Motherboard: Juni 2026

Ein spannender und produktiver Austausch der Generationen gelingt Cloud Management & Vivien Goldman. Die Hamburger Kraut-Elektriker und die britische Musikjournalistin und gelegentliche Sängerin Goldman (ihre zu Recht legendäre Single „Launderette” erschien vor ziemlich genau 45 Jahren, das erste Soloalbum 40 Jahre später) treffen sich, um eine gemeinsame Obsession wiederzubeleben: den aus Jamaika nach Großbritannien importierten Dub-Rock als spielerisch avantgardistische Post-Punk-Innovation. Genau diese Entwicklungslinie, grob in der Bandbreite von den New Age Steppers zu Rockers Hi-Fi und dem frühen Bristol-Sound von The Wild Bunch, zieht Whoops, Wrong Planet (Altin Village & Mine, 10. April) liebevoll verspult in die Jetztzeit.

Einen gewissen Glamour muss die Neoklassik wohl noch besitzen, wenn ein nicht gerade für eine extravagant hedonistische Erscheinung bekannter Musiker wie Max Richter ausgerechnet in einer Champagner-Werbung auftritt. Nun, der Pianist namens Lambert verbirgt sein Gesicht immerhin konsequent hinter einer flamboyanten Maske und versucht auch sonst, sein bieder eingefahrenes Genre zu erweitern, nicht unbedingt zu revolutionieren, aber noch ein bisschen stärker in Richtung Broadway-Showtune, Folk-Pop und Chanson zu wenden, diesmal sogar mit seiner eigenen Stimme und wie immer mit zahlreichen Gästen. Ich entschuldige mich schon vorab für den Kalauer, muss aber sein: Auf der eher nicht nach oben offenen Max-Richter-Skala erreicht I Am Not Lambert (Clouds Hill, 8. Mai) eine mehr als solide Siebenkommafünf.

Der Stockholmer Pianist und Soundtrack-Komponist Matti Bye gehört zu den leisesten Vertretern seiner Zunft. Bekannt wurde er kurz vor der Jahrtausendwende mit der düster-symphonischen Neuvertonung des auf einem Buch von Selma Lagerlöf basierenden Stummfilms Körkarlen, hat seither für Blockbuster wie Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand oder, ebenfalls gut passend, für den subtilen spanischen Horror-Thriller Faro gearbeitet. Seine Soloarbeiten abseits der kinematografischen Funktionalität sind noch stiller, in sich gekehrter. Etwa The Sea (Denovali, 27. März), ein meditativer Blick aus dem Fenster auf karge wie melancholisch schöne nordische Landschaften aus isolierten Pianotupfern und beinahe im Hintergrundrauschen verschwindenden Synthesizerflächen.

Treffen sich zwei saturierte Avantgarde-Ikonen mittelspäten Alters, was machen die dann? Keine derb gespielten Radical-Chic-Witze, keine Noise-Brutalitäten, sondern lieber kleinteilig subtile, elektroakustische Mini-Collagen, die gerne zu freundlich postrockenden, instrumentalen Songtracks gerinnen. Es ist also hochgradig experimentell und doch keineswegs abwegig, was M.C. Schmidt & John Berndt auf Cloud Machines (Thrill Jockey, 12. Juni) da machen. Als Matmos-Hälfte hat Schmidt ja so seine Erfahrungen mit dem Umgang mit Samples sowie alter und neuer Elektronik-Moderne. Der Saxofonist und Bandleader zahlreicher Free-Jazz- und Improv-Combos aus und um Philadelphia nimmt sich dagegen hörbar zurück, steuert einzelne Klangfragmente bei, die immer ein bisschen aufmüpfig quietschen, letztlich doch nahtlos in das Krautrock-Affine fließen. Kleine Utopien der Moderne als fantasievoller Retro-Futurismus. Klar, es ist eine Hommage an Comic-Autor und Kindheitsheld Jean Giraud alias Moebius, dessen bahnbrechende Ästhetik von Karen Eliots Cover wunderbar eingefangen ist.

Sei es nun Kunsthochschul-Trap und Art-Techno, oder umgekehrt: Was die in Belgien lebende Britin Oonagh Haines auf ihrem Debüt Not Not Pretending (Moli del tro records, 24. April) zusammenwirft, will auf jeden Fall ziemlich außerirdisch wirken, scheut sich aber keineswegs vor eingängigen Pads und bollerigen Beats. Es ist vor allem ihre Stimme, die Distanz schafft, Abkühlung zur schwitzigen Club-Performance bringt, sei sie nun dalek-artig verzerrt, zu einem maskulinen Bassbariton prozessiert oder gänzlich unbearbeitet, darin allerdings ultimativ unbeeindruckt lakonisch vorgetragen.

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