Wie sich moderne Electronica auf der Höhe der Zeit ausspielt, sich nicht essenziell anders anhört als vieles, doch ein klein wenig weiter vorne, einfach frischer und besser ist, das ist das delikate Geheimnis der in London lebenden chinesischen Kanadierin Yu Su. Foundry (Short Span, 1. Mai), ihr, wenn ich richtig gezählt habe, tatsächlich erst zweites Album in mehr als zehn Jahren, setzt sich jedenfalls mitten in die erste Reihe eines Verständnisses von Techno, Dub und semifunktionaler Elektronik, die nicht ballern muss, die Glieder schütteln darf, wenn es passt, aber ebenso gut auf Beats – seltener auf Bass – verzichten kann, ohne dass irgendetwas fehlen würde. Eingängig, unmittelbar einleuchtend und eingroovend und doch Anti-Mainstream, experimentell wider die kurzzeitdenkend belohnende Aufmerksamkeitsökonomie. Dass hier zudem noch die nur ungefähr alle zehn Jahre mal Lebenszeichen von sich gebenden J-Pop-Ikonen Dip in the Pool gastieren, ist da nur das Schäumchen. Ein Highlight auf dem unbedingt noch zu entdeckenden jungen Sheffielder Vinyl-Label Short Span.
Luftige, lichtdurchflutete Räume, Leere und Klarheit, kontrolliertes Chaos als Ordnungsprinzip. Und ein grundlegend aktives Bewusstsein des Daseins allen Dingen gegenüber. Noch die verschwindend kleinsten Sound-Elemente von Paradessence (RVNG Intl., 22. Mai) sind mit einer beinahe übermenschlich scheinenden Gewissenhaftigkeit gesetzt. Nach sieben Jahren Pause und zahlreichen Nebenprojekten (wie der Kuration des preisgekrönten Samplers Kankyō Ongaku) haben sich Spencer Doran and Ryan Carlile wieder als Visible Cloaks zusammengetan, um die Faszination der Lücken (da, wo das Licht reinkommt) in maximal möglicher Schönheit herauszuarbeiten. Es sind sparsam arrangierte, architektonisch wohlkomponierte, hyperpräzise Stücke aus fast nichts, die allein durch ihre Existenz, durch das Freilassen, Laufenlassen zu so viel mehr werden. Diese Musik bestätigt die alte Behauptung, dass Ambient im Hintergrund verschwinden können muss, und behauptet gleichzeitig energisch das Gegenteil. Es ist Musik zum Mitfühlen dessen, was ist und was nicht.
Wie kompatibel, ja kongenial Alan Abrahams‘ (Portable/Bodycode) sehnsüchtig schmachtende Vocals und Jan Jelineks instrumentale Abstraktionen sein können. Wie sich ihre jeweils höchst individuellen und idiosynkratischen Zugänge zu Ambient scheinbar problemlos zu einem sumpfig-psychedelisch blubbernden Gesamtsound mit pilzig-halluzinatorischen Spitzen verbinden, ist nichts weniger als ein Phänomen. Und Take Me I’m Yours (Faitiche, 29. Mai) von Alan & Jan, in legerer Vornamen-Verbindung gehalten, ist damit schon wieder eine ebenso unerwartete wie großartige Gemeinschaftsarbeit. Eine, die vielleicht sogar einen mikroskopischen Trend hin zur Kommunalität abseits des Üblichen anzeigt. Nicht mehr allein bleiben, aber doch individuell sein. Verbinden, ohne zu verschmelzen, zusammenfließen, ohne die eigenen Farben zu verwaschen. Es geht, und es ist großartig.
Ein weiteres Album, das sich um den Titel der genialsten Genie-Kombi in diesem Jahr bewirbt, ist definitiv Manivelles (Pingipung, 15. Mai). Die sich fast schon unheimlich perfekt ergänzende Kombo aus Anadol & Marie Klock kennen wir allerdings schon. Und ihr zweites Album führt das Œuvre der beiden in neue Höhen und Untiefen des unvorhersehbaren Ideen-Chansons mit jederzeit abgründigen Inhalten und musikalisch überbordend minimalistischer Outsider-Perfektion. Widersprüche oder Inkonsistenzen gibt es hier nicht; wie könnte es auch in einem Werk, das sich so weit außerhalb von jeglicher Konvention stellt, in dem alles möglich ist und doch alles in hochgradig von Sinn – und avanciertem Unsinn – durchwirkter Popmusik primärer Brillanz endet. Und dann noch das Video. Ich sage nur so viel: Dackel-Content.
Trauermärsche und Begräbnismusik waren immer mehr als elegische Trauerbegleitung oder fromme Besinnungsklänge. Wie aufregend, andersartig und besonders sogar traditionelle Klänge sein können, untersuchen die norwegischen Experimentalist:innen Stine Janvin & Morten Joh auf Or Gare (Futura Resistenza, 24. März). Nominell sind die Stücke tatsächlich Trauermärsche aus einer spezifischen Gegend, Ryfylke im Südwesten Norwegens. Was die mittlerweile teils in Berlin lebenden Janvin und Joh daraus machen, sind allerdings wagemutige, weit ausgreifende elektronische Soundscapes, Loops und Hüllkurven, in denen die Essenz der Trauer und Hoffnung der Originale noch spürbar ist, aus denen aber doch etwas radikal Neues entsteht. Etwas, das gleichermaßen Melancholie wie Hoffnung sowie – mit und gegen alle Synthetik – eine tief menschliche, humanistische Wahrheit transportiert.