Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Compilations hier.
VA – 5 Years Paryìa (Paryìa)
Paryìa feiert fünfjähriges Bestehen mit einer Compilation, die auf den beiden musikalischen Grundpfeiler des Labels fußt – House und Techno. Kuratiert ist 5 Years Paryìa, so wie das gesamte Label, von Marie Montexier.
Sie setzt gleichsam auf aufstrebende junge Artists wie Toobris oder Nesa Azadikhah, aber auch auf Szenegrößen wie die Raptor-House-Legende DJ Babatr. Der Veteran steuert mit „Rumble” einen breakbeatigen Hit bei – und sogar einen „Digital Vocal Mix” des Tracks als Zugabe. Als Repräsentanten des House fungieren vor allem Cinthie mit „Can’t Get Enough” und Zombies in Miami mit „Body Language”. Beide Tracks sind Blaupausen für sommerliche Good-Vibe-House-Banger. Die technoiden Vertreter:innen der Compilation sind mitunter Isabel Soto, DJ MARIA. und Fireground. Soto setzt bei „Where We Are” auf mystische Soundelemente. „The Sense of Wonder” bettet sich auf ein Acid-Fundament, und „Untitled” hat einen Touch von Hardgroove. Alles in allem ein gelungenes Potpourri verschiedenster Genre-Einflüsse. Daniel Böglmüller

VA – EINER REIN.EINER RAUS. (mauromusica)
Maurizio Schmitz ist gleichzeitig in der Business- und der Economy-Class unterwegs, trägt Nadelstreifen oder einen Pyjama – und spielt mit Kontrasten wie diesem, schreibt Andrew Gillings in seiner Biographie. Als Manager und DJ-Partner von Sven Väth bewegt sich Schmitz auf den größten Bühnen der elektronischen Musik. Gleichzeitig ist er als DJ und Veranstalter seiner Partyreihe mauromusica seit Jahrzehnten tief in der deutschen Clubszene verwurzelt.In den Neunzigern und Zweitausendern prägte er als Resident Orte wie Das Labor in München, das U60312 in Frankfurt oder den FrequenzBerater in Hamburg, wo er auch hinter der legendären Afterhour-WG in der Spaldingstraße 43 stand. mauromusica wurde als Format 2004 im Bonner Rheingarten ins Leben gerufen, den Sound seiner Sets beschreibt er selbst als „psychedelische House-Musik mit zeitlosem Charakter”.
Für das mauromusica-Labeldebüt hat Schmitz sechs Stücke ausgewählt, die sich entschieden vom gegenwärtigen Tool-Einerlei absetzen, die den entrückten, schwebenden Sound verfolgen, den seine Sets prägen. RE-ST liefern sphärischen, subtilen Tech-House, Jack verbindet Charme mit verspielter Leichtigkeit, Fedele gibt hymnischen Industrial-Klängen eine ungewohnt sanfte Wendung. Das 15-minütige „Bagamudra” von Sublee verbindet eine Villalobos’sche Entgrenzung mit einer für diesen Kontext ungewöhnlichen Zartheit. Der Hit der Compilation ist aber „Based in Space” von Raxon. Sven Väth spielt ihn seit über einem Jahr in seinen Sets. Es ist nicht schwer zu erraten, warum: die originelle, humorvolle Nummer erweitert die Psychedelik des klassischen Acid-House-Sounds der späten Achtziger mit einer vielschichtigen Klanggestaltung, die die Möglichkeiten des digitalen Studios voll ausschöpft. Das Drumming klingt ungewöhnlich gedämpft und zurückhaltend, so dass die Acid-Sounds mit ungewohnter Wucht hervorbrechen. Alexis Waltz

VA – LAY002 (LAYERS)
Die erste Schicht kam letztes Jahr, nun tragen LAYERS die zweite auf: Auf LAY002 hat das Berliner Queer-FLINTA-Kollektiv zehn Tracks versammelt. Den Anfang macht Lydia Eisenblätter, die auf „All To Me” über ungemein variables Drumming, kurze Vocal-Chops und eine leiernde Bassline zu einem felsenfesten Tech-House-Groove findet. Cinthie hingegen orientiert sich traditionell an Detroit und Chicago, ihr „Hello” hat den Schnitt und die Patina alter Prescription-Platten, macht dazu noch eine paranoide Vocal-Ebene auf. Die Bassline in Lulah Francs‘ „Vanity Fantasy” erinnert an Dapayk Solos „Geheimtipp 01 B”, der Track als Ganzes präsentiert sich im weiteren Verlauf aber als kreatives Potpourri aus verschiedensten House-Schulen, in dem vor allem die Chords herausstechen. Juanas „Blind Mellow” kombiniert Strandgitarrengedüdel wie bei Isolée mit Dub-Chords im Stile von Mr. G und intensiviert sich zusehends zu einem grandiosen Tool für einen Stimmungswechsel hin zur Peaktime. Nachdem Baka G endlich das Rave-Piano bedient hat, schmeißt Bella Sarris mit dem muskulösen Tech-House britischer Prägung von „Sickness” aus einer Compilation, die hält, was sie verspricht: Das Auffächern verschiedener Subgenres der House Music. Maximilian Fritz

VA – Moving Below (Terra Magica Rec.)
Acht Tracks, kein Sicherheitsnetz. Terra Magica Rec. macht mit seiner zwölften Veröffentlichung Movin Below genau das, was 2026 Mut macht: stilistische Grenzkontrollen abschaffen und ein klares Statement setzen. Techno, Electro, Trance, Dub, Broken – alles ist erlaubt, solange es schiebt, verwirrt oder schwebt. Der Opener aus Frankreich von AV1 (Chris Carrier & Le Loup) ist Programm: Four-to-the-Floor, Acid, schiebende Dub-Flächen und uplifting Sequenzen. Kein Retro-Gimmick, sondern ein Körperwärmer für den Club. Kalocain kippt danach Motormusik in den Mixer: broken, bassig, dubwise – ein Track wie eine zu früh eingeleitete Flucht. Hektisch Sprengen liefern mit „Mercy (Ghosttown Dub)” den emotionalen Gegenpol: eine sich langsam entfaltende Melancholie, man fühlt sich in Watte gepackt, funktional wie ein Downer. Too Smooth Christ aus Frankreich dreht dann das Tempo wieder hoch – eine wunderbare orientalische Acid-Line, ein Underground-Sommerhit für verschwitzte Warehouse-Morgen 2026. Auf der Überholspur dann KayTV: „Neonfox” ist hier der Peaktime-Banger, Motorbass im Dauerlauf, French Touch inklusive. Tadan aus Litauen aktiviert anschließend den Hyperschall: ultraschnell, pitchbar bis zur Unkenntlichkeit, Alienflug. Na ja, mir zu schnell. Der Trance-Moment der Compilation gehört Lucas Croon: „Zülpi Trance” ist genau das – lang, sphärisch und entgrenzt. Und dann das Finale aus Italien: Parchi Pubblicis „Cyclend”. Uptempo-Techno für drei Tage wach, inklusive verspulter Vocals. Sind das im Hintergrund Piano-Chords und Woodwinds aus dem Jenseits? Geisterbahn ohne Notausgang. Irgendwie gefährlich, das Ding!
Movin Below keine Compilation zum Durchskippen, sondern ein Underground-Statement 2026: Szene statt Sounddesign, Risiko statt Algorithmus. Liron Klangwart

Woozy – WZY5.5 willow_pitch (Woozy)
Modern Sound System Culture. Der hat sich das in Dublin ansässige Label-mit-Partyreihe Woozy verschrieben. Schon recht beliebt: die Woozy-Compilations, und die neue führt das Woozy-Erbe stilgerecht fort. Eröffnet wird die Abfolge von zwölf Tracks von Agos „Closer”, einem bauchbassig untersetzten Glockenspiel-Gleiter, sowie dem knasternden, knisternden Rauschen von Old Man Cranes „Kelo Dub”. Tracks aus der Nachzeit von Dubstep.
Der Ton ist damit gesetzt, ebenso die halbe Zählzeit des Beats. Die markante, hochauflösende Produktion des Woozy-Sounds öffnet den Blick über das Dubwesen in gegenwärtigen Zeiten. Das „Trick Pony” von Annebel verschleiert seine eigenen Rhythmusschleifen, während Dyslectas „Basalisk” post-tribal auf die Pauken haut. In Softis „Insomnias” bounct der Beat so elastisch wie ein Spinnennetz. Futuristische Hochglanzpolitur in „Rest Up Ron” von SSSLip, kreiselndes Schwirren im Abschlusstrack „Harmonium” von Talker: da kommt immer noch mehr gutes Offbeat-Zeug aus Dublin. Christoph Braun
