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Juli: Die essenziellen Alben (Teil 3)

Material Things – 2015-2020 (12th Isle)

Das Glasgower Label 12th Isle veröffentlicht seit 2016 leftfield music. Kurz zuvor begann der Mitgründer Stewart Brown seine Aufnahmen, teils solo, teils in Zusammenarbeit mit dem Labelkollegen Vague Imaginaires, die er jetzt unter dem Namen Material Things als Debütalbum veröffentlicht. Nach der Zeit der Entstehung benannt, heißt die Angelegenheit schlicht 2015-2020.

Ruhig geht es bei ihm zu, meist sparsam rhythmisch, an einigen Stellen wie in „No Direction” bekommt er trommelnde Unterstützung von Pike Ogilvy alias Pike. Oft hat das Ergebnis etwas stark reduziert Tribalistisches, so in „How’s Life”, das perkussive Klänge mit Musique-concrète-Ansätzen vermischt. Am Ende der Nummer kommt noch eine verspielte, bleepige Synthesizermelodie hinzu. Die Zurückgenommenheit, mit der Material Things an seine Musik herangeht, hat durchaus etwas Sympathisches. Andererseits wirkt der beiläufige Charakter vieler Stücke mitunter recht privat. Man meint, jemandem beim versunkenen Spiel ganz für sich allein zuzuhören, selbst wenn das Ergebnis einiges an nachträglicher Bearbeitung einschließt. Wie zwingend man diese bewusst unaufdringliche Kollektion am Ende findet, bleibt Geschmackssache. Tim Caspar Boehme

NHK yx Koyxen – Climb Downhill 2 (BRUK)

Das Album Climb Downhill 2 des japanischen Künstlers NHK yx Koyxen, bürgerlich Kohei Matsunaga, präsentiert eine eindrucksvolle Sammlung von 13 Tracks, die sich gekonnt zwischen Tanzabstraktion und experimenteller Klangtopografie bewegen. Als langjähriger Produzent mit einer beeindruckenden Diskografie, die Labels wie Diagonal, DFA, Pan, L.I.E.S. und Mille Plateaux umfasst, etabliert Matsunaga sich erneut als Klangtüftler ohne stilistische Scheuklappen.

Von luftigen, Electro-artigen Träumereien über Glitch erzeugende Musicboxen bis hin zu gedämpften Beats, die durch neblig verpixelte Gänge in künstlich bitreduzierten Minecraft- Welten hallen, bietet das Album eine Mischung aus ausgereiften Produktionen und improvisierten Experimenten, die in Ihrer Frische und Neugierde durchaus an den größten aller Meister, Richard D. James, erinnern.

Die Tracks fließen nahtlos ineinander über. Einflüsse des Hip-Hop sind deutlich spürbar, werden jedoch durch allerlei wild oszillierende Frequenzen und quietschende Klangartefakte unterbrochen. Die Kombination aus künstlerischem Geschick und experimenteller Herangehensweise macht Climb Downhill 2 zu einem faszinierenden Werk, das die Grenzen der elektronischen Musik erfrischend kindlich vor sich herschiebt. Richard Zepezauer

Pris – Phantom (Resin)

Es muss nicht immer Fernsehgarten sein. Techno geht auch ganz gut, wenn man einfach bei stiller Gesprächskultur konsequent draufhält. Semantica singt ein Ständchen davon. Northern Electronics kennt es gar nicht anders. Pris räsoniert mit seinem Label Resin auch stark mit der Idee, nicht immer alle Tasten gleichzeitig zu drücken.

Jetzt gibt es dessen erstes Album, und das fängt schon mal gut an, dann wird es noch besser und irgendwann denkt man sich, hui, jetzt ist es schon wirklich sehr gut. Das mag sicher damit zusammenhängen, dass Pris die letzten Jahre im Club entweder weggehört hat oder einfach nie da war. Das würde zumindest erklären, wieso alles so klingt, wie es klingt, nämlich aufregend, aber nicht aufgeregt.

Muss man jetzt auch nicht großartig ins Detail gehen, es funktioniert einfach, und das reicht in den meisten Fällen wunderbar, weil die Kickdrum im Vordergrund steht. Und dann kickt das ganz gut nach vorne, immer wieder, man nickt dazu, bis man sich irgendwann verliert. Man kann nur hoffen, dass das Ding auf einer Techno-Playlist von Prêt-a-Raver:innen landet, schließlich würden die dann mal die Realität außerhalb des Fernsehgartens kennenlernen, und das wäre schon schön. Christoph Benkeser

Shoko Igarashi – Project Tenori (Faneca Music)

Das zweite Stück auf Project Tenori heißt „Fake Jazz”, genauso wie die Stilkategorie, die in den frühen Achtzigern für so unterschiedliche Acts wie die Lounge Lizards, Rip Rig & Panic oder James Blood Ulmer benutzt wurde. Gemeinsam war allen das Entstauben des Genres unter den Vorzeichen von Punk und New Wave, weswegen die Strömung auch als No-Wave bezeichnet wird. Was hat nun Shoko Igarashis Song damit zu tun? Einiges! Auch sie schert sich wenig um Genre-Vorgaben, auch ihre Musik hat mit Jazz im weitesten und mit Improvisation im engeren Sinne zu tun. Und ihr Hauptinstrument ist das Saxofon, das vielen als die materielle Manifestation von Jazz gilt.

Dennoch – zurück zum Intro dieses Textes -, Project Tenori ist kein Jazz-Album. Es klingt in allererster Linie elektronisch und weckt Assoziationen an IDM und Electronic Listening Music. Saxofon- oder andere organische Klänge findet man darauf nicht: Igarashi hat das komplette Album mit nur einem Instrument produziert, dem Yamaha Tenori-on, das man sich als eine musikalische Schnittstelle von Licht und Klang vorstellen muss, als ein interaktives Instrument, das Musik macht, sobald man es berührt. Auch ohne Vorkenntnisse kann damit mit Hilfe visueller Hinweise Musik kreiert werden. In den Händen einer kreativen Musikerin wie Igarashi ist aus diesem Zusammentreffen höchst verschiedener Welten des Musizierens eine rhythmisch komplexe, oft an keinen üblichen Grooves orientierte Musik entstanden, die Einflüsse aus Pop und Elektronik genauso wie solche aus früher Videogame-Musik oder Folk verarbeitet. Mathias Schaffhäuser

The Exaltics – The Seventh Planet (Clone West Coast Series)

Seit 17 Jahren übernimmt Robert Witschakowski die Funktion des Botschafters eines Electro-Begriffs, der sich auf direkter Traditionslinie des Genres aus Detroit sieht, das zu Beginn der Neunziger mit zumeist geheimnisumwitterten bis komplett anonym betriebenen Acts wie Drexciya, Dopplereffekt oder Der Zyklus aufkam. Mit Gerald Donald, der als eines der Masterminds dieser technoiden Electrospielart gilt, hat Witschakowski bereits zusammengearbeitet, aber auch mit Helena Hauff oder Martin Gore.

Wie bei vielen seiner Veröffentlichungen – ob als The Exaltics, Robert Heise oder EXS – gibt auch auf The Seventh Planet Science Fiction den Rahmen vor. Auf der Reise zum siebten Planeten empfängt Witschakowski bei zwei Tracks Paris The Black Fu und Mr. Remy an Bord, doch weite Lichtjahrstrecken absolviert der Producer im Soloflugmodus. Die Dramaturgie folgt klassischem Regelwerk: „Landing Process” als Prolog, „We Would Do It” als Epilog, dazwischen eine sich zuspitzende Entwicklung mit Retradierungen (toll: „The Long Goodbye”) und einem deutlich nach der Hälfte platzierten Höhepunkt, der sich hier in der Folge „Resurface”, „They’re Coming From Everywhere” und „We Never Had A Chance” manifestiert. Dass Witschakowski immer wieder bestimmte Schlüsselsounds von einem Track in den folgenden übernimmt, unterstreicht den narrativen Charakter des exzellenten Albums noch. Harry Schmidt

V/Z – Suono Assente (AD 93)

Valentina Magaletti ist die innovativste Schlagzeugerin unserer Zeit, niemand denkt Rhythmus so radikal neu wie sie. Solo ist die in London lebende Italienerin nur vereinzelt zu hören, die Liste ihrer Kollaborationen aber ist lang. Bis zum Tod von Tom Relleen war sie vor allem durch ihre Arbeit mit dem gemeinsamen Projekt Tomaga bekannt, zugleich aber ebenso bei UUUU und Vanishing Twin aktiv. Aktuell denkt sie als nunmehr festes Mitglied von Moin Post-Punk und mit Allen Wootton und Susumu Mukai als Holy Tongue Dub neu. Das wiederum ist jedoch nicht alles: Gemeinsam mit Mukai, hier unter seinem Pseudonym ZONGAMIN, bildet sie V/Z.

Ihr Debüt Suono Assente („abwesender Klang”) kann gut und gerne als Synthese von Moin und Holy Tongue verstanden werden: rau und scharfkantig wie die erste Gruppe, um Verdichtung und Vertiefung bemüht wie die zweite. Der Titeltrack eröffnet das Album mit einer bauchigen Bassline, dengeligen Gitarren, gepitchten Spoken-Words-Vocals und Magalettis wundersam verknoteten Grooves. Es setzt damit den Ton für eine Platte, von der nie ganz klar wird, ob sie am Reißbrett oder doch als schwitziger Jam entstanden ist. Für den Gemeinschaftsfaktor sorgen zusätzlich Features von Vanishing-Twin-Sängerin Cathy Lucas, dem Meta-Noise-Rap-Künstler Coby Sey und AD-93-Labelmate Venus Ex Machina.Jeder dieser Songs ist sein eigener Referenzrahmen: kantig und durchstrukturiert, zugleich offen für verschiedene Genres und Klangfarben. Sie füllen den Möglichkeitsraum, den Dub einst eröffnete und den Post-Punk zu erkunden suchte. Suono Assente markiert den Anspruch, zurück an diese Wurzeln zu gehen und ungehemmt radikal zu sein. Das gelingt. Kristoffer Cornils

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