The Infinite Now im Berliner Kraftwerk bringt 22 Acts für ein 30-stündiges Konzert zusammen, das am 16. Mai um 18 Uhr beginnt und am nächsten Tag um Mitternacht endet.
Dabei treten so verschiedene Acts wie der Detroit-Techno-Vordenker Terrence Dixon, der akustische Gitarrist Shane Parish oder das japanische Improvisationskollektiv Marginal Consort auf. Als Einstimmung finden in der Vorwoche drei Konzerte statt – den Auftakt macht kein Geringerer als Oneohtrix Point Never. Verantwortlich für The Infinite Now ist das Atonal Festival, das sich für das Projekt mit dem Unsound aus Krakau zusammengetan hat.
Einen Einblick in die Entstehung von The Infinite Now gibt Berlin-Atonal-Macher Laurens von Oswald. Von ihm wollten wir unter anderem wissen, was es mit dem außergewöhnlichen Format auf sich hat und welche Erfahrung die extreme Dauer des Konzertes ermöglichen soll.
GROOVE: Was erwartet die Besucher:innen bei The Infinite Now? Worauf sollte man sich einstellen, was sollte man mitbringen?
Laurens von Oswald: The Infinite Now ist kein Konzert im klassischen Sinne – es ist ein Aufenthalt. Über 30 Stunden hinweg entsteht ein Raum, in dem man sich frei bewegen kann: zuhören, schlafen, umherwandern, wieder eintauchen. Es wird Betten geben. Manche Menschen werden die Augen schließen, andere durch den Kraftwerk-Raum streifen. Was man mitbringen sollte? Offenheit für das Ungewöhnliche – und vielleicht ein Kissen oder eine Decke zum Schlafen. Keinesfalls braucht man einen festen Plan.
Wie ist die Kollaboration mit dem Unsound-Festival aus Krakau entstanden?
Berlin Atonal und Unsound arbeiten seit Jahren im Hintergrund eng zusammen – wir teilen viele künstlerische Überzeugungen, viele künstlerische Referenzen und ein gemeinsames Verständnis davon, was ein Festival leisten kann, das über reine Programmierung hinausgeht.

Wo liegen Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten?
Diese Kollaboration war kein formaler Schritt, eher der logische Ausgang von etwas, das sich schon lange entwickelt hat. Die Unterschiede sind dabei produktiv: Unsound hat ein anderes Netzwerk, eine andere geografische Verwurzelung, eine eigene kuratorische Stimme. Das macht das Ergebnis dichter, als ein einzelnes Festival je hätte sein können.
Warum habt ihr das 30-Stunden-Format mit den beiden Vor-Konzerten gewählt? Inwiefern knüpft es an The Long Now von 2019 an, das damals in Zusammenarbeit mit Maerzmusik produziert wurde?
The Long Now war im Jahr 2019, damals gemeinsam mit Maerzmusik und den Berliner Festspielen initiiert, für uns ein entscheidender Moment: der Beweis, dass ein erweitertes Zeitformat nicht nur möglich, sondern für bestimmte Kunst notwendig ist. The Infinite Now knüpft daran an und denkt es weiter. Das Konzept ist gewachsen, die Mittel sind größer, die künstlerischen Positionen radikaler. Die drei Vor-Konzerte sind keine Warm-ups, sie sind Teil der Gesamtdramaturgie, der erste Atemzug eines langen, kontinuierlichen Erlebnisses. 30 Stunden sind kein Gimmick. Es ist die einzige vorstellbare Antwort auf Musik, die Zeit als Material begreift.

(Foto: Presse)
Wie haben Gosia Płysa und Mat Schulz vom Unsound und Harry Glass und du vom Atonal kuratorisch kollaboriert? Was für ein musikalisches Repertoire und welche Themen habt ihr euch als Atonal neu erschlossen? Ist so was wie ein kuratorisches Konzept entstanden?
Gosia, Mat, Harry und ich haben über Monate hinweg eng zusammengearbeitet. Was uns geleitet hat, war keine vorher definierte These, sondern eine geteilte Überzeugung: dass man Konventionen aufheben kann – nicht um das Publikum willkürlich herauszufordern, sondern um ihm eine andere Art des Zuhörens zu ermöglichen.
Wie habt ihr ein Programm gestaltet, das diesem Anspruch gerecht wird?
Wir wollten nicht nur die Konventionen von Musikfestivals oder Konzerterlebnissen verändern, sondern die grundlegenden Gewohnheiten, mit denen wir Musik überhaupt begegnen. Der Raum ist dabei der eigentliche Träger, das Kraftwerk ist keine Kulisse, sondern ein Instrument. Das Programm lässt sich als Ganzes verstehen, besteht aber aus Teilen, die jeweils für sich ein vollständiges Festivalprogramm sein könnten. Was sie zusammenhält, ist keine Genre-Logik, sondern ein räumliches und zeitliches Angebot: komm, bleib und lass dich verändern.

Computermusik kommt bei The Infinite Now nicht so viel vor – der Schwerpunkt liegt auf (elektro-)akustischer, droniger und vocal-lastiger Musik. Was reizt euch daran? Was steuern diese Sounds unserer digitalen Gegenwart bei?
Die Frage setzt eine Trennung voraus, die wir so nicht teilen. Für uns ist das alles zutiefst miteinander verbunden – es gibt keine saubere Grenze zwischen elektronisch und akustisch, zwischen Komposition und Performance, zwischen Körper und Technologie. Scott Gibbons, der seit Jahrzehnten mit Romeo Castellucci arbeitet, ist ein gutes Beispiel: Was ist das – Computermusik? Elektroakustik? Komposition? Die Kategorien greifen nicht. Genauso wenig wie bei Caterina Barbieri, deren neue Arbeit irgendwo zwischen elektronischer Komposition und physischer Erfahrung existiert – oder bei Adam Wiltzie, der das Vermächtnis von Stars of the Lid neu befragt, einer der wichtigsten und singulärsten Bands überhaupt.
Wie kategorisiert ihr die Musik, wenn weniger wichtig ist, wie sie entsteht?
Was uns interessiert, ist Musik, die eine physische und zeitliche Wirkung hat – auf den Raum, auf den Körper, auf die Wahrnehmung. Ob diese mit einem Laptop, einer Stimme, einem Dudelsack oder einem Orchester erzeugt wird, ist zweitrangig. The Infinite Now ist kein Statement gegen elektronische Musik. Es ist ein Statement für Musik ohne falsche Kategorien.

Wo liegt für euch als Team die größte Herausforderung bei der Produktion von The Infinite Now, wo das größte Vergnügen?
Die größte Herausforderung ist die Gleichzeitigkeit: ein Programm zu bauen, das als Totalität funktioniert, aber auch für jemanden sinnvoll ist, der nur sechs Stunden bleibt und drei Konzerte hört. Die Dramaturgie eines 30-Stunden-Formats ist etwas, für das es kaum Vorbilder gibt – man erfindet sie im Machen. Aber genau darin liegt auch das Vergnügen. The Infinite Now fühlt sich zu keinem Moment formelhaft an oder wie etwas, das einen bewährten Weg geht. Wir haben uns Fragen gestellt, die wir nicht kannten – und dann versucht, sie zu beantworten. Das geht nur mit Künstler:innen, die diese Freude am Experiment teilen. Das ist keine Selbstverständlichkeit – und wenn es gelingt, ist es das Schönste überhaupt.