Vorschaubild: Desiré van den Berg

Der Trend geht zum Festival. In den vergangen Jahren ist gerade die hiesige Festivallandschaft im Bereich der elektronischen Musik extrem gewachsen; immer mehr Gruppen von lokalen Promotern trauen sich die Organisation einer solchen Veranstaltung zu. Oft ist das Ergebnis durchaus vorzeigbar, leidet aber noch unter Kinderkrankheiten. Beim Dekmantel kennt man sowas nicht. Seit der ersten Ausgabe 2013 hat sich die erfahrene Crew aus Amsterdam als Vorzeigefestival für House- und Technoliebhaber positioniert. Wir waren auch im mittlerweile vierten Jahr für euch dabei.

Die seit jeher größte Stärke des Dekmantel: ein über jeden Zweifel erhabenes Booking, bei dem so viele Hochkaräter spielen, dass es eigentlich gar keine klaren Headliner mehr gibt. Zwischen den ganz großen wie etwa Dixon, Ricardo Villalobos, Ben Klock oder Jeff Mills fügen sich auch viele lokale DJs wie Tom Trago oder Young Marco nahtlos ein. Hauptsächlich aus Amsterdam kommen auch die meisten der etwa 10.000 Besucher, wie man an den tausenden vor dem Festival festgemachten Fahrrädern erkennen konnte. Zu freudiger beidseitiger Überraschung trafen wir auch einige internationale Festivalbekanntschaften aus dem letzten Jahr wieder – für viele scheint der alljährliche Amsterdam-Kurzurlaub inklusive Festivalbesuch zum festen Termin im Kalender geworden zu sein. Die weite Vorausplanung ist auch zu empfehlen, denn die Tickets waren wieder bereits Monate im Voraus ausverkauft und die Übernachtung in der Stadt ist auch so kostspielig genug.

EasyJet war gestern: Das Dekmantel, Festival der Fahrräder. (Foto: Bart Heemskerk)
EasyJet war gestern: Das Dekmantel, Festival der Fahrräder. (Foto: Bart Heemskerk)

Das Wetter spielte auch in diesem Jahr wieder mit, geizte nicht mit Sonnenschein und ließ die lange Anfahrt zur angenehmen Fahrrad-Tour durch den riesigen Stadtwald werden. Die Rückkehr im Pulk mit tausenden Radlern, die zwar ohne Licht, dafür aber sichtlich motorisch eingeschränkt unterwegs waren, wurde allerdings zum unfreiwilligen Abenteuer. Ähnlich dunkel gehalten war das UFO-Zelt für die Techno-Acts der härteren Sorte, in dem besonders DJ Nobu mit seiner dynamischen Trackauswahl oder Peter van Hoesens Live-Set überzeugten. Die meisten Live-Performances gab es wieder im passend betitelten Greenhouse zu hören, darunter sogar die kürzlich wiederbelebte New Yorker Post-Punk-Girl-Band ESG.

Spielte dynamischer, als er hier vielleicht dreinschaut: DJ Nobu (Foto: Bart Heemskerk)
Spielte dynamischer, als er hier vielleicht dreinschaut: DJ Nobu (Foto: Bart Heemskerk)

Amsterdams San Proper wurde seinem Ruf als enfant terrible mal wieder gerecht, war der verballertste unter den Anwesenden und stoppte Tracks mittenmang, um sich selbst ans Mikro zu wagen – der Crowd gefiel’s. Einige der besten Festivalmomente bescherte uns die von Boiler Room gehostete Bühne, auf der viele Künstler des Festivals ein zweites und somit interessanteres, weil gewagteres Set zum Besten gaben. Der kompakte, beidseitige Aufbau, bei dem Menschen eher miteinander als zum DJ hin gerichtet tanzen, trug zur ebenfalls zur guten Stimmung bei. So brachte das gemeinsame Set von The Black Madonna und Mike Servito den größten Tanzspaß des Wochenendes, als sich die beiden Freunde einen zwei-stündigen Schlagabtausch zwischen jackend-bouncigen House-Jams und groovigem Acid lieferten.

Ein Selector unter den Selectors: DJ Harvey (Foto: Bart Heemskerk)
Schon eher der Gude-Laune-Typ: DJ Harvey (Foto: Bart Heemskerk)

Bei der Selectors-Stage (die mittlerweile übrigens ihr eigenes Spin-Off-Festival in Kroatien sowie eine Compilation-Reihe hervorgebracht hat) kamen Nerds und Trainspotter wieder voll auf ihre Kosten. DJ Harvey eröffnete Freitagmittag mit einer für seine typisch exzentrischen Genre-Rundreise, für die er sich mitunter auch an der Bühnen-Deko bediente, die die diesmal aus einem riesigen Plattenregal bestand. Das fünfstündige Set der beiden Veteranen Marcellus Pittman und Theo Parrish, die sowohl musikalisch als auch persönlich bestens harmonierten, war ein weiteres Highlight des Festivals. Denn das ausgelassene Miteinander hinter den Decks, wo sich zeitweise eine ganze Gesandschaft aus Detroit inklusive Moodymann zu tummeln schien, übertrug sich auch aufs Publikum.

Nichts für zwischendurch: Lena Willikens. (Foto: Bart Heemskerk)
Nichts für zwischendurch: Lena Willikens. (Foto: Bart Heemskerk)

Ansonsten ging es atmosphärisch im Vergleich zu anderen Festivals wieder etwas zahm zu. Zu jeder Zeit standen gefühlt mehr Menschen herum und waren mit Aussehen statt Ausflippen beschäftigt. Dem Vibe ebenfalls abträglich ist bizzarrerweise auch das qualitative Überangebot an interessanten Acts: kaum jemand lässt sich wirklich auf ein komplettes Set ein, denn es gibt ja noch hier eine halbe Stunde Blawan zu hören und dann geht es auch schon wieder schnell rüber zu Motor City Drum Ensemble. Insbesondere die langen Sets der Selectors-Stage leiden darunter. In ein erwartungsgemäß teilweise relativ schräges und abrasives Set einer Lena Willikens, eines Donato Dozzy oder Call Super kann man eben nicht einfach mal kurz vor Schluss und ohne Kontext hineinlaufen.

Publikumsgarant Nina Kraviz. (Foto: Bart Hemskeerk)
Publikumsgarant Nina Kraviz. (Foto: Bart Heemskerk)

Trotz einem Line-Up voller „DJ’s DJs“ wie den gerade erwähnten erscheint einem das Publikums insgesamt doch erstaunlich mainstreamig. Witzige Kostüme, bunte Outfits, Standarten oder einfach richtig schön schräge Typen sucht man hier vergeblich. Es sind am Ende vielleicht doch die ganz großen Namen wie Nina Kraviz, DJ Koze, Tale of Us und nicht zu vergessen der Hype um das Dekmantel selbst, welcher viele zum Ticketkauf bewegt. Wenn dann pünktlich um 23 Uhr die beeindruckenden Visuals der Mainstage stoppen und die Flutlichter über dem Gelände angehen, bleibt bei aller Wertschätzung für Musikprogramm und Produktionsstandarts ein fader Nachgeschmack. Auf dem Papier mag Dekmantel das beste Festival der Welt sein – die beste Party ist es deshalb nicht.