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Mein Plattenschrank: Answer Code Request

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Patrick Gräser alias Answer Code Request sticht mit seiner Vorliebe für sphärische Breakbeats aus der vierviertellastigen Welt des Berghain-Techno heraus. Seit seiner ersten Veröffentlichung auf Ostgut Ton im Jahr 2012 und der kurz darauf beginnenden Residency im Berghain hat sich Gräser als DJ und als Produzent weltweit einen Namen gemacht.

Neben zahlreichen Auftritten auf allen Kontinenten bezeugen diverse EPs und Remixe auf Ostgut Ton, Marcel Dettmann Records, Monkeytown oder Delsin sowie insbesondere seine zwei Alben Code (2014) und Gens (2018) eine klar wiedererkennbare musikalische Handschrift, in der Ambient, Breakbeats, IDM und Techno stets mühelos ineinanderfließen.

GROOVE-Autor Moritz Hoffmann hat den 1980 geborenen Gräser in seiner Wohnung in Berlin-Lichtenberg besucht, um mit ihm über sechs Platten zu sprechen, die trotz der Vielzahl an Einflüssen maßgeblich für den Sound von Answer Code Request waren. Dabei entstand eine musikalisch-biografische Zeitreise, von frühkindlichen Höreindrücken im heimischen Wohnzimmer bis zu ersten Clubnächten im pulsierenden Berliner Nachtleben der späten Neunziger.

Stern-Combo Meißen – Stern-Combo Meißen (1977, Amiga)

Diese Platte gehörte meinem Vater. Wir hatten viele Platten und eine RFT-Anlage [DDR-Hifi-Marke, Anm. d.Red.] im Wohnzimmer. Auf dem Regal stand ein Porzellankopf mit aufgemaltem Gesicht und braunen Kunststoffhaaren. An dem hingen die Kopfhörer. Der Kopf sah ziemlich echt aus, richtig scary. Als kleiner Junge, mit sechs, sieben Jahren, saß ich auf unserer Couch und habe die Platten meines Vaters gehört. In der DDR gab es nur begrenzt experimentelle Musik, und Stern-Combo Meißen waren, insbesondere was den Synthesizer-Sound angeht, echte Vorreiter.

Die Platte der DDR-Prog-Rock-Band ist von 1977, sie war damals gerade zehn Jahre alt.

Ich fand sie als kleiner Junge einfach super interessant. Diese abgefahrenen Synthesizergeräusche, diese freaky Sounds. Die haben viel ausprobiert, auch weil es zu der Zeit noch nicht so viel gab. Das Cover zeigt schon: Sie haben auch in die Zukunft geblickt. Am meisten inspiriert hat mich der erste Track, „Kampf um den Südpol”. Das Intro klingt, als wäre man auf einem anderen Planeten. Man hört das Rauschen eines fremden Windes. Sehr filmisch, sehr erzählerisch. Ich habe die Platte damals bei meinem Umzug nach Berlin mitgenommen und zu meinem Vater gemeint: „Ich find’s geil, ich brauch’ die.” In Berlin habe ich sie nochmal neu entdeckt. Das Bild ist immer noch präsent: Ich sitze auf der Couch, habe die Kopfhörer auf, auf dem Regal der Kunststoffkopf. Ich spiele an den Kunststoffhaaren, während ich die Musik höre.

VA – Beat Street – Original Soundtrack (1984, Atlantic)

Mit neun oder zehn Jahren habe ich Beat Street gesehen. Ich fand den Film sehr inspirierend. Musik, Graffiti, Breakdance, war ja alles drin.

Der US-amerikanische Dokumentarfilm von 1984 war in der DDR sehr präsent – auch weil Produzent Harry Belafonte dort Konzerte gab. Er prägte eine Generation von Breakbeat-Kids.

In dem Film gibt es eine Szene, in der ein Plattenspieler, ein Tapedeck und ein Effektgerät dastehen. Und auf einmal fängt dieser Typ an, mit einer Platte, mit einem Sample zu experimentieren. Ich dachte: Das ist so unglaublich cool! Das war für mich wie eine Art Initiationserlebnis. Ich wollte dann auch einen Plattenspieler. Mein Bruder hat irgendwann angefangen, Platten zu kaufen. Dann hat er sich einen eigenen Plattenspieler gekauft. Er war vier Jahre älter und ist zu der Zeit schon Feiern gegangen. Ich wollte mitmachen. Irgendwann haben wir uns einen zweiten Plattenspieler gekauft, und es gab einen alten Mixer, den mein Vater für Familienfeiern gekauft hatte. In unserer Garage habe ich zusammen mit meinem Bruder und meinem Vater eigene Lautsprecher gebaut.

Wann war das?

Nach der Wende. Da ging es ja los. Alles war neu, Computer und so weiter. Man hat im Fernsehen viel mehr gesehen. Ich fand das so inspirierend, was aus den Staaten rüberkam. Und ich finde, Beat Street sollte jeder gesehen haben, auch die jüngere Generation. Das ist einfach der Kultfilm.

Hast du damals viel Hip-Hop gehört?

Ich habe viel mit Hip-Hoppern abgehangen, weil ich oft skaten war. Wir hatten auch einen Keller, wo wir uns getroffen haben, um zu rappen und zu scratchen. Ich habe aber schon bald mit Drum’n’Bass angefangen. Später habe ich auf dem Skateplatz in Fürstenwalde auch Marcel Dettmann kennengelernt.

VA – Storm From The East (Moving Shadow, 1996)

Damals haben mein Bruder und ich viele Platten per Post bestellt. Vom [Berliner, d.Red.] Hard Wax und Delirium [Frankfurter Plattenladen, d.Red.] hat man alle zwei Wochen so einen Zettel mit einer Liste bekommen. Wir haben einfach Kreuze gemacht und bestellt. Man konnte ja nicht vorher reinhören. Dann kam ein Haufen Platten an.

Marcel Dettmann war in dieser Zeit auch als Plattenhändler aktiv, in Fürstenwalde.

Zu der Zeit habe ich viel Drum’n’Bass gehört. Eines meiner Lieblingslabels war Moving Shadow. Und das ist eine meiner Lieblings-Compilations auf dem Label. Ich habe das Album damals oft auf dem Weg zur Schule auf Kopfhörern gehört und fand dann den Englisch-Unterricht sehr interessant. Aber nicht wegen Englisch, sondern wegen der Musik. UK, London, das war für mich immer ein starker Anziehungspunkt. Nach der Wende sind wir mit meinen Eltern mit dem Bus nach London gefahren. Ich fand das dort so spannend. Noch viel später, als ich das erste Mal in der Fabric in London gespielt habe, war ich richtig glücklich.

Auf VIVA kam damals eine Reportage über Drum’n’Bass. Das war so anders, nicht so geradlinig, alles gebrochen, die warmen Sub-Bässe. Die UK-Szene hat mich einfach sehr geflasht.

Haben dich eher die weicheren oder eher die härteren Gangarten von Drum’n’Bass interessiert?

Beides. Das Jazzige, Sphärische, Melodische. Ich habe aber auch viel Jungle gehört. Der UK-Drum’n’Bass-Sound hat die Musik von Answer Code Request insgesamt sehr stark geprägt.

Link – The First Link EP (Evolution, 1992)

Jetzt kommen wir zu einer sehr schönen Platte. Die ist auch aus dem UK.

Link ist ein eher unbekanntes Alias der Breakbeat-Größe Mark Pritchard, man kennt ihn eher von Global Communication oder Jedi Knights.

Diese Platte hat mich bei der Produktion von Code sehr stark inspiriert. Das ist genau die Musik, die mir entspricht. Ich kann das stundenlang hören. Dieser experimentelle Sound, die klar herausgearbeiteten Pads und Synthesizer-Sounds. Hat auch ein bisschen was von Aphex Twin. Du kannst das unterwegs hören, aber auch im Club als Warm-up auflegen. 

Den Track „Amenity” habe ich im Berghain mal als Closer gespielt. Wenn du das auf einer großen Anlage hörst, bist du wie auf einem anderen Planeten. Ab etwa drei Minuten kommt dann dieser Bass rein, der dem Track plötzlich nochmal so viel Schwung mitgibt. Damit rechnet man gar nicht mehr. Eine meiner Lieblingsplatten. Sie hat auch schon sehr gelitten, muss aber immer mit.

Massive Attack – Protection (Wild Bunch Records/Circa, 1994)

Auch Massive Attack hat mich produktionsmäßig stark beeinflusst. Vor allem die Bässe. Die sind extrem gut produziert. Wenn du das live hörst, denkst du, die ballern dich gleich weg. Obwohl das Trip-Hop ist, also Musik, bei der man sich zurücklehnen und einfach zuhören kann. Ich war damals auch auf einem Konzert von denen und entdeckte Sounds wieder, die mich schon bei Stern-Combo Meißen interessiert hatten. Ich stehe einfach auf diese experimentellen Sounddesign-Sachen. Mich hat deshalb über die Zeit nicht nur Drum’n’Bass geprägt, sondern viele verschiedene Genres. Auch so was fließt in meine Produktionen mit ein. Vor allem, wenn ich ein Album produziere.

Ist ein Album für dich ein höheres künstlerisches Werk als eine EP?

Ja, ein Album sollte immer experimenteller, künstlerischer, musikalischer sein. Dafür lasse ich viele verschiedene Inspirationsquellen einfließen. Bei einer EP kann man einfach mal machen. Ein Album ist nicht so einfach.

Paperclip People – The Secret Tapes Of Dr. Eich (Planet E, 1996)

Ich glaube, diese Platte habe ich damals bei Marcel Dettmann gekauft. Der hat eine Zeit lang in der Wohnung seiner Mutter Vinyl verkauft. Die Platte ist aus Detroit. Paperclip People ist ein Alias von Carl Craig. Hier ist einfach jeder Track total interessant. Das kann man nicht toppen. Was der da gemacht hat, ist echt magic. Er hat Detroit-Einflüsse genommen, rumexperimentiert und im Grunde eine komplett neue Musik erschaffen. Sehr clubby, nach vorne, aber auch mit Dub-Einflüssen und: der Bass. Der ist für mich einfach sehr wichtig. Auch wenn ich auflege, muss der Bass, der Groove, diese Wärme immer da sein. Ansonsten wird es ein kaltes Set.

Wie bist du vom Drum’n’Bass zum Techno gekommen?

In Berlin gab es zwar schon eine kleine Drum’n’Bass-Szene, aber in Fürstenwalde lag der Fokus meiner Freunde eher auf Techno. Wir haben öfter Partys bei irgendwem in der Garage oder so gemacht. Marcel Dettmann und ich haben oft aufgelegt. Und da fing ich vermehrt an, Techno zu spielen. Ich komme vom Drum’n’Bass, aber Techno wurde durch das Auflegen immer mehr. Irgendwann bin ich am Wochenende häufiger nach Berlin gefahren, in den Tresor oder ins Ostgut gegangen und habe Techno-Platten gekauft. Da ging es dann richtig los. Dieses Album ist für mich über all die Jahre aber echt zeitlos geblieben.

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