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Juni 2023: Die einschlägigen Compilations

Gudu & Friends Vol. 1 (Gudu) 

Mit Gudu & Friends Vol. 1 setzt Peggy Gou ihre geschmackssichere und erfreulich nonkonformistische Labelarbeit nun auch im Compilation-Bereich fort. Stilistisch geht es quer durch etliche Abteilungen der elektronischen Club-, aber auch Listening-Musik. Der Koreaner Mogwaa startet mit einem zuerst klassisch anmutenden Electro-Track, der dann aber erweitert wird durch ein Zusammenspiel von Synthie-Sequenzen, Chords und Melodien. Das Stück wird auf dieser Ebene komplex, bleibt im Rhythmus aber stoisch konsequent. 

Hiver benutzt danach ein ähnliches Konzept, allerdings auf erheblich reduziertem Energielevel – ein Stück, perfekt für ambitionierte Bars oder den nächsten Film über eine Techno-Metropole auf Arte. Der noch ruhigere dritte Track schließt das erste Drittel der Compilation fast schon meditativ, aber ohne kritischen Kitschfaktor ab. Danach macht zuerst DMX Krew sein cooles Ding, dieses Mal über eine durchgehende Kick, es folgen Dukwa und Brain de Palma mit clubbigen Tracks, die sich weder an die Schneller-härter-Welle der letzten Jahre noch an Pop-Trance-Mash-Up anbiedern.

Danach ein weiterer Schnitt, Auftritt Lady Blacktronika, die genauso wie DMX Krew ihren unverwechselbaren Stil durchzieht: loopiger Deep-House mit abgedrehten Überlagerungen von Sounds und Samples, wie sie nur ihrem Ideenkosmos entspringen. Der letzte Track schlägt dann die Brücke zurück zum Beginn, Closet Yi kommt ebenfalls aus Südkorea und verbindet Electro mit Synths und Samples, die über die US-Tradition hinausgehen. Die Vorfreude auf Vol. 2 steigt bereits. Mathias Schaffhäuser

The Chants Of The Holy Oyster (Kalahari Oyster Cult)

Kalahari-Oyster-Cult-Macher Rey Colino versammelt auf dieser Compilation 18 Tracks, die zu einem guten Teil von Künstler:innen aus dem Labelkatalog produziert wurden. Die Platte kann man am besten mit dem relativ neuen, aus dem UK stammenden, unscharfen Genrebegriff „Chug” beschreiben. Chuggy bedeutet so viel wie tuckernd und steht für psychedelische, sphärisch-elektronische Tanzmusik. Die reicht von Lo-Fi-Krautrock, Liquid-Deep-House, balearischen Acid-Breakbeats, 90s-Warp-IDM, verspultem Downtempo-Cosmic, schneller Four-To-The-Floor Space-Disco zu polyrhythmischem Global Underground und 145-BPM-Trance.

Letzteres Register zaubern RDS & Eversines mit „Plooooooink” in einer trancigen Boogie-Version aus dem Hut und liefern damit einen ordentlich rollenden Hi-Tech-Funk-Track für den Peaktime-Floor ab. Sansibar kontert mit Dreiklang-Sägezahn-Bass und Hippie-Technotribe-Flächen. Im Stil dieses Jahres liefert Raymond Castoldi mit „1991” düstere Tubular Bells-artige Electronic-Cosmic-Samples für den Strand im Soul-Searchers-Break-Gewand. Roza Terenzis „Beat Pig” startet mit ungewöhnlich geschmackvollen Big-Beat-Elementen, driftet dann aber wie gewohnt in den Schweinehals-Holzhacker-Rave ab.

Adam Pits macht mit „Spreadable” im Halbschlaf die hypnagogische House-Geisterfahrer-Autobahn Mitte der Neunziger nach Frankfurt unsicher. Im gleichen Jahr rollt Sound Mercenarys „Float Downstream” mit Happy-Hardcore-Breakbeat-House durch die unendlichen Weiten Südlondons, obwohl der MPC-Sample-Stil und die Sounds klischeehaft vorhersehbar wirken. Syzygy nimmt XTC-geschwängert auf Ibiza den Nachhall des Second Sommer of Love auf. „Ghost Filter” von D. Tiffany ist UK-2-Step gone Speed Garage mit UK-Deep-House-Flächen und Sechzehntel-Trance-Basslauf, während SW. ultrasteifes Conga-Geklöppel als sehr eckige Dub-Techno-Beatformation in den Pinienwald am Mittelmeer kratzt.

Als erinnerungskulturelle Maßnahme im Opiumkeller, beim Autofahren, während des Beach-Comedowns oder auf der sexpositiven Studiparty im Hobby-Keller des Mehrfamilienhauses der Eltern macht die Compilation sicherlich sehr viel Spaß. Mirko Hecktor

The Collective Capsule Vol.1 (Amniote Editions & Mala Junta)

Zum fünfjährigen Bestehen des des Berliner Kollektivs Mala Junta veröffentlichen deren Residents mit eingeladenen Gästen auf Amniote Editions eine beachtliche Compilation. Mit dabei sind bekannte Namen wie François X, Narciss, Rosa Terenzi, Jensen Interceptor, Mac Declos oder auch Peachlyfe. Schon das Cover sticht durch seine psychedelische Farbgebung und den Mala-Junta-Schriftzug ins Auge.

Musikalisch präsentiert die Crew auf der Compilation verschiedene Trance-Genres, akkurate Tribal-Grooves und modernen Sci-Fi-Techno. Die Produzent:innen bewegen sich dabei vorrangig in ihren gewohnten Genres, fallen jedoch auf dieser Compilation durch Zitate und Anspielungen auf verschiedene andere Stile auf. Beispielhaft steht dafür Byron Yeates’ Tech-House-Stampfer „Voyage to Mala”, der für einen kurzen Moment eine psyigen Melodie und den psytrancetypischen, vertrippten Sounds zitiert, bevor der gewohnte Tech-House-Sound wieder die Führung übernimmt.

Mit dieser Veröffentlichung gelingt es den Produzent:innen die Türen des heutigen Genrepluralismus weiter einzutreten und die Verbindungen der unterschiedlichen Stile aufzuzeigen. So ist The Collective Capsule Vol. 1 eine wunderbare Toolbox für alle DJs, die sich genreübergreifend jenseits der 140 BPM und abseits des schroffen Techno-Bunker-Sounds bewegen. Vincent Frisch

Silberland Vol 2 – The Driving Side Of Kosmische Musik 1974-1984 (Bureau B)

Bureau B hat über die Jahre das Kunststück fertiggebracht, aus Reissues aus den Siebzigern und Achtzigern von Legenden wie Cluster oder Roedelius und neuen Veröffentlichungen etwa von Kreidler oder Die Wilde Jagd einen Katalog aufzubauen, in dem Alt und Neu zu einem homogenen Ganzen zwischen Krautrock und retrofuturistischer Technologie-Euphorie verschwimmen. Stand die erste Silberland-Zusammenstellung noch im Zeichen der eher krautig experimentellen Spielarten, die sich zwischen 1972 und 1986 Bahn brachen, zeigt Silberland Vol. 2 – The Driving Side Of Kosmische Musik 1974-1984, wie im fast gleichen Zeitraum die oft noch hippiesk-krautige Experimentierfreude die Türen für einen von Neonlicht erhellten Technologie-Optimismus aufstieß, in dem Synths und Bassdrums die Basis für all das erschufen, was sich später zwischen Wave, EBM und Italo tummeln sollte und damit auch den Weg für den Clubsound der Neunziger ebnete. 

Der zeitgemäße Sound der Stücke von Acts wie Faust, Cluster, Conrad Schnitzler, Asmus Tietchens oder Pyrolator verdeutlicht zum einen, welchen nachhaltigen Einfluss die Innovationen hatten, die vor einem knappen halben Jahrhundert entstanden sind, und zum anderen, wie stark sich der aktuelle Sound an seinen Vorbildern orientiert. Man darf sich gerne jetzt schon fragen, ob sich in etwa 40 bis 50 Jahren auch etwas ähnlich Signifikantes bei der Besprechung der dann vielleicht erschienenen Silberland Vol. 17 über den Sound der 2020er schreiben lässt. Stefan Dietze

Transparent Sound – Accidents 1994-2023 (Tresor)

Ein wahrlich dickes Paket hat Tresor Records hier gepackt. Eine Dreifach-Vinyl-Compilation, die mit Tracks aus den Jahren 1994 bis 2023 einen weiten Überblick über das Schaffen des britischen Electro-Duos Transparent Sound bietet. Digital kommen nochmals sechs Bonus-Tracks dazu. Obwohl die 19 Nummern – Klassiker des Duos, speziell dieses Jahr für die Compilation entstandene Edits alter Stücke wie auch Unveröffentlichtes – über 30 Jahre hinweg entstanden sind, klingen sie wie aus einem Guss. Schwer zu sagen, was nun aus den Neunzigern, was von heute ist. Aber das war ja immer schon ein Qualitätsmerkmal guter Electro-Stücke: dass sie sowohl retro als auch futuristisch daherkommen.

Und Electro können Orson Bramley und Martin Brown wie wenig andere. Da wundert es nicht, dass ihre Fan-Schar von Ricardo Villalobos bis Helena Hauff reicht. Musikers Musiker also. Bekannt unbekannt. Ein Geheimtipp seit 30 Jahren. Letzteres zumindest könnte sich jetzt ändern.

Ihre Tracks funktionieren dabei zumeist nach ähnlicher Struktur, ohne aber so gleichförmig zu sein, dass es langweilig wird. Zunächst ist da stets ein hypnotischer Beat, der dich auf der Tanzfläche zunächst mysteriös umweht und dann immer tiefer in seinen Sog zieht. Dann gibt es kein Zurück mehr, das Stück öffnet sich, sei es mit schwebenden, umhüllenden Flächen, episch erhoben, oder einer flirrenden, melancholisch-schönen Melodiesequenz. Ein süchtig machendes Prinzip, das funktioniert. Immer wieder. Auf diesem Album 19-mal. Tim Lorenz

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