GROOVE Reviews: Die Alben im Juli 2026 (Teil 3)

Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 1 der Alben hier, Teil 2 hier.

Plug – Variety Magic (De:tuned)

Mit Variety Magic präsentiert Luke Vibert das zweite posthume Album seines Jungle-Projekts Plug. Dafür hat der Downbeat-Don der Braindance-Posse alte DATs durchforstet, um letztlich bei elf von ihm Mitte der Neunziger produzierten Breakbeat-Tracks anzugelangen. Zwar keine neuen Plug-Tunes also („I couldn’t be Plug now – I’m just not that person”, wie Vibert selbst sagt), doch auch diese alles andere als angestaubten Stücke klingen immer noch frisch und kommen beim gerade gehypten Jungle-Revival genau richtig.

Für alle, die es nicht wissen: Zeitgleich mit Global Communication (als Chameleon) war Vibert einer der ersten leftfieldigen britischen Electronica-Produzenten, die sich breakbeat-verliebt auf Jungle und Drum’n’Bass stürzten, um diese in ihren Klangkosmos zu integrieren. Denn was heutzutage folgerichtig erscheint, war seinerzeit alles andere als üblich: „Apart from my best mate Jeremy, none of my mates liked it. Aphex and (Rephlex co-founder) Grant Wilson-Claridge fucking hated Jungle”, erzählt Vibert im aktuellen Electronic-Sound-Magazin. So erschienen zwischen 1995 und 1997 vier EPs und ein Album mit Viberts Jungle-Stücken. Zwar gab es 2012 ein weiteres Plug-Album mit alten Tracks auf Ninja Tune – dieses hatten die Ninjas jedoch ohne Viberts Zutun zusammengestellt. Und der war mit der Auswahl nicht wirklich glücklich.

Das ist nun anders. Die elf Tracks auf Variety Magic wurden von Vibert höchstselbst kuratiert und bieten genau das, was man erwartet, wenn man ein Plug-Album auf den Plattenteller legt. Einen wilden Ritt quer durchs Hardcore Continuum nämlich, der durch clevere Präzision in den Breakbeat-Mutationen wie auch durch britischen Humor in der Sample-Auswahl besticht. Jungle-Magie trifft Electronica-Finesse. Mithin also nicht weniger als ein großer Spaß. Möge die Vorstellung beginnen! Tim Lorenz

Ran Slavin – Hyper Basic (Nocturnal Rainbow Recordings)

Das neue Album des 1965 geborenen und in Tel Aviv lebenden Ran Slavin; alle Versuche, die Veröffentlichungen des Produzenten, Filmemachers, Künstlers und Buchautoren zu zählen, sind gescheitert. Vorteil: Fokus auf Hyper Basic.

Der erste Takt ist da und führt in eine Welt, in der es Dancefloors gibt, ebenso wie Massageliegen zum Zuhören. Dieses beinahe menschliche „Blopp”-Sample, dieser fast anachronistische Bass-Sound, sie wärmen und führen zu easy Moves über komplexe Rhythmen. Schon liegt‘s sich im Dadrinnen des Ran Slavin, und die Details werden immer besser erkennbar. Wie er in „Static Ritual” und „Beta Phase” den Schlagzeug-Samples wuchtige Rundungen mitgibt und diese Formen mit Bass und Gesangsschnippseln und Hi-Hats ausstattet und zu einem vielstimmigen Perkussion-Stück arrangiert! „No” hingegen ist wunderschöner Tunnel-Techno über zehn Minuten, während „Inland Heritage” bekannte geometrische Formen wie Kreis, Rechteck, Dreieck zum Sprudeln bringt und so das Album in Richtung Detroit öffnet. Diese Richtung untergräbt er in „Borderless Home” mit knackigen Sub-Bässen und landet schnell im London der Zweitausender. 2step geht dort.

Ein Album, aus dessen Stücken ein neues Subgenre entstehen könnte, dessen Name sich noch verbirgt. Christoph Braun

Random Factor – Too Fast Into The Future (20/20 Vision) [Reissue]

Es mag eine Floskel sein, aber ein vielbeschäftigter Zeitgenosse ist Carl Finlow zweifellos schon immer gewesen – und ein profilierter obendrein. Trotzdem: Unter den mehr als 20 Projekten und Pseudonymen seines nun über 30-jährigen Katalogs sind es nach wie vor die späten Neunziger und frühen Zweitausender, denen angesichts einer für britischen Electro doch hohen Klassikerdichte bislang weder von Seiten der Reissue-Labels noch einschlägiger Feuilletons die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Sicher, so mancher Il.Ek.Tro-Track taucht hier und da mal in einem Set auf dem Dekmantel aufm, oder jemand unterlegt die trübe Trauer einer Nostalgiedusche wie „Anomaly” mit Szenen aus dem Sci-Fi-Trasher The Time Travelers von 1964. Bekannt ist Finlow aber vor allem für seine jüngeren Solo-Arbeiten unter bürgerlichem Namen oder als Silicon Scally. Mit dem schon oft geforderten, aber nie realisierten Vinyl-Reissue von Too Fast Into The Future erscheint nun endlich eines der produktionstechnisch und narrativ interessantesten Alben des Electro-Reformers über 20/20 Vision, das er 1998 als Random Factor ebenda bereits als CD-Version veröffentlichte.

Im Bereich düsterer Zukunftsvisionen angesiedelt, dabei aber mit fast schon gemütlichen funky Nu-Disco-Elementen versehen, ist die Platte eine Masterclass in Sachen dramaturgischem Sequencing, sparsamem und zielsicherem Einsatz von Vocodern sowie Design retro-futuristischer Synth-Stems. Das Repertoire Finlows kommt hier ebenso zur Geltung wie sein feines Näschen für Melodien, die verfangen und Bilder beschwören. Während House und Techno in der kulturellen Euphorie des späten Neunziger-TV-Mainstreams durch die Decke gehen, kickt dieser ominöse, post-punkige Electro anders und fasziniert bis auf wenige Ausnahmen vornehmlich die Axis-Fraktion und Freunde der Mills’schen NASA-Soundscapes. Tracks wie das diesig atmosphärische „When Daylight Fades” oder die Sehnsucht in „Imperial” passen heute, fast drei Dekaden später, jedoch deutlich besser in den Zeitgeist und hätten in der Form auch Teil der binären Bestandsaufnahmen von Central Processing Unit werden können. Knusprige Drum Machines, scharf konturierte Klangfarben, ein unbestechlicher Groove, die cineastischen Qualitäten legendärer PSX-Soundtracks: Too Fast Into The Future war damals in bester Gesellschaft von Gerald Donald und James Stinson schon ein sublim schimmerndes Schmuckstück. Heute ist es ein Album, von dem wir hinsichtlich mühsam menschengemachter Musik einiges lernen können. Nils Schlechtriemen

Shin Watanabe – Album 1987 (Hot Street)

Für Shin Watanabes House-Hommagen hat Hotmix-Records-Labelchef Nick Anthony Simoncino mit Hot Street gleich ein eigenes Sublabel gegründet – und wenn man Watanabes puristische Tracks hört, weiß man auch, warum. Selten gelingt es Produzenten, so perfekt die Atmosphäre einer bestimmten Periode, blaupausen-gleich, einzufangen.
Nach dem letztjährigen Album 1986 nun also der folgerichtig betitelte Nachfolger. Wobei die Jahreszahlen im Titel auch ein wenig verwirren können. Denn klar: Watanabes Haupt-Einfluss ist die Sorte House, die in den ausgehenden Achtzigern zwischen Chicago und New York und New Jersey produziert wurde. Mal klingt das nach Larry Heard, mal nach Marshall Jeffersons Jungle-Wonz-Projekt. Watanabe scheut sich wahrlich nicht, seine Einflüsse offen vorzulegen. Etwa indem er die gleichen klassischen Samples verwendet. So benutzt „Traxxx Six” dieselben Frauen-Chants wie Bobby Konders’ „Massai Women”. Die Referenzen gehen jedoch über amerikanische Produktionen der Achtzigerjahre hinaus. „Traxxx Seven” zum Beispiel bezieht sich auf „Distant Drums” des britischen Produzenten N. A. D. Und das bleepige „Traxxx Two” ist fast schon eine Coverversion von Man Machines „Step Into Time” von 1991.

Überhaupt wirken Watanabes Stücke in ihrer kongenialen Emulation einer vergangenen Ära wie Stillleben einer verlorenen Zeit. Musikalische Erinnerung, festgehalten im Hier und Jetzt. Nostalgie, die Erinnerung an eine vergangene Wunde, nannten die alten Griechen das. Mit dem feinen Unterschied, dass diese Wunde nicht schmerzt, sondern Freude bereitet. Tim Lorenz

Tricky – Different When It’s Silent (False Idols/!K7/Indigo)

Man darf Dunkelheit ausleuchten, und man darf das immer wieder anders tun. Man darf eine Ecke finden und sie aushöhlen. Ihr jegliche gegenwärtige, fast obligatorische Verdichtung verweigern, die es in Neuerscheinungen zu Genüge gibt. Die Instrumente ruhig erscheinen und einfach ihre Arbeit verrichten lassen.

Sechs Jahre nach Fall to Pieces erscheint Trickys 15. Studioalbum Different When It’s Silent unter eigenem Namen. Nahe der Titelgebung, ist die Stimmung des Albums in das Danach eingebettet, das den Künstler nach dem Tod seiner Tochter dazu gedrängt hat, die 14 Tracks mit der ursprünglichen Intention eines Nebenprojekts zu produzieren. 15 Tracks, eine spröde Mischung aus kargem Blues, dunkler Elektronik, Post-Punk-Kanten und reduzierten Trip-Hop-Rhythmen. Auch im Gesang bleibt Tricky der Zurückhaltung verpflichtet. Mitch Sanders übernimmt auf weiten Strecken die melodische Kontur, eine Rolle, die in Trickys frühen Arbeiten häufig Martina Topley-Bird innehatte. Was bleibt, ist das aus dem Schatten stolpernde Kratzen der punkigen Tricky-Stimme am gefühlvollen Sanders-Falsett.

Der Opener „I Still See Me There” schafft mit der ersten Zeile „make me want to die” eine bewusste Verbindung zu „Makes Me Wanna Die” aus Pre-Millennium Tension. Fast drei Jahrzehnte später trägt diese eine andere Schwere. „I’m Yours” bildet die rauere Gegenseite. Gitarren verzerren Trickys Orientierungslosigkeit zu einer wütenden Unruhe, die mit Hip-Hop-Elementen auf ruhigem elektronischem Untergrund in „Be Still In The Pain” wieder aufgefangen wird. Ursprünglich für Martas Album entstanden, findet „Out Of Place” hier seinen Platz. Der Satz „I sing for my daughter” bleibt als finale Aussage stehen und bricht damit die weitläufige Zurückhaltung des Albums.

Tricky schreibt sich selbst in Different When It’s Silent auf besondere Art und Weise aus der Mitte der Musik heraus und um die Dunkelheit herum, um schließlich seicht an ihr zu wachsen. Lea Jessen

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