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Beatrice M. – Sinking (Tectonic)
Die Gemeinsamkeiten von Tech-House und Dubstep lassen sich, zumindest augenscheinlich, an einer Hand – vermutlich reicht hierzu sogar der kleine Finger – abzählen. Das eine arbeitet im Bereich des gleichmäßigen Bumbumbumbum das andere, mit seinen schrillen Call-And-Response-LFOs, eher im Bum-tschk, bumbum-tschk. Also: Kompromissloses Fernsehgarten Auf-die-Eins-Tanzen gegen Waldorf-Freitanz-Diktat. Ein Zustand zwischen Nicht-Können und Nicht-Wollen, verortet zwischen Berliner Granitbunker-Ästhetik und britischer Soundsystem-Kultur.
In diesem musikästethischen Spannungsfeld bewegt sich auch die französische DJ und Produzentin Beatrice M, die sowohl als Künstlerin wie auch als Kuratorin auf ihrem Label Bait beide Pole zusammenführt: Reduktion, warme Dub-Techno-Chords, 140 BPM und ein zurückgenommenes Low-End treffen hier aufeinander.
In ihrer NTS-Show The Dubstep – Tech House Connection hat sie sich bereits mit dem Crossover aus 140-BPM-zentriertem Sound und dem groovigen 2/4-Snare-Flow von Tech-House beschäftigt. Mit Graubereichkompositionen, die eine Brücke zwischen Bass-Ästhetik und Tech-House-Flow schlagen. Im Interview mit Appleblim, der bereits auf den Skull Disco-Releases die Grenzen zwischen basslastigem Dubstep und experimentellem Techno auslotete, untersuchte sie außerdem die Ursprünge dieses Sounds. Auch Scubas Sub:stance-Partys im Berghain werden dabei relevant – ein Experimentierraum, in dem Dubstep und Techno früh aufeinandertrafen. Eine gänzlich eigene Tradition, die sich neben genredefinierenden Dubstep-Labels wie Deep Medi, System und Innamind entwickelt hat.
Es existiert kaum ein passenderer Ort, möchte man meinen, als Tectonic für die Veröffentlichung ihres ersten Albums Sinking. Das von Pinch geführte Label prägte nicht nur den frühen Sound von Dubstep, sondern entwickelte ihn ab den Zehnerjahren konsequent in Richtung UK-Techno weiter. Im Rahmen der von Darwin kuratierten REEF-Reihe ist das Label erst kürzlich mit einer Nacht im Berghain vertreten gewesen – ein geschlossener Kreis, in dem sich die Linien dieser Entwicklung erneut kreuzen und der zeigt, wie sehr diese beiden musikalischen Enden in einem gemeinsamen Raum voneinander profitieren.
Das Album selbst ist ein diskografischer Dreiakter, der sowohl musikhistorisch als auch im Sinne eines zeitgenössischen Clubkonzepts funktioniert: Als Verdichtung der vielen Facetten des Tectonic-Sounds bewegt es sich in einer Grauzone zwischen Dancefloor-Pragmatismus und einem offenen Umgang mit Raum, Rhythmus und Genre. Derlei Albumkonzepte sind zwar nichts fundamental Neues und lassen sich in ähnlicher Form auch auf der gleichnamigen EP von Logic 1000 oder Circadian von Jack Sparrow finden, erreichen hier jedoch eine umfangreiche tonale Geschlossenheit, die gerade in der Rückbesinnung auf Dub-Techno-Ingredienzen als Basis begründet liegt.
Eine Platte, die ihre zahlreichen Einflüsse zwischen Listening Space und Peaktime ausbalanciert und sie schließlich in einer ebenso klaren wie eigenständigen Soundsprache zusammenführt.
Der Opener „Ever” ist eine schleppende, fragmentierte und zugleich federleichte Sound-Meditation, die Elemente aus Downtempo und Balearic-House mit dem statischen Hauch analoger Wärme kombiniert. Im bassmusikalischen Trampelpfad entfaltet sich eine perkussive Rythmik um einen sequenzierten Ambient-Dub-Puls herum, der gleichzeitig das entschleunigte Tempo mit diesem modularen Urschleim im Basic-Channel-Gewand reflektiert und dennoch durch perkussive Verspieltheit animiert.
Der Folgetrack „Ocean” denkt dieses ästhetische Konzept konsequent weiter und bereitet langsam auf den Dancefloor vor. Die Dub-Chord-Frequenz wird kurzerhand verdoppelt und durch ein rhythmisches Gerüst aus Broken Beat und analogem 2-Step-Shuffle ergänzt, das an Tracks von 2562 oder Cyrus erinnert. Rhythmisch gebrochen, aber dennoch direkt und funktional.
Der zweite Teil des Albums findet seinen Auftakt mit „Disco Corner.” Hier treffen Ambient Pads auf rhythmisch versetzte Breakbeat-Percussions, die zusammen mit einem überraschend einsetzenden Tech-House-Groove und der schwingenden, reduzierten Bassline eine sequenzielle Dancefloor-Immersion heraufbeschwören. Auch auf Tracks wie „Juice (with Sir Hiss)” und „Sinking” paart sich ein organisches Klangbild mit strikter Loop-Praxis, wobei das monokausal anmutende Gestampfe mit grime-untersetzten Subs, Halftime-Verlagerungen und Offbeat-Ausrichtung immer wieder kreative Umgänge findet.
„Dear Dubstep” hingegen ist die vollständige Invertierung des funktionalen Four-to-the-Floor-Geschiebes und gleichzeitig der markanteste Track auf dem Album – sowohl aus morphologischer als auch aus akustischer Sicht. Eine beatlose Liebeserklärung an die Grundelemente des Genres: ein sich langsam ausrollender Klangteppich aus organischen Ambientsphären und einer trägen Bassline findet sich zu einer vollkommen lebensfähigen, tieffrequenten Keimzelle zusammen.
Nummern wie „In Touch ft. Jinnal + Kaba”, das mühelos zwischen Full- und Halftime sowie den beiden Vokal-Flaneuren wechselt, rücken mit ihren rasanten Beat-Progressionen den Dancefloor-Bezug noch einmal in den Vordergrund. Mit „Here (feat. Jay Carder)” und dem abschließenden „Years” findet das Album schließlich die passenden Gegenstücke zur Intro-Sektion: schwingende 2-Step-Rhythmik, die an Horsepower Productions und die wegweisenden Big-Apple-Releases erinnert, warme analoge Dub-Chords und einmal mehr jenes kaum hörbare, aber körperlich spürbare Low-End. So endet eine Platte, die ihre zahlreichen Einflüsse zwischen Listening Space und Peaktime gekonnt ausbalanciert und sie schließlich in einer ebenso klaren wie eigenständigen Soundsprache zusammenführt.