Der vielseitige Orson Hentschel widmet den kaltheißen Gefühlswelten von New Wave und Industrial auf seiner EP Facades (Denovali, VÖ: 26.1.) eine originelle und mehrfach gespiegelte Hommage, indem er einen Text von John Cage inspirierten Text auf Koreanisch vorlesen und über eine treibende Sequenzer-Synthpop Grundierung laufen lässt. Laurie Anderson wäre stolz auf ihn.

Mit seinem Electronica-Projekt El Sueño de la Casa Propia war José Cerda aus dem chilenischen Valparaíso über fünfzehn Jahre lang wichtiger Multiplikator eines kreolischen Verständnisses von Musik, das zwischen abstrakten Beats und Folklore, zwischen aktuellem Pop und lokalen Traditionen, und nicht zuletzt zwischen den musikalischen Sprachen Chiles und des fernen Brasiliens vermittelte – mit einem immer wachen Blick auf die politischen Verhältnisse seiner Heimat. Seit längerem in Chiles Hauptstadt Santiago ansässig übersetzt Cerda unter dem neuen Pseudonym Bruxista die weit offene Electronica seiner früheren Arbeiten in üppigen Glitch-Techno mit überwältigendem Pop-Appeal. Bruxistas Debüt Human Resources (Clang) kocht diese zu einer tanzbaren Essenz, die dennoch nichts von Cerdas kritischem Blick auf sein Land und das Techno-Business vermissen lässt.

Wenn es um ultimativ übermannende Electronica in einem Soundgewand geht, das sich an der Brillanz und Körperwirkung von Techno orientiert, ist der Franzose Erwan Castex alias Rone in der vergangenen Jahren zu einer unverwechselbaren Instanz und Referenz geworden. Mit zunehmend prominenter werdenden Gästen wie Bryce Dessner von The National, John Stanier von den Battles, und der wunderbaren Kazu Makino von Blonde Redhead treibt Castex auf seinem vierten Album Mirapolis (Infiné) sein eher an Indie-Pop als Techno geschulten Verständnis von Beats, Elektronik, Pathos und paradierender Zirkusmusik zu neuen aber durchaus nicht ungeahnten Höhen.


Stream: Bruxista – Rhythm Of Precarity

Für N-Qia stehen die Zeichen dagegen auf Deeskalation. Das kongeniale Tokioter Duo aus dem anonymen Beathäcksler Serph und der Singer-Songwriterin Nozomi führt auf Fantasica (Noble) ihren kleinteilig vielfältigen, aber überhaupt nicht abstrakten, hibbelig jazzigen Electronica-Sound noch weiter in Richtung Folk-Pop der umarmend gutgelaunten und hypermelodischen Sorte. In höchsten Tönen schwelgender zuckersüßer J-Pop in den immer wieder hektische wie komplexe Beats hineingrätschen, und um den exotische Samples aus aller Welt herumschwirren und auch sonst noch Myriaden mikroskopischer Soundevents vor sich her pluckern. Und das alles als hyperfuturistischer quietschbunter Pop. Kein Wunder dass Grimes schon ein großer Fan ist.

Ob Grimes auch Colleen verehrt ist mir nicht bekannt. Sollte sie aber, denn Cécile Schotts sehr persönlicher Entwurf von elektronischem Pop und poppiger Electronica hat auf ihrem siebtem Album A Flame My Love, A Frequency (Thrill Jockey) nichts von der eigenwilligen Neuartigkeit verloren, die doch immer überaus gesetzt und klassisch klingt, wie etwas, dass es schon immer gab und geben musste. Diesmal mit weniger Dub und Folk, dafür mehr analogem Synthesizerwubbern.


N-Qia – Seven Nights Circus

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