Stream: Lena Andersson – Middle Of Everywhere

Ambient bringt dann neben Fülle wieder Ruhe und Wärme ins Klangbild. Herausragend wie vorbildlich heuer umgesetzt vom Schotten Oliver Coates. Sein zweiteiliges Langstück John Luther Adams‘ Canticles of the Sky / Three High Places (RVNG Intl.) entwickelt fein glimmenden bis überwältigend gleißenden Drone-Ambient aus kaum noch als solchen erkennbaren Chorälen. Die Funktion der Choräle, ihre sakrale Erhabenheit, ist allerdings jederzeit spürbar. Es sind kleine Kathedralen, minimalistische Transzendenz, ganz ganz leise Riesengröße. Das belgische Ambient-Trio HOERA. beherrscht diese feinste Abwägung von Nähe und Überwältigung, Stille und Lautstärke nicht weniger souverän. Das dritte Album Jaunu (Granvat) das in der exzentrischen Kombination aus T-Shirt und digitalem Download veröffentlicht wird, ist aus Klangmaterial des Litauischen Chors gleichen Namens zusammengestellt, ohne dass die menschlichen Stimmen noch als solche erkennbar wären und von gespielten Klängen des Trios subtil begleitet. In der kargen Schönheit dieses organisch digitalen Band-Ambient erreichen HOERA. fantastische Höhen.

Stream: Oliver Coates – Sky With Nameless Colors

Ambient muss nicht nur schwebend sein um einen Effekt zeitenthobener Stille zu bewirken. Der im hohen Norden Finnlands lebende Niederländer Samuel van Dijk, der als Mohloa strengen Dark-Techno und als VC-118A elegante Electro Soundscapes auf Labeln wie Konstrukt oder Delsin veröffentlicht, produziert unter dem Alias Multicast Dynamics konzeptuelle Dark Ambient.Soundscapes, die praktisch ohne Flächensounds auskommen und doch dieselbe entgrenzende Schwebewirkung entfalten wie traditionellerer Ambient. Lost World (Denovali), das jüngste Multicast Dynamics-Album (und nicht weniger die fünf Vorgänger aus den vergangenen fünf Jahren) macht dies unmittelbar verständlich: Mikroskopische, molekular-granulare Klangpartikel arrangieren sich zu einem übergeordet-makroskopischen körnigen Klangbild, einem geologisch-hydrodynamischen Ambient der Extraklasse. Matt Hill alias Umberto bedient sich explizit der Konzepte von Filmmusik um den Lauf der Zeit zum mäandern zu bringen. Helpless Spectator (Thrill Jockey) verwendet dafür warm klingende Analog-Synthesizer und diverse akustische Instrumente aus der (Neo-)Klassik. Sogar gerade oder ungerade Beats sind hin und wieder möglich, ohne den beruhigten Fluß des Albums wesentlich abzulenken. Die Bezeichung dieser Musik als „Soundtrack ohne Film“ ist hier mal keine Beleidigung sondern gewollt und adäquat. Solange dabei so schöne wie gefühlige Musik dabei herauskommt – kein Problem. Der etwa eine Generation ältere britische Komponist Andrew Poppy arbeitet ganz ähnlich. Neoklassik, Ambient, Electronica mit und ohne Beats fließen in seine Stücke ein, aber vor allem ist es eine filmische Struktur, eine Funktionalität ohne Funktion, die Stücke von Hoarse Songs (Field Radio) auszeichnet. 

Video: Andrew Poppy – XY Song (live)

Um den Kreis zum Beginn der Kolumne vollends zu schließen, auf Penelope Redeux (Houndstooth) mit Remixen und Interpretationen von Penelope Trappes zweitem Album “Penelope Two”, betonen praktisch alle Bearbeitungen die reichlich vorhandene wie flüchtige Stille die Trappes nur solo und im krassen Gegensatz zu ihrem minimal-wavigen Bandprojekt The Golden Filter kultiviert. Von makelloser Pathosbewältigung (Mogwai) über zischelnde Dark Ambient-Ventilation (Cosey Fanni Tutti, Nik Colk Void, Félicia Atkinson) zu disruptiv-fragmentierten Neo-Trip Hop Entwürfen (JFDR, Throwing Snow) ist Abwesenheit von Lautstärke und Inhalt hier jederzeit wesentlicher Mitspieler – sogar in der Dächer abdeckenden Version von Mogwai.

Stream: Penelope Trappes – Burn On (Mogwai Rework)