Fotos: Katja Ruge
Zuerst erschienen in Groove 172 (April/Mai 2017).

Mit ihren raumgreifenden, feinsinnigen Housetracks prägten Âme die Clubmusik der vergangenen 13 Jahre wie kaum ein anderer Act. Und mit dem mit Dixon betriebenen Label Innervisions, einem eigenen Vertrieb, einer Booking- und einer Event-Agentur haben sie eine der mächtigsten Institutionen der Szene geschaffen. Jetzt ist es Zeit, zugleich zurückzublicken und nach vorne zu schauen: Auf ihrem neuen Album Dream House feiern sie die Musik, die sie inspiriert hat, und treiben ihren sphärischen, entrückten Sound auch jenseits des Dancefloors weiter.

„Und hier ist das Studio“, sagt Kristian Raedle von Âme. Er betont dabei die erste Silbe von Studio und holt mit dem Arm aus. Wir befinden uns im Vertrieb, Mailorder und einmal in der Woche geöffneten Plattenladen, Muting the Noise, der zu dem von Âme und Dixon betriebenen Zusammenschluss aus dem Label Innervisions, der Booking-Agentur Temporary Secretary und dem Party-Veranstalter Lost in the Moment gehört. In der Küche in dem Dachgeschoss in Berlin-Kreuzberg röchelt eine schöne, alte Espressomaschine, im Treppenhaus stapeln sich Getränkekisten. „Wir haben jetzt auch eine Schanklizenz“, sagt Kristian. Dahinter, im nächsten Teil des Gebäudes, isst das Team gerade zu Mittag. „Ich esse das, wenn du das nicht isst“, sagt Kristian und zeigt auf den halbvollen Suppenteller eines Mitarbeiters. Der versteht nicht ganz. Egal. Die Hausführung geht weiter. „Mittags sind wir hier 13, 14, 15 Leute. Die meisten davon arbeiten im Booking.“ Kristian Raedle ist Impressario und Zeremonienmeister. Er und sein Mitstreiter bei Âme, Frank Wiedemann, könnten nicht verschiedener sein. Der gewährt sich keinen Auftritt, er repräsentiert nicht. Er springt ein, wenn es konkret wird, wenn es um Musik, um Technik, um Anekdoten geht.


Stream: Âme – Rej

Auf ihrem neuen Album Dream House beziehen Âme ihr ozeanisches Klangverständnis auf die Musik aus den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern, die sie begeistert hat: „Es ist ein Zurückblicken, trotzdem ist es modern“, erklärt Kristian: „Vielleicht klingt ein Stück nach Cluster, es ist aber kein Cluster-Stück. Das Loopige, das Transzendente zieht sich durch das Album. Es hat etwas, das auch Krautrock hat. Das ist etwas, das die Leute für genuin deutsch halten. Und von der Harmonik hat es etwas Mittelalterliches, etwas Romantisches.“

Mit ihren frühen Tracks revolutionierten Âme in der Mitte der 2000er House, mit ihrem Hit „Rej“ begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Clubmusik. House legte seine Ruppigkeit, seine Derbheit, seine Direktheit ab, bei „Rej“ und anderen Stücken von Âme klingt die Musik sublim, komplex und nach innen gerichtet. „Damals wurden wir oft direkt darauf angesprochen, unser Sound wäre so anders, so brillant, so spacig, so sehr im Raum. Der Martin [Buttrich] war auch so einer. Und heute ist alles auf diesem Level produziert.“ Damals emanzipierte sich die europäische House-Szene von ihren amerikanischen Wurzeln. Die Musik und das Feiern fanden hierzulande an anderen Orten und in anderen Kontexten statt. „Ich komme vom Techno und House der Neunziger und habe mich dann ein bisschen davon verabschiedet, weil’s mir zu langweilig wurde“, so Kristian. „Wir haben in den Jazzanovas und in Steffen [Berkahn/ Dixon] Geistesverwandte gefunden. Es fehlte Clubmusik, die Seele hat.“ Er macht eine Pause und lächelt. Âme ist das französische Wort für Seele. „Clubmusik, die europäisch klingt und die funktioniert: Wir waren da auch nicht die Einzigen.“

Raedle ist zwischen Mannheim und Heidelberg aufgewachsen. „Ich komme aus einem wissenschaftlichen Haushalt“, erzählt er: „Wagner oder Verdi lief bei meinem Vater am Sonntag, und ich wüsste nicht, dass meine Mutter überhaupt Musik gehört hat. Ich konnte das als Kind nicht in Worte fassen, warum mich Musik so interessiert.“ Er war Gitarrenkind und ging immer freitags zum Indie- und Industrial-Abend in einen lokalen Club. „‚Komm doch mal am Samstag mit‘, sagte mein Bruder zu mir. Und ich habe gesagt: Techno, Breakbeat, das ist totaler Schwachsinn. Aber ich bin dann doch mal mit und danach nie wieder am Freitag gegangen.“ Er war nicht der Teenager, der sich bei seiner ersten Feiererfahrung gleich vorstellen konnte, selbst in der DJ Booth zu stehen. „Ich bin überall reingerutscht“, sagt er. Statt wie bisher Indie-Platten zu sammeln, kaufte er jetzt Techno und House. Damals dachte er, er würde irgendwann Bauingenieur oder Stadtplaner werden, vielleicht auch Mathematiker. „Er hat lustigerweise bei meinem Vater studiert“, fügt Frank Wiedemann hinzu.

Frank kommt aus einem „Jazz-Haushalt“. Sein Vater war Trompeter in einem Jazzensemble, seine Mutter betrieb einen Jazzclub. Der Pianist der Band unterrichtete Frank. Er spielte Bach, Bartók und Jazz. „Mein Vater hat auch so ein Gen, mir ganz unterschiedliche Sachen einzupflanzen, weil er immer wieder sehr unterschiedliche Sachen gehört hat.“ Kristian kann sich vor Lachen kaum halten und sagt: „Frank hatte Jazzrock-Fusion-Bands, Frank-Zappa-Tribute-Bands. Progrock!“ Darauf Frank; „Nein, nein, nein, das stimmt überhaupt nicht. Mit 13 war ich in einer Rockband, dann gab es die Jazzrock-Band, das stimmt. Und dann gab es noch eine Easy-Listening-Band.“ Als sich die Gelegenheit bot, mit einem amerikanischen Musiker als Keyboarder zu Oldie-Festivals zu touren und pro Auftritt 2000 Mark zu verdienen, war er zunächst begeistert. Bis dahin hatte er jeden Tag am Atari-Computer komponiert, jetzt musste er mehrere Wochen täglich proben. Diese Erfahrung hat Frank so aus der Bahn geworfen, dass er entschied, nie wieder nur des Geldes wegen Musik zu machen. Bis er von Âme leben konnte, arbeitete er zunächst als Grafikdesigner.

Antye Greie-Fuchs machte damals in einem Club in Karlsruhe dienstags eine Party, auf der sie „die aus heutiger Sicht unwahrscheinliche Mischung aus Indie, Gangster-Rap und TripHop“ auflegte. Diese Party sprach Frank Wiedemann in seiner stilistischen Offenheit an und inspirierte ihn für seine eigenen DJ-Ses. Kristian zog dann ursprünglich zum Studium nach Karlsruhe. „In Karlsruhe fand aus Mannheimer Perspektive Techno in den Neunzigern nicht statt. Stuttgart gab’s, Mannheim und Frankfurt. Und das war’s. In Karlsruhe gab es keinen Club und keine Raves. Nix.“ Dafür gab es eine lebendige Musikerszene, die in den experimentellen Rock und Jazz der Siebziger zurückreichte. „Wir haben uns dann über einen gemeinsamen Freund kennengelernt, der später mit mir den Plattenladen Plattentasche aufgemacht hat“, sagt Kristian.

Wiedemann entdeckte in dem Laden Kruder & Dorfmeister und Rare Groove. „Es gab da dann so Schnittmengen zwischen uns“, erklärt Kristian: „Svek war eine Schnittmenge und Carl Craig eine andere.“ „Und dann hast du mir Moodymann gezeigt“, sagt Frank raunend und beide lachen. „Ich war mal ein guter Verkäufer. Das könnte ich heute nicht mehr. Der Laden war eine Sozialstation, ein Landschulheim und eine Psychotherapie-Praxis.“ „Auch das hat er sehr gut gemacht“, sagt Frank. Frank und Kristian begannen zusammen aufzulegen. Das Gradlinige, Techno und House, kam von Kristian, alles andere von Frank. Ihn inspirierten Jazzanova und die Broken Beats aus West-London. „Die Off Limits Compilations 1 & 2 von Dixon“, lacht er. Und Metro Area. „Aus den ersten zwei Âme-Platten hört man das deutlich heraus.“

Wie ist der Âme-Sound, der die Clubmusik so nachhaltig verändern sollte, nun entstanden? „‚Caught Up‘ von Metro Area fand ich damals irre vom Sound her. Was da drin steckt! Das haben wir auf Biegen und Brechen versucht hinzukriegen und natürlich nicht geschafft. Aus Verzweiflung, weil wir nicht die fünf essenziellen Elemente gefunden haben, um den Track zu machen, hatten wir 25 drin. Dadurch kamen die vielen Layer zustande“, sagt Frank in seiner bescheidenen Art. Ein Geheimnis im Sound von Âme gibt es dann aber doch. Frank Wiedemann ließ die Tracks von Anfang an von einem Toningenieur mischen, von Andreas Schorpp. „Schorpp hat diesen Sound auch geprägt“, sagt Frank. Er hat bis lange nach „Rej“ für Âme gearbeitet. Er hatte nichts mit elektronischer Musik zu tun, er mischte sonst Rockplatten. „Der hatte so ein Frequenz- und Raumteiler-Prinzip. Im Club ist das dann komisch, wenn eine HiHat nur rechts zu hören ist. Das hat er aber extrem gemacht, deshalb ist das dann rausgestochen.“


Stream: rank Wiedemann – Moorthon II

Frank erklärt die außergewöhnliche arbeitsteilige Arbeitsweise der beiden: „Kristian steuert nichts Musikalisches bei, er ist aber halt ein guter Produzent. Er weiß, was er gut findet und was nicht, und kann das auch gut begründen. Dadurch kommt man auf ganz andere Musik. Das ist einfach so. Das Album hätte ich allein nie so gemacht. Mit Ry [Ry X / Howling] entstehen manchmal in zwei Stunden zwei Songideen. Bei Kristian und mir ist das oft ein quälender Prozess. Es ist aber immer noch spannend, mit ihm zu arbeiten.“ Man könnte meinen, dass Kristian stärker auf Frank angewiesen ist als umgekehrt. Aber Frank Wiedemann stellte seine erste Solo-Maxi Moorthon erst 2016 fertig. Vorher war er nicht fähig, Stücke zu beenden. Er kann sich nicht entscheiden, was er will. Diese Platte hat auch sämtliche Innervisions-internen Kontrollinstanzen durchlaufen, denn es war ihm wichtig, dass die DJs, die er am meisten schätzt, sie auch gerne spielen.

Frank Wiedemann und Kristian Raedle entschieden sich gemeinsam, nach Berlin zu ziehen. In Berlin hinterfragte Frank dann diese Entscheidung. Er dachte immer, er sei der letzte, der in Karlsruhe das Licht ausmacht. Dann hinterfragte er sein gesamtes Leben, Freundschaften, Tätigkeiten, Meinungen: „Nur Kristian habe ich nie hinterfragt, der ist ja so gesetzt, mit dem bin ich hergekommen. Das ist mir dann klargeworden. Er darf über meine Melodien urteilen, auch wenn er nie eine Melodie spielen wird.“ Irgendwann musste sich diese Spannung entladen: „Wir waren mit Dixon und Henrik Schwarz unterwegs. Irgendwann meinte Henrik: Sag mal, wie redet ihr eigentlich miteinander? Da hatten wir dann auf der Bühne des Space auf Ibiza vor versammelter Mannschaft fast eine kleine Schlägerei. Dixon und Henrik haben uns dann auseinandergezogen.“

Zwei Tage später haben sie sich in Berlin hingesetzt. Dort konnten sie zum ersten Mal sachlich darüber sprechen, was sie am jeweils anderen stört. Es ging auch darum, sich mit den eigenen Schwächen abzufinden: „Man merkt, dass man etwas nicht mehr machen muss, weil das der andere besser macht. Wenn man dann noch dankbar dafür ist, dass jemand anderes das macht, für das man sich früher das Hemd vom Leib gerissen hätte, dann ist das die perfekte Steigerung.“ „Damals hast du gerade angefangen live zu spielen“, meint Kristian über Frank. „Ich war persönlich nicht zufrieden damit, wie Frank das machte. Aber das ist ja gar nicht mein Recht. Und das hat so in mir geköchelt. Dann habe ich mich daneben benommen und da war Frank zurecht sauer. Aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Es ging darum, wie wir miteinander umgegangen sind, wie sich der Umzug auf unsere Freundschaft ausgewirkt hat. Und um die Rollenverteilung. Das war wie eine Ehekrise.“

Frank Wiedemanns Studio ist groß und verfügt über ein gigantisches Arsenal von Geräten, mit den Holzregalen und dem Holzboden wirkt es warm und freundlich. Für Frank sind die Geräte Hobby, sie befriedigen seine Neugierde, er kann sie sich leisten und dazu steigert sich noch ihr Wert kontinuierlich. „Frank muss sich mal eine Woche Urlaub nehmen, um herauszufinden, wie sie funktionieren“, stichelt Kristian. Das Album Dream House ist in einem Zeitraum von zwei Jahren entstanden. Mit langen Pausen haben sie an den Stücken gearbeitet, in jeder Session kamen neue Layer, neue Schichten dazu. „Auch wenn ich nichts selbst komponiere, weiß ich, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe“, so Kristian. „Wenn Frank es allein gemacht hätte, würde es sich anders anhören.“ „Absolut.“


Stream: Âme – The Line feat. Matthew Herbert

Mit dem Gesang von Matthew Herbert auf „The Line“ eröffnet das Album. „Das ist White Soul. Er kann gar nicht richtig singen, aber es berührt einen total“, sagt Kristian. „Gerne“ mit Gudrun Gut erinnert an den dadaistischen Berliner Neue-Deutsche-Welle-Sound. „Deadlocked“ mit Krautrock-Vordenker Roedelius ist dessen Musik gewidmet. „Blind Eye“ orientierte sich an Fad Gadget, bevor PlanningToRock mit ihrem Autotune-Vocal einen ironischen Blick auf den Pop der Gegenwart hinzufügte. „Positivland“ verarbeitet Neu! und CAN. „‚Helliconia‘ ist für alle, denen ich es bisher vorgespielt habe, das typische Âme-Stück“, sagt Kristian: „Für mich ist es hingegen unser Carl-Craig-„At-Les“-Tribute.“ Dazwischen gibt es Stücke mit einem fast schlaftrunkenen, entrückten, „transzendenten“ Sound – es entsteht ein Dialog zwischen dem fließenden, krautigen, klangverliebten Klang der Siebziger und der Coolness, dem Pop und der Aufgekratztheit der Achtziger. „Das sind vielleicht wir zwei“, lacht Kristian. „Der Frank ist die Siebziger und ich die Achtziger.“

Das Album Dream House von Âme erscheint am 1. Juni auf Innervisons.