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Die Platten der Woche mit Cleveland, Intergalactic Gary, Maayan Nidam, Pangaea und Steven Julien & Kyle Hall

Cleveland – Lola Ran (Kalahari Oyster Cult)

In Clevelands Produktionen trifft wohltuende Schlichtheit auf Schönheit, die sich auf mehreren Ebenen manifestiert: Sounddesign und -auswahl, Songstrukturen und vor allem die Ideenwelt des in Brüssel lebenden Luxemburgers strotzen nicht vor Coolness und Produktions-Know-how, sondern sind ästhetisch, liebevoll modelliert, und, ja, einfach schön – manchmal verblassen eben neben diesem abgegriffenen Adjektiv alle Schlaumeiereien. Cleveland verbindet vertraute (Break-)Beats mit psychedelischen Synthesizer-Gebilden und nicht allzu üblichen melodisch-harmonischen Verbindungen. Natürlich reden wir hier nicht von neuen Tonleitern und Akkordfolgen, aber von sehr einnehmenden und immer mal wieder über den szenebegrenzenden Tellerrand hinaus steppenden Ideen – vor allem in den letzten beiden, ruhigeren Tracks. In Verbindung mit einem weltoffenen und geschmackssicheren Label wie Kalahari Oyster Cult ergibt das eine der Top-5-Singles des Monats. Mathias Schaffhäuser

Intergalactic Gary – Industrial Models (Viewlexx)

Auch schon lange vor dem großen Electro-Revival waren Viewlexx und Intergalactic Gary feste Repräsentanten der wavigen, synkopierten Beats. Während sich Gary auf früheren Releases öfter kosmisch und funky zeigte, ist diese EP jedoch eine Abkehr von allem leicht Bekömmlichen und ein schweißtreibender Flirt mit Industrial-Sounds.

Die passend betitelte EP Industrial Models bollert sofort los, mit zerstückelten Störgeräuschen und abrasiven Maschinenklängen, die auch nach fünf Minuten den Gehörgang kein bisschen angenehmer passieren. Der Rest der Platte ist im Verhältnis dazu handzahm, doch auch hier herrscht dank düsterer Ambient-Flächen eine gespenstisch-trübe Stimmung. Hie und da hallen Drums durch den beklemmenden Klangteppich, die dystopische Verzerrungsmaschine regiert. Wer sich traut, Intergalactic Gary in diese abgründige Welt zu folgen, bekommt zwar einen exzellenten, atmosphärischen Trip serviert, dafür tatsächlich bereit sein dürften allerdings die Wenigsten. Leopold Hutter

Maayan Nidam – Habe Ich Gewonnen? (Giegling)

The Waves ist der Name einer Pop-Konstellation von Maayan Nidam, mit der die Berlinerin Musik mit Gitarren und Schlagzeug macht und sich dann selbst zusammenmischt. Habe Ich Gewonnen?, veröffentlicht unter ihrem eigenen Namen, treibt Maayan Nidams Bruch mit House und Techno noch weiter. Es geht nun noch weiter weg vom Song, wie Nidam ihn mit The Waves ersinnt, und sucht in Form und Inhalt unergründetes Terrain.

Das tolle „Untitled” ist ein Zwischenspiel, das aus leise wiedergegebenen Glöckchen und Hi-Hats besteht. Auch „In Reverence” entwickelt diese Freiheit, ein auf die Zwei und Vier drückender Groove wird untermalt von einer so weichen wie muskulösen Bassline. „Eisbär” entwickelt aus einem tatsächlich frostigen Standbild eine Flucht nach vorn, während „Le Petit Mort” gekonnt lakonisch dahinschwebt. Der Titeltrack wiederholt die EP-Frage, von einer Frauenstimme dahingesagt. Im Hintergrund: ein New Wave-Beat. Sehr formsicher und auf leise Weise: fett. Christoph Braun

Pangaea – Changing Channels / Hole Away (Hessle Audio)

Pangaeas Sound steht immer ein bisschen für die Entwicklung von Hessle Audio. Diese scheint heuer wohl Richtung große Tunes und Festivals zu gehen; im Gegensatz zu Pangaeas früheren Veröffentlichungen, die meist von trippigem, perkussiv getriebenen Techno geprägt waren. Die im Herbst anstehende neue LP Changing Channels hingegen öffnet sich der guten Laune und dem Vorbild althergebrachter UK-House-Sounds. Während seit Mai mit „Installation” schon eine Vorab-Single im poppigen Bassline-House-Gewand samt Latino-Vocals! die Runde macht, erscheinen mit der aktuellen 12-Inch nun noch ein Paar Banger – gerade rechtzeitig für die Festivalsaison.

Der Titeltrack besticht durch seinen ebenso simplen wie effektiven Piano-Stotter-Loop, der im Klimax auf die Spitze getrieben und garantiert zu Ekstase bei Sonnenaufgang führen wird. Die Flip hingegen ist ein UK-Garage-Stepper aus dem Buche: boomende Bassline, „Lose my mind”-Vocalsample und sogar kontrastierender Melodie-Sprinkler. Leopold Hutter

Steven Julien and Kyle Hall – CROWN (Apron)

Zurück zum Funk. Das London-Detroiter Duo Steven Julien und Kyle Hall kommt zehn Jahre nach der letzten EP ihres Projekts FunkinEvil wieder zusammen, um sich der gemeinsamen Liebe zum Funk zu widmen.

Alle Tracks auf CROWN heißen „Page“, von 1 bis 7 durchnummeriert. Zum Auftakt setzen sie ein Zeichen der Ermächtigung über statischen Synthesizern, der Beat setzt dann in „Page 2” mit ausgeruhtem, zugleich wie durch Trockeneisnebel flirrendem Groove ein. „Page 3” gestattet sich einen leicht stotternden Rhythmus mit halligen Anleihen beim Dub. Bevor schließlich die Remixer DâM-FunK (Boogie-energisch) und Reggie B (verschleppt-tribalistisch) nachlegen, gibt es eine kurze Pause zum Durchatmen mit Saxofon und flüsterndem Hintergrundgesang. Was soll man noch sagen? Bounce! Tim Caspar Boehme

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