Mai 2026: Album des Monats

Das Motherboard aus dem Mai findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier.

Speedy J – Walkman (STOOR)

Von seinem senfgelben Wohnkubus im Himmel über Rotterdam hat Jochem Paap eine blendende Aussicht. Zwischen brutalistischen Betonfassaden, spiegelverglastem Timmerhuis und pragmatischen Wohnbauten aus der Nachkriegszeit schweift der Blick über eine Halbmetropole, die früher als alle anderen in Europa experimentieren musste. Im Mai 1940 zerbombt die Wehrmacht weite Teile der historischen Altstadt. Aus Trümmerfeldern entstehen dann nach dem Krieg die ersten Fußgängerzonen der Welt, aus Kanälen Schnellstraßen, aus Fabrikhallen avantgardistische Skulpturengärten, aus Ruinen ein architektonischer Rummelplatz. Paap selbst weiß zwar, dass diese Stadt seine Musik beeinflusst hat. Aber wie? Das ist selbst dem Mann, der Mitte der Achtziger durch einen wahnwitzig schnellen Mixing-Stil als Speedy J erstmals in Erscheinung tritt, nicht immer klar. Während der Hochphase von Labels wie NovaMute, Warp und Plus 8 fusioniert er in den Neunzigern aber vornehmlich im urbanen Urwald futuristischen Ambient Techno mit Acid- und Bleep-Elementen auf eine Weise, die bis heute ungemein hypnotisiert und im Rückspiegel besser gealtert scheint als so manch andere Produktion aus dem Artificial Intelligence-Katalog.

Nahezu viszeral mit seinem Equipment verbunden, ist ihm aber schon damals viel an der Integration von Liminalität gelegen, also jener Schwelle zwischen einem Zustand oder Ort und dem nächsten. Mit dem UAP-Konzeptalbum Public Energy No. 1 verabschiedet er sich 1997 folgerichtig vom IDM-Hype der Dekade, kreuzt erratischen Power Noise mit Ambient sowie knöchernen Breakbeats und vergrault Teile des Publikums jenes winzigen Rotterdamer Clubs, in dem er damals gelegentlich auflegt. Allein: Paap lebt für den Transit. Ähnlich und doch ganz anders spielt, experimentiert, improvisiert er nun auch auf Walkman in und mit dem Studio, nutzt den Raum als Determinante fürs Resultat. Viele der 20 Tracks wurden durch Ableton Live und sein Hardware-Setup in Rohform generiert und anschließend bei Spaziergängen über Stadt und Land reflektiert, wie er im Groove-Interview berichtet. Nach mehr als zwei Dekaden ohne Soloalbum, aber mit dutzenden EPs, Kollaborationen und Mixen ein für den aktuellen Zeitgeist eher ungewöhnlicher Ansatz. Abermals. Dass die fast 90 Minuten von Walkman fragmentiert und gebrochen, reflektiert und paradox klingen, ist daher kein Zufall.

Der metallische Klangzylinder von „Drift Vector” etwa wäre ebenso als wütender Jam eines kybernetischen Jaki Liebezeit in einem leeren Kühlturm denkbar. Selbst der Zwischenraum von Mensch und Maschine wird hier erst abgesteckt, dann nullifiziert. Während kurze Interludes wie „FoldSP4” und „Nachtgrain” der ominösen Vision unseres transhumanistischen Morgens jeden Glanz rauben, schimmern „Tweak 3 Driftmass” oder „CR78 Mesh” mit matter Gleichgültigkeit durch vermoderte Center-Parcs-Landschaften. Damals gab es Graswurzel-Raves unter den geodätischen Kuppeln öffentlicher Schwimmbäder – heute sind die Schwimmbäder abgerissen, und auf den Brachen zappeln Slop-Zombies zum säuerlichen Squelching von „303 Template Refract”, entkoppelt vom Gefühl einer Gegenwart. Wieder sind es die Übergänge, die den konträren Status dieses Albums und seiner skizzenhaften Produktionen einkreisen. Selbst mit einem über 14-minütigen Ungetüm vom Kaliber „JT33Unstable Core” testet Paap noch kurz vor Ende konsequent die musikalischen Toleranzgrenzen eines Publikums, dem, egal ob Boomer oder Zoomer, das konzentrierte Hören längerer Tracksequenzen qua Verwertungslogik sukzessive abtrainiert wird. Nur im Gehen aber kommt die Ausdauer wieder.

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