Woche für Woche füllen sich die Crates mit neuen Platten. Da die Übersicht behalten zu wollen, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Jeden Monat stellt die Groove-Redaktion zur Halbzeit fünf ganz besondere Alben vor, die es unserer Meinung nach wert sind, gehört zu werden. Dieses Mal mit Aera, Deadbeat, Die Wilde Jagd, DJ Koze und Roman Poncet – ganz neutral in alphabetischer Reihenfolge.

5. Aera – The Sound Path (Permanent Vacation)


Mit seinem zweiten Album gibt der Producer Ralf Schmidt, der als Aera bereits bei hochrenommierten Labels wie Innervisions oder Hivern Discs, vor allem aber auf seinem eigenen Imprint Aleph Music veröffentlicht hat, sein Debüt für Permanent Vacation. Außerordentlich passend, fügt sich sein synthetischer Deep-House-Entwurf doch nahtlos in den Katalog der Münchner ein.

Irgendwo im Dreieck zwischen der Intimität im Tech-House von Martin Enkes Lake-People-Produktionen, der Melancholie des Indie-Pop-Disco-House-Hybrids von John Talabot und dem nebulösen Hypno-House von Lord Of The Isles bewegen sich die zwölf Tracks von The Sound Path. Auf ihrem historisch informierten und geschmackssicheren Weg nehmen sie auch Klangmaterial aus New Age, Kraut und Ambient in sich auf. Immer wieder blitzt ein Touch von Electro auf, seien es Vocoderstimmen wie in „The Sun Will“, seien es die Breakbeats von „All The Birds“ oder die robotischen Handclaps auf „Stitch In Time“. Ausgesprochen atmosphärischer Longplayer. (Harry Schmidt)

4. Deadbeat – Wax Poetic For This Our Great Resolve (BLKRTZ)


Sich beim tagtäglichen Nachrichtenkonsum von allgegenwärtigem Unrecht und unsäglicher Dummheit auf der Welt zu überzeugen, kann schnell zu unbändiger Wut führen. Grund genug für Scott Monteith, mit Wax Poetic For This Our Great Resolve ein Zeichen für die Hoffnung setzen zu wollen. Eingesprochenen Lyrics befreundeter Künstler, die sich auf mal existenzielle, mal profane Art prosaisch mit dem Thema Hoffnung auseinandersetzen, schneidert Monteith wunderbare Kleinode aus seinem verhallten Dub-Kosmos auf den Leib.

Die Stimmen von Gudrun Gut, Thomas Fehlmann oder Mike Shannon verleihen den Tracks von Deadbeat noch einmal zusätzliche Tiefe und Substanz, und nicht zuletzt auch Kontext, was einen überraschend intensivierenden Effekt auf deren Wahrnehmung und das Album als solches haben. Das funktioniert sowohl bei vernebelten Dub-Epen („Steve & Fatima“) und luftig groovender Deepness-Eleganz („Gudrun“), als auch bei marschierenden Dub Techno-Tracks wie „Laeticia“ ganz hervoragend. (Stefan Dietze)

3. Die Wilde Jagd – Uhrwald Orange (Bureau B)


Bei Die Wilde Jagd kommen so unterschiedliche Einflüsse zusammen, dass man sich am Ende wundert, mit Uhrwald Orange ein nicht nur originelles sondern auch sehr konsistentes Album vorzufinden, dass es schafft, krautige 70er-Psychedelia und zwischen Kraftwerk- und NDW-Poesie mäandernde Lyrik in einen sehr groovenden Hybriden zu gießen, der nicht zuletzt auch noch sehr viel Spaß macht.

Gegründet von Sebastian Lee Philipp und Ralph Beck, hat sich letzterer inzwischen aus dem Alltagsgeschäft zurückgezogen, aber immer noch als Mitproduzent und Studio-Host eine maßgebliche Rolle für das Album gespielt. Wie auf dem Vorgängeralbum tummeln sich hier repetitive Grooves, die gerne auch mal 15 Minuten dauern, Bassgitarren und organisches Drumming, exotischen Chorälen und Instrumentarien und nicht zuletzt Philipps Vocals, die wie beim grandiosen „Der Uhrwald“ fast schon etwas von Distelmeyer’schen Qualitäten haben. Ein großartiges Album, das tatsächlich eine Nische füllt, von der mir bisher nicht klar war, dass es sie gab. (Stefan Dietze)

2. DJ Koze – Knock Knock (Pampa)

Koze perfektioniert mit Knock Knock auf Albumlänge genau das, was seine besten Tracks und Remixes immer einzigartig machte: gefühlsduselige Schamlosigkeiten werden unter einer komplexen Patina aus verschrobenen Grooves, Time-Stretching-Virtuositäten und DSP-Knurspeligkeiten getarnt, so dass einem das Herz aufgehen darf, ohne dabei in Fremdscham zu verfallen. Dies verleiht seinen Tracks eine lange Halbwertzeit und Eleganz, die sonst nur selten mit großen Emotionen einhergehen.

Für die Breitseite Pop zeichnen eine Vielzahl von Kollaborationen verantwortlich, die von Róisín Murphy, Sophia Kennedy, Mano Le Tough bis zu José Gonzalez oder selbst Lambchops Kurt Wagner reichen.

Knock Knock nimmt selbst in DJ Kozes Oeuvre eine Sonderstellung ein: in diesem farbenfrohen Potpourri aus Stilen, Einflüssen, Stimmen und Sounds funktioniert nicht nur jeder Track für sich sondern auch das Album als solches, das sich somit bereits jetzt ganz unverblümt als ein früher Kandidat für die 2018er Bestenlisten empfiehlt. (Stefan Dietze)

1. Roman Poncet – Gypsophila (Figure)


Figure und Roman Poncet, das schien auf dem ersten Blick schon immer eine naheliegende Kombination zu sein. Len Faki machte den Franzosen erst groß und ließ ihm Zeit zum Reifen.

Poncet enttäuscht nicht und legt mit Gypsophila den erst zweiten Longplayer in der Labelgeschichte vor. Besser gesagt: ein Album. Denn um ein solches handelt es sich bei diesen zwölf Tracks, die im Hüllkurvenverlauf ihren Siedepunkt im Mittelteil finden, bevor sie in einem zittrigen „Gentle Nightmare“ verebben.

Das Möd3rn- und Sergie-Rezza-Mitglied pegelt mit knistrigem Ambient und krautigen Vibes angefangen die Atmosphäre über wattigen Dub-Techno und tribalistische Grooves (genial: „Thick Vegetation“) immer weiter hoch, erlaubt sich zwischendurch Zäsuren und lässt dann doch die Rave-Signale los. Poncet mag für Hau-drauf-Musik bekannt sein, hier aber präsentiert er sich als Hansdampf. Gypsophila ist eine feinsinnig austarierte LP, deren Farben- und Formenreichtum im Techno-Business derzeit Ihresgleichen sucht. (Kristoffer Cornils)

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