Motherboard: Mai 2026

Das kanadische Duo aus Khôra (Matthew Ramolo) und Mas Aya (Brandon Miguel Valdivia) zeigt auf Primordial Mind (Marionette, 8. Mai), was dabei herauskommen kann, wenn sich zwei profilierte Musiker treffen und ohne spezifische Vorgaben oder stilistische Einschränkungen, aber mit einer klaren Vorstellung davon, was sie können und wollen, einfach losspielen. Auf jeden Fall nicht das, was sie sonst noch so machen in Bands und Soloprojekten – dekonstruierten Doom-Metal, Indie-Rock oder Modular-Elektronik. Eine durchschlagende Gemeinsamkeit haben die beiden Torontoer Musiker allerdings schon: eine kontinuierliche Faszination für rituelle, tribale Klänge und die Möglichkeiten von Jazz und freier Improvisation. Welche sie allerdings in jederzeit sorgfältig geordnete, warme, soft-psychedelische Bahnen lenken. Ihre Stücke schwingen sich selten zum kompletten Freakout auf, sondern konzentrieren ihre Energie im Flow, im Rhythmus der Wiederholungen und in immer komplexer werdenden Schleifen und Verstrickungen. Als würde das Art Ensemble of Chicago Elektro-Gamelan und abstrakte Ragas spielen – gleichzeitig.

Heavy Industrial, Power Noise und Dark Ambient haben sich in den vergangenen drei, vier Dekaden eine Nische geschaffen, die offenbar weit genug ist, um eine Existenz in Selbstgenügsamkeit zu ermöglichen. Arbeiten, die über die Grenzen hinaussehen, sind aber doch immer möglich und mehr als willkommen. So hat der Berliner Marco Freivogel als Prequel Tapes und Sycum schon mal mit den dunkleren Spielarten von Techno geliebäugelt, und der Flötist Adam Sinclaire hat sein Instrument schon auf einigen der kantig-experimentellen Post-Industrial-Acts wie Dis Fig, Abyss X oder Billy Bultheel hören lassen. Nach einem ersten Mini-Album Untitled mit Live-Improvisationen auf dem Singapurer Label Midnight Shift haben Freivogel / Sinclaire mit dem ebenfalls wieder II (Industrial Coast, 13. März) unbetitelten, ausschweifenden Album auf dem jungen expansiven britischen Tape-Label Industrial Coast, das Stil wie Lokalität schon im Titel trägt, tatsächlich einen solchen großen Wurf getätigt. Einen, der im Genre bleibt und doch über Grenzen geht. Ja, es ist Ambient mit Flötentönen, aber eben mit einer Flöte, die gleichermaßen natürlich, organisch, holzig wie elektroakustisch verfremdet agieren kann, die beinahe New-Age werden kann, aber doch schwerer, dunkler, lysergischer, panischer. Und das war im Genre so noch nie zu hören.

Eine weitere glückliche Verbindung, in diesem Fall im Rahmen avancierten Analog-Synthesizerschaffens, ist die Berliner Kombo aus Ah! Kosmos & Hainbach. Beide sind neben der akuten Verstöpselung klassischer Modularmaschinen auch als elektroakustische Entdeckungsreisende und Instrumentenerfinder unterwegs: Die Istanbuler Producerin unter ihrem bürgerlichen Namen Başak Günak etwa am Halldorophon und der vornamenlose Hainbach in den Aufnahmestudios und Archiven der akademischen wie kommerziellen Elektronik-Pioniere. Gentle Hum (FUU, 24. April 24), die zweite Zusammenarbeit der mit Veröffentlichungen ziemlich zurückhaltenden Günak mit dem üppig raushauenden Hainbach, wirft beider Soundwelten wieder sehr glücklich in eins. Die eher ambienten und mäandernd ausprobierenden Klangfiguren Hainbachs bekommen von Ah! Kosmos eine gehörige Portion Dramatik mit, zudem Struktur und Melodik. Eine fantastische Synthese, in der Stimmen herumschwirren dürfen, Pathos erlaubt ist, und das Ergebnis mehr als die Summe seiner Teile darstellt.

Das belgische Kleinstlabel Vlek ist seit nunmehr 17 Jahren ein steter Quell höchst experimenteller und individueller Kleinod-Klänge, gerne in ungewöhnlichen Formaten wie 10-Inch-Vinylen mit handbedruckten Covern. Das wirklich Ungewöhnliche dabei ist, dass es diesen Veröffentlichungen oft gelingt, aus einer tendenziell selbstgenügsamen, eigenbrötlerischen Isolation heraus an Pop, House, Techno oder mehrheitsfähige Electronica anzudocken, sich manchmal sogar richtig mittig hineinzusetzen, nicht selten selbst überrascht darüber, wie angenehm und frisch das doch alles klingt. Für die Sounds des Brüsseler Produzenten Pierre Dozin mit dem grenzhumoristischen Alias Late Bush gilt das sogar ganz besonders. Dessen Hoarses, The Fiction of Musical Authenticity (Vlek, 24. April) nimmt barocken Hyperpop, IDM und Glitch als Basis einer Post-Club-Post-Anything- Wurzelbehandlung, die wiederum geradeaus in neoklassischen Pop-Pathos zurückführt. Die respektvolle Veralberung der größten Kate ist damit allerdings noch nicht ans Ende gelangt. Die Niederländerin mit Namen Skate Bush debütierte schon im vergangenen Jahr mit dem tollen Album Skate Bush (Skate Bush, 2025) voller elektronischem Shoegaze-Pop in kürzesten Skizzen, Fragmenten, die doch so viel können.

Eine besinnliche Postkarte aus den Neunzigern senden uns Chessie + Contriva mit der Doppel-LP Black Jacket (Watusi Records, 10. April). Obwohl das Material durchweg neueren Datums ist, stellt sich unmittelbar eine halb wohlige, halb melancholische Sonntagsmittags-Post-Rock-Gefühligkeit ein. Diese triggert unmittelbar die Spiegelneuronen dessen, was von der Party, was vom Vorabend vor dem Millennium übrig blieb: Resteuphorie und Hangover-Schlaffheit. Die Berliner wie die Washingtoner Band, die sich seit mehr als 25 Jahren kennen, arbeiten gemeinsam daran, ihren damals entwickelten Sound in die Jetztzeit zu bringen, ohne etwas dramatisch ändern zu müssen. Das hat nichts mit Nostalgie oder einer rückwärtsgewandten Verklärung des Vergangenen zu tun und alles mit Kontinuität und der Fähigkeit, die Zukunft anzunehmen – unter den je eigenen Bedingungen. Es ist tatsächlich etwas, das gefehlt hat.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Kianí del Valle im Interview: „In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas zu sagen habe”

Superbowl oder CTM Festival: Kianí del Valle bewegt sich mit ihrer Performancekunst zwischen Subkultur und globalen Popbühnen.

Andreas Schneider über zehn Jahre Superbooth: „Mich interessiert die Person, die den Synthesizer gebaut hat”

Der Superbooth-Gründer zieht sich aus dem aktiven Geschäft zurück. Im Interview erklärt er, was er mit der Berliner Musiktechnikmesse hinterlassen möchte. 

Berlin-Atonal-Macher Laurens von Oswald über The Infinite Now im Berliner Kraftwerk: „Komm, bleib – und lass dich verändern”

22 Acts in 30 Stunden: Im Interview erklärt Laurens von Oswald, was es mit dem entgrenzten Format von The Infinite Now auf sich hat.