folge, trägt die Angst zur Spannung bei – das Einbruchsabenteuer ist zum eigentlichen Fest geworden.


Nach einer Weile knipst Kim das Licht aus. Seine Augen passen sich so langsam der Dunkelheit an, und plötzlich ist da ein silbernes Schimmern in der Ferne. Das muss dann wohl der Zaun sein, denkt er. Letztes Jahr stand der noch nicht an dieser Stelle. Und hinter dem Zaun, warte mal, was ist das? Ein Crew-Zelt. Und dahinter? Menschen. Kim versteckt sich schnell und wartet wieder. Ungefähr eine halbe Stunde.
Während er darauf wartet, dass die Menschen am Crew-Zelt verschwinden, kickt die Angst und Vorfreude auf das hoffentlich kostenfreie Festival doppelt. Er lauscht der Musik, die er immer deutlicher wahrnimmt. Gerade performt ein Deutschrapper. Er stellt sich vor, wie sie alle die Hände in die Luft strecken und stolz die Festivalbändchen präsentieren. Auf sein nacktes Handgelenk runterschauend, denkt er sich: Ich will das auch.
Die lockere Stimmung im Auto kippt unmerklich in nervöses Gelächter.
Die Menschen beim Crew-Zelt verschwinden endlich. Kim bekommt von seinen Freund:innen, die ein Loch am Zaun ausspähen konnten, einen Standort gesendet. Von seinem Bildschirm beschienen, stolpert Kim in Richtung des Navigationspunktes auf seinem Handy. Der Zaun ist nur noch wenige Meter entfernt. Er kann es kaum glauben: eine glückliche Lücke zwischen Zaun und Erde wird sichtbar. Dieses Geschenk nimmt Kim dankend an und zwängt sich auf das Festivalgelände.


Jetzt erst mal nicht groß reinkrachen, sondern schnell weg vom Zaun, wo die Security mit ihren Quads Streifendienst fährt. Kim sucht den schnellsten Weg in das große Getümmel, über Zeltschnüre stolpernd, an misstrauischen oder gleichgültigen Blicken der Pavillon-Grüppchen und sich leerenden Trichtern vorbei. Auf dem Festivalpfad, angekommen zwischen den Feierlustigen, dann die große Euphorie, die einrastet. Geschafft! Easy, eigentlich. Aber zugleich auch die Sorge: Das war mit dem neuen Zaun doch komplizierter als erwartet. Wie wird das wohl morgen bei Tageslicht, wenn die größeren Gruppen gemeinsam reingehen? Denn es kommen noch einige – insgesamt sollen es elf Einbrecher:innen werden.
Jetzt!
Mehrere Stunden später, während Kim mit leichtem Kater aufwacht, treffen sich auf einem Berliner Parkplatz müde Blicke. Es sind Arthur, Simon, Eva, Tristan und Chiara, die an Kaffeebechern nippen und Kippchen rauchend die Aufregung vor ihrem ersten Einbruch ausatmen. Im Grunde ist die Stimmung aber gelassen. Auf der Autobahn erreicht sie aber die Nachricht von Kim: Es sei dieses Jahr schwerer geworden als zuvor. Jetzt, wo das Auto dem Festival näherkommt, fängt die lockere Stimmung im Auto unmerklich an, in nervöses Gelächter zu kippen.
Die Fahrzeuge parken weit vom Gelände entfernt, an einem Waldstück, das sie Tage zuvor auf Google Maps ausgekundschaftet hatten. Die Gruppe schreitet in den Wald. Es ist ein schwüler Samstagmorgen, nicht die optimalen Bedingungen für Einbruchserstlinge, die ihr gesamtes Gepäck auf den Schultern stemmen müssen. Nach wenigen Metern bilden sich schon die Schweißpfützen auf den Rücken der Festival-Einbrecher:innen, doch es wird weiter marschiert, durch Spinnweben, durch dorniges Gebüsch, steile Abhänge hinunter. Die Stimmung ist noch munter, als wäre man für das Pilzesammeln verabredet. Dann kommt die Landstraße, die das Waldstück teilt.
„Jungs, ganz ruhig. Entspannt euch doch mal. Ich muss nur mal kurz.”
Die Gruppe erkennt, dass sie den Festivalstrukturen immer näher kommt. Sie rennt wie eine Rehfamilie einzeln über die Straße. Sie hört nun auch den Bass aus der Ferne, dem sie eher blind folgt. Jetzt wird’s ernst.
Die innere Stille kehrt bei allen ein, wie kurz vor großen Ereignissen üblich. Alle hören nur noch den Bass und das Knacken unter den Füßen. Recht schnell sieht die Gruppe den Zaun von Weitem und macht Rast. Erstmal sollen die Leute drinnen kontaktiert werden, bevor man voreilig reinrennt. Der Plan ist nämlich folgender: Erst wird der beste Ort am Zaun ausfindig gemacht, der Standort angepeilt und dann der richtige Moment abgepasst. Wenig später hocken sie alle wieder da, wie die Hühner auf der Stange, bereit für das Signal. Und dann kommt der Anruf: Jetzt! Das Signal zum Losrennen, Arthur und Simon voran, die dem Standort immer näher kommen.


Doch auf der anderen Seite des Zauns lauert plötzlich Gefahr: eine langsam herantrottende Gruppe von Sicherheitsleuten. Beim Rennen bekommt Arthur dann die Ansage am Telefon: Nicht jetzt! Versteckt euch! Arthur und Simon rennen seitlich weg, springen hinter einen Hügel. Eva, Tristan und Chiara bleiben zurück und verstecken sich angsterfüllt hinter Bäumen: Sind die anderen geschnappt worden? Getrennt voneinander bleiben sie alle kurz liegen. Bis Simon langsam den Hügel hochkrabbelt, um sich einen Überblick zu verschaffen — er sieht drei Sicherheitsleute an der fragilen Stelle des Zauns stehen.
Plötzlich dreht sich einer um, und schaut genau in seine Richtung. Simon duckt sich ruckartig neben Arthur runter. „Die haben mich safe gesehen”, flüstert er. Als wäre das alles nicht genug, fängt es plötzlich direkt neben ihnen an zu rascheln. Beide zucken ruckartig auf, schauen schreckhaft zur Seite, bereit, loszurennen. Wenige Meter von ihnen entfernt steht ein oberkörperfreier Mann und lächelt: „Jungs, ganz ruhig. Entspannt euch doch mal. Bin nur auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen. Ihr wisst schon, ich muss nur kurz.”
Schlechte Aussichten
Simon und Arthur hocken noch ein Weilchen hinter dem Hügel und schauen gezwungenermaßen dabei zu, wie ein oberkörperfreier Mann seine Notdurft verrichtet, während der Sicherheitsdienst unbeeindruckt weiterzieht. Der Mann hat wohl die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sodass das leichte Kopfwackeln von Simon hinter dem Hügel unbemerkt bleibt. Dann der zweite Anlauf, und es klappt: Die gesamte Gruppe rennt zum offenen Teil des Bauzauns, und in wenigen Sekunden sind sie alle drin. So leicht kann es gehen. Auf dem schnellsten Weg in die Masse. Beim Passieren von Menschen werden noch ein paar unnötige Gesprächsthemen gesucht. Langsam stellt sich das Gefühl ein, es endlich geschafft zu haben. Der lange Weg durch den Wald ist beschritten, und der damit verbundene Stress, der sich seit dem gestrigen Abend angestaut hatte, entlädt sich.
„Wir müssen nach Hause. Die Arbeit ruft.”
Während sich die erste Gruppe voller Freude auf dem Festivalgelände unauffällig breit macht, haben Joelle, Victoria, Arno, Mathieu und Karol bei ihrem Ankommen auf dem Parkplatz schon den ersten Sekt geköpft. Sie sind die letzte Gruppe. Aus den aufgerissenen Seitentüren des knalligen Autos dröhnt „Picture Me Rollin‘”, ganz nach der Devise: Je auffälliger, desto unauffälliger. Außerdem gibt es was zu feiern, denn Mathieu hat heute Geburtstag. Die Münder mit Kuchen gefüllt, stellen sich auch die positiven Nebenwirkungen des Sektes ein – der angetrunkene Mut. Mit diesem und ein paar lecker Bierchen als Proviant stratzt man auf dem Waldweg, ohne dass sich große Aufregung einstellt.


Doch direkt zu Beginn trifft die Gruppe auf mehrere verborgene Wohnhäuser am Waldweg. Dort sitzt ein junger Mann mit einer älteren Dame und seinem bellenden Hund auf der Terrasse. Es wird nett gegrüßt, die Stimmung ist heiter, fast bebend, doch plötzlich wird es ernst: „Was macht ihr? Wo geht ihr hin?” Mit der Frage des jungen Mannes hat man wohl nicht gerechnet. „Wir müssen leider schon nach Hause. Die Arbeit ruft”, sagt Arno. Der junge Mann steht auf und kommt an den Zaun. Er ist wohl nicht ganz überzeugt von der Antwort: „Wohin müsst ihr denn?” Die Gruppe im Einklang: „Nach Berlin”, obwohl sie gerade in den Wald mitten ins Nichts läuft. Dann schnell der rettende Themenwechsel, die Gegenfrage, ob das Festival so nah am Haus nicht nervig sei. Der junge Mann geht zum Glück drauf ein. Ein bisschen Smalltalk, um sich schließlich mit einer wirklich netten Verabschiedung zu verdrücken. Nochmal elegant gelöst. Oder?
Man trifft sich zweimal
Die Gruppe beschließt jetzt, in den Wald zu gehen. Davor noch schnell mit Insektenspray einsprühen. Und während alle, jetzt wieder heiter wie zu Beginn, diese lästige Arbeit verrichten, geht nicht weit entfernt ein Alarm los. Die Angst schießt sofort wieder hoch. Woher kommt dieser extrem laute Alarm? Den können nicht wir ausgelöst haben, oder? Die Gruppe meint vereinzelt Hubschraubergeräusche zu hören. Was passiert hier gerade? Sie beschließen so schnell wie möglich, ins Dickicht abzutauchen, mit einem mulmigen Gefühl im Magen, denn auch stellen sie sich die Frage: Was, wenn irgendwo Brandgefahr herrscht und man genau in diese Richtung läuft?
„Gib mir mal noch einen Schluck vom Sekt.”
Die anfängliche Heiterkeit kippt auf komische Art und Weise — aus dem Abenteuer könnte schnell ein Horrorfilm werden. Nach und nach entfernt sich die Gruppe von dem Alarm, über die Hügel, dem Gestrüpp ausweichend. Jetzt erst mal wieder durchatmen, wenn auch nur kurz. Denn plötzlich hört Joelle von weitem Schritte. „Leute, bleibt mal stehen”, sagt sie. Die Gruppe gehorcht und hält unten an einem Abhang zum Lauschen an. Die Geräusche kommen von oben, sie schauen aufwärts und sehen, wie sich etwas auf dem Hügelrücken bewegt. Etwas Gelbes. Sie ducken sich sofort. Zwischen den Sträuchern wird ein gelber Poncho sichtbar, der parallel zu ihnen durch das Dickicht läuft. Es sind wohlgemerkt 25 Grad, da läuft man nicht eben mal so mit gelbem Poncho durch den Wald. Joelle sieht unter der Kapuze das Gesicht eines Mannes, der nun stehen bleibt. Es ist der junge Mann von vorhin, von der Terrasse. Dann verschwindet der Kopf aber wieder hinter dem Hügel. „Der ist doch nicht ganz dicht, oder?”, sagt Joelle nach einer Weile in die Stille hinein, „Gib mir mal noch einen Schluck vom Sekt.”


Die Gruppe läuft zügig in die entgegengesetzte Richtung des poncho-tragenden Einheimischen. Karol kann bloß darüber in sich hineinlachen, in was für eine absurde Situation man sich hier begeben hat. Doch jetzt müssen wieder Meter gemacht werden, also weiter durch das Gestrüpp. Ab und zu wird nochmal nach hinten geschaut, ob dort etwas Gelbes lauert. Es scheint aber so, als seien sie nun alleine im Wald. Sie nähern sich immer weiter dem Zaun, und ab hier kennen wir das Prozedere. Man steuert denselben Navigationspunkt wie zuvor an, und mit Hilfe der Helferlein auf dem Gelände verläuft das Einsteigen reibungslos. Auch Gruppe zwei sucht den schnellsten Weg in die Masse. Nach einer langen Odyssee haben es auch die Nächsten geschafft – im Grunde ziemlich unspektakulär. Sie umarmen sich, schütteln fassungslos den Kopf und genießen das bittersüße Gefühl der erlangten Beute.
Ende gut, alles scheiße
Vielleicht habt ihr euch schon gefragt, wer die elfte Person ist. Vielleicht auch nicht. Denn es gibt einen Nachzügler, Melchior, der wegen der Arbeit erst nachmittags in Richtung Festival aufbricht. Er läuft vom Bahnhof zur Straße, dann, wie üblich, durch den Wald. So weit, so gut. Doch die Lage am üblichen Einbruchsort ist unruhig – der Sicherheitsdienst scheint die Stelle nun zu bewachen. Melchior entscheidet sich also dazu, etwas anderes zu suchen. Er läuft mit Abstand am Zaun entlang, in der Hoffnung auf eine Alternative. Doch es ergibt sich keine. Auch an den anderen Stellen brummen die Quads nur so nach Rauswurf. Komplett zurückzulaufen, ist allerdings keine Option. Also muss er es irgendwie versuchen, egal wo und wie. Melchior krabbelt einen Hügel hoch, an dessen Kuppe sich der Zaun befindet. Nicht optimal, denn dieser Teil befindet sich unweit des ausgetrampelten Festivalwegs. Machbar ist das aber, redet er sich Mut ein. In jedem Fall kann er nicht über den Zaun klettern, weil er oben definitiv auffällt.


Also sitzt Melchior erst mal ein paar Minuten und wägt ab. Alternativen tun sich auf die Schnelle keine auf. Egal, irgendwann reicht ihm das Warten und er wagt es einfach. Erst wirft er seine Tasche über den Zaun, und zwängt sich mit Mühe und lautem Rasseln unter ihm durch, nach dem Motto: Wenn der Kopf drunter passt, muss auch der Rest passen. Doch beim Drunterziehen stellt sich eine üble Ahnung ein – hier riecht es komisch. Och nö. Und der Untergrund, der fühlt sich nicht gut an. Och nö. Der Bauzaun ist jetzt extrem laut, aber aus der Not heraus löst sich Melchior mit einem letzten Ruck aus seinen Fängen.
Manchmal kommt es eben noch schlimmer, als man denkt.
Er steht auf und freut sich erst mal überhaupt nicht, nein. Da ist etwas, wovor Melchior jetzt Angst hat. Er hat eigentlich keine Lust, hinzuschauen, da, auf seinen Rücken, wirklich nicht, aber der Gestank lässt ihm keine andere Wahl. Melchior dreht langsam den Kopf und schaut unweigerlich auf den braunen Streifen, der sich stolz von der Hose bis zum Pulli zieht. Es gibt diese Momente, in denen man weinen darf. Er tut es nicht, sondern ist einfach nur sauer.


Melchior ist zwei Stunden durch den scheiß Wald gelaufen, buchstäblich durch die Scheiße gegangen – jetzt ist ihm egal, ob ihn irgendwer sieht oder nicht. Sollen sie ihn halt rausschmeißen. Zum Glück hat Melchior aber Wechselsachen dabei, zieht sich vor allen anderen auf dem Hügel um, während unten sogar Sicherheitsleute vorbeilaufen. Niemanden juckt das so richtig. Er schmeißt die ganze beschissene Kleidung in den nächsten Mülleimer, so wütend ist er, und läuft mit richtig mieser Laune über das Gelände direkt zu den Duschen. Manchmal kommt es eben schlimmer, als man denkt.
Frivoler Spaß oder steigende Preise?
Der Festival-Einbrecher ist eine rare Spezies — wir haben sie uns in Aktion angeschaut, ihre blühenden Momente, die Schattenseiten. Die Frage bleibt: Warum existiert sie überhaupt? Mit dem Einbruch der Nacht haben unsere Festivaleinbrecher:innen immer weniger Angst, auf dem Gelände bemerkt zu werden. Das Fake-Band aus Papier, das am Vortag ausgedruckt wurde, ist bereits abgefallen. Im Eindringlings-Camp ist die Stimmung mehr als ausgelassen. Hätte sich die Möglichkeit zum Einbrechen allerdings nicht ergeben, wären die Allermeisten gar nicht hier.


Es ist von Vorteil, dass das Einbrechen so Spaß macht. „Aber wenn es diese Möglichkeit nicht geben würde, weiß ich nicht, ob ich überhaupt hinfahren würde”, erklärt Kim. „Über 200 Euro für ein Festivalticket kann ich mir absolut nicht leisten.” Die starken Emotionen, die solch ein Einbruch auslöst, gefallen den meisten hier, aber letzten Endes sind sie eher zweitrangig. Es ist letztendlich der finanzielle Aspekt, der sie zwingt: „Wir machen dem Festival natürlich keine Vorwürfe, denn es ist eine schwierige Zeit für kulturelle Veranstaltungen. Der Preis wird schon gerechtfertigt sein – aber er liegt außerhalb meiner Möglichkeiten”, sagt Tristan und schluckt.