Motherboard: Mai 2026

Es ist definitiv kein Zufall, dass sich die Hoffnungsträgerinnen der sogenannten Neoklassik – dass hier nicht gegendert, sondern das generische Femininum benutzt wird, ist ebenfalls kein Zufall – früher oder später von den Konventionen des Genres abwenden und etwas Interessantes machen. Christina Vantzou und Hania Rani sind prominente Beispiele, die wie Rani aus Polen stammende Cellistin Dobrawa Czocher ist das jüngste Musterbeispiel, nicht nur vom Lebensalter her. Ihr zweites Album State of Matter (130701/FatCat, 27. März) erscheint noch auf einem der wichtigsten Labels des Stils, nutzt noch das Cello als Leitinstrument, bezweckt doch etwas gänzlich anderes damit als im Genre üblich. Ausflüge zu cinematischem Folk, Drone oder Post-Rock sind zwar keineswegs ungewohnt, doch die Konzentration und Tiefe, die Czocher in ihre Stücke steckt – ich traue mich fast nicht, es zu schreiben: Ihre Innigkeit und Intensität sind weit abseits des Alltäglichen.

Die spanische, in Schweden lebende Pianistin Hara Alonso ist noch nicht lange im Spiel, hat sich aber bereits als regelmäßig kollaborierende Musikerin und Komponistin von immenser Bandbreite und Offenheit etabliert. Von kollektivistischem Free Jazz zu introspektivem Drone, von pulsierendem Klavier-Minimalismus und handfester Piano-Electronica bis hin zu karger elektroakustischer Sound-Art hatten ihre Veröffentlichungen der vergangenen fünf Jahre immer einen tief experimentellen Underground-DIY-Vibe, der sich aber immer immens anschlussfähig zeigte – nicht zuletzt, weil Alonso sich für jedes Genre, das sie bespielt, offenbar mit Leichtigkeit immer wieder neu erfinden kann. Dass sie auch Soundtrack kann, ist daher kein Wunder. Like Moths to Light (Hara Alonso, 23. Februar), der Score zu Gala Hernandéz López‘ ebenso schwer kategorisierbarem gleichnamigen Film über KI und die Kapitalisierung unserer Träume, ist, die Schwere des Themas kontrastierend, leicht und Ambient, doch reich an hintergründigen Details. Das Konzept-Tape Music of Many Nows (FUU, 10. April) dokumentiert den elektronischen Alltag, ausgehend von Field Recordings. Diese werden prozessiert und von Instrumenten, etwa dem Cello der ähnlich versatilen Lia Kohl, begleitet – und so zu hochinteressantem und doch leichtem Ambient.

In der Rekonstruktion des Klanges eines zutiefst in Tradition und Klassik eingebetteten Instruments außerhalb des ursprünglichen Kontexts bewegt sich die Arbeit des Exil-Iraners Saba Alizadeh. Das Instrument ist die persische Kamantsche, ein in ganz Vorderasien verbreitetes Saiteninstrument, das von Alizadeh manchmal in elektronischer Verfremdung, Verschleifung und Überblendung gespielt wird, aber ebenso pur wirkt, nur mit Raumklang und Hall einen subtilen wie erhabenen Klangkosmos zwischen Drone und World Music ausbreitet. Rituals Of The Last Dawn (Karlrecords, 20. März) versammelt zwei langformatige, intrinsisch und motivisch verbundene Stücke, die elegischer nicht sein könnten. Der Grundzustand in Alizadehs Musik ist die Melancholie, die Erfahrung von Verlust und Trauer. Mehr als das ist die Melancholie allerdings ein Fundament, von dem aus Raum und Weite eröffnet, experimentelle Welten gebaut und tief ausgeleuchtet werden. Ein Trip. 

In seiner gar nicht mal so umfangreichen Diskografie hat der Mailänder Multimediakünstler und Elektroakustiker Domiziano Maselli bereits eine bemerkenswerte Spannweite erreicht, die ihn unter anderem nach Island brachte, wo er mit Größen wie Valgeir Sigurðsson (Producer von Björk) oder Ben Frost arbeitete. Letzterer ist sowohl als Vorbild im Sounddesign wie auch als Mitwirkender auf Garden Of Kira (Torto Editions, 17. April) vertreten. Elektronische Klangelemente aus dem Modularsynthesizer treffen auf dröhnende Kontrabass-Passagen in einem extrem dynamischen Gesamtklangbild. Vom flüsterleisen elektrischen Zirpen und Flattern zu harsch dekonstruiertem Feedback-Noise ist jedes Stück für sich ein Trip zwischen Extremen. Jederzeit an der Schwelle zur Selbstzerstörung, am Umkippen in Instabilitäten und derben Krach, ohne länger in der Katharsis der Katabasis zu verweilen. Eine fragile Balance, wie sie sonst nur wenige so souverän beherrschen – Ben Frost eben, oder Sascha Ring als Apparat in seinen heftigeren Ambient-Momenten.

Der Tausendfüßler von Posaunist Mathias Götz ist eines der sympathischen Satellitenprojekte aus dem Umfeld von The Notwist und den Labels Morr und Alien Transistor. Für sein jüngstes Konzeptalbum Radical Hope (Radical Hope Records, 30. April) hat Götz als Le Millipede gleich noch das gleichnamige Label mitgegründet. In den instrumentalen Stücken geht es um lebensentscheidende Momente der Erkenntnis als Verbindung von Mensch und Welt, eben Momente radikaler Hoffnung, wie etwa bei dem Philosophen Baruch Spinoza, „Gaia”-Vordenker James Lovelock oder dem britischen „Small is Beautiful”-Ökonomen Ernst Schumacher. Musikalisch findet sich das als bewährte Mischung von geloopten Posaunen wieder, eingebettet in fluffige Outsider-Electronica, manchmal sogar von kleinen House-Beats in Bewegung gebracht. Eine kleine Tanzmusik, die Füße und Köpfe in Bewegung bringen soll. Was liebenswürdig wie ansprechend gelingt.

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