GROOVE Reviews: Die Compilations des ersten Halbjahres (Teil 1)

Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier.

Anthony Rother presents Datapunk 20+ YRS (Datapunk)

Nach elf Jahren im Exil auf seinen anderen Labels Psi49net, Stahl Industries und 3MULATOR BOY blickt Anthony Rother auf die Initialisierungsphase seiner posthumanen Melancholie auf Datapunk zurück, auf dem zwischen 2004 und 2013 36 Katalognummern und diverse Sonderreihen erschienen. Rother räumt das DAT-Archiv auf, pustet den Staub von den Festplatten und entwickelt einen ziemlich überraschenden Rückblick auf diese Zeit, der in der Vinyl-Version zwölf Tracks und der Download-Version 38 Nummern umfasst.

Verstehen wir uns wenigstens richtig falsch: „Father” war damals, als sie alle noch Haare und Träume hatten, eine absolute Hymne, die auf Datapunk 20+ YRS in zwei Versionen zu hören ist. Das Übrige überrascht zunächst: Das familiäre Gegenstück „Mother” findet sich ebenso wenig auf der Compilation wie Datapunk-Releases anderer Artists, von Silicon Scally, The Hacker, Hell oder Xenia Beliayeva etwa. Rother feiert die Auferstehung von der Datapunk-Totenstarre nun allein aus seiner individuellen Perspektive. Vielleicht weil in der „in Wiederholung erstarrten” Zukunft die Rettung nur ein Blick zurück sein kann. Und schließlich teasert Rother hier auch seinen neuen, hybriden Live-Act zwischen analog und digital an. Christoph Gleich

CURSES – Next Wave Acid Punx TROIS (Eskimo)

Früher war definitiv nicht alles besser. Doch konnte man früher unter Umständen Erfahrungen machen, die sich so heute nicht mehr wiederholen lassen. Die Anfangsjahre von Techno etwa markierten einen zum Teil recht rumpeligen Übergang von Achtziger-Jahre-Errungenschaften wie EBM hin zu dem, was als Techno-Revolution Geschichte machte. Diese Phase nimmt das Label Eskimo zum Anlass, um einige Beiträge dieser Zeit mit der umfangreichen Compilation Next Wave Acid Punx TROIS mit rund vier Stunden Spielzeit zu würdigen. Geboten werden im ersten der drei Kapitel ungeschlachte, oft stur statische Produktionen mit martialischem Beat, in denen gern krude eingebaute Samples, sei es Sprache oder Musik, in einer mitunter etwas albernen, dafür umso erfrischenderen Form selbstbewusst verhackstückt werden. Da ist die Männerstimme, die in Space Trax‘ „Atomic Playboy” konsterniert den Satz „I am not an atomic playboy” wiederholt. Besonders schön sind die besonders kruden Beispiele wie „Diesmal bist du ganz allein” von P II Syndicate, in dem Dialogzitate vom Charme eines Geisterjäger-John-Sinclair-Hörspiels mit grobem Witz über einen rhythmisch vergleichsweise variierten Beat gelegt werden. Trance-Klassiker wie „The Age of Love” von Age of Love finden sich genauso in der Auswahl wie das wunderbar verspielte „Hypno Art” von Skila, das seinen Klopperbeat erst kräftig beschleunigt, dann das Tempo rausnimmt, um schließlich weiterzumachen, als sei nichts gewesen. Neues Material ergänzen die anderen beiden Kapitel. Massiv und erfrischend primitiv. Tim Caspar Boehme

DINA presents Rituals (Air Texture)

Das New Yorker Label Air Texture hat sich über die Jahre als kuratorische Instanz etabliert, die die Grenzen zwischen ambienter Zurückhaltung und experimenteller Clubmusik neu auslotet. Die neueste Edition der Reihe Rituals kommt von der in Berlin lebenden Produzentin und DJ DINA. Jene, bekannt für ihre Arbeit als Mitbegründerin des Kollektivs Nachtcrew und ihre Produktionen zwischen modernem Trance und mächtigen Basslines, schlägt hier eine Brücke zwischen verschiedenen Szenen. Rituals ist keine Mix-CD, sondern versucht als Compilation eine globale, vernetzte Community aufzuzeigen, die von Kopenhagen über Oslo bis nach Naarm eine gemeinsame Sprache spricht.

Die Auswahl betont die Vielfalt der heutigen Underground-Szene: Produzentinnen wie Audrey Danza, Agata und DJ Maria. steuern Tracks bei, die das Spektrum von hypnotischem Techno bis zu gebrochenen Rhythmen weit aufspannen. Mit Beiträgen von Artists wie Vridian, Alpha Tracks oder ECG entsteht ein roter Faden, der in die introspektive Tiefe des verspult-atmosphärischen neuen Techno-Trance-Sounds führt. Dabei gelingt es DINA, die verschiedenen Energien in einen gemeinsamen Kontext zu setzen, der organisch und gleichzeitig fokussiert klingt. Mit ihrer weitreichenden Auswahl zeichnet sie ein pulsierendes, globales Geflecht, das über geografische Grenzen hinweg im selben Rhythmus schlägt. Leopold Hutter

Massimiliano Pagliara – 20 Years Of Music: Selected Unreleased Works (Funnuvojere)

Man könnte meinen, nach 20 Jahren Producer-Dasein und über einem Jahrzehnt als Resident der Panorama Bar veröffentlicht man zum Jubiläum ein Best-of. Nicht so Massimiliano Pagliara. Er öffnet stattdessen sein Archiv. Drei Jahre lang hat er alte Festplatten durchforstet, 35 unveröffentlichte Tracks aus zwei Jahrzehnten gesichtet, aussortiert und fertiggestellt. 20 haben es schließlich auf diese Compilation geschafft – zugleich seine erste Veröffentlichung mit einem Coverfoto von sich selbst, aufgenommen vom langjährigen Freund und Fotografen Paul Mpagi Sepuya. Auf dieser Compilation nimmt Pagliara mit durch verschiedene Phasen seines Lebens und offenbart dabei die ganze Bandbreite seines Schaffens. Disco trifft auf verträumten House, Ambient auf Italo, Synth-Pop auf Panorama-Bar-Euphorie. Statt klassischer Werkschau entsteht so eine musikalische Autobiografie.

Besonders eindrücklich wird das dort, wo Erinnerungen hörbar werden. In der Zusammenarbeit mit der verstorbenen Aérea Negrot öffnet sich ein Fenster in ein vergangenes Berlin. Ähnlich gelingt das auch „Cold Breeze”, einem Track, in dem Pagliara die Euphorie einer Berliner Nacht einfängt. „Flicker of Us“ wiederum trägt eine spürbare biografische Schwere in sich, weshalb Pagliara es erst nach längerer Auseinandersetzung abschließen konnte. Dafür, dass er es trotzdem getan hat, sind wir ihm dankbar, denn er zeigt mit dieser Compilation einmal mehr, dass Vergangenes mehr über jemanden erzählt, als es ein Best-of je könnte. Johanna Lühr

Nastia presents TECH040 (TECHNO Records)

Die Realität: Der Club ist um eins noch eine gähnende Lagerhalle, die nach fragwürdigem Putzmittel und verpassten Gelegenheiten riecht. Drei verirrte Gestalten stehen an der Bar, starren auf ihr Handy und hoffen, dass die Wirkung endlich einsetzt. Nur vorne ballert es schon, weil der erste DJ der letzte sein will.

Nastia hat das verstanden. Sie weiß, dass man das Publikum erst füttern muss, bevor man es schlachtet. Während also andernorts die ganze Nacht in ein fleischerbeilfallendes Reel passen muss, feiert die ukrainische DJ mit TECH040 den wohlplatzierten Pathos. Der Umgangssprachler sagt dazu auch Warm-up. Das klingt neuerdings aber immer mehr nach Gefühlskreis in der Erwachsenenbildung, deshalb bleiben wir: beim Pathos.

Den verträgt die Wahrheit nämlich ganz gut. Das heißt: Ehrliche Gefühle brauchen das, was Lesekreise später als sphärisches Intro dechiffrieren wollen. Da schwebt man eine Minute luftig im Raum herum, kommt der Sonne gefährlich nahe und dann: dasselbe Stampfen, dieselbe Richtung, derselbe Krawall. Diesmal aber von ambitionierten Stimmungsmachern wie Conrad Van Orton, DJ Dextro und Steve Rachmad. Christoph Gleich

Shannen SP pres. Mzansi Bass curated (TraTraTrax)

Elektronische Musik ist heute stark globalisiert, mit der Folge, dass vieles zunehmend ähnlicher klingt. Während sich früher aus lokalen kulturellen Bedingungen, Szenen und sozialen Kontexten sehr unterschiedliche Subgenres entwickelten, werden heutige Produktionen oft von global zirkulierenden Trends und ästhetischen Standards geprägt. Das kolumbianische Label TraTraTrax setzt diesem Trend bewusst etwas entgegen. Mit sorgfältig kuratierten Compilations rückt es immer wieder lokale Szenen in den Mittelpunkt, in denen sich die musikalische Eigenständigkeit und Vielfalt bis heute deutlich stärker erhalten hat. 

Die Mzani Bass Compilation, zusammengestellt von der Londoner DJ Shannen SP, richtet den musikalischen Fokus auf den südafrikanischen Untergrund. Die Compilation bewegt sich zwischen 3-Step, Abwandlungen von Amapiano, Pretori Rap und Gqom, vertreten unter anderem durch den Genre-Pionier DJ Lag mit „NOPS”. Die Tracks kommen aus den lokalen Szenen von Durban, Johannesburg, Kapstadt, dem Eastern Cape und Pretoria, aber auch aus Brasilien. LYZZA und Boniface verleihen der Compilation mit „Favelas” einen Touch Baile Funk. Gediggt hat Shannon P in den sozialen und kulturellen Netzwerken der südafrikanischen Clubszene. Zwischen Studios, WhatsApp-Gruppen und nächtlichen Autofahrten zum Club. Oder auf den legendären Gqom-Raves in Durban. Mzansi Bass dokumentiert nicht nur ein Genre, sondern auch die kulturellen Strukturen, aus denen diese Musik hervorgeht. Daniel Böglmüller

Superstition: Essential Techno Remixes (Superstition)

Superstition war das von 1993 bis 2003 aktive Label von Einstürzenden-Neubauten-Veteran Mark Chung und DJ Tobias Lampe, das sich durch zahllose Releases von Oliver Lieb zum Hamburger Aushängeschild des Sound of Frankfurt entwickelte und mit Humate, Mijk Van Dijk, Thomas Schumacher oder Energy 52 über eine Reihe weiterer starker Acts verfügte, die oft einen trancigen, melodie-affinen Sound verfolgten. Die saubere Labelarbeit der Musikprofis Chung und Lampe äußerte sich auch in zahllosen Remixen, wobei diese Compilation den Schwerpunkt auf das Techno-Genre setzt. Oliver Lieb stolziert als L.S.G. herein, der Mann mit den tausend Pseudonymen, und bürstet sein „Netherworld” in die sogenannte Gegenwart. Mijk van Dijk und Marcos López lassen ihr unverwüstliches „Schöneberg” von Technasia durchpeitschen. Detroitiges liefern John Tejada und Johnnes Heil, europäischen Techno-Purismus Sterac und Joel Mull. Und dann das Filetstück für die Generation Vergangenheitsbewältigung: Ricardo Villalobos, man muss es so sagen, dekonstruiert „Café Del Mar”. Ausgerechnet Ricardo. Er nimmt dem nächsten Ibiza-Urlaub von Energy 52 den letzten Pathos und zerschnippelt ihn zu einem Minimal-Meer. Wer glaubt, das sei betreutes Hören für gealterte Hedonisten, die heute Kamillentee trinken und auf Facebook von früher träumen: Stimmt genau, es war ja wirklich sehr schön! Christoph Gleich

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