Sven Väth wurde von Ibiza geprägt. In den frühen Achtzigern verliebte er sich in die Insel, ließ sich von der freigeistigen Stimmung dort inspirieren. Als er in den späten Neunzigern ambitionierte Clubsounds nach Ibiza brachte, wurde er zunächst verlacht. Was als zäher Kampf gegen die Vorherrschaft des britischen Trance auf der Insel begann, erwies sich als visionärer Schritt, denn Ibiza wurde zum Motor für den globalen Siegeszug von Techno. Ende Mai feierte Väth mit drei Partys sein zwanzigjähriges Jubiläum auf der Insel. Groove-Chefredakteur Alexis Waltz gewährte er einen Einblick in die Welt, die er und seine Cocoon-Crew auf der Insel erschaffen haben. 

Das Aluminium bebt, der Flieger legt eine scharfe Rechtskurve ein. Er neigt sich und da ist sie, die steinige, zerklüftete Insel. Die rohen Felsen sind strahlend weiß. 

Zu meiner Linken sitzt eine Mittfünfzigerin in einer weiten, bunten, indischen Baumwollhose, die in ihrem Telefon endlose Geschäftsnotizen editiert. Rechts ein junger Mann mit kahl geschorenem Kopf, Armeehosen und DJ-Kopfhörern. Hier ist Ibiza zum Klischee geronnen: Hippiekultur, Geschäftssinn und elektronische Musik in ihren stereotypesten Formen.

Das Geschrei eines Säuglings erhebt sich über dem Rauschen der Triebwerke. Auf meinen Knien liegt das Ibiza Special des Mixmag. Vielleicht gibt es mittlerweile zu viele Technopartys auf der Insel, lese ich. Verkehrte Welt – in den Neunzigern fand Techno auf Ibiza so gut wie gar nicht statt. Britischer Trance und abgehalfterter US-House beherrschten die Clubs. Bis Sven Väth 1999 dort der Montagabend im Amnesia angeboten wurde und er ambitionierte Clubmusik nach Ibiza brachte. Für viele schien das angesichts der Dominanz englischer Promoter ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Fahrer biegt in einen Kreisverkehr ein, während sich über den Billboards ein Privatjet majestätisch in den Himmel erhebt.

Dann aber setzten sich die Partys und Afterhours von Cocoon als einzige musikalisch glaubwürdige Veranstaltungen auf der Insel durch. Bis die anderen Star-DJs anfingen, das Väth-Modell zu kopieren und damit die Inflation einleiteten, mit der die Insel heute zu kämpfen hat. 

Im überraschend kleinen Flughafen von Ibiza ist man ist noch dabei, sich auf die Saison einzustellen, die traditionell Ende Mai beginnt. Der Bus rollt durch eine zersiedelte Gegend nach Ibiza-Stadt. Dass elektronische Musik hier keine Nische ist wie an den meisten anderen Orten der Erde, sondern für viele Grund, die Insel zu besuchen, zeigen die großen Werbetafeln, die in der kargen Landschaft stehen. 

Die Billboards werben für Partys im DC10 oder im Pacha, mit Solomun oder Calvin Harris, aber auch Namen wie Helena Hauff oder San Proper tauchen auf. Irritierend ist allein, dass Mainstream-Techno und Underground und sogar EDM in denselben Clubs stattfinden. Der Fahrer biegt in einen Kreisverkehr ein, während sich über den Schildern ein Privatjet majestätisch in den Himmel erhebt. Tatsächlich machen die Superreichen aus den USA, Mexiko oder Russland heute den Raver*innen Ibiza streitig, indem sie die Preise treiben und in den Clubs die US-Amerikanische Table-Kultur einführen. Teuer war Ibiza immer: Eintritte kosten bis zu 60 Euro, ein Longdrink 15 Euro. Clubs wie dem Pacha reicht das nicht, sie wollen Tische mit einem vierstelligen Mindestverzehr pro Person verkaufen. Davon ahnt man hier im Bus auf dem Weg vom Flughafen nach Ibiza Stadt noch nichts: Die zerstreuten, weißen Häuser verbreiten eine gelassene, leicht melancholische Stimmung. 

Tag 1: 20 Jahre Cocoon mit Underworld, Sven Väth, Ilario Alicante, André Galuzzi & Dana Ruh im Ushuaïa Beach Hotel

x Sven Väth im Ushuaïa Beach Hotel. Foto: Alexis Waltz

Wenig später stehe ich vor dem Ushuaïa. Das Clubhotel ist groß, weiß und verwinkelt, es bemüht sich um Eleganz. Das Drumherum ist aber alles andere als edel. Ein Mischmasch aus Bars, Fastfood und Souvenirläden. Grölende Männergruppen, Frauen in aufreizender Kleidung.

„Um die Ecke bitte“, sagt eine Türsteherin. Unter den Schildern Tickets und Guestlist sind die Schlangen endlos. Am Presseeingang ist niemand – außer eine elegant gekleidete Londonerin, die, wie sie sagt, mit den Macher*innen des Clubhotels befreundet ist. Sie wird an den VIP-Eingang eine Ecke weiter verwiesen. Ich muss meinen Ausweis zeigen, auf einer Liste wird mein Name ausgestrichen, und schon bin ich drin.

Der große, arenaartige Raum ist von weißen, dreigeschossigen Gebäuden umschlossen, die unterschiedlich groß sind und ein mediterranes Städtchen mimen. In der Mitte ein Pool, der umzäunt ist.

Plötzlich steht Johannes Goller vor mir. Er ist für Cocoons Aktivitäten auf Ibiza verantwortlich. Sein Blick hört nicht auf, die Umgebung zu scannen, sein Hirn scheint nie abzuschalten.

Die Sonne kämpft noch mit den Wolken, die Crowd ist dennoch gut aufgelegt. Zuerst fällt ins Auge, wie groß die Altersspanne ist, von 18 bis über 60 ist alles vertreten – vielleicht auch, weil heute der Ibiza Music Summit zu Ende geht.

Als zweites fällt auf, wie gut der Sound ist. Draußen kein Laut, kein Wummern, hier drinnen ist der Bass gewaltig und präzise umrissen, die Höhen sind klar und feinkörnig. Auf der riesigen Bühne steht Sven Väth, er hat eine weiße Schallplatte in der Hand, die er der Crowd zeigt. 

Eine monochrome Uniformierung, wie man sie aus dem Berliner Nachtleben kennt, und die damit verbundene Zurückhaltung findet man hier nicht. Die Menschen wollen ziemlich genau das Gegenteil: Wohlstand und Attraktivität vermitteln. Wie man das bewerkstelligt, dafür gibt es keine Norm, von der Touristenkluft bis zum Abendkleid und weißem Anzug, von Vans bis Louis Vuitton geht hier alles.  

Plötzlich steht Johannes Goller vor mir. Fast von Beginn an ist er für Cocoons Aktivitäten auf Ibiza verantwortlich. 13 Jahre lang reiste er auch gleichzeitig noch mit Sven als dessen Tourmanager. Sein Blick hört nicht auf, die Umgebung zu scannen, sein Hirn scheint nie abzuschalten. Er drückt mir ein Backstagebändchen in die Hand. Von hinten betrete ich die riesige Bühne, sie ist voller Menschen. Eine gut aufgelegte, herausgeputzte Truppe, die glamourös und erlebnishungrig ist. Die Wert darauf legt, erfolgreich und/oder schön zu sein und auch so wahrgenommen zu werden. 

X Sven Väth auf der Bühne des Ushuaïa Beach Hotel. Foto: Alexis Waltz

André Galluzzi ist da und Dana Ruh. Sie haben heute Nachmittag gespielt. „Es war verrückt vorhin, da hat es noch geregnet”, sagt Dana. Maurizio Schmitz, Svens Manager und Booker, erkundigt sich, ob ich gut angekommen bin: „Willst du deine Tasche ablegen?”

Sven spielt ein hartes Acidstück, „Aries in Mars” von Josh Wink, dann den atmosphärischen, vielschichtigen Techno, der seine vier Sets an den drei Tagen prägen wird, „Substance” von Gregor Tresher etwa. Ich stelle mich an die Seite der Bühne und versuche, ein paar Fotos zu schießen, doch Sven dreht sich sofort zu mir um. Ertappt. Er nickt mir zu. 

X Svens Freundin, sein Manager Maurizio Schmitz, Sven Väth. Foto: Alexis Waltz

Sven strahlt, kraftvoll und gewinnend. Sein Blick wandert über die Crowd, er dreht sich um, blickt auf die Bühne. Bekannte und Freunde treten nach vorne, und er nimmt sich Zeit, sie liebevoll zu begrüßen. Maurizio schenkt Tequila Shots ein. Einer fordert ein Selfie. Ein Selfie? Jetzt? Während des Sets? Vor 5.000 Leuten am 20. Geburtstag von Cocoon auf Ibiza? Aber auch das ist Sven nicht zu viel. Er umarmt den Mann und blickt gelassen in die Kamera. Für einen Moment scheint der Trubel vergessen. 

Dann ist Nacht, Sven geht ins Finale. Er spielt „Disco Rut” von Legowelt, einen der größten Hits von Cocoon Recordings überhaupt von 2006 im aktuellen Mix von Benny Rodriguez, der, anders als das Original, entfesselt und hymnisch klingt und den Technoklassiker „Vamp” von Outlander. 

Sven, seine Freundin und ein paar Freunde gehen, schnellen Schrittes von Johannes geführt, von der Bühne durch die Menschenmasse. Der letzte in der Schlange ist ein spanischer Bouncer. Es geht so flink, dass kaum jemand Sven bemerkt. Die Reise endet in einem leicht erhöhten VIP-Bereich mit Blick auf die große Bühne.

Ein besoffener, gestikulierender Fan, der auf Sven zu torkelt, wird blitzschnell weggeführt.

Sven begrüßt Freunde und Bekannte. Steffen Charles etwa, den Macher der Time Warp und Raver der ersten Stunde, von Anfang an Svens Weggefährte. Diesen „Betriebsausflug”, wie er lachend sagt, macht die Time Warp jedes Jahr. Er ist mit seiner Frau, einem Teilhaber und zwei Mitarbeiterinnen da: „Früher war der Sound oft schlecht auf Ibiza, immer hieß es mañana – morgen.”, erklärt Charles: „Man kann von diesem Ort hier halten, was man will, aber der Sound ist makellos. Die Anlage kommt von Adamson. Der Bruder einer der Geschäftsführer des Ushuaïa vertreibt diese PAs in Frankreich. Deshalb steht hier immer das neueste Modell.”

Ein älterer Mann mit faltendurchfurchtem Gesicht, zurückgekämmten Haar und einer ernsten, aufmerksamen Mine passt auf die Getränke auf, kleine Bierflaschen, Tequila, Wodka und Champagner. Bist du Security oder Barmann? Beides, lacht er. Er heißt Tomas und arbeitet schon seit neun Jahren für Cocoon. Der zweite, junge Security, der uns hierher begleitet hat, ist sein Partner. Er hat Sven und die Menschen um uns herum immerzu im Auge. Als ein besoffener, gestikulierender Fan auf Sven zu torkelt, führt er ihn blitzschnell weg.

X Sven Väth & Ilario Alicante. Foto: Phrank.

Mittlerweile haben Underworld angefangen zu spielen, sie klingen überraschend trackig und ein wenig leise. „Ich bin schon viermal mit Underworld aufgetreten.” sagt Sven: „Das erste Mal 1999.” Ein etwas schroff wirkender Spanier wird von Sven begrüßt. Er betreibt das KM5, ein Restaurant, in dem auch Partys stattfinden. Zu den Leuten in der Gruppe um Sven gehört auch Julia Gensthaler, sie hat früher für Cocoon gearbeitet und ist mittlerweile Wedding Planner: „Zahllose Paare aus der ganzen Welt wollen auf Ibiza heiraten”, erklärt sie. Sie organisiert die Feste. Um sich dabei wie Jennifer Lopez im gleichnamigen Film zu verlieben? Nein, sie selbst glaubt nicht ans Heiraten. Verliebt ist sie aber schon. Ihr Freund ist Engländer, er heißt Andrew Gillings. Mit seinen langen, grauen Locken und seiner John Lennon-Brille sieht er aus wie ein Kind der siebziger Jahre. Er ist Busenfreund von Ricardo Villalobos, sagt jemand.

Sven folgt dem Konzert, trinkt, schwatzt und albert mit seiner Freundin herum. Andrew lamentiert über den Zustand der elektronischen Musik auf der Insel, kommt auf die Punkzeit in den späten Siebzigern, da ließ man niemandem nichts durchgehen. “Vielleicht magst du einfach keine elektronische Musik?” Weit gefehlt: „Ricardo in Leeds und in Bukarest: Da kann ich mich heute noch noch an jeden Track erinnern.” 

„Aber sie haben sich doch auf der Bühne gesehen, oder?”, fragt Maurizio, Svens Manager.

Und was machst du beruflich? Stimmt es, dass du an einem Roman schreibst? Das hat gerade jemand behauptet. „Dazu fällt mir ein Witz ein”, kontert er: „Zwei Männer treffen sich in einem Lokal. Der eine sagt: Ich schreibe einen Roman. Der andere antwortet: Ich mache auch nichts.” 

Dann steht Sven plötzlich mit Underworld auf der Bühne. Selbst Maurizio sagt später, dass er überrascht war. Danach hängen wir in der Artist Lounge des Ushuïa ab. Auch Nina Peter ist da, die Mutter von Svens zweitem Kind.

Ein Freund von Sven feiert seinen sechzigsten Geburtstag in einer Lounge im Club, Sven sollte ihm noch gratulieren. Jetzt ist er aber schon weg. Nicht auf seiner Finca, sondern in einem Hotel in der Stadt, wo er ein Zimmer zum Ausruhen hat. „Aber sie haben sich doch auf der Bühne gesehen, oder?”, sagt Maurizio.

X Sven Väth. Foto: Phrank.

Natürlich gibt es noch eine Afterhour, und vielleicht wird Sven dort spielen. Einige aus der Truppe haben Hunger, in zwei Autos fahren wir zu einem Laden, in dem noch Pizzastücke verkauft werden und, wie Maurizio sagt, Bier vom Fass. 

Maurizio lenkt den Mietwagen über die Stadtautobahn und dann durch die zugeparkten Straßen von Ibiza Stadt. Plötzlich steht ein schwarzer SUV vor uns. Der Wagen von Sven. Seine Fahrerin läßt das Fenster herunter: Sven geht auch noch etwas essen, dann soll es zur Afterhour gehen. 

Wir sitzen in der warmen ibizenkischen Nacht. Maurizio bestellt Pizza und Bier. Ein Freund von ihm erzählt: Dorian Gray, Vogue, Omen – das hat er alles mitgemacht. Jetzt heiratet er nach 19 Jahren Beziehung seine Freundin, und Maurizio hat ihn zum Junggesellenabschied nach Ibiza eingeladen. Maurizio wird auch auf der Hochzeit auflegen, er ist nämlich auch DJ. Ich frage ihn, was er spielt, und er sagt in seiner unnachahmlich bescheidenen Art: „Techno und House, und das schon seit über 20 Jahren.” Immer wieder legt er auch mit Sven gemeinsam auf, dennoch kennt ihn kaum jemand. Er sei ein DJ´s DJ, und das stört ihn nicht: Es geht ihm um die Musik.

Die DJ-Kollegen begannen eigene Partys zu veranstalten. Sven nahm ihnen das übel.

Maurizio erzählt von der Szene auf der Insel. Den Höhepunkt hatte Cocoon 2011, 2012. Dann warb das Amnesia Cocoon die DJs ab, und ermutigte sie, eigene Partys zu veranstalten. Manchen, wie Marco Carola, gelang das. Andere wie Richie Hawtin oder Loco Dice gaben nach einiger Zeit auf. Sven nahm das den Kollegen übel, schließlich hatte er diese Plattform erschaffen. Und Sven war auch immer schon Veranstalter, mit 23 kaufte er seinen ersten Club, das Vogue, um es in das Omen umzuwandeln. 

In den folgenden Jahren hat dieser Prozess eine Inflation ausgelöst, unter der die Szene der Insel heute leidet. Mittlerweile gibt es zu viele Partys, die sich zu ähnlich sind. DJs veranstalten Partys, die Clubs veranstalten Partys und jeder legt überall auf. Dabei sind die Bedingungen schlechter geworden. Ein neues Gesetz zum Schutz der Anwohner verbietet Veranstaltungen zwischen 7 und 16 Uhr und die Preise für Übernachtungen sind explodiert, so kämpfen mehr Partys um weniger Gäste. 

“Du magst Ibiza und du magst es nicht,”
sagt Maurizio.

Sven hat daraus die Konsequenz gezogen, in diesem Jahr im Amnesia nur zehn Partys zu feiern. Er hat ein starkes Gespür für Veränderung, sagt Maurizio. Dennoch ist Ibiza immer noch Ibiza. Es hat seine Geschichte und seine Ökologie. Das haben die kroatische Festivals, die Ibiza Konkurrenz machen, nicht. „Du magst Ibiza und du magst Ibiza nicht.”, sagt er.  

Ich bin heute Morgen um 3:30 aufgestanden, also streiche ich die Segel, während die anderen zur Afterhour aufbrechen. Eine weise Entscheidung. Am nächsten Morgen heißt es, Sven habe den Club betreten, da stand gerade André Galluzzi hinter den Plattentellern. Sven stand einen Moment da, dann drehte er um und ließ sich nach Hause bringen.

Tag 2: Gerd Janson, Sven Väth, Adam Beyer & Ida Engberg und Dorian Paic bei Cocoon im Amnesia

Das legendäre Cocoon Artist Dinner findet in einem eleganten italienischen Lokal am Hafen von Ibiza-Stadt statt. Zur Straße ist nur eine hohe, braune Mauer sichtbar. Der Eingang ist klein, zwei Bouncer stehen davor. Die Empfangsdame führt mich in einen großen Raum, in dem schon eine kleine Gruppe wartet. Es werden Bellinis serviert, ein Aperitif aus Sekt und pürierten, weißen Pfirsichen. Eine Amerikanerin erzählt: Ellen Allien nahm sie unter ihre Fittiche, als sie aus Kalifornien nach Berlin zog. Jetzt lektoriert sie die Texte eines Skater-Magazins. Auf einer Party lernte sie Sven und seine Freundin kennen, und die luden sie und ihre Familie nach Thailand ein, wo die Väths überwintern: “Wir sind viel länger geblieben, als wir dachten.”, lacht sie. 

Gerd Janson macht heute Nacht für Sven das Warm-Up. Er hatte in den letzten Tagen sieben Gigs ohne Pause, zum Teil zwei an einem Tag. Jetzt freut er sich auf ein Glas Weißwein, das erste in dieser Zeit. Ein DJ-Kollege kommt dazu. „Ich lege sechs Tage am Stück auf”, sagt der. „Ich habe sieben Tage aufgelegt”, erwidert Gerd. „Ich habe nicht sechs Tage aufgelegt, ich muss noch sechs Tage auflegen”, stöhnt der Kollege. „Auflegen muss ich noch zehn Tage”, erwidert Janson ohne mit der Wimper zu zucken. 

Wenig später ist der Raum voller Menschen, und Sven steht vor mir. Er sieht gelassen aus, ein wenig ernst vielleicht. Mich hat der Abend gestern überrascht, sage ich: Wie gut die Party funktioniert hat, wie sehr sich die Leute gefreut haben, der eigentümliche Mix aus Menschen. Viele waren noch wegen des Ibiza Music Summit da, sagt Sven mit seiner vollen, warmen Stimme. „Diese Plastikburg gewinnt keinen Schönheitswettbewerb,” fügt er hinzu: “Aber die Bühne ist der Hammer. Ich bin aus Triest angekommen, da hat es noch geregnet. Wir wissen noch nicht, wie viele Leute genau da waren, wahrscheinlich mehr als fünftausend.”

“Champagner”, sagt Sven und bestellt sich selbst ein Bier. 

Dann begrüßt Sven einen Mann, vielleicht um die 60, und stellt ihn mir vor. Es ist Andreas Gursky, der bekannte Fotograf. Er lebt auch auf Ibiza. Er hat in den 2000ern Fotos von der Masse von Raver*innen im Cocoon Club in Frankfurt gemacht. “Was trinkst du?” fragt ihn Sven. “Champagner, geht das?”, fragt Andreas Gursky ein wenig schüchtern. “Champagner”, sagt Sven und bestellt sich selbst ein Bier. 

Johannes verteilt die Leute an die großen ovalen Tische. Es fühlt sich an wie ein glamouröses Familienfest einer extrovertierten, feierfreudigen Wahlfamilie. Man sitzt auf niedrigen, weißen Ledersesseln. So wirkt die Raum edel und dennoch luftig und offen. Die Form der Tische spiegelt sich im Oval des gesamten Raums, zwischen Ölbildern hängen LED-Screens, auf denen blaue und rote Animationen laufen. Dieser glamouröse Mix aus klassischen, organischen und futuristischen Formen erinnert auch ein wenig an den Cocoon Club. Das in schwarzen Uniformen gekleidete Personal serviert ein klassisches, italienisches Menü mit Carpaccio und gegrillten Artischocken. Ich sitze neben einer lebhaften Frau mit langem, grauem Haar, die ein zugleich kunstvolles und einfaches Kleid trägt – genau die Mischung aus Hippietum und Luxus, die die Ibizenkos lieben. 

“Wenn an der falschen Stelle im Vertrag ein und statt einem oder steht, kann uns das eine Menge Geld kosten,” erklärt Tanja Rohe, Geschäftsführerin von Cocoon.

„Bist du Künstlerin?”, frage ich sie. „Vielleicht bin ich das.” Eine der wenigen Fragen, wo es kein Vielleicht gibt, widerspreche ich. Was bringt sie her? Svens Sohn geht auf dieselbe Schule wie ihr Kind, sagt sie. Sie ist Italienerin, hat mit ihrer Familie am Mont Blanc gelebt, aber das war zu kalt und unwirtlich für den Jungen. Deshalb sind sie nach Ibiza gezogen. “Ist es nicht teuer, hier zu leben?” “Nicht teurer als anderswo”, sagt sie. 

Dann ist es schon elf, die Kellner*innen bringen opulente Desserts. Die ersten müssen aufbrechen, die Party fängt gleich an. Sven geht von Tisch zu Tisch, bekommt Bilder auf dem Telefon gezeigt und plaudert. 

Wir brechen mit Tanja Rohe auf, einer humorvollen Frau. Sie macht bei Cocoon alles, was mit Zahlen und Paragraphen zu tun hat, sagt sie. Auf der Party bleibt sie nur ein Weilchen. Das sei auch in Ordnung, weil sie und das Team sich schon so lange kennen. Sie hat vor mehr als zehn Jahren begonnen, als Assistentin von Talida Wegener zu arbeiten, die lange Svens Bookerin war. Sie sitzt dann morgens um zehn schon am Laptop, liest ihre E-Mails und guckt, ob alles gut gelaufen ist. Von Haus aus ist sie Juristin, das ist notwendig, weil mit den Clubs komplizierte Verträge geschlossen werden. Da wird zum Beispiel festgelegt, wer die aufwendige Promotion übernimmt. Auf Ibiza wird ein Teil der Tickets für die Partys an den Stränden verschenkt. In den Verträgen wird dann festgelegt, wer das Team mit den Buchstaben des Cocoon Logos bezahlt, das diesen Job übernimmt und über die Strände zieht. “Wenn da an der falschen Stelle im Vertrag ein und statt einem oder steht, kann uns das eine Menge Geld kosten,” erklärt Tanja. 

Die Terrasse des Amnesia. Foto: Alexis Waltz

Das Amnesia liegt an einer Schnellstraße, die ins Landesinnere führt. Eine Kolonne aus Taxis markiert die Einfahrt des Clubs. Man parkt auf einer Wiese wie auf einem Festival. Das Amnesia ist ein Komplex würfelartiger, weißer Gebäude, ein großer LED-Screen kündigt die Party an. Ein Mitarbeiter am Presseeingang stattet uns mit verschiedenen Bändchen aus. Der Mainroom ist mit seiner hohen Decke ein dichter, kesselartiger Raum. Hier werden heute Nacht Adam Beyer & Ida Engberg auftreten. Sven spielt schon seit Jahren auf der luftigen Terrace, die mit dem Glasdach und den Pflanzen wie ein Treibhaus wirkt, die dem entgrenzten, spacigen Ibiza-Gefühl mehr entspricht als der Mainroom. Früher war die Terrasse eine echte, vollständig offene Terrasse. Die Ibiza DJs der ersten Generation legten hier unter freiem Himmel auf. 

„Wir mussten in das Amnesia zurückkehren,” sagt Maurizio.
„Hier hat alles angefangen,” fügt Sven hinzu.

Gerd Janson spielt ein ausgefeiltes Set, zurückhaltende, verspielte Momente, dann schräge Sounds, die Spannung erzeugen, später klingt er überraschend raumgreifend. Sven steht am Rand der Kanzel, er schaut auf den Floor und sieht dabei ziemlich ernst aus. So vergehen Minuten. Seine Freundin einige Meter weiter, mit derselben Konzentration und Ruhe. Währenddessen entfesseln Adam Beyer & Ida Engberg auf dem Mainfloor ein Techno-Inferno, das immer spontan und lebendig klingt, das sich ab und zu in den allzu poppigen Melodien vergreift. 

x Der Main Floor des Amnesia während des Sets von Adam Beyer und Ida Engberg. Foto: Alexis Waltz

Sven geht mit dem inner circle auf die Galerie. Sofas, von innen beleuchtete Champagnerkübel. Auch das Amnesia hat einen Bereich mit Table Service, der ist aber kleiner und dezenter als in den anderen Clubs. 

Sven stößt mit einem Glas Dom Perignon an, lächelt sein verheißungsvolles Lächeln. Dennoch ist das ein ernster Moment. Cocoon befindet sich auf Ibiza in keiner einfachen Situation. Er tritt an die Galerie, spricht mit Maurizio, mit Johannes, der Freundin. Aber die meiste Zeit schaut er runter in die Crowd, die immer größer wird. Er scheint die Atmosphäre dieses Ortes und dieser Nacht in sich aufzusaugen. Das 20. Jahr im Amnesia nach einem Jahr im Exil im Pacha, das sich als keine Option für Cocoon erwiesen hat. Auf dem IMS hatte er auf dem Podium über diesen Club gesagt: „Pacha has no soul.” Wie fühlt sich das an, wieder hier zu sein? „Sie haben viel getan, sie haben das Layout verändert. Der Sound ist viel besser.”, sagt er gefasst.  

„Wir mussten in das Amnesia zurückkehren,” erklärt Maurizio: „Das Pacha ist zu luxuriös, das Privilege zu groß, das Hi ist toll gemacht, aber zu amerikanisch, zu sehr Miami.” „Hier hat alles angefangen,” sagt Sven.

Sven Väth, Gerd Janson. Foto: Alexis Waltz

Sven begrüßt einen weißhaarigen, braungebrannten Spanier. Er hat in den späten Neunzigern in den Clubs auf Ibiza als Visuals Dias projiziert, erzählt der: “An einem Abend stand ich auf einer Leiter und richtete meine Projektoren ein, da stand auf einmal Sven vor mir und erzählte mir von seinen Plänen im Amnesia. Er schaute mir in die Augen und fragte mich: Willst Du Teil meines Teams werden?”  

“Das Amnesia ist das einzige Warehouse auf Ibiza,” sagt Gerd Janson.

Wenig später steht Sven in der Booth. Viele Gesichter aus dem Ushuaïa, auch Tomas und sein Kollege sind wieder da. Die Booth ist eng, den meisten Platz beanspruchen Ton und Licht. Das Gedränge um das Pult würde fast jeden DJ stressen, Väth inspiriert es. Blitzschnell füllt sich der Raum, und die Raver*innen bekommen, auf was sie gewartet haben: gradlinigen, konzentrierten Techno.

Sven Väth im Amnesia. Foto: Alexis Waltz

Das Amnesia ist das einzige Warehouse auf Ibiza, sagt Gerd Janson. Die, die es sich leisten können, feiern egalitär. Ibizenkischer Körperkult, subkultureller Tribalismus und uniformer Tourismus kommen hier gleichermaßen zu ihrem Recht: in Szene gesetzte Dekolletés, Gesichts-Tattoos und Schmerbauch mit Goldkettchen über dem T-Shirt. Jeder ist hier gleichermaßen willkommen. Was den Style angeht, kennt das Nachtleben hier anders als in Berlin keine Norm. 

Sven spielt einen flächigen, weichen Sound, dessen Reiz in seiner Vielschichtigkeit liegt. Ohne Brüche zu erzeugen, kann er ins Verspielte, ins Emotionale oder ins Psychedelische gehen. „Only Human” von Four Tet verarbeitet Nelly Furtados Stimme zu einem irrealen Chor. Mano Le Tough gibt dem trippigen „Spektrum” von Erol Alkan eine Emotionalität, die typisch ist für dieses Set von Sven. Es verdichtet sich mit der Zeit, bleibt aber doch vergleichsweise ruhig und gefühlvoll. Pünktlich um sieben ist die Party vorbei, das Personal komplementiert die Raver*innen bestimmt und rasch aus dem Club. 

Tag 3: Cocoon Afterhour im Benimussa Park & im Club Rabbit Hole mit Sven Väth 

Benimussa Park. Foto: Alexis Waltz

Die Afterhours haben Cocoons Präsenz auf Ibiza einzigartig gemacht. Dort tummelte sich die Szene der Insel. Sven spielte dort oft nochmal den ganzen Tag und manchmal auch noch die nächste Nacht. Jetzt hat die Verwaltung der Insel aber, wie erwähnt, ein Gesetz zum Schutz der Anwohner*innen erlassen, das Afterhours verbietet. Eine Sperrstunde gab es auf Ibiza immer, in den 2000ern mussten die Raver*innen das Amnesia um 5 Uhr für eine Stunde verlassen und durften ab 6 weiterfeiern. Aber die Strenge der neuen Regelung ist beispiellos. Deshalb kann die Afterhour erst um 16 Uhr anfangen, und ist damit auch keine richtige Afterhour, sondern eine entspannte Nachmittagsveranstaltung. Sie findet im Benimussa Park statt, einer weitläufigen, grünen Anlage in den Vororten von San Antonio, einer kleinen Stadt auf der anderen Seite der Insel. 

Sven ist zugleich Spielball der Klänge und deren Dirigent.

Die Cocoon Familie lässt sich ihren nicht Spaß verderben. Die kleine Bühne ist überbordend mit Laub und Blumen geschmückt, drei riesige Plattentaschen und eine kleine stehen hinter Sven. Die Time Warp-Truppe ist wieder da und diverse Cocoon-Mitarbeiter*innen, die für das Controlling zuständig sind, für das Label, das Studio Väth in Berlin, für Social Media. Eine Deutsche erzählt, dass sie sich in Mexiko für Nachhaltigkeit im Nachtleben einsetzt, etwa für den Verzicht von Einwegbechern. Ein großer, schlaksiger, ausgelassen feiernder Mann entpuppt sich als Francesco Missoni, Spross des italienischen Modelabels. Ich komme mit einem jungen Mann ins Gespräch, der wie die anderen im Backstage feiert, er lebt in Hongkong, er gehört zu einer Clique, die sich der Inofficial Cocoon Fan Club Asia nennt. 

Sven Väth auf der Bühne des Benimussa Park. Foto: Alexis Waltz

Der junge Mann heißt Fabian, er ist Deutscher, seine Freunde kommen aus Korea, arbeiten wie er in der Finanzindustrie. Einer von ihnen filmt Svens Sets dezent mit seinem Smartphone und lädt die Videos bei Youtube hoch, erklärt Maurizio lachend. Die Gruppe lädt Sven in die besten Restaurants der jeweiligen Stadt ein, wenn er irgendwo in Ostasien spielt, sagt Fabian. Eigentlich hatte er gestern ein Meeting in Tokio. Das wurde kurzfristig abgesagt, deshalb ist er in den Flieger nach Ibiza gestiegen, um mit Cocoon und seinen Freunden zu feiern. Der einzige Haken: Morgen früh um 9 muss er wieder an seinem Schreibtisch in Hongkong sitzen. Und sein Flieger kommt um 8 an. 

Väth hat so viel Vinyl dabei, weil er nicht, wie sonst, fast ausschließlich aktuelle Platten spielt, sondern auch Tracks der vergangenen 19 Seasons, „Emotional Content” von Funk D´Void etwa. Bei „Snabeln” von Hugg & Pepp oder „I Need Ya” von Lopazz tastet er verloren in den Himmel als werde er von den freakigen, psychedelischen Klängen getrieben, als sei er der Liebeskranke in dem letztgenannten Stück, zugleich Spielball der Klänge und deren Dirigent.  

X Sven Väth spricht. Foto: Phrank.

Dann ist es elf, die Party ist vorbei. Sven lässt das letzte Stück auslaufen, greift zum Mikro: „Cocoon hat eine Seele.”, sagt er und schaut in die Menge, das Sven Väth-Gefühl entsteht – man meint, er blicke einem persönlich in die Augen: „Diese Seele ist im Amnesia entstanden und natürlich auch bei unseren Afterhours mit euch. Wir waren immer hungrig. Wir wollten immer mehr, wir wollten nicht aufhören zu tanzen. Mmh, Mmh, Aah, Aha, Mmh, Mmh, Aah, Aah“. Bei diesen lautmalerischen Worten ist Sven nicht weit von OFF, von „Electrica Salsa“ entfernt, seinem Pophit von 1986. „Sind wir Raver? Das glaube ich, das glaube ich im Tiefsten meines Herzens. Tanzen ist ein Geschenk. Ihr seid Cocoon und dafür liebe ich euch. Ich werde bleiben, wie ich bin, das verspreche ich.“ Die Crowd klatscht, johlt. 

Dann spielt Sven ganz unerwartet Madonnas „La Isla Bonita”, Arme erheben sich, Schreie dringen durch das Schwarz.

Wenig später stehen wir im Rabbit Hole, dem kleinen Club auf dem Gelände des Benimussa Parks. Bis vor Kurzem fanden hier Psytrance-Partys statt, dann haben ihn die Besitzer neu ausgebaut. Eine Funktion-One sorgt für einen amtlichen Sound. Der Club fasst vielleicht 300 Leute, die Decke ist niedrig und schwarz, es ist ungewöhnlich dunkel. Winzige LEDs sorgen für sparsames Licht, die Crowd ist nur als Silhouette erkennbar. Hier sollte die Party weitergehen – ohne Sven. „Er wollte nach Hause gehen. Aber dann hat er gesagt: Ich mach noch bis fünf [Uhr].”, sagt Peter, der an diesem Wochenende für die Videos zuständig ist.

Johannes Goller. Er ist für Cocoons Aktivitäten auf Ibiza verantwortlich. Foto: Alexis Waltz

Das fahle Licht lässt die Menschen irreal wirken. André Galuzzi schaut zufrieden drein, Svens Freundin braucht eine Tanzpause und unterhält sich. Johannes wirkt heute, nach diesem dreitägigen Partymarathon noch genauso wach und konzentriert wie vor drei Tagen im Ushuaïa. “Ich lebe seit 20 Jahren auf Ibiza und entdecke immer noch Dinge, die ich nicht kannte”, sagt er. Johannes hat eine ähnlich starke Verbindung zu der Insel wie Sven, er war 1988 zum ersten Mal da, und kehrte danach jedes Jahr dorthin zurück. Er hat immer davon geträumt, dort einmal einen ganzen Sommer zu verbringen. 1999 bekam er das Angebot, auf Ibiza für Cocoon zu arbeiten. Im Mai 2000 lud er seine Sachen in seinen Wagen und kehrte nicht wieder nach Deutschland zurück. Es ist auffällig, wie lange viele Cocoon-Mitarbeiter*innen schon für Sven arbeiten. “Sven lässt uns an allen Entscheidungen teilhaben.”, erklärt Johannes. 

X Die Cocoon After-Afterhour im Rabbit Whole im Benimussa Park. Foto: Phrank

Sven kümmert sich um die Tracks, um den Verlauf seines Sets, um die Crowd, um Freunde und Bekannte, um Cocoon und um die Szene. Die Magie seiner Person liegt darin, das nicht als Konflikt zu sehen, sondern alles mit derselben Aufmerksamkeit und Gelassenheit zu behandeln. Viele DJs stehen dicht am Mixer, Sven tritt nur an das Gerät, um zu mixen. Die schönsten Momente sind die, wenn er einen Schritt zurücktritt und der Musik zuhört und tanzt. Jetzt steigt Sven aus dem kommunikativen Modus aus, die Tracks werden ruhiger und komplexer. Dann spielt er ganz unerwartet Madonnas „La Isla Bonita”, Arme erheben sich, Schreie dringen durch das Schwarz. “Das ist ja ´ne Nummer! Die läuft nicht immer. Das ist so ein extra Joker,“ sagt Sven später: “Also ich glaub, die Madonna hat die für Ibiza gemacht. Keiner weiß das wirklich, aber sie spricht ja vom Spanish Island. Was soll das sonst sein?”