Foto: Frank P. Eckert

Abkühlung nötig? Wenn diese Kolumne erscheint, ist die Hitzewelle des späten Sommers nur noch ferne, wehmütige Erinnerung. Die Befürchtungen wenden sich wieder von den schnöden Realitäten des Klimawandels zu weiteren Wellen der Pandemie. Wie darauf reagieren, die Kälte der Gesellschaft reflektieren oder ihr ein wenig Restwärme (alias Liebe) entgegensetzen? Nun, Lucrecia Dalt, kommender Superstar der Elektronik-Avantgarde, setzt auf Kompromisslosigkeit und Distanz. No era sólida (RVNG Intl., 11. September) führt die experimentellen Ansätze ihrer letzten EPs in eine gekühlte Unterdruckkammer, in der Vocals nur noch aus wortlosen Andeutungen bestehen, Harmonik nicht mehr zu Songs werden kann, Dub nur eine entfernte Erinnerung bleibt. Beeindruckender Minimalismus und konsequente psychologische Distanz machen das Album tatsächlich zu einem Ereignis, das weit jenseits der Spaßgesellschaft spielt – und doch inmitten ihrer unguten Vorahnungen.

Die britische Lyrikerin Lisa Jayne serviert ihre von klassischer Moderne und später Avantgarde inspirierten Vocals in coolem (hier zu lesen als: eiskaltem) Achtziger-Duktus. Ihr Projekt Map 71 mit dem experimentellen Schlagzeuger Andy Pyne gibt dem Hipness-von-gestern-geplagten Genre Minimal Wave wieder etwas von der überlegenen Würde und Unnahbarkeit zurück, die es ursprünglich mal so faszinierend machten. Das ist auf Turn Back Metropolis (Foolproof/Fourth Dimension, 4. September), ihrem nun schon fünften Album in fünf Jahren, in aller notwendigen Konsequenz durchgezogen und, genau, faszinierend.

Das jüngste Projekt von Driftmachine-Hälfte Florian Zimmer, die Berlin-Kiew-Connection Tvii Son mit Mika Shkurat und Sängerin Lucy Zoria, kultiviert auf dem Debüt Tvii Son (M.I.C Records, 18. September) ein vergleichbar minimalistisches, kalt-heißes Verständnis von Pop und Post-Punk im Geiste von Industrial und Dub aus Modular-Maschinen. Ebenfalls faszinierend. Ebenfalls eine Rettung des Altbekannten in neuer, beinahe verloren geglaubter Konsequenz.

Der polnische Synth-Konzeptualist Bartosz Zaskórski alias Mchy i porosty (was soviel wie Flechten und Moose heißt) hat sich in seiner jüngsten Transsubstantation als мхи и лишайники auf Нассать на мир (Not Not Fun, 4. September) in eine dystopische Sowjetunion hinein geträumt, in der Ende der Siebziger gasmaskenbewehrte Fetisch-Söldnermutanten minimalen Industrial-Darkwave in lebensfeindliche Stalker-Ruinenlandschaften hinein spielen, als würde der Morgen nie kommen. Faszinierende Artefakte einer alternativen Vergangenheit.

Was der Schwede Mikael Strömberg mit dem sensationell uninspirierten Pseudonym Igor seit über 40 Jahren mit analogen Synthesizern macht, hat ebenfalls viel mit unausgetretenen Pfaden, nicht weiter verfolgten Ideen, der Sowjetunion und den Filmen Andrei Tarkovskys zu tun. Strömbergs multiple Arbeitsfelder umfassen vor allem Sound Art und Klanginstallationen, aber genauso ungewöhnliche Kunstobjekte aus und mit Vinylplatten. Die vierfache 7-Inch umf (Lamour Records) ist so ein Ding, bezieht sich unmittelbar auf Tarkovskys dystopische wie von christlicher Symbolik satte Filme Stalker, Solaris und Nostalgia. Und klingt dabei verdammt interessant und ästhetisch weit weniger abweisend, als das strenge Konzept es vielleicht suggeriert.

Sabrina Bellauoel ist als DJ und Produzentin keine ganz unbekannte in der Pariser Clubszene. Ihr auf zwei EPs verteiltes Album, dessen erste Folge We Don’t Need To Be Enemies (Infiné, 4. September) gerade erschien, fühlt sich dennoch an wie ein Debüt. Weil sie in den Tracks die ganze Bandbreite ihres Könnens, von Ambient und Vokalartistik über straighten Techno zu gebrochener Elektronik und Abstrakt-R&B, ausbreitet und sich mit klaren Kommentaren zur politischen und gesellschaftlichen Lage nicht zurückhält. Was eben gesagt werden muss! Unbedingt weiter verfolgen!

Die bombastische wie fantastische EP Head Above The Parakeets (Mute, 11. September) der Australierin Teneil Throssell, die sich HAAi nennt, sucht sich einen Weg durch verschwommene, verwaschene, ausgeblichene Erinnerungen an vergangene epische Raves, an endloses Breakbeat-Donnern, Basswalzen und Acid, an den zweiten, dritten, x-ten Sommer der Liebe. Nur dass dieser dunkel geworden ist, die Euphorie nicht mehr greifbar, verloren, versickert. Zeitgeistiger geht es wohl kaum, kein Wunder, dass ein so abgefahrenes, zerschlissenes Etwas bei einem Major Label erscheinen kann. Wenn es so etwas Paradoxes wie experimentelle Big-Room-Drone Electronica geben kann, dann genau jetzt, genau hier.
 
Wobei: Das, was Stereo_IMG, der Betreiber des interessanten kanadischen Outsider-Techno-Labels North of Nowhere, auf Generation of Gods (North of Nowhere Records, 25. September) so macht, kommt einer ultimativ experimentellen Großraum-Elektronik schon ziemlich nahe. Sowohl introspektive und detailversessene Sounds, die sich zu Momenten der Überwältigung aufsummieren und das Potential besitzen, das Hirn mal richtig gut durchzupusten.