In einer Track-basierten Musikszene wie der unserigen ist so ein Jahresrückblick ein schwieriges Unterfangen. Sind die besten Tracks diejenigen, welche am meisten gespielt werden? Dann könnte vermutlich ein DJ Koze die Hälfte aller Bestenlistenplätze in 2018 belegen. Sind die besten Stücke solche, welche den Sound bestimmter Genres vorangetrieben haben? Dann wäre die Hälfte der von uns versammelten 20 Singles aus 2018 vermutlich wieder herausgeflogen: Neben bestimmten Retro-Erscheinungen, wie sie jedes Jahr vorkommen, wurde auch dieses Jahr wieder viel auf klassische Art und Weise produziert, das Rad also nicht neu erfunden aber dafür ordentlich dran gekurbelt. Nein, unsere Zusammenstellung von 20 Singles will vor allem eins: Dance-Kultur 2018 in all ihren Facetten zeigen, mit Stücken und EPs, die stellvertrend für Entwicklungen stehen, ob nach vorne, nach hinten oder kreuz und quer. Dass wir das mit 20 Singles allein nicht erschöpfend abbilden können, geschenkt. Das hier ist unsere Auswahl von exzellenter Musik, die 2018 die Dancefloors regierte – oder manchmal auch die heimische Couch beschallte. In ganz neutraler, alphabetischer Reihenfolge.

Noch mehr Jahresrückblick gefällig? Hier geht es zu unseren Alben des Jahres und hier zu den Compilations des Jahres.

Air Liquide – This Is A Mind Trip (Intergalactic Research Institute for Sound)

Dass Air Liquide sich nach 14 Jahren mit einem neuen Release zurückmelden, ist überraschend genug. Dass sich hinter This Is A Mind Trip tatsächlich eine Antithese zum Love-Parade-Anthem von vor 24 Jahren verbirgt, umso mehr. Über dräuenden Drones flüstert Mary S. Applegate das Kontrastprogramm zur damalige Ekstase ins Mikrofon, sachte bereiten triphoppige Grooves ein Drum-getriebenes Finale vor, das langsam abebbt und den bleepigen Downbeat-Track „Die Singende Saege“ vorbereitet, bevor mit „Zeitgeber 3“ eine saubere Brücke ins Jahr 1995 geschlagen wird. Das sinnvollste, stärkste Comeback des Jahres! Kristoffer Cornils

Aleksi Perälä – Sunshine EP (Dub)

An diesen aufgeräumten, leicht euphorisierenden Tracks von Aleksi Perälä fallen zunächst die schnellen, kurzatmigen, jazzigen Breakbeats mit ihren akustischen Drumsounds auf, die wie eine feingliedrigere Version von Drum & Bass klingen. Peräläs besondere Frequenzen, die durch eine Mischung aus wissenschaftlichen und spirituellen Verfahren bestimmt werden, treten auf dieser Mini-LP in den Hintergrund. Zuerst gluckern sie wie behänd fließendes Wasser, später verhallt ein Quietschen in einem Echo. Beim dritten Stück schlägt Perälä bloß einzelne, meditative Töne an. Dann klingt er distanziert und electroid und zuletzt dadaistisch und ein wenig albern. Alexis Waltz

ANNA – Speicher 101 (Kompakt Extra)

Die aus Brasilien stammende, in Madrid lebende ANNA ist mit einem düsteren, an Tale Of Us oder Mind Against erinnernden „Deep House“-Sound mit ausladenden Breaks und vielen Vocals bekannt geworden. Nach Releases auf Terminal M und Tronic ist jetzt Kompakt Extra an der Reihe. Diese Stücke sind konzentrierter als frühere Produktionen von ihr. Souverän bringt sie ihre düstere, fordernde, sinnliche Grundstimmung in Anschlag. Mit diversen Soundscapes, Vocal-Schnipseln und Acid-Elementen lässt sie, ganz DJ, immer neues Material in die Tracks einfließen. Das funktioniert und klingt lebendig, obwohl es nicht unbedingt originell ist. Alexis Waltz

Baba Stiltz – Showtime (XL Recordings)

Hier kündigt sich ein großes neues Album von Baba Stiltz an, der nun einen Deal mit XL in der Tasche hat. Im Titelsong singt der 24-jährige Schwede in weniger als drei Minuten über sein Leben als DJ, von Drogen, Partys und Mädchen, in die er sich verliebt – und das alles ziemlich lo-fi und collagenhaft irgendwo zwischen Folk und Soul. „Situation“ knüpft stilistisch und thematisch an „Showtime“ an. Es folgt das so ungeschminkte wie knappe Autotune-Liebeslied „Serve“, dann kommt mit „Maze“ der grandiose Hit der EP: Autotune-R’n’B trifft auf sonnigen Pop-House. Holger Klein

Barker – Debiasing (Ostgut Ton)

Die erste Solo-EP des langjährigen Leisure System-Kurators Sam Barker lässt DJ-Herzen höher schlagen. Durch den Verzicht auf Kick, Snare und Clap ergeben sich enorm vielseitige Einsatzmöglichkeiten hinter den Decks, um mit den passenden DJ-Tools die auftreibenden Melodiebögen der Tracks so richtig in Szene zu setzen. Die unterschwelligen Detroit-Verweise auf A1 und B1 erinnern an die Built-ups des Underground-Resistance-Klassikers „Journey Of The Dragons“ oder die Timeworm-EP von 2030, während A2 nostalgisch das Berlin der Nullerjahre, etwa Dntel im Superpitcher-Remix zurück ins Gedächtnis ruft. Felix Hüther

Bonaventure – Mentor (Planet Mu)

Auch die locker mit dem Discwoman-Kollektiv assoziierte Schweizer Weltbürgerin Soraya Lutangu alias Bonaventure mäandert gerne zwischen Orten (Kongo, Portugal, Schweiz), Genres und Zuschreibungen und füllt ihre Tracks mit mehr als nur einem Inhalt. Ihre digitale EP Mentor (Planet Mu) skizziert einen transparenten, superpräzise geschnittenen melodischen Sound aus Post-Club Beats in einer von Grime und Trap geborgten Dramaturgie. Moderner geht es kaum, darin klingt sie wie ihre Kolleginnen Toxe oder SKY H1. Mentor ist allerdings deutlich zupackender im Drumming, Lutangu bedient sich ebenso bei Euro-Disco, Berlin-Techno sowie diversen britischen Styles aus dem Hardcore Continuum. Eine superstarke Veröffentlichung, die ein angemessenes physikalisches Tonträgerformat verdient hätte. Frank P. Eckert

Cinthie – 803 Crystalgrooves 001 (Crystalgrooves)

Eigentlich hat Cinthie schon genug zu tun, aber eben auch Bock auf viel mehr. Neben ihrer Schirmherrschaft für gefühlt drölf Dutzend Labels unter dem Beste Modus-Banner hat sie soeben nicht nur mit Elevate einen neuen Plattenladen in Berlin, sondern auch gleich, na ja, das nächste Label aus der Taufe gehoben. Das wird bei der nächsten Steuererklärung etwas messy, zumindest das Konzept aber ist simpel: Auf Crystalgrooves wird es in Zukunft vor allem eigene Produktionen der Berlinerin zu hören geben – eben genau das, was aus dem neu eingerichteten Studio so rauskommt. Und das ist, mit einem Wort, massiv. Der Opener “Together” auf der ersten Katalognummer 803 Crystalgrooves 001 trägt viel Disco in der Bassline während die Chords mit klammen Kiefern vom Summer of ’88 erzählen. Kristallklare Töne in der Tat, wegen Tunes wie diesem strengt sich die Sonne selbst im Oktober noch an. Dazu bietet “Ada Lovelace” pumpenden Disco-Sample-House und “No Need to Worry” verschiebt über einem slicken Rhythmus ein paar verschrobene Harmonien gegeneinander, damit auch die Lalaland-Crowd was davon hat. Bitte busy bleiben, Cinthie, wir können das bestens gebrauchen. Kristoffer Cornils

Distant Echoes – Rough Waves EP (Out-Er)

Distant Echoes gehört zu den wenigen jungen Technoproduzenten, die wirklich etwas Neues versuchen. Der Italiener gibt seinen lebendigen, unberechnbaren Melodien eine fürhrende Stellung im Trackgefüge. Bei „Flight Mode“ verbindet er atmosphärische Glockentöne mit einer monoton pulsierenden Bassline, das Organische und das Technische treten in einen unerwarteten Dialog. Bei „Femidi“ scheint ein Gitarrenklimpern eine ferne Erinnerung wachzurufen. Und wieder verbinden sich die geloopten, elektronischen Sounds mit ihrem digitalen Puls auf ganz selbstverständliche Weise mit den Gitarrenklängen mit ihrem menschlichen Timing. Alexis Waltz

DJ Lag – Stampit (Goon Club Allstars)

„Dieser Sound war überhaupt nie dazu gedacht, Durban zu verlassen.“, sagt Andile-T von den Rudeboyz in der GROOVE-Geschichte über Gqom, dem ersten durch und durch elektronischen Clubsound aus Afrika. Die Gleichgültigkeit gegenüber ihren Erfolgschancen auf dem globalen Musikmarkt macht die Produktionen aus Durban in Südafrika zu einer so unwahrscheinlichen wie interessanten Entwicklung in der elektronischen Musik. Die pechschwarzen Tunes von DJ Lag, die der in London lebende Italiener Nan Kolè für sein Label Goon Club Allstars auf Vinyl presst, erinnern an Grime, Trap oder Footwork, obwohl diese Stile in Durban unbekannt sind. Bei „3Step Culo“ widerholt eine Stimme immer wieder das Wort „Whoop“, bei „Let´s Do This“ läuft ein aufpeitschendes 80s Riffs zu einem in sich zusammenfallenden Groove ins Leere. Bei „Drumming“ verbindet Lag eben dieses mit den metallisch gefilterten Stimmen, die die Gqom Producer so lieben. Gegen diese Tracks wirkt der nihilistische Techno von Monoloc oder Setoac Mass harmlos. Diesen Stücken feahlt (wie Gqom überhaupt) der Bass, der in der elektronischen Tanzmusik normalerweise zumindest für einen Rest von Körperlichkeit und Wärme sorgt. Der Bass ist sonst der Versuch, in einer unbehaglichen Welt für einen Moment Behaglichkeit zu erzeugen. Die Tracks sind anders: sie bauen Druck auf, aber sie streben keine Auflösung der Spannung an. Zäh und schwergängig wälzen sie sich weiter. Hoffnung gibt es keine, aufgekratzte Unbestimmtheit dieser Musik ist dennoch unwiderstehlich. Alexis Waltz

Emil Abramyan – Movement (Kingdoms)

Fabelhafter Fünftracker des Brooklyner Cellisten und Producers Emil Abramyan auf Francis Harris’ Ambient- und Neo-Classical-Label Kingdoms. Weder Landschaften noch Seelengemälde scheinen diese Kompositionen zu zeichnen, eher wirken sie wie Befindlichkeitsstudien: Ätherisches Melos in „Flightplan“, Nähe und Ferne zugleich in „Winter“, mit housiger Percussion und melismatischen Arabesken anschlussfähig an Disco-Halal-Platten „Foolky“, synthetisch und minimal „4 24“, wie durch einen Schleier „Fever“. In Francis Harris „Flightplan Reform“ kommt nach der Hälfte ein schütterer Beat auf. Harry Schmidt

Joy O & Ben Vince Transition 2 / Systems Align (Hessle Audio)

Für die tatsächlich erste Zusammenarbeit von Joy Orbison und Hessle Audio hat sich der Brite nicht mit seinem Lieblings-Kollaborateur Boddika zusammengetan, sondern mit dem Saxophonisten Ben Vince. Dieser steht für eine experimentelle Herangehensweise zwischen Jazz und Electronic – ein perfektes Match wenn man die zwei Tracks „Transition 2“ und „Align“ hört. Sie sind Ergebnis von gemeinsamen Studiosessions sowie Orbisons Bearbeitungen von bereits existierenden Aufnahmen von Vince. Auf „Transition 2“ hebt sein freies Spiel einen kleinteiligen Minimalhouse-Track auf ein sympathisch verspultes Level. „Systems Align“ ist ein forscherer Technotrack, bei dem fragmentierte Saxophonklänge auf manische Bleeps treffen. Thilo Schneider

Krystal Klear – Neutron Dance (Running Back)

Krystal Klear feiert seinen Einstand auf Running Back mit vier Boogie House-Tracks unterschiedlichster Couleur. Sei es fröhlich verspielt bei „Neutron Dance“, als downgepitchte New Order-Hommage bei „Division Ave“, düster Disco zwirbelnd bei „Shockzoid“ oder Piano-verliebt bei „Moonshake Minor“. Nachdem Krystal Klear mit seiner vorherigen EP Club Studies auf Hot Haus der New Yorker Club-Kultur der Mitt-Neunziger Tribut zollte, ist es hier mehr die Zeit der Mitt- bis Spät-Achtziger, die als Vorbild diente und von ihm herausragend emuliert wird. Tim Lorenz

Laurel Halo & Hodge – The Light Within You (Livity Sound)

Mit Laurel Halo und Hodge haben sich zwei Künstler zusammengetan, die wandlungsfähiger kaum sein könnten. Halo legte mit Dust 2017 ein experimentelles Pop-Album vor, das ihr abermals überstrapazierte Nicolas Jaar-Vergleiche einbrachte. Mit Raw Silk Uncut Wood produzierte sie zuletzt psychedelischen Ambient für einen Kunstfilm-Soundtrack. Hodge repräsentiert seine Heimat Bristol hingegen mit einem mal schlagkräftigen, mal dezenten Gemisch aus Techno, Dubstep und Bassmusik und verleiht den Kollaborationen eine distinkt britische Note. Diese spiegelt sich vor allem in zappelnden Beatmustern, Rave-Ansätzen und dubbigen Chords wider. Kommt „Tru“ noch relativ fix daher, tritt „Opal“ immer wieder auf die Bremse und ergeht sich in unaufhörlichen Kapriolen, die sich nirgends wohler fühlen dürften als auf Livity Sound. „The Light Within You“ geht zum Abschluss als klares Highlight der EP durch. Fortlaufend moduliert, predigt ein Sample „All good things come to me“ und wird dabei von einem grollenden Beat und wabernden Flächen unterstützt. Insbesondere der Einsatz einer epochalen Snare in den letzten Minuten hebt den Track nochmals in neue Sphären und prädestiniert ihn zu einem Tool für sämtliche Bass-Partys. Maximilian Fritz

Peggy Gou – Once (Ninja Tune)

Peggy Gou erlebt gerade einen regelrechten Hype. Nach nur zwei EPs hat die Koreanerin sich mit einem straffen Tourplan ins Bewusstsein der Szene gespielt. Ihre neue EP Once aber wird den somit geschürten Erwartungen durchaus gerecht. Sie versammelt drei pumpende House-Tracks mit einem spritzigen Pop-Einschlag. „It Makes You Forget (Itgehane)“ bekommt durch detroitige Chords und Acid-Stabs viel Drive, der durch Gous rauchige und ruhige Stimme konterkariert wird. Ohne Vocals kommt der retro-ravige Knaller „Hundred Times“ aus. Am melancholischsten, aber auch am wenigsten besonders ist „Han Jan“. Cristina Plett

Ploy – Ramos (Timedance)

Britische Rave-Kultur hat ein Zeitproblem: Es gibt nicht genug Zeit. Die meisten Clubs schließen wegen der strikten Gesetzeslage zu Stunden, in denen sich etwa in Berlin gerade erst warm getanzt wurde. Das hat Auswirkungen auf DJ-Sets und Produktionen gleichermaßen. Schnelle Übergänge, wilde Tempowechsel, kurze Tracks, die in dreieinhalb Minuten voll auf die zwölf gehen. In Bristol allerdings ticken die Uhren noch anders und das bedeutet tatsächlich eine Bereicherung. Ploy hat auf Hessle Audio und Hemlock veröffentlicht, steht stilistisch aber Livity Sound nahe und hat mit Batus Timedance (der Clou steckt im Namen!) die passende Labelheimat gefunden. “Ramos” und “Roy’s Rolls” lassen sich Zeit und setzen nicht auf Peak-Bedürfnisse. Besonders der Titeltrack “Ramos” spielt mit wilden Suspense-Momenten, die auf einem knochentrockenen Groove Explosionen andeuten, die sich doch nie entladen. Da wird Dubstep genauso zitiert wie Gqom und Berghain-Techno, am Ende jedoch klingt der Track wie nichts von alledem. Sondern nach Ploy, der mit “Roy’s Rolls” ein schon fast raster-noton-ähnliches Verständnis von Rhythmus-Sounddesign-Miteinander pflegt. Eine durch und durch besondere EP, nicht nur für britische Verhältnisse. Kristoffer Cornils

R.A.N. – Şeb-i Yelda (Karlrecords)

Nicht in eine vorgestanzte Kategorie zu passen, und stattdessen das Etikett „Post-Irgendwas“ aufgestempelt zu bekommen muss nicht unbedingt ein Hinweis auf Qualität oder Neuigkeit sein. Hin und wieder ist das aber doch. Vor allem wenn es um so „Nahe-Zukunft“ Elektronik in digitaler Hybrid-Ästhetik geht. Für die Newcomerin Hüma Utku a.k.a R.A.N. (Roads At Night) aus Istanbul-Berlin ist der Kleber, der die Bindestrich-Sounds zusammenfügt eine schmutziges verrauschtes Sounddesign. Ansonsten ist auf ihrer formidablen EP Şeb-i Yelda auf Karlrecords einiges möglich, vom harschen Überwachungsdrone mit Field Recordings bis zur Beinahe-Neoklassik. Alles in ziemlich dunkel und bedrohlich. Frank P. Eckert

Rising Sun – Atmosphere (Fauxpas)

Die neue Platte von Steffen Laschinski verrät im Titel ganz offen, worum es geht: Atmosphärische Klänge bestimmen hier das Bild. „Worked Up“ poltert untenrum ein wenig industrialhaft, darüber eine kleine Melodie, die sich ins Gedächtnis einbrennt. „Antares“ erzeugt mit Synthesizer-Swooshs ein veritables Kuschelbedürfnis, darunter ein Beat, der an Kraftwerks „Metall auf Metall“ erinnert. Beide Stücke lassen einen an den frühen Richard D. James denken. Auf „Above“ betreten dann die Rising Sun-Breakbeats die Bühne, die uns begleiten auch auf „Ambient II“, dem Highlight dieser schönen EP, begleiten. Holger Klein

Róisín Murphy – All My Dreams / Innocence (The Vinyl Factory)

Im Zuge der großen Koze-Festspielwochen kommt eine neue, eigene Veröffentlichung von Róisín Murphy natürlich zur rechten Zeit. Die irische Sängerin kann ja auf eine karrierelange Liebesbeziehung mit House Music zurückblicken, und trotzdem überrascht einen ihre Wahl für den Produzenten ihrer neuen Single – der ersten von drei folgenden – positiv. Der US-Amerikaner Maurice Fulton ist nicht nur einer der eigenwilligsten, charismatischsten House-Producer überhaupt mit Hang zum spleenigen Funk, Jazz und Band-Sound, er hat auch bereits mit der Sängerin Kathy Diamond gearbeitet. „All My Dreams“ ist dann auch ein großartiger Popsong mit House-Ästhetik, wie man ihn sich von Murphy nur wünschen kann: druckvolle Vintage Drums, ein funky Disco-Gitarrenlick und ihr bittersüßer Gesang, bei dem vor allem vor allem die Zeilen „Ridiculously sexy, this is ridiculous. This wait is driving my crazy, it’s just ridiculous“ im Ohr hängen bleiben. Man möchte ein ganzes Album von den beiden hören. Thilo Schneider

Shackleton – Furnace of Guts​/​Wakefulness and Obsession (Furnace of Guts)

Wenn aktuell zwei Produzenten das Hardcore Continuum konsequent weiterdenken, dann Djrum einerseits und Shackleton andererseits. Während Felix Manuel jedoch auf klassisches Instrumentarium zurückgreift, interessiert sich Sam Shackleton mehr für transkulturelle Effekte: Seine Furnace of Guts​/​Wakefulness and Obsession-EP klingt überwiegend, als hätte er Gamelan auf den Dancefloor heben wollen, vor allem im ersten der beiden Tracks. Wo auch immer sich ein Strukturprinzip im Gewirr der menschlichen und musikalischen Stimmen andeutet, folgt sofort der nächste Bruch, nimmt “Furnace of Guts” eine kleine aber bedeutende Kurskorrektur vor. Unmixbare Musik, wie sie sonst höchstens noch Don’t DJ oder Black Merlin machen. “Wakefulness and Obsession” dagegen scheint schon eher auf einen durchgängigen Groove zu setzen – Betonung auf “scheint”, denn alles hier ist ebenso relativ wie die einzelnen querlaufenden Elemente relational zueinander. Wer sich immer schon mal gefragt hat, wie es klänge, wenn Ricardo Villalobos komplett die Kontrolle über seine Decks verliert, bekommt hier die Antwort serviert. Sie lautet: sehr, sehr geil. Kristoffer Cornils

The Advent – Klockworks 22 (Klockworks)

The Advent gehört zu den einflussreichsten britischen Technoproducern der Neunziger. Während die meisten Kollegen auf einen puristischen Sound setzten, ließ er sich auch später noch von der Turbulenz der Raves der frühen Neunziger inspirieren. „Sound Pove“ geht mit zwei gegeneinander montierten, aufgekratzten Gitarrenschnipseln in eine solche Richtung. Beim sparsamen „Un Named“ kommunizieren Takt für Takt anders gesetzte Hi-Hats mit zwei alternierenden Orgelfiguren. Beim lustigen „High Horse“ zweifelt eine Stimme immer wieder daran, ob die Crowd wirklich ready ist für die Party. Diese selbstverständlichen, elementaren Technotracks nehmen sich ernst, ohne eitel oder bedeutungsschwanger zu sein. Alexis Waltz