Clubkultur ist so vulnerabel wie seit langer Zeit nicht mehr. Das ist eine der Lektionen, die das Attentat auf den Berliner CSD lehrt. Ein beruhigendes Sicherheitsgefühl, das in den letzten Jahrzehnten vorherrschte und als gegeben galt, wandelt sich mehr und mehr zu einer diffusen Angst. Das liegt nicht nur daran, dass Veranstaltungen zum CSD zuletzt immer wieder Ziel von Einschüchterungen, Diffamierungen und ganz konkreten Angriffen von extremistischer Seite wurden wie am vergangenen Samstag.
Es liegt an einem politischen Klima, das marginalisierte Gruppen nicht schützt, sondern ihnen die gesellschaftliche Teilhabe abspricht. Bundeskanzler Friedrich Merz mochte in seiner gestrigen Rede „ein sehr persönliches Wort an die queere Community richten” und versicherte dieser seine Unterstützung. Das mutet an wie ein unvermeidliches Betroffenheitsbekenntnis im opportunen Moment, wenn man sich vor Augen führt, dass queere Projekte in dieser Legislaturperiode nach und nach wegrationalisiert werden wie Ballast in der Freien Wirtschaft.
Tatsächlich muss klar sein: Queere Communitys, die maßgeblich für die Entstehung elektronischer Tanzmusik mitverantwortlich sind, gehören unumstößlich zur Gesellschaft. Deswegen sollte man ihnen selbstverständlich den Raum für Trauer zugestehen, nachdem sie in nicht weniger als ihrer Identität angegriffen wurden. Stattdessen toben in den Kommentarspalten zu ersten Eilmeldungen nach dem Attentat Kämpfe um dessen politische Deutungshoheit, die aus gesellschaftlicher Perspektive interessanter denn je sind: Zur üblichen islamfeindlichen Polemik nach klassischer Wir-haben’s-ja-gesagt-Rhetorik gesellen sich inzwischen jene innerlinken Grabenkämpfe, die die Clubkultur seit dem 7. Oktober spalten.
Die Rhetorik ist dabei eine ähnliche, die Absicht dahinter so perfide wie selbstgenügsam: Man will recht haben. Um queere Personen kann es nicht gehen, wenn man sich keine Stunde nach der Katastrophe zum politischen Beobachter hochstilisiert und als stolzer Antideutscher erklärt, Linke, die sich mit Islamisten gemein gemacht und sich gegen den Staat Israel positioniert hätten, sähen nun, was sie davon haben – als hätte es vor dem 7. Oktober keine Terroranschläge gegeben.
Oder wenn mit einem „Männer. Immer.” reflexartig das Geschlecht des Täters zum Thema gemacht wird, ohne auch nur ein Wort des Mitgefühls für die Hinterbliebenen zu verlieren. Davon abgesehen, wie albern das bei einem islamistischen Terroranschlag wirkt, tritt der linke Solidaritätsgedanke hier hinter dem Verlangen zurück, die eigene Agenda durchzudrücken – wo auch immer, zu welchem Preis auch immer.
Den Betroffenen, unmittelbar und mittelbar, ist mit diesem pietätlosen Ausschlachten einer Tragödie für eigene Eitelkeiten nicht geholfen. Den Raum, der ihnen zusteht, beanspruchen andere für sich. Die nächste Hiobsbotschaft, die sich in ein Klima einfügt, das gesellschaftlich und politisch so queerfeindlich ist wie lange nicht mehr. Von den originären Werten der Clubkultur sollten wir hier gar nicht anfangen.