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Die Platten der Woche mit Black Cadmium, Burial, Drumskull, Ron Morelli und Sam Goku

Black Cadmium – Engkanto EP (Omnidisc)

Rave-Reminiszenz, die 2024-Ausgabe: Das Rotterdamer Duo Black Cadmium orientiert sich dabei wie so viele dieser Tage an den Oldschool-Sounds, Breakbeats und galaktischem Flair der Neunziger. Was sich auf sechs souligen Tracks dieser EP wiederfindet, klingt allerdings nicht viel anders als überall sonst.

Den Auftakt macht das noch vielversprechende, emotional aufgeladene und dennoch schön schroffe „What Have We Become”, danach wird es jedoch uninteressanter. Das ambiente Synthtrumental „Deepwatered” will nicht so richtig zünden, dessen beatlastiger Remix mischt zu viele Elemente und der darauf folgende Electrotrack „Engkanto” klingt zu sehr nach unruhigem Drexciya-Nachbau. Dann bummst es plötzlich gehörig mit dem techigen Deep-House von „Where We Began”, bevor es mit „Construction” einen aufs Wesentliche reduzierten Breakbeat-Groove zum Schluss gibt. Im Gros eine ambitionierte EP, die aber ein bisschen mehr Liebe und Originalität vertragen hätte können. Leopold Hutter

Burial – Dreamfear/Boy Sent From Above (XL Recordings)

Nach jüngeren Ambient-Ausflügen wie Streetlands begibt sich Burial mit den beiden neuen Tracks „Dreamfear” und „Boy Sent From Above”, die passenderweise zum ersten Mal nicht bei Hyperdub, sondern auf XL Recordings erscheinen, wieder in die Rave-Referenzhölle. Gänzlich unbekannt ist der Sound natürlich nicht: die Mischung aus durch die Echokammer gedrehten Mittneunziger-Breakbeats, hochgepitchten Vocals und post-industrieller Darkness erinnert nicht zuletzt an frühere Tracks wie „Rival Dealer”, wird hier aber noch zu einer Art verklausuliertem „Best of Rave-Anthem”-Medley weiterentwickelt. Da schält sich auf „Dreamfear” schon mal die markante Hook von Thomas P. Heckmanns Hymne „Amphetamine” aus der Dunkelheit hervor, um gleich wieder im Hallraum abzutauchen. Bei „Boy Sent From Above” treffen cheesy Achtziger-Synth-Pop-Zitate auf viel Rave-Pathos und den typischen Burial-Knusper und vergrößern den Referenzraum nochmal. Der Deutungsmöglichkeiten gibt es hier viele: großer Spaß, schlechter Traum, genialisch kryptischer Gruß aus der Referenzhölle oder gar billige Anbiederung an TikTok-Techno der 2020er. Die Grenzen verschwimmen zusehends, und wer hier gerade wen einholt, lässt sich wohl nie wirklich klären. Stefan Dietze

Drumskull – Scrolling Shooter (Hooversound)

Körpergedächtnis beziehungsweise Muscle Memory war vergangenes Jahr. In der Zwischenzeit haben sich die Dinge bei Joel Harrison alias Drumskull auf seiner zweiten EP für Hooversound beschleunigt. Statt epischer Break-Hymnen geht es im Titeltrack von Scrolling Shooter mit hektischen Breaks und peitschenden Claps zu. Drumskull geht Drum’n’Bass diesmal ohne nostalgische Beigaben an, in seinem Gegenwartstest prüft er eher die Härtetauglichkeit des Genre-Updates. Gut, ohne Pause hält Harrison das auch in diesem Fall nicht durch, „Unknown Structure” kommt zumindest mit weniger Schärfe in den Beats aus, lässt locker gewebte House-Akkorde im Hintergrund zu. Doch danach schaltet die Maschine wieder auf erhöhten Heftigkeitsbetrieb. Ausdauer erwünscht. Tanzen 2024 ist nichts für Gelegenheitsclubgänger. Tim Caspar Boehme

Ron Morelli – Rhythm Master (L.I.E.S.)

Kennt ihr diese geilen Trailer von früher, in denen sich ein Tom vom Lüftungsschacht an Laserfallen vorbei abseilt, und aus dem Off erzählt so eine pornöse Magnum-Stimme, dass sich ein Tom gerade vom Lüftungsschacht an Laserfallen abseilt? „They don’t make ‘em like that anymore”, sagt Opa Hans beim Heringsschmaus. Und ich, wenn ich Platten wie Rhythm Master von der Rhythmusmaschine Ron Morelli höre, weil: Die Tool-Time ist ein bisserl vorbei, abgelöst von scheppernder Kofferraumbasskistenkacke, die degenerierte Hardcorekiffer in der gecrackten Fruityloops-Version fabrizieren, um das Dasein als DJ halbwegs zu kontextualisieren. Na ja, wäre gelogen, würde ich behaupten, Ron Morelli hätte damit was zu tun. Er kann nämlich nicht nur eine, sondern siebennullachtnullneun Drummachines bedienen und – da wird’s wirklich crazy – sogar aufnehmen. Weil er das in der Vergangenheit bei gegebenen Gelegenheiten getan hat, darf man nun also diesen Werkstattmukkentechno direkt in den Plattenkoffer dübeln. So roh wie ein Rindercarpaccio. Christoph Benkeser

Sam Goku – Glistening Club Music Vol. 4 (Permanent Vacation)

Im wahrsten Sinne des Wortes schrauben sich die Kompositionen von Sam Goku auch in die allerletzte Gehirnwindung – einfach Glistering Club Music auf Permanent Vacation. „Pearl Jab” macht da keine Ausnahme. Los geht es reduziert, damit sich oszillierender IDM – tricky unterbrochen von Sphärenflächen – erneuern und steigern kann. Endet leider viel zu schnell. Intelligent Dance Music ist ein älterer, nicht so fest umrissener Begriff, und Sam Goku passt mit seinen sophistizierten Tracks perfekt zu diesem Genre. „Tales Of The Tiger And Moon” verwebt treibende Garage-(Tech)-House- mit Harfen-Eso-Klängen. Geht ja eigentlich gar nicht – doch, doch, geht, und zwar durch die Decke. Ebenso für Endorphin-Ausschüttung sorgt „Swamp Signal”, bei dem sich Tribal-Rhythmen mit – könnten das Elefanten im Hintergrund sein? – einem dubbig-verzerrten Xylophon vermengen. Unique – und das macht Spaß. Liron Klangwart

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