Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Aquarian – A Rush of Fat to the Head (TraTraTrax)
Im Gefahrengut steckt ja die Gefahr drin, das heißt: Wenn man auf die Frage, wie viele Subwoofer da jetzt rumstehen sollen, einfach nur nickt, dann ist das gut und gerne gefährlich. Dafür muss man nicht erst an Litschis lutschen. Beispiel: A Rush of Fat to the Head von Aquarian. Der dürfte manchen eh schon für hochfrequenzmutierten Pervers-Reggaetón im Frontallappen hängengeblieben sein. Hier schweißt er zusätzlich dröhnendem Industrie-Primitivismus rein. Die TraTraTrax-Spezis Verraco und DJ Lomalinda reißen sich sicherlich enthusiasmiert die Schweißbänder vom Kopf. Dafür legt gyrofield auf der Rückseite einen Remix hin, der die Gehirnwindungen noch schön verknotet wie ein überambitionierter Psychotherapeut. Ganz gut, gefahrengut! Christoph Gleich

Frits Wentink – Redline EP (Royal Oak)
Ausverkauuuft, heißt es auf Bandcamp. Ravers scheinen gerade auf solide angebummelten Analog-House zu stehen, wie er zu Zeiten von Detroit Swindle, sorry, Dam Swindle Konjunktur hatte. Frits Wentink bewegt sich seit gut anderthalb Dekaden in ähnlichem Fahrwasser und kommt da gerade recht: Der Opener „Heat Shield” mit seinem Backbeat-Trott und dem Schunkel-Synth-Motiv weckt dunkle Erinnerungen an Purple Disco Machine, dramatische Strings machen noch etwas Boden gut. „Mind State” schlurft mit gesenktem Blick stoisch über den Asphalt, sporadische Dub-Chord-Salven geben Halt, während ein Vocal seinen Sermon brabbelt wie bei Sascha Dive. „Slip Stream” exerziert einen maximal spröden Bass durch, dem gegenüber eine weibliche Stimme den Funk-Befehl artikuliert, der immer wieder im Mix versinkt. „Burned” beginnt als starkes Tool mit variablem Drumming und schwingt sich dann auf himmlischen Pads zum einem Track mit wahrhaftiger, spielerischer Melodie auf. Vier toll produzierte Stücke fürs Warm-up, die in ihrer Hermetik nicht so recht wissen, wohin mit sich. Maximilian Fritz

Mano Le Tough & DJ Koze, Remcord, Jonathan Kaspar – MAEVE 035 (Maeve)
Zwischen Schallwellen und Lagerfeuermagie eröffnet Maeve 035 ein neues Kapitel für das von Mano Le Tough kuratierte Label. Drei Tracks verbinden verträumte Elektronik, organische Sounds und druckvolle Basslines. Den Auftakt bildet der Track „Real, You Know?!”, der aus einer Zusammenarbeit von Mano Le Tough und DJ Koze entstand. Sanftes Klappern liegt über einem dumpfen Bass, dazu kommen ein tiefes Summen und elektrische Wellen, die sich durch den Raum bewegen. Im Hintergrund taucht immer wieder eine männliche Sprechstimme auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Verträumte Synthesizer breiten sich aus, später öffnen bläserartige Klänge das Stück und verleihen ihm zusätzliche Wärme. Mano Le Toughs Gespür für emotionale Melodien trifft hier auf jene kleinen, eigensinnigen Details, mit denen DJ Koze selbst ruhige Tracks überraschend und lebendig hält.
Deutlich unmittelbarer steigt Remcords „Utopia” ein. Ein drückender Bass setzt ohne Vorwarnung ein, während die Percussion klingt, als würde jemand Holzstücke rhythmisch gegeneinanderschlagen. Dazu gesellen sich tiefe, flötenartige Töne, die dem Stück beinahe etwas Spirituelles verleihen. Der Track ruft Bilder eines Sommerabends am Wasser hervor: ein Feuer, flackerndes Licht und eine Atmosphäre, die gleichzeitig friedlich und geheimnisvoll wirkt. Mit „Aye” von Jonathan Kaspar rückt schließlich wieder der Dancefloor stärker in den Fokus. Der Bass wird voll aufgedreht, darüber schwebt eine verzerrte, hallende Frauenstimme. Im Hintergrund scheint jemand an einem Metallgitter zu rütteln, während sich gleichzeitig eine deutlich melodischere Ebene ihren Weg durch den Track bahnt.
Zusammen mit weit geöffneten Synthesizern und punktuellen rhythmischen Sprüngen entwickelt „Aye” eine große emotionale Kraft. Der Track ist melodisch, ohne ins Beliebige abzurutschen, und energetisch, ohne seine Tiefe zu verlieren. Der Auftakt in die neue Phase des Labels ist damit gelungen: emotional, eigenwillig und voller kleiner Details, die sich erst nach mehrmaligem Hören vollständig erschließen. Eine Platte, die den Körper bewegt – und zugleich die Seele beruhigt. Anne Holzki

Sam Goku – Interrelation (Rhythm Section International)
Es gibt dieses Phänomen an großen, breiten, aber nicht überfüllten Stränden, diese gleichförmige rhythmische Ruhe, gestaltet von in vermeintlich immer gleichen Abständen heranrollenden Wellen. Alles ist im besten Sinne träge, sonnendurchdrungen und umschlungen von seichtem Wind und Meeresrauschen. Und dann kommt aus dem Nichts eine Triole oder Quintole von größeren Wogen, von keinem Dampfer und keinem Windstoß verursacht, irgendwo im Bauch des Ozeans produziert, hunderte oder sogar tausende Meilen vom Strand entfernt. Und wenn sich alles gelegt hat, das Brausen und Rauschen und Schäumen und Versiegen, ist alles friedlich wie zuvor. Ähnlich wie diese Szenerie wirkt der Titeltrack dieser ungewöhnlich schönen EP von Sam Goku, die sich um keine Zwölf, auf die alles zu setzen oder auf die zu hauen wäre, keine Primetime und keinen Funktionalismus schert, sondern der es einfach nur um Schönheit im Rhythmus und in den Klängen geht – und die diese Schönheit ganz und gar unprätentiös in Szene setzt. Dass es so etwas noch gibt! Mathias Schaffhäuser

The Mountain People – Gom Jabbar (My King Is Light)
Auch auf ihrer neuesten Veröffentlichung Gom Jabbar bleiben sich The Mountain People ihrem reduzierten Verständnis von Tech-House treu. Das Duo aus der Schweiz veröffentlicht vier Tracks, die beweisen, dass weniger oft mehr ist.
Der Titeltrack der EP ruht auf einer sanften, repetitiven Bassline. Dazu gesellen sich breite, warme Synthflächen und verhallende Gesänge, deren meditative Wirkung fast unweigerlich zum Augenschließen einlädt. „Prana Bindu” knüpft daran an und verschiebt den Fokus in Richtung Dancefloor. Eine schlichte, aber absolut groovige House-Bassline bildet das Fundament, auf das markante Dub-Flächen aufbauen, die den Track mit großzügigem Raum aufladen. In „We All Shall Know” reduzieren The Mountain People ihr Klangbild zunächst noch weiter. Die atmosphärischen Synth-Flächen sucht man anfangs vergeblich. Stattdessen trägt eine entzückend verspielte Bassline den Track, und um sie herumtänzelnden Percussions zeigen vor, worin ihr Sinn liegt. Erst nach und nach legt sich ein warmer Teppich aus verträumten, homonymen Synthpatterns unter den Groove, der den Track in der Schwebe ausklingen lässt.
Den Schluss der EP bildet Bottomless mit einem Remix des Titeltracks. Statt das Original grundlegend umzubauen, arbeitet er dessen größte Stärke heraus: das präzise Zusammenspiel der einzelnen Elemente. Jedes Instrument, jeder Sound, jedes Vocal erhält genügend Raum, um für sich zu wirken und gleichzeitig die oft unterschätzte Raffinesse des Minimalen hervorzuheben. Johanna Lühr
