Foto: Anna Vasov – Loophole. Zuerst erschienen in der skug, wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.

Die „endlose Gegenwart“ ist das Leitmotiv des diesjährigen Donaufestivals, das zwischen 27. April und 6. Mai im österreichischen Krems stattfinden wird. »Nichts endet wirklich, aber auch nichts beginnt neu«, heißt es da im Programmheft. Wir, die von einem steten Drang nach Selbstoptimierung und Gewinnmaximierung Getriebenen, sind damit gemeint. In gewisser Weise soll alles gleich und doch letztlich alles anders, besser und optimierter sein – der nächste Klick ist der nächste Kick, nie zur Ruhe kommen auf einem ewigen Rausch der Sinne, dem Verlangen nacht nichts anderem als purer Hedonie. Christoph Benkeser traf den Kulturjournalisten und künstlerischen Leiter des Donaufestivals, Thomas Edlinger, um mit ihm über verlorene Zukunft als Äquivalent zur endlosen Gegenwart, das Zombiehafte von kulturellen Formen und dem Gefühl, die Vergangenheit nicht mehr loswerden zu können zu sprechen.

 


 

Herr Edlinger, wann haben Sie zuletzt ein Album gehört, das für Sie gänzlich neu und überraschend war?
Gute Frage! Das Album von Farce (Ich sehe im vorbeifahrenden Auto den Unfall mitvorbeifahren in Zeitlupe und rueckwaerts), einer österreichischen Künstlerin, hat mich sehr positiv überrascht und wirklich emotional eingenommen. Vielleicht auch das Album von Chino Amobi (Paradiso). Ein Album, das ich vielleicht gar nicht oft hören würde, weil es nicht wirklich einen Hörgenuss im herkömmlichen Sinne bietet. Aber mit der Art wie es konzeptuell aufgebaut ist, sticht es doch sehr heraus. Es ist aber gar nicht so einfach, diese Frage zu beantworten – womit wir wahrscheinlich schon bei dem Thema der Innovationsansprüche oder dessen sind, was ein Album einzigartig macht. Mit der Zeit türmen sich ja auch immer mehr Hörerlebnisse auf. Das ist ganz unabhängig von der Entwicklung der Musik, quasi ein Gewöhnungseffekt, der sich beim jahrzehntelangen Hören von popmusikalischen Sachen einfach ergibt.

Ich stelle diese Frage ja auch in Bezug auf das diesjährige Leitmotiv des Donaufestivals: »endlose Gegenwart«. Der britische Kulturjournalist Mark Fisher hat einmal geschrieben, dass die Vergangenheit nicht vergessen und die Gegenwart nicht erinnert werden kann. Leben wir in einer Gegenwart der ständigen Vergangenheit?
Ich glaube, die Gegenwart unterhält ein eigenartiges Verhältnis mit der Vergangenheit. Es ist oft von einer Retromanie die Rede. Simon Reynolds hat das ja ausgiebig diskutiert und seine Belegstücke auch überzeugend vorgestellt. Allerdings glaube ich nicht, dass nur eine einfache Sehnsucht nach der guten alten Zeit am Werk ist. Die Retromanie zeigt vielleicht den Taumel einer Gegenwart an, die nach Bezugspunkten in einer Vergangenheit sucht, von der sie glaubt, dass sie dort noch so etwas wie Zukunft entdecken könnte. Also eine Art funktionierende Zeitlichkeit oder Perspektive. Das ist ein Wunsch, der sich ironischerweise eben in die Vergangenheit richtet. Nicht ohne Grund sind die 1960er Jahre ein Bezugspunkt der Vergangenheit, weil die Sixties eine Gegenwart waren, in der es nach vorne ging. Das ist das eigenartige an diesen retrofuturistischen Bezügen auf das Vergangene. Wir können die Vergangenheit nicht mehr in dem Ausmaß abschließen oder überwinden wie es ein historisierender Zeitbegriff vorgeschlagen hat. Wenn man sich so etwas wie die Französische Revolution vorstellt, das war ein Abschluss mit der Vergangenheit: „Weg mit dem Palast“. Auch die Avantgardisten haben davon gesprochen, dass die Vergangenheit abgeschlossen wird, dass allein diese Begrifflichkeit auf den Mülleimer der Geschichte gehört.


Video: Keen On… Simon Reynolds: Retromania: Pop Culture’s Addiction to Its Own Past

Heute haben wir es mit dem Zombiehaften von kulturellen Formen zu tun, aber auch von politischen Ideologien, die eine Wiedergängerexistenz entwickelt haben. Jacques Derrida hat von Marx’ Gespenstern gesprochen, aber es ist nicht nur der Marxismus, der sich als untote Bewegung zeigt. Es sind zum Beispiel auch die Religionen, die nie überwunden oder vorschnell auf einem Müllplatz der Geschichte entsorgt wurden. Wir sehen aber, dass sie gar nicht tot sind. In der Musik findet man das auch. Das ist viel diskutiert und gerade auch von Mark Fisher sehr überzeugend dargestellt worden; also wie sich über bestimmte Bezüge auf Sehnsüchte in der Vergangenheit eben diese Vergangenheit als spukhafte Qualität wiederfindet. Zum Beispiel in der Musik von Burial oder von Demdike Stare. Festzustellen ist auch in der bildenden Kunst. Seit zwei Jahrzehnten wird davon gesprochen, dass die Moderne unsere Antike ist und dass der Versuch besteht, bestimmte Ausformungen und Errungenschaften der Moderne zu retten oder aber in deformierter Form weiterleben zu lassen. Die Gegenwartskultur kann sich von der Vergangenheit nicht lösen, wird von ihr heimgesucht und unterhält eine gestörte On-Off-Beziehung mit ihr.

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