qrex (Chimaera Festival) – GROOVE Resident Podcast 74

Entstanden vor allem als Zusammenschluss aus Dresdner Kollektiven, ist das Chimaera Festival eine nichtkommerzielle Zusammenkunft leidenschaftlicher Raver:innen, eine Rechnung, die „ohne Ausverkauf im Social-Media-Gaga aufgehen soll”, wie es das Team im Interview der GROOVE gegenüber formuliert. Wie das Festival seine Werte verteidigt, wieso die vorerst letzte Ausgabe vom 14. bis 16. August die vorerst, aber keineswegs definitiv letzte werden soll und wie Resident qrex‘ Live-Set klingt, lest und hört ihr im Beitrag.

GROOVE: Das Chimaera geht dieses Jahr in seine vierte Ausgabe. Wie hat sich das Festival seit seiner Gründung entwickelt?

Chimaera Festival: Erst mal sind über die Jahre viele neue Menschen dazugestoßen, die frischen Wind gebracht haben. Viele davon waren vorher bereits auf unserem Festival und wollten den Gedanken dahinter weitertragen. Das ist natürlich die schönste Bestätigung für jedes Festival.

Den Vibe eines Festivals von Friends für Friends haben wir stets versucht zu bewahren und trotzdem mächtig an den Stellschrauben bei Produktion und Kuration gedreht: Floorgestaltung, Booking und Alternativprogramm wurden jedes Jahr weiterentwickelt. Und auch innerhalb des Festivals sind Strukturen geschaffen worden, die uns jedes Jahr ein wenig vorbereiteter in die Aufbauwoche gehen lassen. Trotzdem geben viele einzelne Menschen ihr gesamtes Herzblut für die gemeinsame Vision, das Chimaera zu einem besonderen Ort werden zu lassen. Hier mussten wir auch lernen, dass die gegenseitig gefühlte Wertschätzung nicht zu kurz kommen darf.

Relativ stetig ist auch die Anzahl der Besucher:innen über die Jahre gewachsen, und seit letztem Jahr ist zudem der Zeltplatz nicht mehr auf dem Kerngelände. Dadurch gibt es auf dem Areal der Klingemühle mehr Platz für Bühnen und gleichzeitig mehr Raum für alle unsere Gäste. Dieses Jahr haben wir uns mit Warning, Nihil, Acid Reflux, Obscura und Metro.mp3 eine große Bandbreite an neuen, kreativen Partner:innen ins Boot geholt, die uns teilweise bereits bei der Planung unterstützt haben und unser Programm mit eigenen Bühnen, Performances und Showcases ergänzen werden.

Das Chimaera Festival im vergangenen Jahr (Foto: Toni Petraschk/https://www.tonipetraschk.com/)

Das Festival ist „aus einem losen Zusammenschluss verschiedener Akteur:innen, Kollektive und Vereine der ostdeutschen Tiefkultur” entstanden, wie ihr schreibt. Wie kam es ursprünglich zu diesem Zusammenschluss, was kennzeichnet die „ostdeutsche Kollektivlandschaft”, von der ihr sprecht, und wie spiegelt das Festival sie wider?

Das Chimaera ist vor allem aus Dresdner Kollektiven entstanden. Viele von uns hatten schon während der Pandemie angefangen, kleine Festivals zu organisieren, sofern es die Umstände zuließen. Danach standen wir an einem Wendepunkt: Einige verließen die Stadt, andere zogen sich aus der Partyszene zurück – und die, die übrig geblieben waren, hatten einfach Bock auf mehr.

Wir kommen größtenteils aus unterschiedlichen Städten im Osten und sind in einer Partykultur sozialisiert worden, die wir unbedingt halten und weiterentwickeln wollten. In Dresden liegen die Wurzeln vieler von uns in der FreeTek- und Rave-Szene: schlicht, frei zugänglich für alle und damit Orte der Begegnung und freien Kultur – fernab von Kommerz. Dieser Kollektivgedanke, gepaart mit illegalen Raves und legalen Einmietungen, ist für uns untrennbar mit der ostdeutschen Entwicklung verbunden, speziell mit der Dresdner Spielart. Orte wie der Sektor Evolution und das objekt klein a haben dabei eine wichtige Rolle gespielt, weil sie jungen Kollektiven immer wieder Raum gegeben haben. So konnten Erfahrungen, Wissen und Infrastruktur über Jahre geteilt werden – eine schleichende Professionalisierung, die nicht auf Konkurrenz beruhte, sondern auf gegenseitiger Unterstützung.

Da alle Gruppen bereits kollektiv organisiert waren, war es nur folgerichtig, dass auch das neue Dach namens Chimaera dieser Form folgt. Kollektiv heißt für uns ganz konkret: Niemand bereichert sich privat, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen und wir verfolgen bewusst einen unkommerziellen Anspruch.

Das Chimaera kommt ohne „Sponsoring-Zirkus” aus und hat in diesem Jahr einen Ticket-Sprint gestartet, um stattfinden zu können. Außerdem wird das Festival durch die Initiative Musik und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. Wie schwer ist es für euch geworden, ein kollektivistisches Festival mit idealistischem Anspruch durchzuführen? Wieso ist es euch so wichtig, auf Sponsoren zu verzichten?

Was in der Post-Pandemie-Zeit als eine Art Befreiungsschlag begann, wird mittlerweile durch eine sich permanent verändernde Festivallandschaft auf eine harte Probe gestellt. Unsere Zielgruppe selektiert bei der Auswahl ihrer Festivals pro Saison ausgewählter, die Kosten steigen rasant und wir stehen zwangsläufig vor der Frage, wie die Rechnung ohne Ausverkauf im Social-Media-Gaga aufgehen soll. Das ist ein Sweet Spot, den wir immer noch suchen und der uns immer wieder vor moralische Dilemmas stellt.

Niemand bei uns hat wirklich Lust auf Marketing. Wir wollen Floors bauen, Gruppenprozesse formen, Designs entwerfen, Musik produzieren und auflegen, Licht löten, aber beim besten Willen keine Ticketsprints machen. Genau diese Grenzen und Prioritäten reiben sich fortlaufend. Steigende Kosten bedeuten steigende Ticketpreise, die unser Festival zwangsläufig exklusiver machen. Gerade als eine Gruppe, die aus dem kostenlosen illegalen Ravebereich kommt, betrachten wir diese Entwicklung mit Skepsis. Gleichzeitig bedeuten höhere Ticketpreise auch, dass wir stärker für unser Festival werben und uns dafür immer ausgefallenere Marketing-Aktionen einfallen lassen müssen. Der Ticket-Sprint Anfang des Jahres war genau so ein Fall – glücklicherweise ist die Aktion aufgegangen.

Die Förderung durch die Initiative Musik und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien hilft uns dabei, das Festival weiterzuentwickeln und handlungsfähig zu bleiben, sie gleicht die Kostensteigerungen der letzten Jahre aber leider nicht aus.

Sponsoring könnte in so einer Lage eine naheliegende Möglichkeit sein. Dann gibt es vielleicht riesige Werbeflächen neben der Bühne, eine kleine Flasche Wasser für sechs Euro im Hochsommer. Aber das sind schlicht nicht wir. Wenn wir als Kollektiv ausschließlich ehrenamtlich arbeiten, wollen wir am Ende auch ein paar uns wichtige Werte auf dem Festival verteidigen – in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft sollen sich unsere Gäste all dem auch mal für ein Wochenende entziehen können.

Kein großflächiges Sponsoring neben der Bühne in Sicht (Foto: Toni Petraschk/https://www.tonipetraschk.com/)

Nächstes Jahr steht für das Chimaera eine Kreativpause an, dieses Jahr wollt ihr noch das „wahrscheinlich schönste Chimaera ever feiern”. Wieso nehmt ihr euch die Pause, wie soll es anschließend weitergehen?

Eines vorweg: Das Chimaera als Kollektiv und Community wird weiterbestehen. Zwischen uns und unseren Besucher:innen ist so viel Schönes gewachsen, dass wir dieses Erbe in jedem Fall weiterpflegen werden. Aber ehrlich gesagt sind wir an einen Punkt gekommen, an dem wir innehalten müssen. Im Kampf, uns finanziell irgendwie über Wasser zu halten, sind wir an unsere moralischen Grenzen gestoßen. Wichtige Gruppenprozesse sind auf der Strecke geblieben, und durch die zunehmende Professionalisierung sind wir auf eine Art auch von dem abgerückt, was uns ursprünglich Spaß gemacht hat: Bühnen bauen, Freund:innen treffen, einfach zusammen etwas schaffen. Gleichzeitig wächst außerhalb des Festivals die Verantwortung im Erwerbsleben und Privatleben. Das müssen wir neu ausbalancieren.

Die Pause wollen wir nutzen, um gemeinsam zu reflektieren: Wo stehen wir, wo wollen wir hin, was wollen wir vielleicht noch gemeinsam erreichen? Unser Idealismus musste sich in den letzten Jahren zu oft der Marktlogik beugen, und wir wollen ernsthaft darüber nachdenken, inwieweit wir in Zukunft wieder etwas auf die Beine stellen können, ohne uns in erster Linie darum zu sorgen, wie wir alle Tickets verkauft bekommen. Dafür lassen wir uns Zeit, mit mindestens ein bis zwei Visionswochenenden und einem Crewurlaub.

Beschlossen ist noch nichts, und die Ideen im Raum sind vielfältig. Von einem kleineren Chimaera mit unter 300 Personen über eine Chimaera-Bühne auf anderen Festivals bis hin zu einem ganz neuen Großformat ist alles denkbar. Club-Veranstaltungen wird es auf jeden Fall weiterhin geben, womöglich sogar mehr als bisher. Wichtig ist: Wir wollen uns nicht mehr von finanziellen Zwängen treiben lassen, sondern in Ruhe entscheiden, was das Chimaera als Nächstes sein soll.

Wird weiterbestehen, so oder so: Das Chimaera Festival (Foto: Toni Petraschk/https://www.tonipetraschk.com/)

Euer Line-up setzt sich aus internationalen Acts und mit euch besonders verbundenen Locals zusammen. Stilistisch ist von Techno bis House, Bass Music und Prog-Klängen ein breites Spektrum abgebildet. Welchen roten Faden verfolgt ihr im Booking?

Gut muss es sein, in seinem jeweiligen Bereich. Wir gehen privat nach wie vor raven und verfolgen dabei einen einfachen Ansatz: Was uns live und in Farbe überzeugt, neue Facetten mit Altbekanntem verwebt und gut gemixt und produziert ist, dem wollen wir eine Bühne geben. Der rote Faden ist also weniger ein Stil als ein Gefühl.

Dieses Jahr hat besonders Warning mit seinem reichen Bookingnetzwerk unser Line-up bereichert. Wir sind überzeugt, dass wir ein so spannendes und hochwertiges Line-up bei einem Festival um die 1000 Personen in Ostdeutschland seit dem Freiland oder Fluid nicht mehr gesehen haben. Besonders freut uns, dass wir es trotz unserer No-Flight-Policy hinbekommen haben, ein so internationales Line-up aufzustellen. Erstmals haben wir uns dieses Jahr auch entschieden, Acts einzuladen, die wir schon einmal bei uns begrüßen durften. Das Zusammenpuzzlen mit neuen Gesichtern hat das Ganze besonders abgerundet. Neu in diesem Jahr ist außerdem ein Ambientfloor für die ruhigere musikalische Nische, der unseren Spielraum erweitert und sich vorzüglich mit der audiovisuellen Nacht im Heizhaus mit Acid Reflux verbindet.

Deko-Elemente auf dem Chimaera Festival (Foto: Toni Petraschk/https://www.tonipetraschk.com/)

Zum Abschluss noch zum Mix: Wie ist das Festival mit qrex verbunden? Habt ihr klassische Residents, die bei euch jedes Jahr spielen?

Hinter qrex steckt Felix. Er ist seit dem ersten Jahr mit dabei, hat unsere IT-Infrastruktur mit aufgebaut und war bereits in einem der Gründungskollektive aktiv. Wenn er spielt, ist das jedes Mal einer der Momente, auf die wir uns im Kollektiv am meisten freuen. Der gesamte Mix ist selbstproduziert – eure Anfrage war also eine gute Gelegenheit, das mal außerhalb des Festivals zu zeigen.

Zu Felix gesellt sich eine breite Mischung aus Locals und Chimaera-Friends, die beim Festival Verantwortung übernehmen und gleichzeitig wirklich gute Selector:innen, DJs und Produzent:innen sind. Ihnen eine Bühne zu geben, ist jedes Jahr aufs Neue beeindruckend. Ihre Sets reihen sich nahtlos in die Qualität der gebuchten Headliner ein. Das Chimaera war immer ein Festival, bei dem Musik an erster Stelle stand, okay, vielleicht direkt nach dem Gruppenprozess. Ein paar der Sets unserer wiederkehrenden Residents finden sich auf unserem Soundcloud-Kanal.

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