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[REWIND 2022]: Die besten Mixe des Jahres

Das ganze Jahr über sammelten wir unsere Lieblingsmixe, um euch am Ende nochmal die Sahnehäubchen unserer Auswahl zu präsentieren. Mit 20 DJ-Mixen lässt sich keineswegs die virtuelle Bandbreite des musikalischen Geschehens aus 2022 rekapitulieren, dennoch haben wir euch einen Querschnitt der vergangenen zwölf Monate zusammengepuzzelt, der den postpandemischen Sound widerspiegelt.

Anastasia Kristensen – Essential Mix (BBC Radio One)

Eine offensichtliche, aber genauso logische Wahl, Anastasia Kristensens Essential Mix zum Mix des Monats zu küren. Die BBC stellt die in Dänemark lebende DJ und Producerin als „A new Queen of Techno” vor, was nicht nur platt, sondern angesichts ihrer bereits jahrelangen Karriere etwas abenteuerlich wirkt. Passend hingegen, dass Moderator Pete Tong sie auch für ihre Remix-Arbeiten lobpreist. Unter anderem hat sie die nämlich für Daniel Avery erledigt, der mit gleich zwei Stücken im wie üblich zweistündigen Mix vertreten ist. Nach eher melodischen ersten Minuten unterbricht Kristensens „I’d Love To Do It”, das ihren Stil zwischen rastlosem Atzinnen-Techno und cleveren, mitreißenden Melodien auf Tracklänge durchexerziert, Sherelles abebbendes Sprechstück aus „Higher”.

Nun regiert eine Weile der Techno, meistens mit gerader Kick, mal etwas gemächlicher und introvertierter wie in Jon Hesters „Rituals”, dann wieder stärker in Richtung Exzess tendierend wie in Rene Wises „Don’t Care” von der eben erschienen Knock Motion EP. Kurz nach der ersten halben Stunde bewegt sich die gebürtige Moskauerin im Peaktime-Modus, der ein Weilchen anhält. Anschließend lockern Breaks die Gemengelage auf, die allerdings so schnell an Fahrt aufnehmen, dass schleunigst wieder der Kreiseltanz angesagt ist.Das Highlight des Sets liefert der Übergang von Jaydees „Plastic Dreams” im Etapp-Kyle-Edit in Daniel Averys „Unfolder” kurz vor der vollen Stunde. Danach ist, wie in so vielen Essential Mixen, noch Zeit für den ein oder anderen Klassiker, der die Künstlerin beeinflusst hat. Hier wären das etwa „Firestarter” von The Prodigy, das mit Pessimists breakigem „MDZhB” die perfekte Einleitung spendiert bekommt, oder CJ Bollands „Camargue” im trancigen „Galaxy Mix”. Egal, in welcher Sektion des Mixes man sich einklinkt, so ziemlich alles in diesen 120 Minuten macht Sinn und eignet sich für den Clubgebrauch wie für die Kopfhörer gleichermaßen. Ob es nun Equus’ angecoolter Acid-Electro aus „Worker” ist oder Ben Klock und Fadi Mohem, die gegen Ende nochmal den Berghain-Klang repräsentieren. Maximilian Fritz

Cato Canari – Trushmix 187 (Trushmix)

Balearic geht immer, jahres- und tageszeitunabhängig. Der wenn überhaupt grob definierte Sound zwischen Pop-Attraktion und anglerhutkonformem Selector-Snobismus, der das Café del Mar stets mindestens mitdenkt, erfreut sich in den letzten Jahren – definitiv auch schon vor Einsetzen der Pandemie – einer Renaissance, die für ibizenkische Lifelong-Comedowner keine ist, sondern ein nie enden wollendes Lebensgefühl.

Cato Canari dürfte sich dieser Klientel nicht zurechnen; der Mix des in Tokio lebenden Norwegers für die aus dem gleichen Land stammende Trushmix-Serie zelebriert eine kreative, weiter gefasste Vorstellung balearischer Klänge, die viel zu wenige glückliche Zuhörer:innen vor Kurzem ins neue Jahr hievte. Das Tempo fällt zwar typischerweise moderat aus, die Stimmung aber pendelt zwischen schwül, fokussiert und augenzwinkernd. Trip-Hop-Artiges von Coil oder Army of Lovers, massenhaft perkussiver Ambient, beispielsweise von Dancing Fantasy, oder, wenn es nach vorne gehen soll, ein polternder „Macarena”-Edit von Malouane. Das alles kommt locker gemixt daher, stellenweise laufen Tracks auch aus. Maximilian Fritz

Cato Canari – Trushmix

Coco Bryce w/ Jay Carder (Balamii)

Als Mitbesitzerin von Erbium Records versammelt Jay Carder auf ihrem Label gems aus dem Underground von Birmingham und London. Gemeinsam mit UK-Garage- und Break-Matador Coco Bryce schafft sie für dessen Show auf Balamii ein entspannt-eklektisches Potpourri aus Hip Hop, Jungle und Footwork. Mit einem King-Crimson-Sample beginnt der Spaß gediegen und will auch so bleiben. „U R” von Oceantied spielt in derselben Liga. Auch Proc Fiskal, Breaka, Rareman ändern daran nichts. Ersterer ist in seiner verträumt-pastelligen Stimmung richtig schön Tycho-mäßig zum Am-Strand-einnicken. Auch die nachfolgenden Namen ziehen die Geschwindigkeit nur mäßig an. „Motor City 3” vom Sample-König J.Dilla höchstselbst sowie Soho mit „Jazzy Joints“, die man im übrigen leicht für ein Moniker des ersteren halten könnte, markieren die Mitte. 

Auf einer Achterbahn geht es für gewöhnlich nach dem Anstieg schnell bergab. Diese Achterbahn jedoch scheint das ein wenig anders zu sehen. Weiterhin gefühlvoll aber konstant treibt alles, was mit Beats zu tun hat, fröhlich nach vorne. Kareem El Morrs „Rudeboy Dub” hat was von der Entrücktheit von Boards of Canada. Erst im letzten Viertel reißt’s aus der Entspannung. Vertrackt, verspielt, experimentell und mit Wumms werden wir unter anderem von DJ Krush kurz wach geschüttelt, bis alles abklingt wie ein sommerlicher Rausch. Lutz Vössing

DJ Travella – Fact Mix 862 (FACT)

Bei unseren essenziellen Alben im April 2022 stach das Debüt des 19 Jahre jungen DJ Travella aus Daressalam, Mr Mixondo, zum Glück weit genug heraus. Auch dank Nyege Nyege, die meist mitmischen, wenn im Großraum Uganda und Kenia der Boden zittert. Hamadi Hassani, so DJ Travellas richtiger Name, kreiert für Fact einen angenehm überfordernden Mix in typischer Singeli-Manier. Bei dem in den 2000ern entstandenen Genre oder Performance-Style werden bei besonders hoher Geschwindigkeit verschiedene Samples aus Rave, Trap, R’n’B oder Dembow in einen Teilchenbeschleuniger geworfen, auf Lichtgeschwindigkeit gebracht und zusammengesmashet. Für Nicht-Physiker:innen: Das ist ultraschnell und ballert. 

Im Unterschied zum penibel geplanten Ablauf, der ein Vakuum für Grundlagenforschung zur Folge hat, reißt Travella mit seinem improvisierten Auftritt sämtliche Grundlagen der elektronischen Musik ein. Sowieso bewegen sich Füße und anhaftende Körper bestenfalls so schnell, dass der Floor nur noch metaphorisch vorhanden ist. Sein musikalisches Hilfsmittel: Ein Bluetooth-Keyboard. Eine Tracklist ist nicht wirklich vorhanden, doch hangelt er sich in seinem von ihm selbst als MR MIXONDO MX SICK FACT MIX genannten Werk am eigenen Debüt entlang, remixet dabei aber wie ein Tier und zeigt, dass es vor allem der manische Live-Prozess ist, der seine Kunst so spannend macht. Gequietsche, Drums, Bass-Boost, Shaker und Synthies mit zuckrig-süßen Melodien ergeben einen erfrischenden Sound. Lutz Vössing

DJLOSER – Podcast 44 (BunkerBauer)

Während Trance für die meisten ein Scherz ist und als Gag auf ostdeutschen Festivals nicht fehlen darf, zeigt DJLOSER aus Thessaloniki, dass alles auch entspannter, musikalischer und ohne Augenzwinkern und Student:innengekicher gehen kann.

Für das Kopenhagener Kollektiv und Label BunkerBauer ging der DJ, Produzent und Labelmacher (Magdalena’s Apathy) durch seine Archive und präsentiert im einstündigen Podcast eine exklusive Ansammlung von, Zitat: „hellenistischem Trance”. 

Der Mix ist als Tribut gedacht, an griechische Trance-Musik, -Musiker:innen und Labels seit den frühen Neunzigern – dazwischen angereichert mit eigener unveröffentlichter Musik von DJLOSER selbst. Der einstündige Podcast folgt verschiedenen Spielarten von Trance und ihren Einflüssen entlang von progressivem House über Hard Trance bis hin zu Goa. Die meisten Musiker:innen sind unbekannt, auch eine Tracklist liefert er nicht mit. Kühle, gesichtslose Tanzmusik für unironischen Mondschein über dem Mittelmeer oder Sachsen. Simon Popp

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Edge Slayer – Crack Mix 470 (Crack Magazine)

„I envisioned listening to this in a field right before it gets cold as summer ends with fall’s kiss, (…) Parts of this are a mushroom trip, some parts are a candy flip, and equal parts joy!” – Sommerendstimmung, ein mehr als nahender Herbst und bewusstseinserweiternde Drogencocktails haben Edge Slayers Mix fürs Crack Magazine inspiriert. Hierzulande fragt man sich zwar, wann genau man derzeit noch irgendwo im Gras liegen sollte, die 54 Minuten und 21 Sekunden machen aber dennoch Spaß.

Das hat zwei Gründe: Die Künstlerin aus New Orleans nähert sich dem Set nicht wie eine klassische DJ und beschäftigt sich mit profanen Dingen wie Spannungsaufbau, -kurve oder eleganten Übergängen, sondern mixt auf ziemlich rohe Weise Clubtracks mit Pophits, ohne musikalischen Einheitsbrei anzurühren – rigide ist hier nichts, wirkliche Richtlinien existieren nicht. Den zweiten Grund offenbart ein Blick auf die in der Reihenfolge nicht ganz exakte Tracklist: Egal ob im elektronischen oder im Pop-Bereich, Edge Slayer entscheidet sich ausnahmslos für Nummern, die Spaß machen.

Frankie Knuckles, Kylie Minogue, Opus III, die gecastete 2000er-Girlband Danity Kane und viele weitere sorgen für eingängige Fokuspunkte, Tracks wie Kasper Marotts „Megatu”, das, obwohl in der Tracklist als viertes Stück aufgeführt, erst um Minute 35 läuft, unterfüttern diese mit Tiefgang. Messy geht es zu im „Crack Mix 470”, und obwohl er in Hälfte zwei plötzlich blechern klingt – woran mag das wohl liegen? – hört man anderswo wenig Vergleichbares. Maximilian Fritz

French II – Dekmantel 411 (Dekmantel)

Der Dekmantel-Mix von French II aus dem niederländischen Tilburg fesselt mit einem konturierten Sound, der sich von der hermetischen Digital-Ästhetik vieler aktueller Breakbeat-Produktionen absetzt. Ineinander verschränkte Effekte wie Hall, Rauschen und Verzerrung rufen nicht bloß gängige Spielfilm-Referenzen auf, sie vermitteln das Lebensgefühl einer Musikerbiografie, die sich im Namen des breakbeat continuum zwischen Warehouses, Kellerclubs und Bedroomstudios abspielt. Die kann French II vorweisen: Mit 14 besuchte Frank Klick, wie der Producer eigentlich heißt, die ersten Hardcore-Partys. Wenig später half er bei Veranstaltungen, buchte DJs und produzierte mit der banganagangbangers-Crew. 2019 erschien sein Solo-Debüt bei Intercept, eine fokussierte, brainigeRhythmus-Studie, zugleich laidback und humorvoll.

Gerade dieses Understatement sorgt auch in seinem Mix dafür, die Aufmerksamkeit zu fesseln: Alles, was auf gegenwärtigen Dancefloors nervt, angeberische Eskalation und geschenkte Pop-Nostalgie, dient hier dazu, die Breaks komplexer und fordernder zu machen. Alexis Waltz

GiGi FM – RA.822

Erst kürzlich wurde im GROOVE-Roundtable über GiGi FM und ihre Magnetite EP diskutiert, die im März auf Bambe erschienen ist. Im Zuge dieses Releases droppt sie einen vielschichtigen, zweistündigen Mix bei Resident Advisor. Der Mix lebt davon, Altes mit Neuem zu kombinieren und dabei selbst produzierte Tracks, veröffentlicht wie unveröffentlicht, mit einfließen zu lassen. Dabei jongliert Gigi gekonnt mit den unterschiedlichen Genres. Zu Beginn spielt sie viele eigene Produktionen, die gepaart mit den Tracks anderer aktueller Break-Engineers ordentlich braindancen. Nach gut 40 Minuten nimmt sie das Tempo raus und spielt kurz Beatless, bevor sie langsam aufbauend Breaks in ihr Set einfließen lässt.

Nach genau einer Stunde ertönt dann zum ersten Mal die kaum vermisste Four-to-the-Floor-Kick. Im Verlauf wird es hypnotischer und vielschichtiger und auch ein wenig housy. Am Ende ertönt das psychedelische „Cleo“ von maestro Donato Dozzy. Dieser Mix hat Tiefgang und eröffnet die Möglichkeit, alte Erinnerungen aufleben zu lassen, an neue Orte zu reisen und an mancher Stelle ganz mit der Musik zu verschmelzen. Und im Clubsetting natürlich auch zu tanzen. Um es in den berühmten Worten Chantals auszudrücken: Something for your mind, your body and your soul! Vincent Frisch 

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Maara – Truancy Volume 295 (TRUANTS)

Zwar datiert Maaras Mix für den Blog TRUANTS aus dem Juli, es gibt aber gleich zwei gute Gründe, die Trennung nach Monaten aufzuweichen: Mit dem Mix der Kanadierin meldet sich die Plattform nach einer über zweimonatigen Pause zurück und Maara gewinnt als DJ und Producerin zusehends an Momentum. Das beweist ihre zuletzt erschienene, vorzügliche EP auf X-Kalay. Derzeit lebt sie in ihrer Geburtsstadt Montreal, was man ihren Mixen und Produktionen deutlich anhört. Sie arbeitet mit Künstler:innen wie Priori oder D.Tiffany zusammen und veröffentlicht auf Labels wie NAFF oder Radiant Love.

Trippig, proggig und introspektiv geht es zu, die 295. Truancy-Ausgabe würde aber trotz ihres psychedelischen Charakters hervorragend als mitreißendes Festival-Set funktionieren – ob indoor oder unter freiem Himmel. In den diversen unveröffentlichten Tracks, die Maara über 62 Minuten zusammenkleistert, finden sich Froschquaken, querschießende Melodien, feinsinnige Prog- und Trance-Elemente, die schon aufgrund ihres moderaten Tempos nichts mit dem grellen Revival des Genres zu tun haben, sondern unterschwellig aufkratzen. Wer wissen will, ob Maara auch ins Club-Setting passt, findet das übrigens auf der Krake-Klubnacht im Berliner OXI raus; die zweite Hälfte des Mixes, in der es weitaus feierlicher zugeht, legt das zumindest nahe. Maximilian Fritz

Marie Montexier – AIAIAI Mix 053 (AIAIAI Mix)

Die steile Karriere von Marie Montexier scheint dieser Tage unaufhaltsam. Von ihren DJ-Anfängen auf illegalen Open-Airs rund um Köln hat es die mittlerweile Wahl-Leipzigerin zu einer Residency bei Warning, internationalen Gigs und neuerdings auch einem eigenen Label (Paryìa) gebracht. In ihren Sets begegnen sich schwere Breaks und flirrende Acid-Salven auf den rotierenden Plattentellern, ohne dabei in die Vorhersehbarkeit abzudriften. Denn sobald man denkt, die Energie ist auf dem Siedepunkt angelangt, wird die eigene Antizipationsgabe vom nächsten Backspin Lügen gestraft.

Tatsächlich wählt die junge DJ in ihrem Beitrag für den AIAIAI-Podcast eine eher ungewöhnliche Selektion. Diese ist vermutlich auch der Grund, warum sich der Mix, der ursprünglich aus einer Clubnacht im Sommer 2021 stammt, deutlich von ihrem sonstigen hochqualitativen Output abhebt. Anstatt gebrochener Rhythmen und schweren Basslines gibt’s diesmal funky Powerhouse, blitzende Vocalsamples und einen unerschütterlichen Groove. Space Trax’ All-Time-Hit „Atomic Playboy” macht klar, wohin die Reise geht, und spätestens bei Blue Hours „Warm Love”-Remix glüht nicht nur die 303, sondern der staubigste Schreibtisch wird zum schwitzigen Dancefloor. Marie Montexier lässt den winterlichen Lockdown-Blues verblassen und macht deutlich, warum man sich auf den Sommer freuen sollte. Till Kanis

Marie Montexier AI AI AI

Monster b2b Solid Blake – Jan 7 / 2022 (HÖR)

Ein wirklich spannendes, breakiges b2b liefern die Electro-Abgeordnete Solid Blake und Monster im HÖR-Stream. Die in Glasgow geborene, dann in Kopenhagen und seit 2021 in Berlin lebende Musikerin Solid Blake ist für ihren breiten Musikgeschmack mit dennoch eindeutigen Electro-Nuancen bekannt. Monster hingegen besticht in letzter Zeit zunehmend durch eine interessante Selektion mit Trance-Einschlag. An dieser Stelle sei auf ihr Warmup-Boiler-Room-Set im Rahmen des Warschauer Instytut-Festivals verwiesen.

Sphärische Breaks, kombiniert mit gestochen scharfen Electro-Drums, und feinstes Mixing machen dieses Set wunderbar vollkommen. Beide DJs geben der anderen Platz, um die eigene Auswahl zu präsentieren, und mixen sehr sensibel, um harmonischen Ungereimtheiten entgegenzuarbeiten: Wenn der neue Track kickt, ist der alte Track oft schon ausgefadet.

Von Skee Masks „Type Beat 3” über den Aciddream-Track „1991” von Rigson bis hin zu einem breakigen Remix des Grime-Tracks „Welcome to London” von Flowdan spielen die beiden viele noch unveröffentlichte Schätze. Dieses b2b steht beispielhaft dafür, wie DJs durch den Austausch auf Augenhöhe ein neues musikalisches Momentum kreieren können. Vincent Frisch

Solid Blake b2b Monster – HOER

Narciss – 031 (Pulsår)

Narciss steht für einen modernen, groovigen Sound, der mit Vocals und Trance-Elementen geschmückt ist. Mit bürgerlichem Namen Nicolas Schmidt, lässt sich Narciss nicht in die monochrome Berliner Techno-Szene einordnen. Durch das bunte Auftreten vereint Narciss Gegensätze. Von Künstlern wie Bryan Zentz oder dem Duo Ignition Technician beeinflusst, sind Narciss’ Produktionen stets melodisch und vermitteln einen positiven Vibe. In den letzten Monaten konnten sich Fans über die zahlreichen Veröffentlichungen freuen. Neben einer Videoauskopplung zu „Power 2 Tha People” hat das Pulsår Festival einen einstündigen Mix von Narciss spendiert bekommen. 

Das Set startet gleich mit einem typischen Narciss-Track. Melodische Synths glänzen, werden bald durch Vocals und einen groovigen Bass abgelöst. Breakbeats unterbrechen die trancige Stimmung und würzen das Set mit einem kleinen Stilwechsel. Dabei verliert der Mix jedoch nie seinen groovigen Vibe. Der gesamte Mix ist von Edits und Eurodance-Elementen geprägt. Narciss trifft damit den Nerv der Zeit, ohne eine trashige Grundnote aufkommen zu lassen. Neben altbekannten Stücken sind auch einige unveröffentlichte Tracks zu hören – darunter eine Koproduktion mit dem Berliner DJ-Duo DJ Heartstring. Felix Messmer

Ogazón – May 06 / 2022 (EOS Radio)

Ogazóns Karriere nahm mit einem HÖR-Set aus dem vergangenen September, in dem sie generationen- und stilübergreifend vordergründig moderate Techno-Spielarten verquickte, nochmal gehörig an Fahrt auf. Im April spielte sie bereits am Freitag in der Panorama Bar, im Juni gastiert sie im Rahmen der Klubnacht im Obergeschoss des Berghain und auch sonst ist der Terminkalender der Wahlberlinerin gut gefüllt.

Eine singuläre Kernkompetenz oder einen Sound, auf den sie sich festnageln ließe, hat die DJ aber nicht, spielt sie doch einerseits b2bs mit Palms Trax, mixt fürs EOS Radio hingegen halligen Dub und Dub Techno zu einer entrückten Stunde zusammen, die das Radioformat ernst nimmt. Und den Sommeranfang: Um die kühlen Blautöne zwischen Himmel und Chlorbecken im Freibad im Mix wahrzunehmen, muss man nicht synästhetisch veranlagt sein. Auch rhythmisch präsentiert sich Ogazón polyvalent, von Breaks bis hin zu gemächlichen Afterhour-Tracks mit integrierten Nebelschwaden ist alles dabei. Maximilian Fritz

P.Vanillaboy – none/such – Mar 12 / 2022 (HÖR)

P.Vanillaboy, seines Zeichens Skater und Produzent aus Berlin-Charlottenburg, ist den Soundcloud-kundigen Electro-Fans da draußen schon seit längerem ein Begriff. Nach mehreren certified Hood-Classics wie „Heute Sport” oder zuletzt „Nachtschicht”, das auf DJ Swaggers Label Goddess Music erschien, folgt nun das HÖR-Debüt für none/such. 

Auf die wunderschön-kitschige Eröffnung mit Paradis’ „Toi et Moi” folgt gefühlsseliger Vocal-House bis Cinthies „Push it” die Hitparade der Newschool-Ghettotech-Speerspitze eröffnet und die Acid-Salven durchs Badezimmer fliegen lässt. Schließlich bricht die Nachtschicht an, die Breaks knallen und Viko63 & DJ Mell G beweisen, dass 2022 das Jahr der Techno-Rap-Crossovers wird. Für den sagenumwobenen Spannungsbogen wird dann zum Finale DJ Swagger himself heraufbeschworen, um dem Ganzen einen gebürend-gefühlsduseligen Abschluss zu bescheren. Till Kanis

SHXCXCHCXSH – IA MIX 363 (Inverted Audio)

Das 2010 gegründete Projekt SHXCXCHCXSH hat von Beginn an einen bedachten Umgang in Sachen Inszenierung und Medienpräsenz an den Tag gelegt. Bei Live-Auftritten ist das Duo oft eingehüllt in übergröße Kapuzen-Hoodies, die Namensgebung von Tracks und EPs wirkt für Außenstehende wahllos, und die selten gewährten Interviews lassen Freiraum zur Deutung. All das trägt zur Mystifizierung der beiden Akteure bei. 

Und auch musikalisch ist SHXCXCHCXSH nicht einfach fassbar. Ihr Signature-Sound zeichnet sich durch industrielles Produktionsdesign, abwechslungsreiche Rhythmen und virtuoses Processing von Samples aus. Zu Recht füllt der Output der Schweden konstant begehrte Plätze in DJ-Charts und Albumlisten. Erst kürzlich erschien ein weiterer Release, Kongestion, auf dem Label Avian

In ihrem Mix für Inverted Audio liefern SHXCXCHCXSH einen schamlos experimentierfreudigen Mix innerhalb ihres eigens kreierten Technoverse. Auf der konstant gehobenen Geschwindigkeit von 150 BPM führt das Duo die Hörer:innen in unbekannte Gewässer durch gewagte Juxtaposition verschiedenster Stilrichtungen. Schon in der ersten 20 Minuten findet man Tracks von Genres wie IDM, Ghettotech, Footwork und Hardcore, bevor sie von treibenden Dark-Techno-Nummern verschlungen werden. Bis zum Schluss schaffen es die beiden diese Vielfältigkeit aufrecht zu erhalten, ohne dass die Einheitlichkeit des Mixes verloren geht. Felix Gigler

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Sicaria Sound – Truancy Volume 288 (Truants)

Sicaria Sound sind ein Dubstep- respektive Bass-Music-Duo, das vor nicht allzu langer Zeit sein Aus verkündete, um diese bedauernswerte Entscheidung kurzerhand zu revidieren. Ein veritabler Gewinn für die Szene, wie die 288. Truancy-Ausgabe beweist. Hip Hop, schiebende Roller und düstere Klangkulissen vermengen die beiden Auftragsmörderinnen – so übersetzt sich sicaria ins Deutsche – zu etwa einer Stunde bester Unterhaltung.

Bierernst bleibt es dabei glücklicherweise nicht durchweg, Ennio Morricones Mundharmonika aus Spiel Mir Das Lied Vom Tod darf erklingen; das Ende dieses Mixes, der sich anhört, als prallten J-Zbel und Die Antwoord aufeinander, markiert mit „Arto” der Hidden Track von System Of A Downs Opus Magnum Toxicity. Das begleitende Interview, in dem die beiden freimütig über Missstände in der Szene plaudern und erklären, wie sie sich von diesen emanzipieren, ist übrigens nicht minder lesens- als der Mix hörenswert. Maximilian Fritz

Soft Crash – Oct 11 / 2022 (HÖR)

Während jeden Tag ein perfekt gestylter DJ das grelle Licht des weißen Kachelraums erblickt, kann es zuweilen guttun, sich auf Altbewährtes zu besinnen. Oder noch besser: funktionierende Konzepte zusammenzubringen, um etwas Neues zu erschaffen. So fusionieren Berghain-Resident Phase Fatale und der Disco-beeinflusste DJ und Produzent Pablo Bozzi zum Duo Soft Crash. EBM-Einflüsse, Dark Disco und schaurig-schöne Vocals prallen aufeinander. Die geneigten Hörer:innen werden dazu eingeladen, mit blank polierten Stiefeln und offenem Hemd der blutroten Sonne entgegenzurasen.

Nachdem zur Eröffnung ein Sample aus LDCs gleichnamigem Klassiker in der schwarzen Zone willkommen heißt, lässt die Begrüßung Taten folgen. Remixe von Front-242-, und Tobias-Bernstrup-Tracks folgen auf Schwefelgelb-Produktionen und erinnern an Zeiten, in denen man nietenbesetzte Platform-Boots höchstens beim WGT oder beim M’era Luna sah. Parallel nimmt der Mix unaufhaltsam an Fahrt auf, schwankt zwischen dunkler Ästhetik und sonnigen Disco-Vibes und kulminiert mit „Your Last Everything” in einer Eigenproduktion des Duos, inklusive prominenter Unterstützung von Marie Davidson am Mikrofon. So gut klang Italo Body Music selten! Till Kanis

Soichi Terada – Essential Mix (BBC Radio One)

Obvious choice, ist man hier nicht nur als Brit:in geneigt zu sagen. Soichi Terada ist einer der japanischen House-Producer, bei denen fast immer zu Gold wird, was sie anfassen, zuletzt etwa sein Album Asakusa Light auf Rush Hour aus dem Dezember. Für seinen Essential Mix greift er auf mitunter wohlbekannte deep house sounds from the far east zurück. Shinichiro Yokota, Kuniyuki Takahashi, DJ Nori oder Satoshi Tomiie sind nur einige der Namen, die im zweistündigen Mix auftauchen.

Wer außerdem mit der 2015 von Hunee zusammengestellten Compilation Sounds From The Far East etwas anfangen kann, wird maximal belohnt. Tracks wie „Do It Again” oder „Low Tension” holen gleich zum Einstieg ab und klingen – obwohl aus den frühen Neunzigern – irrsinnig zeitlos. Terada tritt als stilsicherer Altmeister auf, der gleichzeitig extrem Lust hat.

Der gleichmäßige House-Trott regiert keineswegs, mal lockern Bongos die Stimmung, dann wieder schrauben sich quietschbunte Melodien in wilden Spiralen durch den Mix oder die Atmosphäre schwenkt innerhalb von Millisekunden um wie beim Übergang von Hiroshi Watanabes „The Strength In Life” zu Yukihiro Fukutomis „Revisions” wenige Minuten vor Ende. Ein absolut denkwürdiger Mix, der die Zeitlosigkeit insbesondere der House Music aus dem Fernen Osten monumental zelebriert. Maximilian Fritz

Telephones – New Massage 021 (Refuge Worldwide)

Für die Neuköllner Plattform Refuge Worldwide begibt sich Telephones ins herbstliche Unterholz der Berliner Wälder. Drei sphärische Ambient-Stücke japanischer Künstler:innen bilden den Auftakt des einstündigen Mixes und beamen uns unmittelbar ins Geäst. Dabei kramt Telephones tief in seiner Plattenkiste: Hajime Mizoguchis „Panorama” und Akira Itos „Essence of Beauty” datieren zum Beispiel auf das Jahr 1986.

Sublim arrangiert folgt ein housiger Part, der sich bis zum Ende durchzieht. Auffallend ist hier Telephones’ zeitlicher Fokus: Abgesehen von Fit Siegels Geniestreich „Carmine” von 2015 und Ajukaja & Andrevskis „Looking For Something That’s Not There” von 2005 stammen fast alle Tracks aus den frühen Neunzigern – wie Aphex Twins erster Release „Analogue Bubblebath” von 1991 oder Sashas „Key To Heaven For A Heavenly Trance (Night Dubbing Mix)” von 1992. 

Telephones’ Mix ist zeitlos-schwerelos. Der Norweger kreiert eine Stimmung, in der das Set trotz seines Schwenks hin zum House nie seine beruhigende Sanftheit verliert. Gleichzeitig knistert es angenehm bis zum Ende. Unüberhörbar ist hier ein Kenner am Werk. Ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen und an seinem Knowhow teilzuhaben, ist eine große Freude. Nathanael Stute

X-Coast – Feb 10 / 2022 (HÖR)

Als einer der Ersten gibt der New Yorker DJ und Produzent X-Coast dem wohl berühmtesten Badezimmer der Welt seine ursprüngliche Funktion zurück. Während des Intros holt er Rasierer und Spiegel heraus und rasiert sich, als wäre dies das Normalste der Welt – auch wenn ihm dabei unzählige Menschen live zuschauen. Dieser performative Akt wird für so manche:n HÖR-Streamer:in ein unvergesslicher Moment sein. Nach der Rasur startet dann das energische Set, das irgendwo zwischen Trance-Revival, Balearic-Beat und Early-2000er-Renaissance einzuordnen ist. Das Set lebt neben der Selektion auch von X-Coasts schnellem, manchmal etwas schroffem Mixing. Dadurch ergeben sich aber immer wieder spannende, neue Momente, die einmalig sind.

X-Coast transportiert Sonne, Strand und glasklares Meer in das kalte und triste Berlin und lässt schon jetzt vom Sommer träumen. Als weiteren Performance-Akt packt er die noch verschweißte CD-Compilation Neapolis aus dem Jahr 1999 mit Tracks von Legenden wie Marco Carola oder Geezers aus und steckt sie ins Laufwerk des CDJs. X-Coast zeigt, dass ein DJ nicht nur Selekteur, sondern zeitgleich ebenso Performer sein kann. Technisch macht er mit Backspins, Scratches und schnellen Fade-Ins nicht immer die perfekten Übergänge. Dadurch entsteht jedoch ein einmaliger, menschlicher Drive, der wohl auch die letzten Perfektionist:innen davon überzeugt, dass ein DJ-Set auch perfekt unperfekt sein kann, dass gerade darin eine einmalige Schönheit liegt. Vincent Frisch

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