Rewind 2021: Hits der Clubszene zu benennen, fällt nicht erst seit der Coronakrise immer schwerer – die durchdiversifizierte Techno-, House- und Breakslandschaft lässt sich längst nicht mehr auf eine Handvoll großer Namen begrenzen. Mit unserer Zusammenstellung von 20 Singles wollen wir vor allem eines: Dance-Kultur 2021 in all ihren Facetten zeigen. Mit Stücken und EPs, die stellvertretend für Entwicklungen wie das Drum’n’Bass-, Trance und Hochgeschwindigkeitstechno-Revival stehen, oder auch einfach nur an die schönsten Isolation-Rave-Momente erinnern. Dass wir das mit 20 Singles allein nicht erschöpfend abbilden können, sei geschenkt. Das hier ist unsere Auswahl von exzellenter Musik, die 2021 uns und einige unserer Leser*innen begeisterte. In alphabetischer Reihenfolge und mit aktuellen Lesetipps zum Weiterstöbern.

Anunaku – 042 (AD 93)

Was ist eigentlich aus Minimal und Tech-House geworden? Bei Guglielmo Barzacchini alias TSVI alias Anunaku bekommt man eine Antwort. Über drei Tracks erkundet er die Gegenwartstauglichkeit von artifiziell getupften Beats und reduzierten Sample-Loops. Bei „Spirale” erinnert die Kombination aus Skelett-Beat und klassischem Gesangs-Fragment von fern an Lee Jones’ „Aria”, in „Ninfea” übernimmt ein kleiner Synthesizer-Chor eine ähnliche Funktion. Am schönsten gelingt der Versuch allerdings, vielleicht auch, weil er sich am weitesten vom Formelhaften entfernt, im abschließenden „Luminosa”. Da beginnt zunächst alles in gewohnt stoisch pochender Manier, mit repetitiver Figur, die gar nicht so viel anders klingt als im Stück davor. Doch in der zweiten Hälfte, nach kurzer Ruhepause, beginnt der Drumcomputer ein Eigenleben zu entfalten, das mit Breakbeat nur unzureichend beschrieben wäre, es sind eher elektronische Prog-Einlagen, bei denen zum Teil sogar der Rhythmus der Melodie gedoppelt wird. Unorthodox und unerwartet euphorisierend. Zum Ausklang tut Anunaku wieder so, als sei nichts gewesen. Tim Caspar Boehme

Cleveland – Golem (Kalahari Oyster Cult)

Es gluckert, raschelt, rappelt und rumort – Andrea Mancini alias Cleveland versteht sich darin, Tracks zu produzieren mit so einprägsamen Texturen, dass man sie schon fast auf der Haut spüren kann. Der Opener „Forest“ kommt dabei gleich polyrhythmisch daher, mit treibenden Congas und gläsern klirrenden Elementen. Eine gemächlich klimpernde Melodie schlendert dem Bass in den Weg, der sonst eifrig vor sich hin ploppt. Bei „Golem“ verschmelzen heulende Töne, die an Walgesang erinnern, mit Glockenspiel und holperndem Bass zu einem entzerrten Track, der wie durch eine unheimliche Landschaft zu stolpern scheint. Die üppigen Klangtexturen überzieht der Brüsseler mit einem eleganten Glanz, sodass sie die House-Rhythmen ergänzen, die die EP durchziehen. Mancini kreiert mit Golem ein Klanglabyrinth, in dem bei jeder der geschickten Wendungen neue Ohrenschmankerl auftreten, man sich aber gerne weiter verläuft. Louisa Neitz

DJ Stingray 313 – Molecular Level Solutions (Micron Audio)

DJ Stingray 313 – Molecular Level Solutions (Micron Audio)

Frische, überraschende neue EP von DJ Stingray 313, jenem Detroiter DJ und Produzenten mit Wohnsitz in Berlin, dessen Gesicht nur wenige kennen und der genau deshalb stets direkt erkannt wird. Wer seine DJ-Kunst schätzt, der ist im Bilde über sein Geschick der schnellen, fließenden Perspektivenwechsel. Electro, Techno, House, Funk – aus vielen kleinen Partikeln zaubert er ein bewegendes Fließgleichgewicht, auf dem für kurze Zeit die Zukunft getanzt werden kann.

Auch als Produzent interessierte ihn schon immer mehr die kommende Zeit im Neonlicht der endlosen Detroiter-Highways. Zwischen 2007 und 2017 dokumentierte Stingray mit einem Album und zahllosen EPs seinen atemlosen Electro- und Techno-Forschungsdrang. Dann war plötzlich Pause. Nun veröffentlicht er nach fast fünf Jahren mit Molecular Level Solutions vier neue Tracks auf seinem Label Micron Audio, die enthüllen: DJ Stingray hatte keine Schaffenskrise! Vielmehr scheint er so detailverliebt gearbeitet zu haben, dass einfach ganz viel Zeit verging. Zwei vier- und knapp fünfminütige Tracks, in denen die Liebe zum Detail nicht knöchern wirkt, sondern lebendigen Funk erzeugt. Molekularen Detroit-Funk, in neuer, psychedelischer Lackierung.

Der Opener „Bioplastics” trumpft mit dichtem Basspuls und verdrehten Synthpads gleich zur Peaktime auf. Mit „Construction Materials from Organic Waste” folgt nebliger Magic-Mushroom-Warehouse-Electrofunk, und „Carbon Neutral Fuels” lässt Techno in Dub tropfen. Zum Abschluss macht „Enzymatic Detergents” mit nervösem Synth-Zittern und synkopiertem Electroswing nochmal deutlich, dass der Micron-Audio-Labelclaim, „eine Drehscheibe für einen modernen und futuristischen Electrosound” zu sein, keine leere Marketingfloskel ist. Michael Leuffen

Emissive – Wave Science (Pacific Rhythm)

Emissive - Wave Science (Pacific Rhythm)

„Less thinking, more feeling.” Dieser Leitsatz begleitet Evan Vincents alias Emissives neueste EP. Vincents Gefühl trieb ihn mit Wave Sciencein eine warme, melodische Richtung, mit der er gleichzeitig die afroamerikanischen Wurzeln elektronischer Musik erkunden wollte. Mit Intuition und Geschichtsbewusstsein im Gepäck präsentiert der Kanadier vier Tracks, die ein behaglicher Boogie verbindet, sich jedoch in unterschiedliche Richtungen verschlagen. Während die himmlisch-schwebende Aura der engelsgleichen Synth-Akkorde bei „Love Perception” von einer zirpenden Acid-Melodie durchschnitten wird, baut sich „Star Mappers” Kartenhaus-ähnlich immer dichter auf, angefangen bei einer schwummernden Bassline, die zunehmend mit galaktisch blubbernden und zwitschernden Synths aufgestockt wird. Die Tracks gehen so leichtfüßig glatt wie groovend in die Ohren hinein, dass sich Vincent von seinem Gefühl in definitiv richtige Gefilde hat leiten lassen. Louisa Neitz

Evil Fred – The Unknown Evil EP (Unknown To The Unknown)

Evil Fred - The Unknown Evil EP

„Ich find es geil, wenn es untenrum poltert”, sagt his Shedness René Pawlowitz im Groove-Interview. Der Mann mit den Koma-Kicks hat für seine neueste Veröffentlichung auf Unknown To The Unknown eine seiner wohlgehüteten Geheimwaffen ausgepackt. Als Evil Fredpolterte der Gute das letzte Mal vor knapp zehn Jahren. Andere Zeiten, anderer Vibe, anderer Sound. Nur die Roundhouse-Kick mit fortfolgender Lendenwirbelfraktur ist geblieben. Für The Unknown Evilpulverisieren sich Snare-Rolls unter Head-High-Piano-Chords, in denen mehr Funk steckt als in den gesamten Beatport-Charts für Baller-Techno. Wenn „You” der Sound für die Tränen nach dem ersten Closing-Set ist, stellt man sich auf „The Evil Dance” eine Palette Capri-Sonne rein. Auf der After, am Sonnendeck, in einem Hauch aus neongrünem Nichts um die Hüften. Eh klar, dass man danach mindestens zwei Pivos zur Abkühlung braucht. Das Erste auf den Durst, das Zweite, um den Leuten klarzumachen, dass die Party fix noch nicht vorbei ist. Dabei muss dem Pawlowitz jetzt nur mal jemand klarmachen, dass er das Jungle-Geballer bleiben und den Mephisto Fred ein bisserl öfter auspacken sollte. Damit es untenrum poltert, bis es obenrum scheppert! Christoph Benkeser

Innere Tueren – Welten (KANN)

Innere Tueren - Welten (KANN)

Nach dem gleichnamigen Solo-Debüt von Innere Tueren gibt es nun ein Follow-Up-Mini-Album von Ergin Erteber, der auch als Things From The Basement firmiert und mit Welten genau den sphärischen Ambient-Sound weiterentwickelt, der schon auf dem Vorgängerhervorragend funktioniert hat. Erschienen bei den Leipzigern von KANN, schwingen sich die großen Gefühle hier in einen Sound, der eben immer auch etwas mehr als Ambient ist, was Songs wie das epische „I Will Never Leave You Again, For The Rest Of My Life” wunderbar untermauern. Zwischen Vocals, wabernd-wohliger Synth-Wärme und balearischer Gitarre spielen sich hier auf engstem Raum Themen für mindestens drei großartige Songs gegenseitig an die Wand und bleiben doch ein stimmiges Stück Ambient-Gefühligkeit, in das man sich reinlegen möchte, um nie wieder herauskommen zu müssen. Es gibt wenige Ambient-Alben, auf denen soviel passiert wie auf Welten, und die zugleich trotzdem über die ganze Länge eine tiefe und emotionale Intensität aufbauen. Stefan Dietze

Jlin – Embryo (Planet Mu)

Jlin – Embryo (Planet Mu)

Jede*r kennt es. Wenn man nicht glückstrunken auf den Floors des Nachtlebens raved, liegt man in Embryonalstellung in der Waagerechten und erholt sich von der Zeit des Rausches. Oder aktuell: Man wartet deprimiert darauf, dass dieser ganze Wahnsinn endlich ein Ende hat und man die angestaute Energie wieder in Hüfte und Extremitäten leiten kann statt in die Grübelei, ob und was man denn nun bei Gorillas, Flink oder Foodly bestellt.

Stattdessen kann man aber auch zur neuen EP Embryo von Jerrilynn Patton alias Jlin greifen. Diese ist nämlich ein wesentlich zuverlässigerer Lieferdienst. Als sie in rosigeren Zeiten ihre drei Alben veröffentlichte, machte sie damit bereits Schule. Mit „Black Origami” im Jahr 2017 erschien ihr erstes Meisterinnenwerk, wobei sie Clubmusik de- und als eine komplexe, vom Footwork und IDM beeinflusste Form rekonstruierte. Die bereits im Oktober veröffentlichte Single „Embryo” erzeugt mit ihrer rhythmischen Vertracktheit und dem quirky Acid-Sound eine aggressive Partystimmung, wie man es sich zur Zeit nicht anders wünschen könnte.

„Auto Pilot” ist dagegen relativ straighter Acid Techno, „Connect the Dots” jukiger IDM mit frechem Panflöten-Sound. „Rabbit Hole” erfindet das Genre zwar auch nicht erneut neu, doch weiß er wie auch alle anderen Tracks der EP wie gewohnt auf höchstem musikalischem Niveau zu unterhalten. Lutz Vössing

Kilbourne – Seismic (Evar)

Kilbourne - Seismic (Evar)

Gute, wenngleich nicht unerbittliche Härte hier von der New Yorker Produzentin Kilbourne. Rattert von Null auf ICE-Vollfahrt in „Gore Tex”, in dem bei angeblichen 100 BPM (Zählzeit natürlich das Doppelte, ist doch selbstverständlich!) gleich der Gabba abgeht. Dieses Kopfnicken reißt die härteste Brücke ein. „Tinsel Teeth” beginnt mit diversen Drum-Becken im Vergleich dazu schon virtuos. Doch auch hier hantiert Kilbourne mit ausschließlich metallenen Klangfarben. Das Verzichten auf eine Bassspur gibt diesem Gerüst sogar noch mehr Härte. Die Brooklyner Produzentin arbeitet mit zwei weiteren Namen für diese EP: The DJ Producer legt mit Kilbourne gemeinsam einen Gabber-Mix in sechs Minuten an, und „Seismic Cross” macht mit Intro, Vorbereitung, Luftholen, Abfahrt einen Heidenspaß, bevor es über die letzten zwei Minuten richtig was zum Durchdrehen gibt. Mit dem Brooklyner Nachbarn Buzzi geht die EP vergleichsweise weich weg. Auf diesen 150 BPM entwickelt sich sogar so etwas wie ein Groove, wenn auch ein schneller. Christoph Braun

Ko-Ta – Shiza EP (Bitta)

Ko-Ta – Shiza EP (Bitta)

Das Eröffnungsstück auf Ko-Tas Debüt-EP für Bitta geht eine interessante Fusion ein: Es wird dominiert von einer Minimal-Music-artigen Sequenz, die, wie viele Minimal-Music-Stücke der 60er und 70er, an afrikanische Musik erinnert. Alleine gehört, würde diese Sequenz, deren Sound in Richtung Marimba geht, einen trancigen Effekt erzielen und könnte gut als Ambient-Track durchgehen. In Verbindung mit der sehr schnellen Bassdrum, die der Japaner hier aber addiert, und dem ebenfalls recht dominanten Bordun-Basston ergibt sich ein Stück, das von den Gegensatzpolen Ruhe und Hektik bestimmt wird und dadurch einen interessant-aufwühlenden und ambivalenten Effekt erzeugt.

Im Don’t-DJ-Remix werden diese wesentlichen Elemente zwar erhalten, aber durch das eher genretypische Arrangement etwas entkräftet. Andererseits dürfte diese Version von DJs aus dem erweiterten Drum’n’Bass-Kontext bevorzugt werden. Das folgende Original von Ko-Ta, das zugleich auch der Titeltrack ist, fußt auf einem ähnlichen Aufbau wie Stück Nummer eins: Auch hier gibt es melodische Elemente, die ruhig und eher meditativ angelegt sind, kombiniert mit einer in diesem Fall schnellen Percussion-Spur, die ebenfalls den ambienten Charakter geschickt unterminiert und dadurch wieder diese spezielle Spannung erzeugt.Label-Boss DJ Nobudreht dann im folgenden Remix das Tempo ein gutes Stück zurück und addiert sphärische, dubbige Sounds, die die Stimmung des Originals stark verändern, was in diesem Fall aber dem Remix zugutekommt, da im Zusammenspiel mit den Percussions und weiteren Elementen aus dem Original so ein eigenständiger, schlüssiger Track entsteht. Mathias Schaffhäuser

Laurine – Abun.dance (Slow Life)

Die Slow-Life-Formel lautet: keine Kohlenhydrate, kein Handy, kein Insta auf dem Mac. Dafür Basslines für Rambazamba im Genitalbereich und ein Beat, bei dem man gleichzeitig in völliger Dancefloor-Eskalation aufgehen, aber genauso gut bei Humana zum Kilopreis mitwippen kann. Man muss kein*e Visionär*in sein, um zu checken, dass das funktioniert. Coole Sneaker-zu-Sakko-Träger wie Christian Lindner haben dafür sogar einen supergeilen Begriff: angewandte Zielgruppenmaximierung. Wie gut, dass die Berliner Slow-Life-Crew einfach Party dazu sagt.

Dass Laurine, seit den ersten verdrückten Ecstasytränen an der Spree mit dabei, erst jetzt ihr Debüt ausklappt, ist deshalb eine Überraschung. Aber der – yolo!– Abundance geschuldet. Platten veröffentlichen, Partys veranstalten, um den Globus düsen. Puh! Zum Glück kam Corona dazwischen und hat unser aller Leben so unerwartet entschleunigt. Das ist zwar vollkommener Blödsinn, den man sich als wohlstandsverwahrloste Krisengewinner aber dermaßen lange einreden durfte, dass man mittlerweile daran glaubt. Wie auch immer, Abun.dance mag ein Wortspiel für die Regenbogengruppe sein. Den Flow catcht man dadurch allemal. Christoph Benkeser

Mikkel Rev – UTE007 (Ute.Rec)

Mikkel Rev – UTE007 (Ute.Rec)

Bereits seit einigen Jahren ist vom großen Trance-Revival zu hören. Lang genug, um festzustellen, dass das Genre nunmehr vollständig wiederbelebt ist und allmählich einen fast omnipräsenten Status erreicht. So wurden nichtsahnende Zuschauer*innen bei Wetten, dass ..? vor einigen Wochen von Helene Fischers neuem Hit aus der Kategorie Kirmes-Trance beglückt. Ein dienliches Beispiel für das allerfinsterste Ende eines musikalischen Spektrums, das in seiner ganzen Breite zwar jede Menge, aber eben nicht ausschließlich Schrott hervorbringt.

Eindrucksvoller Beweis hierfür ist das Osloer Label Ute, das seit 2019 eine Reihe von EPs und Compilations herausgebracht hat, deren Fokus nicht auf dick aufgetragenen Drops, Breakdowns und Melodien zum Nachgrölen liegt. So verhält es sich auch mit dieser Platte von Mikkel Rev, die in ihrer Esoterik völlig unironisch ist (das dritte Auge hört hier definitiv mit) und trotzdem nicht nervt.

Alle vier Tracks suhlen sich in weitgreifenden Pads und Melodien, laden jedoch eher zum Eintauchen als zum Ausrasten ein. Zu hoch ist hier die klangliche Komplexität, die minutenlang mitreißt und eine angenehme Zurückhaltung innehat, ohne jemals zu langweilen. Es gelingt Mikkel Rev deshalb, einem maximal unsubtilen Genre ein bemerkenswertes Maß an Subtilität zu entlocken. Ein Oxymoron, das Aufmerksamkeit verdient. Ruben Drückler

Nasty King Kurl – Weak Lips (Nerang)

Nasty King Kurl – Weak Lips (Nerang)

Im Opener von Nasty King Kurls EP Weak Lips vermählen sich housige Vocals und ein heimtückischer Jungle-Bass zu Electro-Beats. Im zweiten Stück, dem Titeltrack, finden sich deutliche Spuren von G-Funk und Hip Hop über einem verfrickelten Breakbeat, konterkariert von smoothen Rhodes-Akkorden. Das folgende „Low Carb Bitches” verneigt sich eindeutig vor Detroits Electro-Techno-Stammbaum unter sich daraus ergebender Verwendung von Footwork- und Hip-Hop-Elementen.

Und in dem herrlich betitelten „Make Tech House Great Again” findet schließlich alles statt, nur nicht Tech-House – dafür ein Vocalsample, das sich gnadenlos durch beinahe den gesamten Track zieht und erst nach guten fünf Minuten vom Einsetzen des Basses in seine Schranken verwiesen wird. Das liest sich nicht nur opulent, sondern ergibt auch gehört eine der besten EPs der letzten Monate aus dem undogmatischen Electro-Fach – und ein DJ-Tool vor dem Herrn. Und falls jemand noch nach einem wirkungsvollen Mittel gegen drohende Herbstdepression oder den inneren Morgenmuffel sucht – „Weak Lips” macht auch mit diesen Dämonen kurzen Prozess. Word! Mathias Schaffhäuser

Neil Landstrumm – Yell Yell EP (Sneaker Social Club)

Neil Landstrumm – Yell Yell EP (Sneaker Social Club)

In den 90ern, als die Techno-House-Welt noch recht jung, aber auch schon gut warm gelaufen war in Sachen Verwertung, war es für eine Weile trendy, Infotexte zu Platten in einer Art Dada-Deutsch oder auch in Form von kleinen kunstvollen Kurzgeschichten zu verfassen. Der sachliche Gehalt dieser Texte war häufig gleich Null, aber sie transportierten auf einer Meta-Ebene den Geist der Acts und/oder Labels und befeuerten die Assoziationskraft von Journalist*innen und Käufer*innen.

Ähnliches Textmaterial liefern Neil Landstrumm und Sneaker Social Club als Information zu dieser Doppel-Maxi. Kleiner Auszug aus dem Infosheet: „Die Straßenlaternen flackern über dir wie eine 8-0-8. Du ziehst den Bass an und atmest die Breaks aus. (…) Ein fliegender Kühlschrank, der auf 62 Herz brummt. Winkel, mit Widerhaken und brillant, werden auf das Problem geworfen. Irgendwann schmilzt alles.” Alles klar? Logo! Und genauso wenig, wie sich der Schotte Landstrumm um Marketingregeln schert, kümmert er sich um Genre-Grenzen, stilistische Stringenz und ähnlichen Firlefanz. Eindeutig sagen lässt sich über seine Yell Yell EP, dass Techno – und generell – gerade Bassdrums darauf nicht stattfinden, dafür ein eigenständiges Gebräu aus Trap-, Jungle- und Hip-Hop-Ingredienzen mit einem starken Hang zu Rave und einem ganz speziellen Humor, der auch eine düstere Seite hinter diesem hedonistischen Abfeiern erahnen lässt.

Oder gehört dies auch zu einem größeren Plan und einer ausgebufften Scharade? Zu einer Art „(…) Anti-Werbung, bezahlt von einem Penny, der in den Mund von Instagram gesteckt wurde, um eine sichere Passage über den falschen Fluss zu gewährleisten”? Dieser letzte Satz des Infos gibt darauf keine Antwort, musste aber ob seiner Schönheit auch noch zitiert werden. Mathias Schaffhäuser

Om Unit – Flux (Om Unit)

Om Unit – Flux (Om Unit)

Nachdem er in diesem Jahr schon mit seinen launigen Acid Dub Studiesund einer straffen EP mit Kollege Martyn auf sich aufmerksam gemacht hat, lässt es Jim Coles alias Om Unit auf seiner aktuellen EP einfach fließen. Will sagen, er wählt unter den bei ihm stets Dub-affinen Genres ein bisschen nach Stimmung aus, beginnt mit zwischen melodisch-träge und nervös-zackig changierendem Dubstep („Angles”), gefolgt von in Dub-Manier hallendem Garage („Ramp”) und stoischem Electro („Rubberneck”).

Erst dann geht es wieder weiter mit Dubstep, Betonung auf „Dub” („Subway Track”), um zum Ausklang bei fast klassischem Dub Techno zu landen. Keine Überraschungen, dafür alles sehr gut gearbeitet und besonders im „Subway Track” mit so etwas wie submariner Tiefe, die dank kaputtem Breakbeat stets auf Tanzflächenniveau zurückfindet. Tim Caspar Boehme

Peyote Dreams – State Of Mind (Love On The Rocks)

Peyote Dreams – State Of Mind (Love On The Rocks)

Techno beamt sich zurück an den Anfang seines Endes – 1993, auf Plateauschuhen, gute Laune in Tablettenform. Nicht viel, aber man gab sich bescheiden, um bei der After auf getrockneten Kakteen rumzukauen, an Traumfängern rumzustricken und mit Bongos über Platten von Underground Resistance zu ballern. Klare Sache: Punks, die früher Hippies waren, zogen sich plötzlich an wie Hippies, die keine Punks mehr sein wollten. Sie verbrannten ihre Gitarren, blätterten in der Bravo und waren ganz geil auf Chemie. Für Peyote Dreams, ein Duo mit Drumcomputer, war der Gedanke an Goa-Gärten am Selbstversorgebauernhof allerdings so abschreckend, dass sie zwei Tschingbum-Platten produzierten. „State of Mind” klapperte auf Synths rum, bis sich der Trip von selbst einstellte. Nächster Halt, next Stop: Papua Neuguinea, ein Traum in Pastellblau. Dass die Kids von heute den Sound von damals pumpen, hat Gründe, die man am ehesten zwischen der Frühjahrskollektion von Urban Outfitters und der vorletzten TikTok-Challenge findet. Dort knarzt Trance aus den 90s auch schon wieder auf stabilen 145 Beats in der Minute aus den Handy-Speakern. Keine schlechte Entscheidung des Berliner Labels Love On The Rocks also, die Peyotischen Träume auszugraben und neu aufzulegen. Mit psychonautischer Erfahrung von Roza Terenziund Alex Kassian scheppert das Teil wie 1993 – der State of Mind ist eh schon wieder da. Christoph Benkeser

Rhyw – The Devil’s in the Dlzlzlz (Fever AM)

Rhyw – The Devil's in the Dlzlzlz (Fever AM)

Auf The Devil’s in the Dlzlzlz, dem zehnten Release auf dem von ihm mitbetriebenen Label Fever AM, denkt Alex Tsiridis Techno gegen den Strich. Oder besser noch: Er wirft dessen Einzelteile in eine kaputte Waschmaschine und stellt diese dann bei 95 Grad auf Schleudergang. „Bee Stings” beginnt mit wuchtigen, verzerrten Drums, die den schweren Groove eines Gqom-Tracks in ein aseptisches Klangbild überführen, das sich ästhetisch gut in den Backkatalog von raster-noton einfügen würde. „Anasa” nimmt diesen Faden mit IDM-ähnlichen Strukturen und ahnungsvollen Sounds auf, behält dabei einen irgendwie Dancefloor-kompatiblen Rhythmus bei und garniert das Ganze dann noch mit blechernen Vocals, deren Echos hypnotische Effekte bewirken.

„Strange Now” wirkt dagegen fast schon wieder zahm und ebenfalls Gqom-beeinflusst, setzt aber durch ratternde Loops destruktive Kontrapunkte. Viel konventioneller scheint „Itso”, das auf einer nahezu housigen Bassline und quasi-funkigen Riffs balanciert, Streicher-Pizzicati aufploppen lässt und am Ende donnernde Downbeats loslässt. Ein wunderbarer Set-Opener für wagemutige Techno-DJs, die mit dieser EP sowieso auf ihre Kosten kommen dürften. The Devil’s in the Dlzlzlz ist allerdings überhaupt ein seltenes Release: Rhyw gelingt darauf der Spagat, zwischen unkonventionellen Rhythmen und originellem Soundeinsatz zu vermitteln – kurzum: Innovation. Kristoffer Cornils

The Home Truths Compilation Vol. III (Palham Music)

The Home Truths Compilation Vol. III (Palham Music)

Vor beinahe 20 Jahren gründeten Winfried Ruebsam und Daniel Bust irgendwo in Thüringen ein Label, das in losen Abständen immer wieder schöne Tapes und Platten in allen Vinyl-Formaten zwischen 7’’ und 12’’ herausbrachte. Eine Compilation-Miniserie haben die beiden auch im Programm. Die erste Folge in der The-Home-Truths-Compilation-Reihe erschien bereits vor mehr als 15 Jahren, der zweite Teil liegt auch schon sehr lange zurück. Zwischendrin gab’s mal die Home-Truths-Mixtapes. Für die Tapes und Platten gilt: Man hält die Sache familiär und arbeitet mit Leuten zusammen, die man wohl schon lange kennt. Dieses Mal sind Even Tuell (Workshop), Move D & DmanHerron (Meandyou), Mix Mup und Kassem Mosseultra.cleanLowtec sowie Pressburg am Start. Wer gerne Workshop-Platten kauft, sollte also auch bei dieser kleinen LP zugreifen.

Es fällt schwer, hier den einen großartigen Track herauszupicken, denn am Ende sind sie alle toll. Das fängt beim sehr klassisch gehaltenen Deep-House-Opener von Even Tuell an und hört beim trippig-dubbigen Zeitlupen-Techno von Pressburg auf, der am Ende dieser Platte zu hören ist. Kassem Mosse und Mix Mup verlieren sich in wunderbaren Details, während die alte Heidelberg-Connection Move D/Dman einen stoischen Bassline-Bouncer ins All schickt. Wir wissen nicht, wohin Lowtec seinen „Man in the white Subaru Forester” fahren lässt, aber zum einen fährt er ziemlich langsam und zum anderen klingt der Motor irritierend böse. Holger Klein

Unknown – Knef (MASK)

Unknown – Knef (Mask)

Wer oder was sich auch immer hinter den Veröffentlichungen auf Mask verbirgt, hat den Bogen raus: Seit 2017 erscheinen hier Tracks eines (oder mehrerer?) anonymer Producer, die so mysteriös wie attraktiv wirken. Gesicherte Erkenntnisse dazu sind rar: Sowohl Ähnlichkeiten im Artwork als auch die Tatsache, dass die Releases auf deren Homepage gelistet sind, deuten darauf hin, dass es sich um ein Sublabel von Zaijenroots handeln könnte. Ebenso vage die Hinweise auf den Facebook-Accounts von Zaijenroots-CEO Matt Nowak, auch bekannt unter dem Pseudonym No Mad Ronin und als Mitglied von Bratha, oder Zenta Skai: Beide featuren Mask-Tracks, nennen aber keine Einzelheiten. Sicher dagegen ist der enorme Radius des musikalischen Horizonts, der hier aufgezogen wird: Deep House und Techno finden genauso statt wie Disco und Ambient. Was auf dem Papier nach Beliebigkeit klingt, trägt aber in Wirklichkeit auf Knef die dezidierte Handschrift roher, übersteuerter Bass-Sättigung. Mit sechs Tracks fast schon ein Mini-Album, gibt es mit „A1“ und „B2“ sogar zwei klandestine Hits. Sowohl in Bezug auf die Radikalität der Soundästhetik als auch hinsichtlich der Kritik an gängigen Aufmerksamkeitsmanipulationsmechanismen sind Parallelen zu Pom Pom nicht von der Hand zu weisen. Harry Schmidt

ZULI – ALL CAPS (UIQ)

Zuli - All Caps (UIQ)

Tabula Rasa, leeres Blatt, alles auf Anfang – der heißeste ägyptische Soundexport seit jemand sein Mikro in die Sahara gehängt hat, musste für ALL CAPS nochmal von vorne beginnen. 2018 fladerte irgendein piece of shit ZULIs komplettes Equipment. Der Schaden wurde crowdgefundet, die Tracks waren gone. Ziemlich beste Scheiße für einen Producer, der gerade auf Lee Gambles Label UIQ krachte und für dessen Album Terminal sich die Silberrücken-Gang in den Musikredaktionen den Schritt prophylaktisch mit Vaseline auskleisterte.

Beduinen-Sounds, elektronische Musik, Distinktionsgefahr in den Feuilleton-Spalten! ZULIs Mukke schepperte bald in Sets von Aphex Twin und Machine Woman. Der Hype war real. Und dann: Nix, nada, futschikato! Für ALL CAPS hat sich der Mann aus Kairo neu positioniert. Die Geschütze in Position zu bringen, braucht Kraft. Die Amen Breaks so lange zurecht zu schnippeln, bis sie den Gear-Dieb mit großkalibrigen Bassboxen zerfetzen, eben auch. Die Beats stolpern zwischen Jungle und Footwork herum, schmieden Pläne für den Überfall und greifen an. Mich. Dich. Alle, die jemals gedacht haben, dass ZULI mit ein paar Körnern Sand im Maschinenraum aufzuhalten wäre. Christoph Benkeser

Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks REWIND2021. Alle Artikel findet ihr hier.

Vorheriger ArtikelBerlin: Gericht bestätigt Tanzverbot
Nächster ArtikelMusic, Makers & Machines: Digitale Ausstellung zur Geschichte der elektronischen Musik