Vorschaubild: Wild Pitch (nd_baumecker, Heiko M/S/O und Ata)

Im November 1993 startete im Keller des Lokals Nachtleben FFM direkt an der Konstabler Wache in Frankfurt der Wild Pitch Club. Die Partynacht am Donnerstag sorgte bis 1999 in der Region für housige Erleuchtung. Hinter dem Wild Pitch Club standen Heiko Schäfer alias Heiko M/S/O und Ata Macias, später stiess nd_baumecker dazu. Heiko und Ata waren auch im Plattenladen Delirium zu finden, wo sie tagsüber konsequent Houseplatten abspielten. Die Frankfurter Techno-Käuferschaft einzulullen, war damals ein schier subversives Unterfangen. House, das war Gegenclubkultur.

Die Liste der DJs, die in den ersten Jahren des Wild Pitch Clubs aufgelegt haben, nimmt sich aus wie ein Gästebuch früher Chicago- und Detroit-Prominenz: Larry Heard, Kerri Chandler, Ron Trent, DJ Pierre, Theo Parrish, Cajmere, Stacey Pullen, Claude Young, Mike Dunn, John Acquaviva oder DJ Sneak waren zu Gast. Auch deutsche House-Protagonisten wie Boris Dlugosch, Mitja Prinz, Dixon, Tiefschwarz und Thomas Hammann sollten im Wild Pitch Club spielen. Kein Wunder also, dass ein Gerd Janson den „heiligen Geist des Garage-Gospel“ im Wild Pitch Club niederfahren sah. Gerade in den Anfangsjahren wurde im Wild Pitch Club einem klassischen US-Sound gehuldigt.

Im Wild Pitch Club fand sich eine Mischung aus Plattennerds, Studenten, Exzentrikern und Irrläufern ein. Atmosphärisch angeheizt wurden die Nächte durch die Lage an der Konstabler Wache, einem urbanen Knotenpunkt in Frankfurt. Im Keller des Nachtleben FFM war es dunkel, der Raum eher klein, der Sound aber gut. So war der Wild Pitch Club auch ein Vorspiel für das Robert Johnson, dem Herzensprojekt von Ata, von dem er Heiko schon früh erzählt hatte. Heiko Schäfer, der heute vor einem Jahr gestorben ist, erinnert sich in seinem letzten grossen Interview, das er im Herbst 2015 gegeben hat, an die Wild Pitch Club-Zeiten.

 


 

Heiko, wie hast du damals in der Techno-Stadt Frankfurt zu House gefunden?
Das hatte viel zu tun mit den schwarzen Clubs in der Umgebung. Im Funkadelic konntest du die geilsten Funk- und Soul-Sachen hören. Da wurden die B-Seiten der Prince- oder Cameo-Platten gespielt. Man hatte also eine Ahnung, dass die Dinge anders knistern können. Auf der Sendung Black Friday auf Bayern 3 verkündete Fritz Egner irgendwann, es gebe eine neue Musikrichtung, die komme aus Chicago: House-Musik. Das war so 1988. Aber eigentlich war ich auf der Suche nach den Platten, die im Dorian Gray liefen, EBM und Industrial. Sachen wie Cassandra Complex, The Klinik oder Front 242. Bei der Suche nach diesem Zeugs bin ich dann aber bei Armando gelandet.

Wo hast du die Platten gefunden?
Bei Boy Records. Achim Szepanski, der später Force Inc. und Mille Plateaux gemacht hat, war damals mit für den Einkauf verantwortlich. Die haben wie wild in England und den USA Importe gekauft: Trax Records oder Chicago Underground. Sven [Väth] hat da auch eingekauft, der hat die Sachen so um vier oder fünf Uhr morgens im Dorian Gray gespielt. Parallel hatte der Achim einen Club gemacht in der Borsigallee. Da lief ausschliesslich Chicago House. Das hat mich umgehauen! Irgendwann habe ich dann selbst bei Boy Records gearbeitet. Und da auch Ata kennen gelernt, der selber noch ein bisschen schneller auf der housigen Schiene war. Kurz darauf bin ich dann beim Delirium eingestiegen, dem Plattenladen, den Ata und Jörg Hentze eröffnet hatten.

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