Das Motherboard findet ihr hier, die Mixe des Monats hier, Teil 2 der Compilations am Donnerstag hier.
DJ Shadow – The Mo‘ Wax Singles 1993-1997 (Liquid Amber)
Am 6. März 1995 erschien mit „What Does Your Soul Look Like?” von DJ Shadow das „A Love Supreme” der Hip-Hop-Instrumentals. Wie sein Jazz-Vorfahre war die Nummer ein viergliedriges Stück. Sie versprühte eine zuvor im Turntablism kaum gehörte Zärtlichkeit, Melancholie und Wärme und bot gekonntes Handwerk, das sich im Sinne der Kunst aber nicht in den Vordergrund drängte. Der Rest ist bekannt: Josh Davis alias DJ Shadow würde schon im Folgejahr sein Album Endtroducing….. veröffentlichen und damit einer der großen Namen der 1990er werden. Auf der anderen atlantischen Seite hatte der Kalifornier zuvor schon von sich reden gemacht, als Mitbegründer des Labels Solesides (mit den beiden Rappern Blackalicious und Lyrics Born).
DJ Shadow hat die Ästhetik der Kunst des Samplings und der Musik der Plattenspieler geprägt, hat etliche Alben und Soundtracks veröffentlicht, etwa den zu Grand Theft Auto V aus dem Jahr 2015. Verständlich also, dass Shadow nun die Lust verspürte, alte DATs aus seiner Zeit beim Londoner Superhipster-Label Mo‘Wax zu hören, nicht veröffentlichte Versionen zu checken und tief zu kompilieren: Mehrere Stunden finden sich hier aus seiner Zeit bei Mo‘Wax, die 1993 mit In/Flux begann und 1998 mit Pre-Emptive Strike endete.
So entsteht etwas, das den Vergleich mit Soulful-Jazz nicht scheuen muss – eine Schau des Bekannten und der Abweichung vom Bekannten gleichermaßen, wie etwa die erste MPC-Version von „In/Flux” mit diffus leuchtender Wah-Wah-Gitarre, die mildere Original-Version von „What Does Your Soul Look Like? Pt 4” – oder „Midnight In A Perfect World” mit einem Rap von The Gift Of Gab. Christoph Braun

Jane Fitz And David Fogarty Present: Mysterious Vastness (Transmigration)
Für das Städtchen Barking in der Region Greater London empfiehlt TripAdvisor eine Betonkirche als Top-Sehenswürdigkeit. Gut, dass die schon in den Endachtzigern Platten auflegende Jane Fitz aus diesem im Osten gelegenen Teil von London kommt. Eine Besonderheit mehr für diese eher obskure Ecke. Gemeinsam mit Transmigration-Labelmacher David Fogarty präsentiert sie hier Mysterious Vastness, eine Zusammenstellung von Stücken aus der Outdoor-Rave-Epoche mit dem Fokus auf Ost-London und Essex.
Da gibt es zum Beispiel „Ridiculous” zu entdecken, einen echten Kracher von Jay Trance mit zunehmender Energiedichte, den Kopf hin und her schiebenden Laser- und Echolot-Vertonungen nebst verführerischen Säure-Bläschen. Oder Conscious mit dem Titel „Morpheus”, der gar nicht so sehr den Schlaf durch die Gegend transportiert, sondern eher einen weichen, sich biegenden Traum, in dem Androiden-Menschen archaische Violinen-Emulationen auf Kuhweiden hinunter beamen.
Super angenehm kommt die Unangestrengtheit der Tracks. Sie arrangieren sich lose zu fluffigem Zeugs wie etwa „Aman” von Interphaze mit seiner Dreifaltigkeit an Synthie-Sounds und „The Comfort Of Strangers” von CXX mit seinen runden Bäuchen aus Bass. Lauter Schätze einer Zeit, die Westbam zu Recht einst als „Ursuppe” bezeichnete. Breakbeat, Acid, House, Downbeat, Ambient oder Techno waren eben keine Genres, sondern eher Stimmungen. Muster, die sich übereinanderlegen ließen. Schön und erstaunlich, wie viel es gab, wie viel zum Ausgraben noch in den Archiven liegt. Christoph Braun

Mad Professor – Ariwa Sounds (Melodies International)
Mit der Sonne Jamaikas im Herzen präsentiert Mad Professor auf Melodies International eine pointierte Compilation aus dem Katalog seines legendären Labels Ariwa Sounds, der mehr als 300 Releases umfasst. In dieser wohltemperierten Brücke zwischen den verschiedenen Reggae-Strömungen finden sich neben gefühlvollem Lover’s Rock schimmernde Dub-Cuts und Songs mit sozialkritischen Texten, vertont von einschlägigen Stimmen wie Johnny Clarke, Kofi, U-Roy, Sister Nancy und Sandra Cross.
Als einer der einflussreichsten Produzenten der zweiten Generation des Dub-Reggae blickt der gebürtige Guyaner auf eine vielschichtige Diskografie zurück. Klassiker wie „Live The Life You Love” von Sister Nancy, einer der ersten prominenten weiblichen Stimmen in der Reggae-Szene, und „Rocking and Popping” von Roots-Newcomerin Queen Omega, werden von in den Äther strahlenden Tracks des Meisters selbst – „Non Violence Dub” etwa oder „6 Million Dub” – begleitet. Beim chronologischen Anhören entsteht so ein interessanter Spannungsbogen zwischen einfühlsamer Romantik und technischer Raffinesse. Leon Schuck

VA – Chill Pill Volume VIII (Public Possession)
Das Münchner Label Public Possession hat sich mit seiner Chill Pill-Compilation unverhofft eine regelmäßige Familien-Schau geschaffen, obwohl das Projekt eigentlich mal als augenzwinkernde Anlehnung an den Ibiza-Balearic-Sound an den Start ging. War die Originalausgabe noch eine Anspielung auf Café Del Mar und Buddha-Bar, vertritt die Reihe nun mehr eine Haltung denn übliche Genre-Schau. Während BPM keine Rolle spielen, geht es weniger um Druck und Dancefloor denn um Atmosphäre, eigenwillige Details und vielleicht sommerliche Assoziationen. Man mag es warm, verspielt, oft etwas verschoben und auch gerne kitschig – aber nie ganz ernst gemeint und immer mit einem Ort für ungewöhnliche Pop-Momente. Seit Ausgabe VI und VII mehren sich auf der Tracklist dann auch die Namen aus dem eigenen Umfeld (Andras, Bell Towers, ddwy, Nice Girl, DJ City etc.), die Serie ist mittlerweile Teilarchiv der ganz besonderen Public-Possession-Ästhetik geworden. Schade nur, dass Vol VIII erst zum Ende des Sommers erscheint. Aber zumindest auf Ibiza ist es ja noch eine Weile warm! Leopold Hutter

VA – Total 26 (Kompakt)
Zum 26. Mal zelebriert der Kompakt-Zusammenschluss seinen besonderen Hybrid aus Club und Pop. Zwar ist diese Verbindung heutzutage schon fast die Norm, bei Kompakt klingt sie immer noch anders, vielleicht, weil die Kölner die Obertöne beider Musiksprachen zum Kommunizieren bringen. Zum einen sind da die treibenden, monotonen Minimal-Grooves, die uns in ihrer ruhigen Strömung mitziehen. Auf der anderen Seite Melodien, die mit unserem kulturellen Gedächtnis kommunizieren, etwa der Bariton von Orlando Voorn, der an Scott Walker erinnert. Zwar zieht sich eine bestimmte Schwere und Melancholie als Grundton durch die meisten Tracks, dennoch ist auch Doppelbödiges erlaubt. Jörg Burgers seltsame Version von „Komm Schlaf bei mir” von Ton Steine Scherben etwa, die der Kompaktsche Polka-Vorliebe eine skurrile Western-Note verpasst. Michael Mayer verbindet nonchalantes Understatement und hoffnungsvolle Verheißung, Wolfgang Voigt inszeniert einen am Reisbrett erdachten und an der Stanzmaschine ausgepressten Robotertanz. Bei Jürgen Paape erinnert Fenja Ludwig an Hildegard Knef, Reinhard Voigt beschließt die Compilation mit besinnlich-sanfter Elevator Music. Alexis Waltz

VA – Third Room Curation (Third Room)
Oscar Mulero, D. Dan, Verraco, Freddy K, Alarico, GiGi FM. So sieht ungefähr die Champions-League-Tabelle nach fünf Spieltagen aus. Von oben nach unten oder von links nach rechts. Ist ja egal, wenn man die Namen kennt, ist das Dropping die Draufgabe. Was man wissen darf: Hinter dieser wahnwitzigen Compilationsansammlung steht The Third Room, also Ahmet Sisman, also das Zechenfestival in Essen. Das gefällt manchen ja prima. Anderen weniger. Das Line-up ist jedenfalls ein absurder Fiebertraum für Menschen, die Techno mögen und dabei nicht an Schaumkronen denken. Und so liegen da jetzt sechs Platten rum, für die Obiggenannte jeweils Stücke ausgewählt haben. Nicht unbedingt immer von sich selbst (Auge, Mulero!), manchmal auch einfach von urzeitkrebsenden Dub-Funden (Verraco) oder guten Freunden (GiGi FM). Beim Geschlechterdingsbums kleben wir uns ausnahmsweise die Augen zu. Oder vertrauen – schon wieder der blöde Fußballschuh – auf den Videoschiri, weil: Der hat ja bekanntlich immer recht. Christoph Gleich
