Das Lighthouse 2026: Abschüssige Extravaganza im Post-Jugo-Charme

Das Lighthouse lud auch in diesem Jahr dazu ein, von Mittwoch bis Montagfrüh gleich mehrere Festivals unter einen Hut zu bringen. Auf der kroatischen Halbinsel Lanterna hat sich Maximilian Fritz in verschiedensten Settings durch diverse Genres elektronischer Tanzmusik gehört – und dabei eine der stärksten Festivalausgaben erlebt.

Von außen ist das Autodrom eigentlich recht übersichtlich und schnell abgeschritten: Vier Seiten, ein ehemaliger Autoscooter mit Post-Jugo-Charme. Gerade verhält sich alles anders; der Floor dehnt sich in ungeahnte Dimensionen aus, der Nebel aus der Maschine schmeckt leicht ungesund, man sieht nichts außer schemenhafte Fluktuation. Wenige Meter vor mir werkeln Jane Fitz und S.O.N.S. an den Plattentellern und spielen ein b2b, das so logisch wie einnehmend klingt. Rohe, unpolierte, maschinelle Grooves paaren sich mit psychedelischen Anklängen: Prog, Trance und Acid, nicht wirklich Techno, nicht wirklich House, eher wabernde Sphärenmusik, die durch den Nebel schneidet. Dass die Booth auf dem Autodrom in diesem Jahr mitten auf dem Floor steht und nicht erhöht an seinem Ende, bringt maximale Immersion.

Das Autodrom (Foto: Presse)
Das Autodrom

Das Lighthouse ist viele Festivals, jeder Floor serviert eine andere Atmosphäre. Wo das Autodrom noch konzentrierte, druckvolle Psychedelik gewährleistet, zerfasert das Sensorium ein paar Hundert Meter weiter in alle erdenklichen Richtungen. Dort befindet sich der Nature Playground, wo am Freitagmorgen ab 8 eine Party aus den Graswurzeln heraus entsteht. Eigentlich eine Paintball-Arena, bietet die Bühne zarten Minimal- und Tech-House zwischen Fangnetzen, Holzverschlägen und Nebelschwaden.

Nebel auf dem Nature Playground

DJ Senc macht den Anfang, Maša und David Hornung im b2b mit Javier Gallardo folgen. Irgendwann in den ersten Stunden, als sich der Floor zusehends füllt, wird die Anlage lauter, die akustische Griffigkeit des Vinyls prallt noch intensiver auf Baumstämme, Bretter, Blätter. Keine:r der DJs reiht Beliebigkeiten des Selbstzwecks wegen aneinander, auch wenn ein Track mal die gellenden Synths aus „Meet Her At The Love Parade” sampelt, bewegt sich alles in einem eigentümlich logischen, konsistenten Fluss.

David Hornung & Javier Gallardo auf dem Nature Playground

Am Donnerstagnachmittag hingegen, bei der Infinity Pool Party, geht es erratischer zu, wirklich logisch fließt nur die Strömung im Becken, in das zwei als Nixen verkleidete Frauen einen Kerl mit ihrem Plastik-Dreizack stoßen. Hier spielen hintereinander Acts, die sich an ein jüngeres Publikum richten und mit ihren Trance- und (Hard)Groove-Entwürfen ähnlich klingen wie vieles, das nach der Pandemie Hochkonjunktur hatte.

Animation! Die Infinity Pool Party

Funktional, etwas drüber und deshalb so effektiv, entsteht über die Stunden eine aufgedrehte ekstatische Fete unter der Schirmherrschaft der Wiener Plattform Radio Rudina, einer Art HÖR mit animatorischer Mitmachstimmung für die grelleren Spielarten elektronischer Tanzmusik. „Geils Leiberl!”, entfährt es einem österreichischen Manchester-United-Fan in der Kloschlange, als jemand im Trikot seiner Herzensmannschaft von Anfang der Neunziger vorbeihuscht. Irgendwann läuft Silvio Ecomos „Uprising”, das wie Robert Hoods „The Greatest DancerGino SocciosDancer” von 1979 sampelt. Man würde das Gesicht des feingeistigen kanadischen Disco-Producers zu diesem rohem Schauspiel aus Garage-Basslines und Strandmode zu gerne sehen.

Klang perfekt: Der Trockenraum

Andernorts, im Clubkomplex des Geländes, in dem schon die eine oder andere Abifahrt in Wodka-Bull getränkt wurde, läuft während dem Lighthouse puristischer Techno. Im Trockenraum, einem amphitheater-artigen Partykeller gegenüber des ehemaligen Nassraums, spielen Glaskin ein rasantes Live-Set mit und satten Chords, ehe Freddy K übernimmt. Der Italiener feiert heute Abend seinen 55. Geburtstag und zelebriert diesen mit dem unvermeidlichen Ambient-Intro, ehe er traumwandlerisch und doch gefühlsecht Groove um Groove ineinander verschränkt. Besonders klanglich überzeugt der Trockenraum restlos, was dem Sound-Team angesichts seiner Architektur nicht hoch genug anzurechnen ist. Tatsächlich dürfte es sich um eine der bestklingendsten Festivalbühnen überhaupt handeln.

Davon profitiert am nächsten Abend auch Victor, der ab 22 Uhr das Opening spielt und die Sache glücklicherweise wenig engstirnig angeht: Vor sich findet er eine Spielwiese vor, die sich zusehends füllt, hinter den Decks arbeitet der Berliner emsig und köchelt mit einer Mischung aus geradlinigen, mittelgeschwindigen Techno-Tracks und der ein oder anderen Breakbeat-Zäsur die Spannung hoch. Feierlich übergibt er nach drei Stunden an Fadi Mohem, der ein elektrisierendes Live-Set spielt.

Mohems Sound ist informiert vom ewig währenden, zeitlosen Berlin der Neunziger, was keinen Widerspruch bedeutet: Durch den Trockenraum peitscht hochgeschwindiger, puristischer Techno, den feingliedrige Dub-Elemente erden. Das Set gerät agil, Mohem verlässt sich keineswegs nur auf Geradlinigkeit, sondern findet auch rhythmisch die Balance zwischen Hard-Wax-Erbe und zeitgeistigem Exzess. Immer wieder aufbrandendes entfesseltes Gejohle im Publikum gibt ihm recht, ehe Akua und The Advent übernehmen und das Tempo nochmal erhöhen.

Die Villa of Gaze

Die Ausgelassenheit in der Villa of Gaze, dem jährlich aufpoppenden Pop-up-Floor auf der grünen Wiese, hat eine vollkommen andere Qualität. Zu Sets von Colored Craig, Kilopatrah Jones oder der Wiener Instanz Jorkes entsteht zwischen Bäumen und Bungalows eine abschüssige Extravaganza am Hang, die queere Performancekunst, vocal-intensiven House und Anflüge einer Kostümparty vereint. Dieses Jahr herrscht ein Safari-Motto, wie ein überdimensionierter Löwenkopf über den Drag-Tänzer:innen sowie etliche Outfits auf dem Floor verraten.

Loewenkopf Villa of Gaze Lighthouse 2026
Safari!

Der Dancefloor selbst, wahrscheinlich einer der vollsten des ganzen Festivals, ist divers besetzt. Auf ihm tummeln sich junge Österreicher:innen, die sich als Allys versuchen, und knapp bekleidete Trans-Personen mit hochhackigen Stiefeln gleichermaßen. Es belustigt, den staunenden, bisweilen ungläubigen Blicken der kroatischen Securitys ob dieses bunten Treibens zu folgen, während über die schwer polternden House-Tracks von Kilopatrah Jones Mikrofonansagen im besten Ballroom-Sinne den Floor kommandieren.

Chez Damier bespielte am Mittwochabend den Beach Floor
Chez Damier bespielte am Mittwochabend den Beach Floor

Das Herz des Festivals, der Beach Floor, kommt vollkommen ohne Mikrofoneinsatz aus. Von Mittwochabend, als Chez Damier im Sitzen verspielte Tracks mit Funk- und Soul-Anleihen auflegt, bis zum 17-stündigen Closing von Ogazón, Sumi und vince, das bis in die Sonntagnacht läuft, offenbart sich hier House in seinen verschiedensten Facetten. Freitagmorgen etwa, als Peach vor dem Rest vom Schützenfest Mathew Jonsons „Typerope” spielt, während sich ein diesiger Sonnenaufgang anbahnt: Die perfekte Symbiose aus Musik und ihrer Umgebung, flirrender Trance im Minimal-Gewand, ehe der auf der Felge fahrende Tontechniker das Set abrupt beendet. Oder als Muallem Freitagabend zur Peaktime Pancratios Banger „Automatic House” spielt – oder Pancratio am Donnerstagabend Pancratios Banger „It Was Unexpected”. Oder das Closing-Trio Floating Points‘ „King Bromeliad” und natürlich den Open-Air-Klassiker schlechthin, „The Sun Can’t Compare”, als es schon dunkel ist und jede:r die allerletzten Körner verschießt.

Kompakt: Der Beach Floor

Das Lighthouse ist also tatsächlich viele Festivals, wie dieser Kurzabriss diverser Bühnen zeigt. Eine allerdings fehlte in diesem Jahr: Die Hauptbühne mit dem größten Fassungsvermögen. Was wiederum auf ein Fehlen der Besucher:innen zurückzuführen ist, das eine kleinere Produktion nach sich zog. Auch traditionell gut besuchte, erfolgreiche Festivals wie das Lighthouse haben also zu kämpfen in Zeiten, in denen sich Menschen zweimal überlegen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Dass unter diesen Voraussetzungen eine der stärksten Ausgaben des Festivals heraussprang, beeindruckt deshalb umso mehr.

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