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September 2023: Die essenziellen Alben (Teil 3)

KMRU – Dissolution Grip (OFNOT)

Josef Kamaru alias KMRU arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Field-Recordings, Soundforschung und Ambient-Elegien. Erleben konnte man das bisher auf Festivals wie Atonal oder CTM, Tourneen mit zum Beispiel Fennesz oder Labels wie Seil, Injazero oder Warp, bei denen neben diversen explorativen Ambient-Collagen auch mal Kollaborationen mit Seefeel oder sehr vielschichtige Alben wie das wirklich großartige Logue erschienen, die die ganze Bandbreite seines Schaffens zeigen. Das alles steckt gleichzeitig einen Referenzkosmos ab, der KMRUs Werk ganz gut einfasst. Geboren in Kenia, wohnhaft in Berlin und generell viel auf Reisen, sammelten sich über die Jahre unzählige Field-Recordings an.

Während diese etwa auf Logue noch ganz direkt zum Einsatz kamen, erschafft KMRU auf dem neuen Album Dissolution Grip mithilfe von Granularsynthese gänzlich neue Werke, die den Ursprung der Field-Recordings nicht mal mehr im Ansatz erahnen lassen. Die drei epischen Stücke erscheinen auf seinem neuen Label OFNOT und schichten Drones und stetig vor sich hinschwelende Sounds zu einer Art Shoegaze-Ambient auf, der sich viel Zeit lässt und dabei zugleich viel Drama aufbaut. Stefan Dietze

Speaker Music – Techxodus (Planet Mu)

DeForrest Brown Jr., der Kopf hinter Speaker Music, mag vielen eher bekannt sein als Techno-Theoretiker – unter anderem schrieb er das Buch Assembling a Black Counter Culture und ist für die „Make Techno Black Again”-Kampagne verantwortlich. Speaker Music ist sein – im weitesten Sinne – Techno-Outlet. Und wie so oft bei Theorien, die in die Praxis übertragen werden, macht er es einem nicht leicht – was sicherlich auch niemals seine Absicht war.

Auch wenn Kickdrum-zentrierte Rhythmus-Patterns viele der Tracks dominieren, ist es doch in erster Linie ein Ambient-Album. Musik, die den Raum füllt, Musik, die das Gehirn füllt. Dabei Fragen aufwirft. Wege zeigt. Fährten legt, verwebt, verwirrt, entspinnt. 

Das reicht von erhaben-episch klingenden Klangwänden wie im Opener bis zu irritierenden Sound-Collagen – etwa wenn ein Stimmengewirr auf maschinenartige Geräuschfetzen trifft, akzentuiert durch lose Jazz-Drum-Rhythmen. Und auch bis zu Industrial-Noise-Klangschaften: Ein Stück wie „Feenin” etwa tönt stark nach Throbbing Gristle in ihrer lärmigsten Phase. Dann wieder sakrale Kirchen-Atmosphären, die sich in mechanischem Vogelzwitschern auflösen. Immer wieder permutierende Trommel-Muster. Straßengeräusche, die zu Freejazz-Blasinstrumenten mutieren.

„Black music that sounds technological rather than music made with technology” postuliert Brown seine Mission im ersten Track. Anknüpfpunkte gibt es viele. Seinen Weg durch dieses Klanglabyrinth muss jede:r selbst ergründen. Tim Lorenz

Sylvester – Private Recordings, August 1970 (Dark Entries)

Sylvester hat zusammen mit dem Produzenten Patrick Cowley in den späten Siebzigern Discogeschichte geschrieben. Hits wie „Menergy” oder „You Make Me Feel (Mighty Real)” wurden Hymnen der Gay Liberation. Als historische Eigenheit und Frühwerk von Sylvester sind diese Privataufnahmen des Pianisten und Historikers Peter Mintun aus dem Jahr 1970 natürlich interessant.

In allen Tracks ist bereits Sylvesters schief-opulente und leicht kitschig-übertriebene Falsetto-Discostimme hörbar, obwohl die Tracks Jazzstandards („Stormy Weather”), Blues („Big City Blues”) und Gospels („God Bless The Child”) von afroamerikanischen Sänger:innen aus den Dreißigern und Vierzigern sind. Bereits in den Fünfzigern und Sechzigern gab es Retro-Jugendkulturen, die für vergangene Epochen schwärmten. Erklärbar ist das mit frühkindlicher ästhetischer Prägung. Trotz einiger Tracks, die manchmal etwas arg in Richtung Broadway-Musical schielen: Das Album ist mit einem 16-seitigen Foto-Booklet, Linernotes von Mintun, die seine intime Freundschaft zu Sylvester beschreiben, und einer silbernen Art-Déco-Metallic-Hülle definitiv eine wunderschöne Hommage und ein Sammlerstück. Mirko Hecktor

Tammo Hesselink – Beam (Nous’klaer)

Reduktion bleibt Trumpf. In den Tracks des Amsterdamer Produzenten Tammo Hesselink passiert auf den ersten Eindruck nicht besonders viel: ein paar Rhythmusspuren, dazu sehr wenige andere elektronische Elemente. Trotzdem ist bei ihm jede Menge los. Zunächst, weil seine Produktionen dem Prinzip der steten Veränderung folgen, und dann sind seine Beats auch noch mit so viel Binnenspannung konstruiert, dass sie ihre Energie ohne Weiteres aus sich selbst gewinnen könnten. Synkopen haben entscheidenden Anteil daran, dass die fern-gemütlichen Funk-Grooves entschieden eckig ihren tribalistischen Charakter behaupten. Dazu mag er Einflüsse von überall herangezogen haben, Hesselink verdichtet sie zu seinem eigenen hybriden Ding. Dass Beam diesem Ansatz praktisch durchgehend treu bleibt und trotzdem nicht formelhaft wirkt, hat mit den schier endlosen Variationen der Soundbearbeitung von Nummer zu Nummer zu tun, die Hesselink wahlweise trocken, gedämpft hallend oder wie ein Dub-Echo einsetzt, ohne dass sie sich als vordergründige Effekte aufdrängen würden. Auch hier hält er sehr bewusst Maß. Die Wiederholung tut den Rest. Tim Caspar Boehme

Theo Parrish & Maurissa Rose – Free Myself (Sound Signature)

Viele von Theo Parrishs Tracks sind längst in den Kanon elektronisch-eklektischer Musik eingegangen. „Free Myself”, nach dem das neue Album mit Sängerin Maurissa Rose betitelt ist, wird als eher klassischer Soul-Titel wohl folgen. Der Track erinnert an Ein- und Ausatmen, an Yoga, um zu sich selbst zu kommen. Getragen wird er von der Stimme, einem dezenten auf- und abschwellenden Chor, spirituellen Piano-Tupfern. Fahrt nimmt das Album mit „The Truth” auf, der wie Uptempo-Gospel wirkt. Der Wahrheit verpflichtet – gute Vibes, um sich auf dem Dancefloor einzugrooven. Allen Stücken gemeinsam: der vertraut-organische, warme Detroit-Theo-Parrish-Sound.

Zu viel Eintönigkeit? „Purify Me” bricht den straighten Rhythmus, die Bassline blubbert, über allem schwebt Maurissa Rose. Ihre Stimme verleiht Free Myself Soul! Am stärksten ist „Snake”: Mit einem Flamenco-Gitarrenlick startet der Song, nach wenigen Takten ist die Gitarre vertrauter P-Funk, um sich mit Gospel-Vocals, Drummachine und Bassline wie eine Schlange zu winden. Das floote „Surround the World“ klingt wie eine Bo-Diddley-Funk-Hymne: Tanzbar – auf jeden Fall. In gewohnter Manier schraubt sich „Spiral Staircase” ins Gehör und beschließt Free Myself.

Wer den großen Wurf erwartet hat, wird enttäuscht, Revolution hört sich anders an. Theo Parrish bleibt sich und seiner Fangemeinde treu. „Free Myself“ ist ein Album, das wächst, wenn man sich mehr und mehr hineinhört. Liron Kangwart

Vladislav Delay – Entain (Keplar) (Reissue)

Ursprünglich im Jahr 2000 erschienen, bringt das Label Keplar die frühen Dub- und Ambient-Exkursionen des Finnen Sasu Ripatti alias Vladislav Delay neu gemastert und zum ersten Mal in voller Länge auf Vinyl erhältlich zurück.

Der 22-minütige Opener „Kohde” macht gleich klar: Der Dancefloor steht hier nicht im Fokus. Stattdessen wird elektroakustischer Dub erforscht, ploppen glitchige Minimal-Sounds und knistern ambiente Granulartexturen über endlos wabernde Flächen. Das Abstrakte regiert und darf so weit werden, dass Zeit, Raum und Klang irgendwann gänzlich zu verschmelzen scheinen.

In der Vinyl-Original-Auflage von 2000 wurden die Tracks allesamt noch auf kürzere Versionen zusammengeschnitten. Jetzt aber, auf Zweifach-Vinyl gepresst, dürfen sich die Stücke von Ripatti endlich komplett ausbreiten und in ihrer enormen Leere und Reduktion auf sonische Details ihre ganze Kraft entfalten. Auch 23 Jahre später wirkt dieser hypnotische Sound noch genauso wirkungsvoll und besteht außerdem als Beispiel dieser experimentellen Ära, als von Analog zu Digital und in die Anfänge vor Internet und Virtualität geschielt wurde. Leopold Hutter

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